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Bernd Thomsen

Expertenrat – Prof. Bernd Thomsen Was Europas Wirtschaftsbosse wirklich erfolgreich macht

Die ökonomische Stimmung ist düster. Warum uns eine solche Haltung eher schadet als weiterbringt, können wir von einem Blick in Vorstandsköpfe lernen.
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Der Eon-Chef betont die Bedeutung von Weitblick für das Wachstum. Quelle: Reuters
Johannes Teyssen

Der Eon-Chef betont die Bedeutung von Weitblick für das Wachstum.

(Foto: Reuters)

Hamburg, Miami „Daddyyyy…“, rief meine kleine Tochter, während sie mit Anlauf von einem sonnigen Bootsdeck ins Wasser sprang, wo ich gerade meine Runden zog. Weder konnte sie schwimmen, noch hielt sie es für nötig, mir ihr Tun anzukündigen. „Mutig, mutig!“, hörte ich von einigen Gästen an Bord, als wir zurückkamen.

Der zuversichtliche Schwung, den meine Tochter beim Sprung in die Wellen bewies, fehle der deutschen Wirtschaft, kann man allenthalben lesen. Von Schwäche, Pessimismus, ja von Rezession ist oft die Rede. Dabei kann man davon erst sprechen, wenn die Wirtschaftsleistung im Gesamtjahr im Vergleich zum Vorjahr schrumpft, was zuletzt aufgrund der globalen Finanzkrise vor zehn Jahren der Fall war.

Seitdem legen wir ununterbrochen mit teilweise kräftigen Wachstumsraten zu. Trotzdem stimmen viele in den Chor der Bedenkenträger ein und sehen fast jede negative Tagesnachricht im Zusammenhang mit dem drohenden wirtschaftlichen Ungemach.

Sieht es in den Köpfen erfolgreicher europäischer Wirtschaftsgrößen genauso aus? Oder steckt in ihnen eine positive Kraft, von der wir lernen können?

Um ihren Horizont zu erweitern, trifft sich Obi Felten, die bei Googles Mutter Alphabet Projekte aus dem Labor in die Praxis bringt, regelmäßig mit Unternehmern anderer Branchen. Statt das abzutun, weil die Ressource Zeit oft knapp bemessen ist, zeigen sich Europas Wirtschaftsgrößen ebenso offen wie Googles Topmanagerin.

Davon konnte ich mich auf meiner diesjährigen „Europareise“ überzeugen, einer dreiwöchigen Tradition in meinem jährlichen Kalender. Im Mittelpunkt dieser Reise, die ich wechselnd auf anderen Kontinenten unternehme, steht weder Business noch Lehre oder Philanthropie, sondern der Austausch mit spannenden Persönlichkeiten aus Politik, Gesellschaft, Sport und: Wirtschaft.

Dr. Johannes Teyssen, Chef des Dax-Konzerns Eon, eines der weltweit größten privaten Stromversorger, sagte mir: „Wachstum braucht Weitblick. Statt nur im Hier und Jetzt zu arbeiten, müssen Unternehmen den Blick immer auch in die Zukunft richten. Aus welchen Megatrends ergeben sich Chancen? Und wie lassen sie sich für Wachstum nutzen?

Was es nicht braucht: Miesmacher

Der Klimaschutz ist dafür ein gutes Beispiel. Immer mehr Menschen wollen dazu beitragen, kommen aber allein nicht voran. Unternehmen, die sich als Partner ihrer Kunden verstehen, ihnen gemeinsame Lösungen für grün erzeugte Wärme oder Elektromobilität anbieten, haben beste Zukunftschancen. Vorausgesetzt, sie erkennen das Wachstumspotenzial heute noch kleiner Märkte. Und haben den Mut, auch mal kühne Ideen zu verfolgen.“

Von Essen ging es in die Benelux-Länder, wo ich mit einem CEO der globalen Top Ten der Konsumgüterindustrie sprach. Seine eigene überzeugende Führungskraft? War kein Thema. Die begehrten Produkte des Konzerns? Auch nicht. Viel mehr sprachen wir über die Relevanz der Mitarbeitermotivation für die Zukunft des Unternehmens. Alles laufe zusammen in dem Schwung, den sie für Wachstum lieferten. Von Schwäche oder Pessimismus keine Spur!

Die waren ebenso wenig beim CEO Westeuropa der Allianz Real Estate zu spüren: Alexander Gebauer liebt sein Pariser Büro, ein Selbstdarsteller ist er aber keineswegs. Seiner Zurückhaltung im Auftritt gelingt es nicht, sein loderndes Feuer für erfolgreiches Tun zu kaschieren. Er zeigt sich tief überzeugt, dass eine vermeintlich oder tatsächlich schwächelnde Wirtschaft eins ganz und gar nicht braucht: Miesmacher! „Wir beschäftigen uns stattdessen intensiv mit dem Potenzial der Großstädte auf der ganzen Welt. Innovation und Technologie eröffnen gewaltige Möglichkeiten!“

