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Tijen Onaran

Expertenrat – Tijen Onaran In Deutschland bestimmt Angst die Debatte über Fortschritt

Wenn es um Themen wie Digitalisierung geht, regiert in Deutschland häufig der Pessimismus. Warum wir statt Bedenken aber eigentlich Mut brauchen.
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Beim Thema Digitalisierung befindet sich Deutschland im Europavergleich im Mittelfeld. Quelle: dpa
Das digitale Klassenzimmer

Beim Thema Digitalisierung befindet sich Deutschland im Europavergleich im Mittelfeld.

(Foto: dpa)

Die Regierung in Frankreich investiert aktuell 1,5 Milliarden Euro in KI-Projekte, KI-Start-ups und die KI-Forschung. Darüber hinaus sollen dieser auch Daten zur Verfügung gestellt werden. Bis 2022 sollen zudem alle Gesetze verabschiedet sein, die den Einsatz von autonomen Fahrzeugen regeln.

Diese KI-Offensive zeigt bereits erste Erfolge. Unternehmen wie IBM, Samsung und Microsoft kündigten an, KI-Labs in Frankreich etablieren zu wollen. Auch gemessen an der Anzahl von KI-Start-ups liegt Deutschland nur auf Platz 8. Hinter den USA, China, Israel, UK, Kanada, Japan und Frankreich.

Selbst wenn es „nur“ um die Digitalisierung geht, befindet sich Deutschland im europäischen Vergleich im Mittelfeld. Beim jährlich erstellten Index für digitale Wirtschaft und Gesellschaft der europäischen Kommission stehen Dänemark, Schweden und Finnland an der Spitze.

Was genau unterscheidet uns von anderen Ländern? Meine These lautet: Der gesamte Fortschrittsdiskurs in Deutschland ist zu stark von Angst dominiert. Doch der Pessimismus bringt uns nicht weiter.

Als ich vor Kurzem bei einer Paneldiskussion zum Thema Künstliche Intelligenz teilnahm, bestimmten Bedenken und Ängste die daran anschließende Diskussion mit dem Publikum. Dabei geht es mir gar nicht so sehr darum, die einzelnen Argumente inhaltlich zu kritisieren. Vielmehr steht diese Diskussion für mich paradigmatisch dafür, wie der gesamte Diskurs über Themen wie Digitalisierung, New Work und Künstliche Intelligenz in Deutschland verläuft. Im Zentrum steht stets das „Ja, aber“. Digitalisierung ist wichtig, aber ... KI ist auch wichtig, aber ...

Über die wirklich entscheidenden Fragen wie die nach dem „Wie?“ sprechen wir aufgrund der Dominanz der Angstthemen viel zu selten.

Diese Zurückhaltung, das Bedenkenträgertum und der Pessimismus drücken sich auch in Zahlen aus: Aktuell investiert Deutschland gerade einmal 230 Millionen Euro in die KI-Forschung. Über die Bereitstellung von Daten für die Erforschung und Weiterentwicklung von Künstlicher Intelligenz wird meines Wissens nach nicht diskutiert.

Digitale Bildung und Mut

Fortschritt geht mit Veränderungen einher. Das kann einem Angst machen, aber diese Angst kann fatale Konsequenzen haben. Denn sie hindert uns daran, jetzt die richtigen Anpassungen vorzunehmen und die Schritte zu unternehmen, die uns auf die Zukunft vorbereiten.

Der Handlungsbedarf, vor dem wir aktuell stehen, ist in der Tat immens. Denn Künstliche Intelligenz wird allem voran von Menschen weiterentwickelt. Digitale Bildung und der Ausbau des Bildungssystems insgesamt wäre demnach eines der zentralen Anliegen, die endlich vorangetrieben werden müssten.

Einer der Auslöser von Ängsten sind fehlende oder falsche Vorstellungen, worum es aktuell beispielsweise beim Thema KI geht. Eine in sechs europäischen Ländern durchgeführte Studie wies nach, dass in Ländern wie Großbritannien und Finnland auch das Wissen über KI weit verbreitet ist und entsprechende Technologien im beruflichen und privaten Alltag auch angewendet werden.

Ängste werden also nicht weniger, wenn wir uns immer nur über sie austauschen. Mehr Bildung und die Vermittlung von Wissen sind hier einer von vielen möglichen Ansatzpunkten, um ihnen zu begegnen. Darüber hinaus brauchen wir mehr Offenheit und mehr Mut in der Politik, der Wirtschaft und der Gesellschaft für die entscheidenden Themen der Zukunft

Eines sollte klar sein: Die Entwicklung im Bereich Digitalisierung wird nicht Halt machen, weil wir Angst oder Bedenken haben. Ganz im Gegenteil droht Deutschland vielmehr im digitalen Nirwana zu landen, wenn wir es nicht schaffen, einen positiven Fortschrittsdiskurs zu etablieren. Denn während wir noch reflektieren, schaffen andere schon Fakten. Darum sollte 2019 das Jahr werden, in dem wir das „Ja, aber“ in ein schlichtes „Ja!“ verwandeln. Mit mehr Mut und einer positiven Grundeinstellung, die mehr daran interessiert ist, wie eine gute Lösung für die aktuellen Herausforderungen aussehen kann, wäre schon viel gewonnen.

Denn dann geht es um konkrete Vorschläge und Ideen, um die Zukunft tatsächlich zu gestalten und voranzukommen. Beispielsweise durch eine stärkere Vernetzung auf europäischer Ebene mit Kooperationsplattformen oder durch die Förderung eines Ökosystems für innovative Start-ups, die die Entwicklung in vielen Bereichen vorantreiben, und nicht zuletzt durch massive Investitionen in Schulen, Universitäten und Bildung sowie eine stärkere Vernetzung zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. So können wir sicherstellen, dass wir bei aktuellen Zukunftsthemen wie der Digitalisierung, Künstlicher Intelligenz oder der Blockchain den Anschluss nicht verlieren, sondern weltweiter Vorreiter werden. Das gelingt nur mit Mut.

Tijen Onaran ist Unternehmerin und Speakerin. Mit startup affairs berät sie Firmen in der PR- und Öffentlichkeitsarbeit und engagiert sich mit ihrer internationalen Initiative Global Digital Women für die Vernetzung und Sichtbarkeit von Frauen in der Digitalbranche.

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