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Sabina Wachtel

Expertenrat – Sabina Wachtel Ist die Duz-Kultur die einzig richtige?

Ein familiäres „Du“ oder ein formelles „Sie“? Im Geschäftsleben ist die richtige Anrede entscheidend. Wie Manager peinliche Situationen vermeiden.
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Dabei ist das Duzen im Schwedischen ein recht junges Phänomen. Quelle: IMAGO
Bei Ikea gibt man sich heute gerne familiär

Dabei ist das Duzen im Schwedischen ein recht junges Phänomen.

(Foto: IMAGO)

Hierzulande ist die Frage nach der korrekten Anrede ein großes Thema. Wer schon einmal in schriftlicher Form zugleich eine Person mit „Sie“ und eine andere mit „Du“ adressiert hat, kennt grammatische Schmerzen, die denen einer schwierigen Geburt zumindest nahekommen. „Warum das alles?“, möchte man fragen.

Zunächst einmal sei mit einem Missverständnis aufgeräumt: Wir sind nämlich beileibe nicht die Einzigen, die formelle Anrede und persönliche Anrede wortreich unterscheiden – und auch nicht die Einzigen, die darauf Wert legen.

Jedoch sind wir die einzige westliche Sprachgemeinschaft, die man mit der falschen Anrede beleidigen kann. Und man kann viel falsch machen. Sehr viel. Wer von dem Mitarbeiter seiner Hausbank geduzt wird, und sei es nur im Newsletter, fühlt sich veräppelt. Wer am Tresen der Stammkneipe gesiezt wird ebenso.

Im Apple-Store wird jeder konsequent geduzt – Ikea-Kunden haben sich daran schon lange gewöhnt. Die Skandinavier sollen da ja ohnehin lockerer drauf sein: Ein kerniges „Hej“ in Verbindung mit dem Vornamen kann man da jedem entgegenschmettern, auch dem Vorstandvorsitzenden von Ikea beispielsweise.

Das war längst nicht immer so. Noch in jüngster Vergangenheit war die Frage nach der korrekten Anrede in Schweden strikt nach beruflichem Rang zu beantworten – noch wesentlich snobistischer als in Deutschland also und extrem schwierig, wenn man nicht genau weiß, mit wem man es zu tun hat.

Niederländisch hingegen ist da wirklich einfach. Man siezt, wen man zum ersten Mal trifft. Und zwar praktisch jeden. Wen man schon kennt, den duzt man, egal ob Arbeitskollege oder Kegelkumpel. Für Deutsche irritierend, klingt nur das „u“ („Sie“, gesprochen „ü“) dem Du so ähnlich, dass auch siezen irgendwie lockerer zu sein scheint.

Nun hat das Italienische beispielsweise noch eine zusätzlich hochformale Sie-Variante für Menschen, denen man mit ausdrücklichem Respekt begegnet. Nur in Englisch sind bekanntermaßen alle gleich.

Es sprechen natürlich auch wirklich viele Menschen Englisch. Das heißt, man muss das immer im Verhältnis sehen. Wenn sich auf eine Gruppe von 100 Personen alle Sprachen proportional zu den weltweit gesprochenen Sprachen verteilen würden, wären darunter fünf Personen, die Englisch muttersprachlich sprechen; 17 jedoch würden Chinesisch sprechen. Immerhin drei würden Bengali sprechen.

Das Duzen macht weder jünger noch hipper

Aber gut, wir wollen ja keine global einvernehmliche Lösung finden, sondern lediglich den Umgang im Business in Deutschland ein bisschen erleichtern – und manch einem die Peinlichkeit der unpassenden Anrede ersparen. Naheliegend: Wo doch ohnehin jedes zweite Wort ein Anglizismus ist, kann man doch auch ein paar weiter greifende sprachliche Gepflogenheiten übernehmen.

„Es macht Sinn“ – so sagt ja auch jeder, ganz egal, ob sich der Sinn im Deutschen eigentlich ergeben sollte. Man muss auch an die sozialen Medien, pardon: Social Media, denken: Facebook-Freunde ebenso wie Instagram-Follower werden konsequent geduzt – wie merkwürdig, im echten Leben plötzlich ins „Sie“ zu verfallen. Äh… Ist es das wirklich?

Kommunikationsstrategen raten gern zum „Du“ in der Kundenansprache. Es mag sich manch einer auf den Schlips (so er einen trägt) getreten fühlen. Der positive Effekt ist aber der weiter verbreitete: Werbung und Marketing suggerieren mit dem „Du“ persönliche Nähe. Und sie wissen ja auch wirklich viel.

Meinungen, Wünsche, Neigungen – wir sind, wenn wir uns im Netz einigermaßen frei bewegen, ein offenes Buch für diejenigen, die uns etwas verkaufen wollen. Nähe, Vertrauen, Familiengefühle sind Begriffe, die man in der Kommunikationsabteilung gern mitnimmt.

Aber heißt das am Ende, dass die Duzwelt die einzig mögliche ist? Verhalten wir uns tatsächlich spröde-distanziert, wenn wir jemanden höflich siezen? Muss jeder unter 70 wirklich beim „Sie“ sofort den Haaransatz auf Grau überprüfen, die Marke der Anti-Aging-Creme wechseln und den Zumba-Kurs buchen?

Liebe alle, kann ich da nur sagen: Respekt ist keine Frage des Alters. Vielerorts mag sich eine Duzkultur durchsetzen oder schon durchgesetzt haben. Wo es passt, ist das ja auch schön – heimelig, familiär, freundschaftlich. An anderer Stelle hat das „Sie“ aber seine Berechtigung. Und Sie werden sehen: Das bleibt auch so.

Der Versuch, durch hippe Anredeformen jünger zu wirken, wird auf lange Sicht fehlschlagen. Was zählt ist: Integrität, Stimmigkeit im Auftreten, Souveränität im Umgang. Und dazu gehört auch, im Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen praktikable Kommunikationswege zu finden.

Sabina Wachtel berät Manager in Sachen Rhetorik und Auftreten. Sie ist Inhaberin von ExpertExecutive mit dem Label ManagerOutfit. Außerdem ist sie Autorin und TV-Expertin für Dresscode und Style.

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