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Eike Wenzel

Expertenrat – Eike Wenzel Big Food im Wandel: Wie unsere Nahrungsmittel in Zukunft aussehen

Der Klimawandel zwingt die Nahrungsmittelriesen zum Umdenken. Doch echte Innovation und Greenwashing sind schwer zu unterscheiden. Die Politik muss handeln.
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Die Art der Nahrungsmittelproduktion ist auch eine Frage der Politik. Quelle: dpa
Bauernprotest vor dem Europäischen Parlament

Die Art der Nahrungsmittelproduktion ist auch eine Frage der Politik.

(Foto: dpa)

Wir müssen unser gestörtes Verhältnis zur Natur korrigieren. Nur so können wir Klimawandel und Artensterben noch aufhalten. Die Ökos und Weltverbesserer hatten recht (trotz ihrer rechthaberischen Penetranz). Nur im Einklang mit der Natur können wir weiter gestalten und zugleich die Zukunft des Planeten sichern.

Der Soziologe Hartmut Rosa macht eine interessante Beobachtung, wenn er sagt: „Die spirituelle Unabhängigkeitserklärung gegenüber der Natur hat offensichtlich zu einem Naturverhältnis geführt, das nicht durch Beherrschung, sondern durch wechselseitige Bedrohung gekennzeichnet ist: Die Natur erscheint als das Bedrohte und dadurch Bedrohliche zugleich.“

Scheinbar konnten wir uns in der Moderne durch unser Fortschrittsmodell von allen Bedingtheiten frei machen, denn alle Ressourcen (Natur, Fortschritt, Wachstum, Geld) standen offenbar in unbegrenzter Menge zur Verfügung. Welch ein Irrtum.

Die Illusion des nie versiegenden Ressourcenreichtums und des ungebremsten Wachstums hat nicht mit der „Dialektik der Aufklärung“ gerechnet: Indem wir die duldsame Natur jahrhundertelang ausbeuteten, wurde sie zur bedrohten Größe.

Und jetzt, wo sie als willfährige Ressource erschöpft scheint, bedroht sie uns in unserer Existenz und in unseren Freiheitsansprüchen.

Gesucht: eine Regierung mit klimapolitischem Überblick

Was wir brauchen, um aus dieser Krise – angewandt auf das Gebiet der Landwirtschaft – herauszukommen, sind zwei tendenziell widerstreitende Realitätsblöcke, die wir in Einklang bringen müssen: nachhaltige Agrar- beziehungsweise Ernährungstrends und die regierungspolitische Handlungsebene.  

Wir brauchen ein neues Denken über die Erzeugung von Nahrungsmitteln. Vieles ist in den vergangenen 40 Jahren dafür schon vorgedacht worden. Momentan konkretisiert sich das vor allem in vielen interessanten Konzepten der regenerativen Landwirtschaft. Ja, ich weiß, es gibt Precision Farming oder Digital Farming. Auch das wird uns weiterhelfen und unsere Produktion effektiver und frei von Chemie machen. Aber wichtiger ist, dass wir global eine Wende zu neuen Bodenqualitäten hinbekommen.

Und dann brauchen wir – endlich – ein Problembewusstsein von Gesellschaft und Politik, dass Wirtschaft, Unternehmen und die Landwirte vor Ort diesen Wandel nicht im Alleingang bewältigen können. Wirtschaftsunternehmen, wie es landwirtschaftliche Betriebe nun einmal sind, werden immer auf besseren Abverkauf und Vermarktungsvorteile schielen, das werden wir so schnell nicht ändern.

Deshalb brauchen wir eine Politik, die den klimastrategischen Überblick hat (die GroKo hat ihn längst nicht mehr), und Strukturen für realistische Ziele in der Landwirtschafts- und Klimapolitik entwirft.

Nur wenn agrar- und ernährungswissenschaftliche Expertise mit einer zukunftsoffenen Regierungspolitik ins Tun kommt, verhindern wir unproduktives Greenwashing (das Schönreden von pseudo-ökologischen Maßnahmen), das an vielen Stellen droht, kluge Zukunftsideen wie die regenerative Landwirtschaft zu diskreditieren.

