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Eike Wenzel

Expertenrat – Eike Wenzel Das sind die Trends auf dem Weg zur Stadt der Zukunft

Mehr als die Hälfte des städtischen Raums gehört den Autos. Um viele ökologische und soziale Probleme zu lösen, müsste sich das dringend ändern.
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In Paris machen Autos Platz für Pflanzen. Quelle: AFP
Place de la Republique in Paris

In Paris machen Autos Platz für Pflanzen.

(Foto: AFP)

„Deutschland sucht einen Rettungsplan für die Autoindustrie“ , das klingt nach Trash-TV und Gesellschaftsspiel, aber nicht nach konsequentem Handeln. Und es kommt hoffnungslos verspätet: Wenn du nicht mehr weiter weißt, gründe einen Arbeitskreis: Eine solche Auto-Taskforce hätte vor zehn oder fünfzehn Jahren eingerichtet werden müssen.

Das fröhlich-zukunftsvergessene Dilettieren der Berliner Regierungskoalition bringt Baden-Württembergs Ministerpräsidenten Kretschmann auf die Palme. Während ein merkwürdig zusammengesetzter automobiler Expertenausschuss seit Monaten öffentlichkeitswirksame Kringel um einen konkreten Maßnahmenplan dreht, haben andernorts der Realität zugewandte Akteure, die die Mobilitätswende in ihrem alltäglichen Tun beschäftigt, längst mit der Zukunft begonnen.

Gemeint sind Städtebauer, Architekten und Infrastrukturplaner, die nicht auf die dürren Informationen des vermeintlichen Spitzenausschusses warten können und längst tiefer in die Materie unser (auto-)mobilen Zukunft eingedrungen sind. Auf die vorfahrenden Limousinen der Automobilisten und Regierungsbeamten können sie nicht warten. Sie arbeiten längst an der sozial-ökologischen Transformation unserer Städte.

Es geht mir nicht darum, den Städten anstelle von nationalen und transnationalen Maßnahmen die Handlungsverantwortung für das Generalmanagement des Klimawandels zu übertragen. Ganz im Gegenteil. Wir können den Klimawandel und die damit verbundene Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft nur durch übergeordnetes Handeln in den Griff bekommen.

Trotzdem brauchen wir auch die Initiativen aus den Städten und Kommunen. Gerade in den Städten sind die Auswirkungen des Klimawandels deutlich zu spüren. Selbst nordeuropäische Metropolen leiden im laufenden Sommer unter extremen Temperaturen.

Mehr als die Hälfte der Menschen leben mittlerweile in Städten. Nicht weniger als 80 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts wird dort erzeugt. Aber auch 70 Prozent des CO2-Ausstoßes und 60 bis 80 Prozent der Energienutzung gehen auf die urbanen Zonen zurück. In den Städten entscheidet sich unsere Zukunft. Und viele Metropolen dieser Welt handeln schon seit einiger Zeit entschlossen und mit kreativen Maßnahmen. Einige Beispiele

Paris: Solar, Bäume und weniger Platz für Autos

Klimawandel und Hitzerekorde fordern neue städtebauliche Ansätze in urbanen Zonen unserer Welt. In einer Stadt wie Paris entstehen neue Bezirke zuerst, indem Parkanlagen gebaut, um die herum die Wohnquartiere entworfen werden. Ohne den „ökologischen Rahmen“ lassen sie sich nicht mehr verkaufen, klagen Immobilienhändler.

40 Prozent der Neubauten in Paris müssen mit Solardächern ausgestattet werden. Auf großen Plätzen wie dem Place de la Bastille werden Fahrwege für Autos zurückgebaut und den Passanten zurückgegeben. Der Klimawandel wird als Herausforderung für eine große urbane Lebensstil-Transformation angesehen, die Geld kostet und in der die Autos keine große Rolle mehr spielen: In der Region werden deshalb in den nächsten Jahren 68 neue Bahnhöfe für 34 Milliarden Euro gebaut.   