Mit dem Blick auf gute Erfolgsaussichten endete auch mein Gespräch mit dem Vorstandschef eines Weltmarktführers im Bereich Manufacturing. Zuvor diskutierten wir über steigende Löhne in China, die Vorteile „lokaler “ Produktion und deren Rückkehr nach Europa. Dann schob der Südeuropäer meine Espressotasse zur Seite, stellte ein Glas vor mich hin, goss Wasser ein und fasste die Führungskultur des Konzerns zusammen: „Unsere Gläser sind immer halb voll. Mindestens!“

Auch traf ich Wybcke Meier, CEO von Tui Cruises, einem Joint Venture von Tui und Royal Caribbean Cruises, nach der Carnival Corporation die zweitgrößte Kreuzfahrtgesellschaft der Welt. Nach kaum fünf Minuten war spürbar, warum sie diesen hart umkämpften Job bekommen hatte: Nachkommastellen im Kopf, analytisch stark, empathisch und partizipativ. Diese Frau verkörpert eine große gesellschaftliche Entwicklung, nämlich „Shebility“.

Keine Besessenheit gefragt

Das sind diese noch weiblich konnotierten Fähigkeiten, die Männern oft fehlen, aber in Zukunft in den Führungsetagen alternativlos sein werden. Diese Chefin ist mit einem unbedingten Willen ausgestattet, die Zukunft des Unternehmens, ja der Wirtschaft erfolgreich zu gestalten. Als der „Spiegel“ im Frühjahr vom Gewinneinbruch bei der Mutter schrieb, galt ihr Unternehmen als stabile Konzernsäule im Aufwind. Mit der Pleite des britischen Reiseveranstalters Thomas Cook endet die jahrelange Konkurrenz: Tui, deren Aufsichtsrat von Ex-Daimler-Chef Zetsche geführt wird, ist die Gewinnerin.

Während man sich hier bereits mit digitaler Zahlung befasste, kaufte Thomas Cook noch die aussterbende Gattung der Reisebüros. Während man dort nur zögerlich auf Zukunftsentwicklungen reagierte, setzte Tui auch auf das boomende Kreuzfahrtgeschäft. Und holte sich eine zukunftsmutige Chefin, die es reizt, an neuen Produkten mitzuwirken. Gerade plant Meier die nächsten Schiffe, die auch 2045 noch fahren werden: „Es ist entscheidend“, sagt sie, „heute die Gesellschaft von morgen und deren Ansprüche zu denken, noch wichtiger jedoch ist es, das mit Begeisterung und Offenheit zu tun!“

Was also macht Europas Wirtschaftsbosse so erfolgreich? Keiner meiner Gesprächspartner verzettelte sich in der von der UN kritisierten „Obsession“, dem fast manischen Blick auf Börsenkurse und Quartalsgewinne. Keiner ließ das Unwetter angezettelter Handelskriege oder gar medialer Stürme die eigene Agenda bestimmen. Blockiert sich Deutschland am Ende mit einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung, die ihr negatives Resultat aus sich heraus bewirkt?

Mit Zukunftsfreude gestalten

Die Köpfe, die ich traf, durchbrechen den Mechanismus mit einer Haltung, die auf Zukunft ausgerichtet ist. Damit verhindern sie, dass das Negativgetöse ihre Leute herunterzieht – ihre Mitarbeiter glauben nicht an düstere Vorhersagen und agieren somit nach vorn gerichtet. Die vielen Unternehmen, deren Lenker ich auf meiner Reise traf, handeln so, dass negative Prophezeiungen gerade nicht in Erfüllung gehen.

Wenn der bereits zitierte Immobilienexperte Alexander Gebauer etwa über 5G-Mobilfunk in China spricht, betont er die Chancen der Technologie für seinen Markt. Wieder also: Chancen sehen! Das genau ist die Haltung, die all meine Gesprächspartner eint. Und positive Optionen gibt es viele, ganz egal, ob es dabei um die Zukunft der Mobilität, der De-Urbanisierung, der Gesundheit, der neuen Bildung oder um den veränderten Verantwortungsanspruch der Menschen geht.

Vieles wird sich anders entwickeln, als selbst erfahrenste Branchen, etwa die der Automobilindustrie, es noch heute erwarten. Auch deswegen bringt uns Pessimismus nicht weiter, weil Firmenlenker nur mit unternehmerischen Kernwerten wie Zukunftsfreude, wir alle nur mit Offenheit, Mut, Kreativität und Zuversicht die Welt von morgen gestalten können. Wenn wir es denn tun!

Die drei Wochen des Austausches mit täglich bis zu fünf spannenden Persönlichkeiten haben mir einmal mehr gezeigt, dass eine solche zukunftsorientierte Einstellung alles andere als ein Tropfen auf den heißen Stein ist. Sie ist eher eine unterschätzte Welle, die den nächsten Aufschwung erst möglich macht.

Und alle können mitmachen: Wirtschaftsbosse, Gründer, Arbeitnehmer und Studenten. Krankenschwestern, Polizisten, Lehrer und Politiker. Alle können den Sprung wagen – und so viel Freude dabei haben wie meine kleine Tochter!

Prof. Bernd Thomsen, ist CEO der Thomsen Group, die führende globale Managementberatung mit Zukunftsexpertise. Er blickt mit seiner Tochter für das Handelsblatt regelmäßig in die Zukunft.

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