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Bernd Thomsen

Expertenrat - Prof. Bernd Thomsen Gesundheit ist die neue Religion – das sollten auch Unternehmen beherzigen

Gesundheit wird immer mehr zur strategischen Ressource – nicht nur für das Individuum, sondern auch für Arbeitgeber. Dabei geht es um mehr als die reine Leistungsfähigkeit.
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Gesundheit ist für alles eine Grundvoraussetzung, das ist mehr als eine Binse.
Jogger

Gesundheit ist für alles eine Grundvoraussetzung, das ist mehr als eine Binse.

„Daddy, macht der liebe Gott eigentlich auch Sport?“, fragte mich meine Tochter neulich, während ich mich von meiner Familie verabschiedete, um zum Tennis zu fahren. Gerade als ich mit einem „Hmm“ etwas Zeit für eine Antwort schinden wollte, fügte meine Kleine noch hinzu: „Der muss doch auch was tun, damit es ihm gut geht.“

Da musste ich an eine Untersuchung der Bertelsmann Stiftung denken, die in 20 Ländern durchgeführt wurde. Unter dem Studientitel „Religiosität im internationalen Vergleich“ gaben bis zu 70 Prozent der Menschen in Europa an, sie seien wenig oder nicht religiös. Es lasse sich über die Generationen ein Rückgang der Bedeutung von Religion für den Lebensalltag feststellen, so die Wissenschaftler. Es verstärke sich ein kontinuierlicher „Abbruchsprozess des Religiösen“, und das desto stärker, je wohlhabender, mobiler, gebildeter und jünger eine Gesellschaft sei. 

Was meine Tochter da so unschuldig formulierte, bringt also eine wesentliche gesellschaftliche Veränderung auf den Punkt: Der nächsten Generation wird es noch wichtiger sein, dass es ihr gut geht. Für die Menschen der Zukunft ist die eigene Gesundheit eine strategische Ressource zur individuell erfolgreichen Gestaltung des Lebensweges.

Oder anders gesagt: Gesundheit wird zur neuen Religion. In den nächsten Jahrzehnten werden sich deshalb immer mehr Menschen von der krisengeschüttelten institutionellen Medizin emanzipieren und nach proaktiven, individuellen Wegen suchen, um gesund zu bleiben. 

Das neue Credo lautet: Nicht nur medizinische Versorgung oder Vorsorge, sondern auch eine positive Lebenshaltung hat eine gesundheitsfördernde Wirkung, ist vielleicht sogar die beste Art der Krankheitsprävention. Dieses ganzheitliche Gesundheitsverständnis wird zum zentralen Bestandteil verschiedenster Lebensstile in unserer Gesellschaft – und Gesundheit damit zum Sinnstifter, ja zum neuen Kult erhoben. Das ist „Iconic Health“.

Um zu ermitteln, wie ganzheitlich die Menschen schon heute Gesundheit betrachten, haben wir eine europaweite Umfrage zu den wichtigsten Faktoren für ein gesundes Leben durchführen lassen. Das Ergebnis: Am wichtigsten ist den Menschen das persönliche Glück, also Familie, Freunde, ein interessanter Job. Danach folgen Sport, die Beschäftigung mit Gesundheitsthemen, Ernährung und frische Luft.

Der Gesundheitsbegriff verändert sich

Früher war Gesundheit kaum mehr als das Gegenteil von Krankheit. Inzwischen beginnen die Menschen sogar gute Laune und soziale Kontakte damit zu assoziieren. Ein gesunder Lebensstil wird damit zum persönlichen Differenzierungsmerkmal, nicht nur unter Topmanagern globaler Konzerne, die heute schon den Wert von Gesundheit erkannt haben.

In der Folge wird sich der Gesundheitsbegriff drastisch ausweiten und neben den klassischen medizinischen Aspekten alles  einbezogen, was das eigene Wohlbefinden steigert. Die Palette reicht dabei von gesunder Ernährung über sportliche Aktivitäten bis hin zur Verbesserung der mentalen Befindlichkeit. Dabei könnte in Zukunft auch die Technik helfen. Bereits heute können Sensoren menschliche Stimmungslagen messen und mittels gezielter elektrischer Impulse sogar beeinflussen.

