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Expertenrat – Holger Schmidt Europa droht das Endspiel um die Internet-Märkte zu verpassen

Während Amerikaner und Asiaten immer größere Summen in aufstrebende Digitalunternehmen pumpen, hält sich Europa zurück. Das könnte sich als großer Fehler erweisen.
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Mobilitätsdienste sind auch in Europa auf dem Vormarsch. Quelle: AP
Uber-Taxi

Mobilitätsdienste sind auch in Europa auf dem Vormarsch.

(Foto: AP)

Der Blick auf die Risikokapitalinvestitionen in Digitalfirmen bringt drei wichtige Erkenntnisse. Erstens: Die Wetten auf neue digitale Geschäftsmodelle werden Jahr für Jahr größer. Im vergangenen Jahr investierten Geldgeber 382 Mal mindestens 100 Millionen Dollar in aufstrebende Start-ups, 16 Mal war es sogar mehr als eine Milliarde. Der Anteil, der in ganz junge Unternehmen fließt, geht dagegen stetig zurück.

Zweitens: Europäische Start-ups spielen bei der Verteilung der Gelder nur eine untergeordnete Rolle. Bei den großen Finanzierungsrunden in Milliardenhöhe war keine Firma aus Europa dabei. Bei den Investments über 100 Millionen Dollar sieht es nicht viel anders aus: Die Hälfte ging an US-Firmen, weitere 42 Prozent flossen nach Asien. Weniger als sieben Prozent dieser Kapitalspritzen hatten Europa als Ziel. Auch dieser Anteil geht seit Jahren zurück.

Drittens: Europa ist weder Adressat noch Absender dieser Großinvestitionen. Das Geld stammt überwiegend von globalen Digitalkonzernen wie Amazon, Alibaba und Tencent oder amerikanischen Risikokapitalgebern. Eine Sonderstellung hat das japanische Telekomunternehmen Softbank, das mit Hilfe aus Saudi-Arabien zum mächtigsten Investor der Welt aufgestiegen ist.

Während Amerikaner und Asiaten jedes Jahr immer größere Summen in wachsende Digitalunternehmen pumpen, hält sich Europa im Endspiel um die großen Internet-Märkte zurück. Nur sieben Prozent des global investierten Risikokapitals stammen aus Europa. Zwar wurden auch einige europäische Firmen wie Auto1, N26 oder Revolut zuletzt mit dreistelligen Millionenbeträgen ausgestattet, der überwiegende Teil davon kam jedoch wie so oft aus Amerika oder Asien.

Nun wäre die Zurückhaltung der Europäer vielleicht sogar nachvollziehbar, wenn die Märkte ohnehin nicht (mehr) zu gewinnen wären. Aber der Großteil der Investitionen fließt in dieser zweiten Digitalisierungswelle in Geschäfte, die für Europa äußerst relevant sind. Neben Künstlicher Intelligenz oder Plattform-Geschäftsmodellen spielt Mobilität eine zentrale Rolle in den Plänen der Investoren.

Allein in den ersten sechs Wochen dieses Jahres investierten Amazon und Softbank drei Milliarden Dollar in die Start-ups Aurora, Rivian, Nuro und Flexport, um autonom funktionierende Transportplattformen für Menschen und Güter aufzubauen. Auch in die Entwicklung digitaler Medizintechnik (Grail), in Büroimmobilien (WeWork), Robotics (Uptech) oder Künstlicher Intelligenz (Sensetime) fließen aktuell Rekordsummen, jedoch überwiegend an Europa vorbei.

Zwei Effekte sind für diese Investitionswellen verantwortlich: Um ihre Wertschöpfung zu erhöhen, treiben viele Unternehmen ihre vertikale Integration voran. So investiert beispielsweise der Online-Händler Amazon nicht nur in Logistikzentren, sondern auch in Flugzeugflotten und selbstfahrende Autos, um seine Produkte möglichst schnell und direkt zum Käufer zu bringen.

Verkehr und Logistik gehören daher zu den Epizentren der Digitalisierung: sieben der 16 Milliardeninvestments gingen im vergangenen Jahr an Mobilitätsplattformen, darunter die Fahrdienstvermittler Uber, Grab und Go-Jek.

