Sabine Schonert-Hirzm

Expertenrat – Dr. med. Sabine Schonert-Hirz Ehrfurcht hilft gegen den Selbstoptimierungsstress

Der Drang zur perfekten Selbstinszenierung im Netz führt dazu, dass viele das wahre Leben verpassen. Doch es gibt ein einfaches Gegenmittel: Ehrfurcht.
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Die Auswirkungen der Ehrfurcht sind erstaunlich. Quelle: dpa
Blick in die Sterne

Die Auswirkungen der Ehrfurcht sind erstaunlich.

(Foto: dpa)

Vielleicht haben Sie auch kürzlich in einer lauen Sommernacht draußen gesessen, den Kopf zurückgelehnt, in den Sternenhimmel geschaut und versucht, die Dimension der Ferne der Himmelskörper zu begreifen, die so weit weg sind, dass sie vielleicht schon gar nicht mehr existieren, wenn wir sie sehen?

Vielleicht haben Sie dann auch den Schauer der Ehrfurcht erlebt, von dem Raumfahrer regelmäßig berichten, wenn sie die Erde aus der Ferne sehen. Das Gefühl kann so erschütternd sein, dass man vor lauter Ergriffenheit weint, zittert oder weiche Knie bekommt – sei es beim Anblick eines Naturschauspiels, eines neugeborenen Kindes, eines Kunstwerkes oder beim Hören einer Beethoven-Symphonie.

Ehrfurcht ist eine gemischte Emotion aus Furcht und Staunen. Sie wird „durch Erfahrungen ausgelöst, die jenseits unserer Kontrolle und unseres Vorstellungsvermögens liegen“, sagte der US-Psychologe Dacher Keltner im Jahr 2003. Diese Erkenntnisse gewann auch die Psychologin Yang Bai von der University of California in Berkeley, nachdem sie Besucher des imposanten Yosemite-Nationalsparks in den USA befragte.

Erstaunlich sind jedoch die Auswirkungen dieser überwältigenden Erfahrung. Wer regelmäßig Ehrfurcht erlebt, spürt verstärkt den Wunsch, mit anderen zusammenzuarbeiten und ist bereit, viel Zeit dafür herzugeben. Man wird insgesamt zielorientierter in seinem Handeln und ist besser in der Lage, fokussiert im gegenwärtigen Moment zu leben, statt zwischen Vergangenheit und Zukunft hin- und herzuspringen.

„Ehrfurcht funktioniert wie eine Art Reset-Knopf. Sie öffnet Menschen für neue Möglichkeiten, Werte und Ausrichtungen im Leben“, schreibt Jonathan Haidt 2003, der mit seinem Team als einer der ersten den Effekt des Gefühls am „Greater Good Science Center“ in Berkeley wissenschaftlich untersuchte.

Das hört sich an, als sei Ehrfurcht geradezu das ideale Gegenmittel für gestresste Facebook- und Instagram-Junkies, die vor lauter Perfektionismus in ihrer Selbstinszenierung das wahre Leben verpassen. Denn Ehrfurcht lenkt ab von der engen Bezogenheit auf sich selbst: Angesichts der überwältigenden Größe von etwas Anderem werden die eigenen Belange unwichtig.

Wenn Sie also aus dem täglichen Selbstoptimierungs-Stress gerade jetzt in den Ferien aussteigen, jedoch nicht so weit reisen möchten, wählen Sie vielleicht einfach mal Zugspitze statt Zuckerberg.

Dr. med. Sabine Schonert-Hirz, bekannt auch als Dr. Stress, ist Expertin für Stressmanagement, Burnoutprophylaxe und Digitale Stressbalance. Seit über 25 Jahren hält sie Vorträge und trainiert Führungskräfte internationaler Unternehmen. Sie ist außerdem Buchautorin und TV-Moderatorin.

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