Expertenrat – Tijen Onaran Wir brauchen mehr Vielfalt in Aufsichtsräten!

Die Digitalisierung verändert ganze Branchen. Diversität in Vorstand und Aufsichtsrat ist ein Schlüssel, um diesen Wandel erfolgreich zu gestalten.
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Die deutschen Aufsichtsräte sind nicht divers genug, meint Tijen Onaran. Quelle: imago/photothek
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Die deutschen Aufsichtsräte sind nicht divers genug, meint Tijen Onaran.

(Foto: imago/photothek)

Neue Technologien fegen ganze Unternehmen weg oder bringen Branchen durcheinander. Wir leben in einer Zeit, in der sich sehr viele Dinge sehr schnell und vor allem grundlegend verändern können. Häufig tritt eine neue Logik an die Stelle der bislang gültigen und so ordnen sich zum Teil ganze Industrien neu.

Es brauchte nichts weiter als die Kombination von iPod und iTunes, um beispielsweise die Musikindustrie umzukrempeln. Ein Technologie-Konzern bestimmte, welcher Preis in Zukunft für einen Song bezahlt wird. Wer erinnert sich heute noch daran, dass es früher mal Single-CDs gab? Und wer erinnert sich noch an den iPod?

Aber dies ist nur eines von zahllosen Beispielen, wie die Digitalisierung eine neue Ordnung stiften kann. Die entscheidende Frage angesichts dieser Situation lautet: Wie sind unsere Unternehmen aufgestellt, um auf einen so drastischen Wandel zu reagieren?

Vor allem die Aufsichtsräte müssen Entwicklungen wie diese im Blick haben, sie verstehen und die potenziellen Folgen für die eigene Branche und das eigene Unternehmen abschätzen können, um ihre beratende Funktion erfüllen zu können. Ich halte Diversität insbesondere in Aufsichtsräten für einen Schlüsselaspekt.

Diversität muss an der Spitze ansetzen

Wenn es um Diversität in Unternehmen geht, ist es keine Strategie, einfach zu warten, bis nach und nach im Lauf der nächsten Jahrzehnte die Struktur der Belegschaft quasi automatisch immer diverser wird. Diversität muss direkt an der Spitze ansetzen. Sprich: bei den Aufsichtsräten und den Vorständen.

Das Durchschnittsalter bei Aufsichtsräten liegt aktuell bei über 60 Jahren. Insbesondere was die beratende Rolle betrifft, sehen die Otto Beisheim School of Management (WHU) und das Beratungsunternehmen Alvarez & Marsal in einer Studie noch Nachholbedarf. Der Grund: die fehlende Diversität.

Natürlich können Menschen auch im fortgeschrittenen Alter innovativ sein. Allerdings bringt ein 60-Jähriger festere Überzeugungen, andere Erfahrungen sowie eine andere Sozialisation mit als jemand Jüngeres, der beispielsweise aus einem Start-up kommt und für den es eine Welt ohne Internet nicht gibt.

Wir brauchen darum vor allem mehr digitale Vordenker. Die Betonung liegt dabei auf: mehr weibliche Talente in den Aufsichtsräten. Die Zahlen sind durch die Quote für Aufsichtsräte zwar nachweislich gestiegen. Aber es zeigt sich dennoch deutlich, dass es an der Spitze noch zu oft an digitalen Expertinnen fehlt.

Vor allem sollten Frauen nicht nur wegen ihres Geschlechts und der Quote eingestellt werden. Sie sollten deshalb Teil des Aufsichtsrats sein, weil sie Expertisen mitbringen und weil sie neue Sicht- und Denkweisen sowie andere Erfahrungen als ihre männlichen Kollegen einbringen.

Denn beim Thema Diversität geht es um sehr viel mehr als „nur“ um Gleichberechtigung. Vielfalt ist gleichbedeutend mit besseren Geschäftsentscheidungen und wirtschaftlichem Erfolg. Das belegte eine Studie der Unternehmensberatung McKinsey.

Darin heißt es: „Der Zusammenhang zwischen Vielfalt im Management und Geschäftserfolg ist real. Die Förderung von Talenten mit unterschiedlichen Hintergründen, Männer wie Frauen, unterschiedliche Ethnien und wissenschaftliche Hintergründe, ist sowohl eine Frage der Gerechtigkeit als auch eine Business-Priorität.“

Wenn deutsche Unternehmen im internationalen Vergleich auch hinsichtlich der Attraktivität als Arbeitgeber für Fachkräfte aus anderen Ländern nicht zurückfallen wollen, muss die Struktur der Aufsichtsräte und in der Konsequenz auch die Unternehmenskultur deutlich diverser werden.

Mehr Mut bei der Besetzung

Dabei ist die Lösung für das vielfach erkannte Problem eigentlich einfach. Es braucht mehr Mut bei der Besetzung von Aufsichtsräten – von Vorständen ganz zu schweigen. Die positiven Beispiele wie die Besetzungen von Fränzi Kühne, Katja Kraus oder Simone Menne beweisen, dass mit digitalen Expertinnen auch ein anderes Mindset in die Unternehmen kommt und diese als Personen für einen Generationswechsel stehen. Veränderungen – besonders dann, wenn sie umfassend sind – fangen ganz oben an.

Darum brauchen weibliche und männliche Aufsichtsräte den Mut, die Entscheidungen des Managements infrage zu stellen und auf ihre Zukunftsfähigkeit zu überprüfen. Je höher die Vielfalt im Aufsichtsrat ist, umso besser gelingt das.

Denn in einer hinsichtlich Alter, Lebenserfahrung und Sozialisation homogenen Gruppe von Menschen gibt es automatisch weniger Widerspruch, Diskussion oder abweichende Erfahrungen. Dabei muss es nicht immer um die strategische Ausrichtung von Unternehmen gehen.

Mindestens ebenso wichtig ist es heute, die Unternehmenskultur so zu gestalten, dass Unternehmen auch langfristig als Arbeitgeber attraktiv für die kommenden Generationen bleiben. Mehr Diversität in den Aufsichtsräten ist darum auch nur der Anfang für einen umfassenden Wandel in den einzelnen Unternehmen und der Arbeitswelt als Ganzem.

Tijen Onaran ist Unternehmerin und Speakerin. Mit startup affairs berät sie Firmen in der PR- und Öffentlichkeitsarbeit und engagiert sich mit ihrer internationalen Initiative Global Digital Women für die Vernetzung und Sichtbarkeit von Frauen in der Digitalbranche.

 

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