Den zweiten wichtigen Effekt beschreibt Snapchat-Investor Hemant Taneja in seinem lesenswerten Buch „Unscaled“. Seiner Ansicht nach entwertet Technologie die Vorteile der Massenproduktion. Die alte Strategie, Konkurrenten mit dem Besitz möglichst vieler Produktionsfaktoren (Skaleneffekte) zu schlagen, funktioniere in einer digitalen Ökonomie nicht mehr. Heute könnten sich neue Wettbewerber Skaleneffekte leihen, zum Beispiel unbegrenzte Rechenkraft, und Wettbewerbsvorteile mithilfe Künstlicher Intelligenz, 3D-Druck oder Robotics auch bei kleinen Produktionsmengen erreichen.

Neue Konkurrenz für die Platzhirsche

Als Ergebnis sind nun auch Unternehmen angreifbar, die aufgrund ihrer Größe jahrzehntelang keine neuen Konkurrenten fürchten mussten. Viele dieser analogen Weltmarktführer sitzen in Europa. Besonders gut ist dies in einer Branche zu beobachten: der Autoindustrie.

Es ist 60 Jahre her, dass zum letzten Mal ein Autohersteller in Europa gegründet wurde. In den vergangenen Jahren strömten plötzlich mehr als ein Dutzend gutfinanzierter Newcomer in den Markt. Sie heißen Tesla, Nio, BAIC, Byton, Geely, BYD, Lucid, Xpeng Motors und Thunder Power und kommen – Sie ahnen es schon – aus den USA oder Asien.

Nun könnte man meinen, Europas Unternehmen würden die geringeren Investitionen in Digitalunternehmen mit höheren Forschungsausgaben ausgleichen. Doch auch in dieser Disziplin fallen wir zurück. Zum Vergleich: Allein Facebook investiert inzwischen mehr Geld als Daimler; der Forschungsetat der Google-Mutter Alphabet ist doppelt so hoch und Amazons Budget sogar dreimal so groß wie die Ausgaben des Stuttgarter Konzerns, der immerhin zu den forschungsstärksten Unternehmen Europas gehört.

Tatsächlich lassen sich Erfolge in der digitalen Welt nicht immer mit Geld erzwingen. Neue Ideen können auch in den Unternehmen selbst entstehen. Die Erfahrung lehrt aber, dass Innovationen und Innovatoren heutzutage zugekauft werden. Sie zu finden, in sie zu investieren, sie an sich zu binden oder zumindest an ihrem Erfolg zu partizipieren ist die erfolgversprechendste Methode, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Europa geht diesen Weg nicht mit. Das mag man als selbstbewusst bezeichnen – oder als kolossale Selbstüberschätzung. Die richtige Antwort auf die digitale Offensive unserer Wettbewerber im Westen und Osten haben wir noch nicht gefunden.

Symptomatisch dafür ist eine Umfrage, die unter den Teilnehmern des europäischen Platform Economy Summit in Berlin Ende 2018 durchgeführt wurde. Diese wurden nach dem Hauptmotiv für Investitionen in Plattformmodelle gefragt. Als wichtigster Grund stand am Ende groß „Überleben“ auf der Leinwand. Das sollte nicht unser Anspruch in Europa sein.

 

Dr. Holger Schmidt ist Digital Economist, Buchautor, Speaker und lehrt „Digitale Transformation“ an der TU Darmstadt. Für die Ecodynamics GmbH beschäftigt er sich mit Plattformökonomie.

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2 Kommentare zu "Expertenrat – Holger Schmidt: Europa droht das Endspiel um die Internet-Märkte zu verpassen"

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  • Ich sehe es als großen Fehler an, daß Deutschland und auch Europa keine aktive Industriepolitik betreiben.

  • Außer europäische, internationale Unternehmen können sich massiv Steuern sparen über eine niederländische Niederlassung, vergleiche Apple, Amazon....
    Jeder Investor investiert dort, wo er einen schönen Gewinn nach Steuern erzielen kann, also in Asien und Amerika.
    Der Wettbewerb ist verzerrt, die europäischen Internet - Unternehmen benachteiligt.