Vereinfacht gesagt, zielt die regenerative Landwirtschaft auf eine Neubalancierung des Kohlenstoffhaushalts, indem Kohlendioxid in Form von Humus im Erdboden gebunden wird. Regenerative Landwirtschaft ermöglicht aber auch Regeneration von Nährstoffgehalten, die sich in der Gesundheitsqualität der Produkte niederschlägt. Mit einem Wort: Wir müssen es schaffen, gesunden Humus auf unseren Feldern wiederaufzubauen.

 Das Ende von Big Food, wie wir es kennen

Aber was hat das mit Greenwashing und der Krise von Big Food zu tun? Große Ansagen zur Rettung der Welt und die Einsicht in die Notwendigkeit einer radikalen Neuorientierung in der Nahrungsmittelerzeugung finden mittlerweile in jedem Headquarter der Food-Konzerne Beachtung.

Jüngst bekannte beispielsweise der Danone-Chef Emmanuel Faber: „Das Nahrungsmittelsystem, das wir im letzten Jahrhundert aufgebaut haben, ist eine Sackgasse für die Zukunft. Kurz gesagt, wir haben den Kreislauf des Lebens durchbrochen.“

Big Food ist wahrlich in „big trouble“. Und zwar schon seit gut fünf Jahren. Die Umsätze in bewährten Produktkategorien wie Convenience und Tiefkühlkost rasseln seitdem in den Keller. Allein 2014 verlor die US-Food-Industrie vier Milliarden US-Dollar im Segment „Packaged Food“ an Bio- und Frischeprodukte. Zwischen 2009 und 2015 verloren die Top-25-Lebensmittelimperien Marktanteile im Wert von 18 Milliarden US-Dollar.

Das Internet hat beim Thema Ernährung – entgegen seiner Tendenz zur Delegitimierung von Demokratie und Emanzipation – für eine kritische Masse an NGOs, Bürgerbewegungen und interessierten Individualisten gesorgt, die im vorherrschenden Ernährungssystem schlicht nicht mehr mitmachen wollen.

Tatsächlich erlebt Big Food seit circa 2014, von den USA und zunehmend kritischen und misstrauischen Konsumenten ausgehend, eine ernsthafte Existenzkrise. Das Ganze kulminierte vor zwei Jahren in dem Austritt von Fertigsuppen-Ikone Campbell aus der mächtigen Grocery Manufacturers Association (GMA).

Im vergangenen Jahr folgten mit Unilever, Cargill, Kraft Heinz, Mars, Dow DuPont und vielen anderen quasi die kompletten Top 10 der US-Ernährungswirtschaft. Die kritischen Konsumenten, das stellten die PR-Truppen von Big Food selbst fest, haben sich so weit von Big Food entfremdet, dass etwas passieren musste. Zukunft lässt sich mit den Altlobbyisten von der GMA jedenfalls nicht gestalten.

Ein Signal für das Erwachen von Big Food ist das Engagement der Nestlés, Danones, General Mills, Cargills und anderer auf dem Gebiet der regenerativen Landwirtschaft. Eine neue, ökologischere Form der Landbewirtschaftung, die darüber hinaus dabei hilft, den Klimafeind Nummer eins, Kohlendioxid, aus der Atmosphäre zu entziehen – was könnte es Besseres geben?

Man muss kein Zyniker sein, um schnell zu erkennen, dass damit jedoch auch enorme geldwerte Vorteile für die etablierte Ernährungsindustrie einhergehen würden: Man startet einfach den Prozess einer globalen regenerativen Landwirtschaft und braucht ansonsten am System nichts zu verändern.

Big Food könnte fast genauso weiter produzieren wie bislang, im gleichen Umfang weiter Fleisch auf den Weltmarkt werfen, und wir Verbraucher müssten unseren Lebensstil nicht verändern, da ja das neue Paradigma der Landwirtschaft Kohlendioxid schluckt. Wirklich?

General Mills, weltweit sechstgrößter Lebensmittelproduzent, begann bereits 2016 mit einem Projekt der regenerativen Landwirtschaft auf der Harri’s Ranch in Georgia. Dort werde die Mehrheit des produzierten Kohlendioxids durch den regenerativen Boden gebunden, erklärte zumindest General Mills. Nachprüfbare Zahlen und wissenschaftliche Dokumentationen sind bislang jedoch noch nicht veröffentlicht worden.

