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Bernd Thomsen

Expertenrat – Prof. Bernd Thomsen Keine Angst vor der KI! Was Menschen Maschinen voraushaben

Die Produktivitätszuwächse durch Automatisierung sind erheblich. Ebenso die Ängste der Menschen. Doch wir sollten nicht glauben, den Maschinen ausgeliefert zu sein.
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Wir Menschen sind im Vorteil, wenn es ums Regelbrechen geht. Quelle: Imago
Frau mit Spielzeugroboter

Wir Menschen sind im Vorteil, wenn es ums Regelbrechen geht.

(Foto: Imago)

Neulich im Flugzeug beobachtete meine dreijährige Tochter „die Leute in Uniform mit den gelben Masken vorm Gesicht und den gelben Schwimmwesten“. Sie wedelten mit den Armen in Richtung Notausgang. „Wieso machen das nicht Roboter?“, fragte sie und fügte, ohne meine Antwort abzuwarten, hinzu: „Das wäre doch viel lustiger. Und die Leute hätten dann frei.“

Wenn meine Tochter 35 Jahre alt sein wird, werden Menschen anders über Künstliche Intelligenz (KI) denken als heute. Ihr Einsatz wird im Jahr 2050 ganz normal sein. Auch wenn Roboter dann ganz anders aussehen werden, denn ihre Form wird der Funktion folgen, für die wir sie einsetzen, und nicht der heutigen meist menschenähnlichen Vorstellung entsprechen.

Während meine Tochter sich bereits wieder ihrem geliebten Stoffkranich widmete, kam ich auf dem Flug mit meinem Sitznachbarn ins Gespräch. Thema: boomende Erlebnis-Events. Ich fragte ihn, ob er sich zusammen mit 500 Menschen und 250 Tonnen hochbrennbarem Petroleum in einer Blechröhre mit fast 300 Kilometern pro Stunde über eine Betonpiste jagen lassen würde? Er verneinte vehement.

Und so ein Flug nach Miami, bei dem 90 Prozent der Reisezeit ein Roboter – meine Tochter guckte das erste Mal wieder auf und lächelte bejahend – die Maschine fliegt? Das wolle er ganz sicher auch nicht, entgegnete er kopfschüttelnd.

Was ihm offensichtlich nicht klar war: Zunächst hatte ich ihm den eben erfolgten Start unseres Airbus beschrieben. Die danach geschilderte Szene ist eine, die Flugreisende Tag für Tag erleben. Denn die Zeit, in der ein Pilot ein Flugzeug wirklich selbst steuert, beschränkt sich üblicherweise auf die wenigen Minuten bei Start und Landung. Schon heute ist Automatisierung viel häufiger Realität, als wir glauben.

Die Annehmlichkeiten des Algorithmus

Nehmen wir das Wochenende einer Führungskraft: Nach fünf langen Tagen, an denen es von einem Flugzeug ins nächste ging, von einem Meeting ins andere, will er oder sie nicht auch noch hinter mit dem Rasenmäher durch den heimischen Garten hetzen müssen.

Lieber auf dem Sofa bei einem Drink beobachten, wie ein Roboter die Arbeit übernimmt, selbstständig mit der Bewässerungsanlage kommuniziert und stehen bleibt, solange der Rasen gesprengt wird. Jährlich verkaufen sich bereits heute rund zehn Millionen Haushaltsroboter. Und sie werden immer beliebter – und billiger. Selbst Kuka, einer der Robotik-Marktführer, sonst in Industriehallen dieser Welt zu Hause, will bald einen persönlichen Assistenten für den Haushalt anbieten.

Und wie wirken sich Roboter auf die Wirtschaft aus? Der globale Produktivitätszuwachs durch Informationstechnik (IT) Ende des vergangenen Jahrhunderts war doppelt so hoch wie durch die Einführung der Dampfmaschine. Automatisierung bringt im Vergleich dazu bis zu sechsmal so viel. Alles schön und gut, wäre da nicht das Misstrauen der Menschen gegenüber den neuen Technologien.

Werden wir bald von Robotern beherrscht oder gar versklavt? Es stimmt, dass Maschinen bereits heute einiges besser beherrschen als wir Menschen, da sie Muster deutlich schneller und genauer interpretieren können. Nehmen wir nur den Sieg Künstlicher Intelligenz im Schach und dem chinesischen Go.

Würden Sie oder ich dagegen in Halma oder einem anderen simplen Spiel gegen denselben Roboter antreten, würde er kein einziges Mal gewinnen. Machen wir uns noch mal klar, was Roboter auszeichnet: Sie sind besser als wir, wenn es um jegliche Art von Mustern geht, denn die lassen sich berechnen.

Vorteil Mensch

Wir Menschen dagegen sind im Vorteil, wenn es ums Regelbrechen geht. Damit meine ich nicht, bei Rot über die Ampel zu fahren, sondern Kreativität. Indem wir Regeln brechen, entsteht Neues. Hinzu kommt das kreative Potenzial von sozialer Interaktion.

Jeder von uns kennt das: Sie haben eine gute Idee, diskutieren sie mit einem Vertrauten, und meist wird sie noch besser. In Sachen kreativer, sozialer und emotionaler Kompetenz, den wichtigsten menschlichen Talenten, wird uns – mindestens in diesem Jahrhundert – kein Roboter schlagen. Wir selbst haben es in der Hand. Nutzen wir unsere Kreativität und Kommunikationsfähigkeit, um die Stärken der KI zum menschlichen Wohle zu entwickeln.

„Mensch, Daddy“, riss mich meine Tochter während des Einsteigens beim Rückflug aus diesen Gedanken, „Roboter im Flieger – die gibt es noch immer nicht! Guck doch mal die Anschnalldinger überall – alle so komisch über Kreuz gelegt, da setzt sich doch keiner so drauf. Solch einen Unsinn würde kein Roboter machen!“

Ich wollte ihr noch erklären, dass sich sonst Lean-Management-Berater um so etwas kümmern. Denn das Gefummel der Passagiere mit den nur aus optischen Gründen gekreuzten und teilweise gar geschlossenen Sicherheitsgurten verlängert tatsächlich die Boardingzeit. Doch meine Tochter war schon weitergerannt.

Prof. Bernd Thomsen, ist CEO der Thomsen Group, die führende globale Managementberatung mit Zukunftsexpertise. Er blickt mit seiner Tochter für das Handelsblatt regelmäßig in die Zukunft.

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