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Tijen Onaran

Expertenrat – Tijen Onaran Gründen muss in Deutschland zum Normalfall werden

Immer wieder werden Start-up-Hauptstädte ausgerufen. So ein Titel mag zwar schön sein, zielt aber am Problem vorbei: Unternehmertum muss zum Normalfall werden.
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Die deutsche Hauptstadt wird des Öfteren auch als Start-up-Hauptstadt bezeichnet. Quelle: Reuters
Berlin

Die deutsche Hauptstadt wird des Öfteren auch als Start-up-Hauptstadt bezeichnet.

(Foto: Reuters)

Der Unternehmergeist in Deutschland hat ein merkwürdiges Image. Einerseits gibt es in Städten wie Berlin, Hamburg oder der Metropolregion Rhein-Ruhr eine vergleichsweise ausgeprägte Start-up-Szene. Andererseits gilt Gründen in Deutschland als extrem risikobehaftet, sodass es für viele kaum eine Option ist.

Kein Wunder also, dass Deutschland im internationalen Vergleich hinsichtlich der Unternehmensgründungen seit Jahren einen der hintersten Plätze belegt. Noch schlimmer: Die Gründerquote nimmt seit vielen Jahren ab – mal mehr, mal weniger stark.

Das muss sich dringend ändern, und es ist viel zu tun: Denn es gibt nicht nur viel zu wenig Menschen mit Gründungsambitionen – auch in diesem Bereich gibt es ein Ungleichgewicht hinsichtlich der Diversität. Frauen gründen immer noch sehr viel seltener als Männer. Hinsichtlich des Altersdurchschnitts liegen die 25- bis 34-Jährigen vorn, obwohl sie längst nicht die größte Bevölkerungsgruppe darstellen.

Wie schaffen wir es also, mehr Unternehmerinnen und Unternehmer zu bekommen? Meiner Meinung nach gibt es drei zentrale Ansatzpunkte, um den Unternehmergeist in Deutschland zu fördern.

Erstens: Unternehmergeist muss in den Schulen vermittelt werden

Bekanntlich soll uns die Schule fürs Leben vorbereiten. Mir persönlich wurde jedoch bis hin zum Abitur nicht im Ansatz vermittelt, dass Gründen beziehungsweise Unternehmertum eine Alternative zu anderen Karrierewegen darstellt. Dabei möchte ich gar nicht so weit gehen und etwa ein eigenes Schulfach fordern. Was ich aber für essenziell halte, ist die Vermittlung von zentralen Kompetenzen, die unter anderem fürs Gründen ausschlaggebend sind.

Die Fähigkeit, sich selbst und die eigenen Themen zu präsentieren, sowie Rhetorik und Eloquenz bilden die Grundlage nicht nur für erfolgreiches Gründen, sondern für eine erfolgreiche Karriere generell. Kollaboratives Arbeiten, Teamwork und Networking-Skills sind ebenfalls ein Schlüssel für mehr als nur gelungene Unternehmensgründungen. Und nicht zuletzt müssen strategisches Denken sowie die Fähigkeit, Entscheidungen zu fällen, in den Schulen vermittelt und gefördert werden.

All diese Skills sind Zukunftskompetenzen, die im Zeitalter der Digitalisierung immer wichtiger werden. Neben Entrepreneurship wird nämlich auch viel zu oft das Thema Intrapreneurship vergessen. Von einem ausgeprägten Binnenunternehmertum hängt aber künftig die Innovationskraft und Kreativität von Unternehmen und Organisationen ab.

Zweitens: Bürokratische Hürden beseitigen

In Deutschland zu gründen ist unter bürokratischer Sicht schlicht und ergreifend eine Katastrophe. Gerade in der frühen Gründungsphase bremst der enorme und zum Teil absurde Verwaltungsaufwand Unternehmerinnen und Unternehmer aus und macht es den Gründern im schlimmsten Fall sogar unmöglich, ihre Idee erfolgreich umzusetzen.