Was bei aller Euphorie offenbar in Vergessenheit geriet: Jeder Boden ist anders (Topografie, mineralische Zusammensetzung), und die Aufnahmekapazitäten des Bodens für Kohlendioxid sind endlich. Darüber hinaus gehen seriöse Schätzungen mittlerweile davon aus, dass die Kohlendioxidminderung niemals die von der Hype-Fraktion aufgerufene Zahl von einer Billion Tonnen Kohlendioxid erreichen wird.

Auch Prognosen von 322 Milliarden Tonnen Kohlendioxid sind kaum nachvollziehbar und setzten voraus, dass die komplette weltweite Ackerfläche künftig mit regenerativer Landwirtschaft betrieben würde.

Vom exploitativen zum regenerativen Konsum

Also alles nur ein Bluff, alles wieder einmal nur Greenwashing? So einfach ist es nicht. Für mich ergeben sich hieraus vier Lehren:

  1. Über den Wert und die Einsatzmöglichkeiten von regenerativer Landwirtschaft für eine zukunftsfähige Klimastrategie können wir erst dann entscheiden, wenn wir weitere Erkenntnisse darüber gesammelt und vor allem zusätzliche Projekte an den Start gebracht haben. Erkenntnisse müssen vor allem darüber gewonnen werden, ob regenerative Landwirtschaft tatsächlich ein Schlüsselinstrument bei der Dekarbonisierung des Agrarsektors ist oder ob ihre Potenziale nur vorübergehende Entlastung schaffen und andere Ansätze stärker in den Vordergrund gestellt werden sollten.

  2. Für die Zusammenarbeit mit großen Unternehmen im Sinne einer nachhaltigen Klimapolitik können wir vor allem eines ableiten: Damit die Danones und Nestlés die Art und Weise, wie sie Produkte herstellen, tatsächlich nachhaltig verändern (und nicht nur wortreich darüber reden), brauchen wir eine handlungsfähige Klimapolitik. Nur aus Politik und Gesellschaft können die Entscheidungen und Richtlinien kommen, die ein neues landwirtschaftliches Paradigma zur Norm machen können. Und nur wenn diese „neue Normalität“ in Gesetzen und Ablaufplänen verankert ist, können profitorientierte Unternehmen mutig und zielgerichtet in neue Produktionsformen und Technologien investieren. Ihr Auftritt, Frau Klöckner!

    Als abschreckende Beispiele sei an dieser Stelle auf die so heldenhaft anmutenden Vorstöße von Nike oder Walmart hingewiesen, Dinge wie die weltweite Waldvernichtung zu verhindern. Das Lancieren engagierter Projekte zahlte hierbei auf die Marke ein, ohne dass tatsächlich etwas getan werden konnte. Dafür braucht es staatliches Handeln, also die ach so bösen und freiheitsberaubenden Verbote und Regulierungen.

  3. Mit Sicherheit werden wir durch die erwähnten Projekte regenerativer Landwirtschaft jedoch nicht die sich anschließende Kohlendioxidproduktion beim Transport, der Verpackung, der Verfeinerung und dem Recycling von Lebensmitteln verhindern. Auch hier zeigt sich nochmals, dass es nicht ohne integrative Ansätze im Kampf gegen den Klimawandel geht: Politik und Wirtschaft müssen dabei mit klarer Rollenaufteilung agieren – die Politik setzt die Leitplanken für wirtschaftliches Innovationshandeln.

Aus dem Gesagten müsste deshalb auch die vierte Lehre klar geworden sein, dass wir an der Änderung unseres Lebensstils nicht vorbeikommen. Wir müssen unser gestörtes Verhältnis zur Natur in Ordnung bringen. Und das bedeutet, dass wir Natur und Ernährung komplett anders begreifen müssen. Vom exploitativen zum regenerativen Konsum.

Dr. Eike Wenzel gilt als einer der renommiertesten deutschen Trend- und Zukunftsforscher. Er ist Leiter des Instituts für Trend- und Zukunftsforschung (ITZ) und Leiter des Studiengangs „Trend- und Nachhaltigkeitsmanagement“

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