Im Rahmen des technologischen Wandels entstehen permanent neue Angebote und Dienstleistungen, die den neuen ganzheitlichen Gesundheitsbedürfnissen Rechnung tragen. Gesundheit macht mobil: Nehmen wir nur die neueste Uhr, die der CEO eines bekannten Smartphone- und Computer-Herstellers aus Kalifornien als „proaktiven Gesundheitsmonitor“ anpreist, weil er zu einem gesünderen Leben beitrage. Nutzer können damit Kalorienverbrauch, Herzfrequenz und sogar den Menstruationszyklus überwachen, eine Sturz-Erkennung ist ebenso integriert wie ein automatisches Notfall-SOS.

Wer glaubt, dass sich die Mobilität allein am Smartphone ausrichtet, denkt jedoch zu kurz: In wenigen Jahren werden sich autonom fahrende Autos, ausgestattet mit medizinischen Hightech-Geräten, für den Nutzer teilweise gänzlich unbemerkt, um die Gesundheitsuntersuchung der Menschen kümmern, während sie gerade auf dem Weg zur Arbeit oder zum Flughafen sind. Andere spezialisierte Gefährte bieten die Möglichkeit, während der Fahrtzeit ein maßgeschneidertes Training zu absolvieren. 

Damit werden ganze Branchen oder zumindest wichtige Teile davon – ob Automobil- oder Sportartikelhersteller, die Gastronomie oder Verlagshäuser – auf einmal zu einem Teil der Gesundheitsbranche.

Gesundheit wird zur Chefsache

Gesundheit ist für alles eine Grundvoraussetzung, das ist mehr als eine Binse. Letztlich hängt auch die Kraft einer Volkswirtschaft vom Leistungsvermögen ihrer einzelnen Mitglieder ab. Arbeitgeber, die die Gesundheit ihrer Mannschaft ganzheitlich fördern, werden demnach zu den Marktführern von morgen gehören und ihre – körperlich wie mental – fitten Mitarbeiter auch emotional ans Unternehmen binden.

Wer bei Gesundheitsmanagement noch an fahle Betriebsärzte oder vergilbte Plakate zum Unfallschutz denkt, verkennt, dass die sogenannte „Corporate Health“ nicht bloß ein neues Label ist. 

Gesundheit entwickelt sich zur strategischen Managementaufgabe, bei der es eben um mehr als die reine Leistungsfähigkeit im Job geht: Das körperliche wie auch das psychische Wohlbefinden der Mitarbeiter stärkt die Grundfesten des Unternehmens. 

Die Unternehmensgruppe, die ich führe, bietet seit bald zwei Jahrzehnten ein Mitarbeiterprogramm unter dem Namen „Healthy Fun“ an, bei dem schon der Name die enge Beziehung zwischen Gesundheit und Glück zeigt. Mitarbeiter wünschten sich beispielsweise Fahr-Sicherheitstrainings. Richtiges Bremsen beherrschen die wenigsten Autofahrer, obwohl das den manchmal lebensrettenden Unterschied mehrerer Meter ausmacht. Da mutet die kostenlose Fitnessmitgliedschaft oder das frische Obst für Mitarbeiter fast schon langweilig an. 

Unsere Mitarbeiter verabreden sich zum gemeinsamen Treppensteigen von der Tiefgarage bis aufs Dach unseres Bürohauses. Das gesund-glückliche Wir-Gefühl, das dadurch oder auch bei Birthday-get-togethers entsteht, ist unbezahlbar. 

Und warum nicht mal zum Geburtstag ein paar freie Stunden schenken statt eines langweiligen Gutscheins? Leider treffen in Unternehmen oft nüchterne Zahlenmenschen die Entscheidungen. Die Arbeitszeit sei einfach zu wertvoll, argumentieren sie. Auf die Zukunft veranschlagt ist das definitiv die falsche Rechnung.

Seit der Geburtsstunde vor 35 Jahren ist unsere Gruppe eine Non-smoking-Company. Wer Nichtraucher ist, wird mit zusätzlichen Urlaubstagen belohnt. Und auf Dienstreisen macht hin und wieder eine Currywurst eher glücklich als dick. Entspanntes Wohlfühlen steigert die Kreativität und die Produktivität.

Das schien auch meine Tochter zu wissen, die nach dem Tennis freudestrahlend in meinen Arm sprang und mir besonders leise ins Ohr flüsterte: „Und jetzt gibt‘s Currywurst mit Pommes, muss der liebe Gott ja nicht wissen.“

Prof. Bernd Thomsen, ist CEO der Thomsen Group, der globalen Strategieberatung für Innovation und blickt mit seiner Tochter regelmäßig in die Zukunft.

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