Letzteres zeigt sich ganz drastisch dann, wenn es ums Skalieren von Geschäftsmodellen und um Fragen der Finanzierung geht. Denn Banken dürfen Kredite erst ab einer bestimmten Unternehmensgröße vergeben, die gerade gegründete Unternehmen aber erst dann erreichen, wenn sie es ohnehin schon aus eigener Kraft geschafft haben.

Der Erfolg von Gründungen hängt damit zunehmend von der Höhe des privaten finanziellen Polsters ab und bleibt damit viel zu oft ein Privileg einer vergleichsweise kleinen gesellschaftlichen Gruppe. Die Politik ist an dieser Stelle gefragt, indem sie hier für ein entsprechendes Anreizsystem sorgt, Bürokratie abbaut und bessere Rahmenbedingungen für die Finanzierung schafft. Angesichts der unausgewogenen Struktur der Gründerszene sind zudem Förderprogramme von Frauen sowie älteren Gründerinnen und Gründern ein wichtiger Ansatzpunkt.

Drittens: Das Unternehmertum selbst muss entmystifiziert werden

Einer der ersten Gedanken, mit dem sich Gründerinnen und Gründer konfrontiert sehen, ist der nach Sicherheit und dem hohen Risiko, die das Dasein als Unternehmer mit sich bringt. Die Wahrheit ist jedoch: Kein Angestellter und kein Unternehmen ist heute und vor allem in Zukunft mehr wirklich sicher.

Lebenslanges Lernen sowie die Fähigkeit zur Innovation sind heute ebenso Standard wie die sogenannte Mosaikkarriere. Gründer müssen auch nicht alle die kongenialen Erfinder schlechthin sein oder selbst aus einer Unternehmerfamilie kommen, in der man das Gründer-Gen quasi in die Wiege gelegt bekommt. Zum Gründen braucht es oft nicht mehr als eine gute Idee, eine Strategie, um diese umzusetzen, und die entsprechenden Menschen, die dabei helfen und die Talente mitbringen, die man selbst nicht hat.

Gerade angesichts einer historischen Situation, in der sich durch die Digitalisierung so viele Lebensbereiche so grundlegend wie selten zuvor verändern, halte ich es für unerlässlich, den Unternehmergeist in Deutschland zu fördern. Es ist illusorisch anzunehmen, dass die große Mehrheit der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ihre Karriere mit einem einmal erlernten Wissen bis zur Rente ausschließlich im Angestelltenverhältnis in ein oder vielleicht zwei Unternehmen machen werden.

Wir brauchen eine dem Unternehmertum gegenüber positiv eingestellte Kultur, in der es möglich ist, eine innovative, vielversprechende Idee außerhalb oder auch innerhalb eines Unternehmens zu verwirklichen. Ich selbst bin das beste Beispiel, dass man dafür nicht aus einem Haushalt kommen muss, der einen mit den entsprechenden finanziellen Mitteln ausstattet oder traditionell im Unternehmertum verankert ist.

Dass es trotz widriger Umstände funktionieren kann, heißt aber nicht, dass alles so bleiben kann, wie es ist. Es genügt auch nicht, dass es in einzelnen Städten oder Metropolregionen Gründerszenen gibt. Ganz im Gegenteil.

Entrepreneurship und Intrapreneurship müssen überall in Deutschland und für jede und jeden gleichermaßen eine realistische Option sein. Das Unternehmertum muss gerade in Deutschland, das für seine vielen, innovativen kleinen und mittelständischen Unternehmen bekannt ist, dringend gefördert, reformiert und entmystifiziert werden.

Tijen Onaran ist Unternehmerin und Speakerin. Mit startup affairs berät sie Firmen in der PR- und Öffentlichkeitsarbeit und engagiert sich mit ihrer internationalen Initiative Global Digital Women für die Vernetzung und Sichtbarkeit von Frauen in der Digitalbranche.

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