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Tijen Onaran

Expertenrat – Tijen Onaran In Deutschland gilt: Sag mir, woher du kommst – und ich sag dir, wer du bist

Angeblich leben unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft von der Vielfalt. Ist das tatsächlich so? Es gibt Deutsche, die nie wirklich ganz als solche akzeptiert werden.
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Ganz gleich, wie viele Generationen einer Familie schon hier leben – mit einem fremd klingenden Nachnamen wird es immer schwierig bleiben, meint Tijen Onaran. Quelle: Getty Images; Per-Anders Pettersson
Kinder mit Migrationshintergrund

Ganz gleich, wie viele Generationen einer Familie schon hier leben – mit einem fremd klingenden Nachnamen wird es immer schwierig bleiben, meint Tijen Onaran.

(Foto: Getty Images; Per-Anders Pettersson)

Bestimmte Dinge lassen sich in Deutschland wohl nur schwer verändern: Wer wie ich Eltern hat, die aus einem anderen Land nach Deutschland eingewandert sind, kann selbst nie wirklich ganz Deutsche oder Deutscher sein beziehungsweise werden.

Es schwingt dann immer noch dieses „eigentlich“ mit: „Woher kommst du denn, also eigentlich, so ganz ursprünglich?“ Ganz gleich, wie viele Generationen einer Familie schon hier leben – mit einem fremd klingenden Nachnamen wird es immer schwierig bleiben.

Das ist für die deutsche Wirtschaft, die auf Vielfalt basiert und von dieser noch viel mehr profitieren könnte, ein absolutes Hemmnis. Denn genau durch fehlende und nahezu unmögliche Akzeptanz wird eine immer größer werdende Gruppe von Menschen ausgeschlossen und marginalisiert.

Eigentlich wäre es ganz einfach. Denn das Grundgesetz selbst kennt nur ein einziges Kriterium, das über die Zugehörigkeit entscheidet. Entweder man hat die deutsche Staatsbürgerschaft oder man hat sie eben nicht. Dort steht weder etwas von Namen noch von Aussehen, Kultur oder Pünktlichkeit. Aber der Alltag sieht für Menschen mit Migrationshintergrund anders aus. Staatsbürgerschaft hin oder her.

Das herrschende Verständnis von deutsch sein folgt einem immer ähnlichen Raster, aus dem man nur zu schnell herausfallen kann. Ein ausländischer Name oder ausländisches Aussehen genügt, um aus dem Raster herauszufallen. Wer zwei oder mehr Merkmale außerhalb des Rasters hat, wird den Exotenstatus unter Garantie nicht mehr los.

Diese Situation hat sich in den vergangenen Jahren zunehmend verschärft. Während in den 1990er-Jahren noch eher interessierte Fragen nach der vermeintlich ursprünglichen Herkunft dominierten – „Wo kommst du eigentlich her?“ –, kommt heute immer öfter die Frage, wann man wieder zurückkehrt.

Genau das wurde ich selbst kürzlich auf Twitter gefragt. Auf meine Rückfrage „Was soll ich denn jetzt in Karlsruhe-Durlach?“ wurde mir allerdings nicht näher erläutert, welche Beweggründe sich hinter der Frage verbergen. Vielleicht ja doch die großen philosophischen Fragen: „Woher kommen wir?“ und „Wohin gehen wir?“

Sind wir wirklich eine Wertegemeinschaft?

Was macht uns als Gesellschaft wirklich aus? Und was ist Unternehmen wirklich wichtig? Sind es tatsächlich die gemeinsamen Werte? Wenn das so wäre, sollte es keine Rolle spielen, wo deine Eltern ursprünglich herkommen.

Wer hier geboren wurde, hier aufgewachsen ist und dieselben Werte teilt, sollte unabhängig von Aussehen, Religion, Geschlecht und Namen dieselben Chancen haben. Es gibt keinen tiefergehenden Grund, warum die Tatsache, dass man Deutsche oder Deutscher ist, nicht akzeptiert werden sollte.

Als ich vor zwei Jahren in einer ziemlich diversen Gruppe von Frauen durch die USA reiste, spielte die Frage nach unserer Herkunft keine entscheidende Rolle. Ironischerweise fühlte ich mich sogar noch nie so deutsch wie in den USA.

Die Menschen, denen wir begegneten, fragten uns nach unseren Geschichten, was das Ziel unserer Reise war, welche Erfahrung wir gemacht haben. Wo wir „eigentlich“ herkamen oder ob wir gar dorthin zurück wollten, interessierte niemanden.

Der Stempel Migrationshintergrund oder die angebliche Andersartigkeit kommt für viele Deutsche der Besiegelung ihres Schicksals gleich. Sie dürfen sich niemals als ganz zugehörig fühlen. Diese Feststellung ist vor allem für die Wirtschaft absolut fatal.

Denn warum sollten sich diese Menschen voll und ganz einbringen? Welche Motivation haben sie, wenn sie nur zu gut wissen, dass sie mit dem „falschen“ Namen nicht die gleichen Chancen haben aufzusteigen?

Wir brauchen mehr Vielfalt in der Wirtschaft, wir brauchen mehr Vielfalt in der Politik, und wir brauchen mehr Vielfalt in der Gesellschaft. Das geht aber nur, wenn wir Menschen, deren Eltern vielleicht aus einem anderen Land nach Deutschland eingewandert sind, als das akzeptieren, was sie sind – nämlich Deutsche. Nur wer wirklich ein Teil der Gesellschaft ist und das auch sein darf, wird seinen Teil zum Gelingen des Ganzen auch beitragen.

Tijen Onaran ist Unternehmerin und Speakerin. Mit startup affairs berät sie Firmen in der PR- und Öffentlichkeitsarbeit und engagiert sich mit ihrer internationalen Initiative Global Digital Women für die Vernetzung und Sichtbarkeit von Frauen in der Digitalbranche.

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