San Francisco: Neues Lebensgefühl statt 440.000 Parkplätzen

In den USA stehen für jeden angemeldeten Pkw vier Parkplätze zur Verfügung. In amerikanischen Innenstädten ist 50 bis 60 Prozent der Fläche für den Autoverkehr reserviert. Drastischer kann man die Kapitalvernichtung von städtischem Raum nicht beschreiben. In Hotspots wie San Francisco oder Columbus, Ohio, existieren konkrete Pläne, wie zum Beispiel das autonome Fahren die Vorherrschaft des Autos beenden könnte. Eine aktuelle Studie des Rocky Mountain Institute geht davon aus, dass in zehn Jahren der „Peak Car“ erreicht sein wird und Pkw (allen voran benzinbetriebene) nicht mehr bezahlbar sind.

San Francisco downtown möchte eine Innenstadtwüste aus 440.000 Parkplätzen in ein neues städtisches Lebensgefühl verwandeln. Die Verkehrsverantwortlichen sind fest davon überzeugt, dass die Zahl an Menschen, die momentan täglich in die Stadt einpendeln, zukünftig von einem Zehntel der heute vorhandenen Fahrzeuge transportiert werden. Autofahren ist hier nach wie vor zu günstig, Wohnen in der Stadt für die meisten zu teuer.

London: Hoffnung auf 5.000 Hektar

Für die im Verkehr erstickende Innenstadt von London gibt es faszinierende Pläne, anhand von selbstfahrenden Autos und Bussen der Autofahrergesellschaft städtischen Raum abzunehmen und beispielsweise für neuen Wohnraum zu verwenden. Die Autoren gehen davon aus, dass sich über die Durchsetzung des autonomen Fahrens (vor allem als Erweiterung des ÖPNV) sage und schreibe 50 bis 70 Prozent (rund 5.000 Hektar) des innerstädtischen Raums den Bürgerinnen und Bürgern zurückgegeben werden können. Ließe sich der frei werdende Raum bebauen, entstünden Immobilienwerte im zweistelligen Milliarden-Dollar-Bereich.

New York: Radwege kurbeln Handel an

Städte, in denen fußläufige Mobilität gefördert wird, sogenannte walkable cities, beschleunigen – das haben vor allem Untersuchungen in den auto-fixierten USA ergeben – den sozio-ökologischen Wandel des urbanen Lebens und versprechen darüber hinaus Wertsteigerungen auf dem Immobilienmarkt.

Beträchtliches Wagniskapital fließt in den USA mittlerweile gezielt in walkable cities. Und seit der Weltwirtschaftskrise im Jahr 2008 ziehen die Preise vor allem dort an. Vororte, die mindestens ein Auto voraussetzen, können damit nicht mehr konkurrieren.

So entsteht aus dem Autobesitz die neue Transport-Ökonomie des Zugangs. Der Flächenklau könnte eine neue Innenstadtkultur ausprägen, die den deutschen Autobauern definitiv nicht mehr die Mobilitätskultur des vergangenen Jahrhunderts zurückbringt, jedoch für alternative Wertschöpfung sorgt.

Weniger Autos, weniger Straßen, weniger Parkplätze, verdichtete Architektur in auf neue Weise gemischten Quartieren (leben, arbeiten, konsumieren). Neue innerstädtische Intensitäten, in denen es sich nicht nur zu leben lohnt, sondern in der auch das Zehnfache an Steuereinnahmen erzielt wird und 38 Prozent weniger Infrastrukturkosten anfallen.

Autofreie Städte und Innenstädte waren übrigens noch nie die Totengräber des stationären Handels. Ganz im Gegenteil. Laut einer Studie der European Cyclists‘ Federation (ECF) geben Autofahrer pro Einkauf zwar mehr aus. Dafür kommen Radfahrer aber öfter in die Geschäfte und geben pro Woche insgesamt mehr Geld aus als Autofahrer. Und sie sind treuere Kunden, da sie ihre Einkäufe überwiegend lokal tätigen.

Darüber hinaus unterschätzt der Handel der Studie zu Folge den Anteil an Radfahrern unter den Kunden. Das automobile Über-Ich unserer Gesellschaft produziert erstaunliche Fehlwarnehmungen: Laut ECF rechnet der Handel mit sechs Prozent Radfahrern und 41 Prozent Autofahrern. In Wirklichkeit sind aber fast doppelt so viele Radfahrer unter den Kunden (zehn Prozent) und nur gut die Hälfte an Autofahrern (22 Prozent).

In New York City wurde in den vergangenen Jahren eine Menge sichere Radwege gebaut. Das Resultat ließ sich schnell ablesen, der stationäre Handel wurde dadurch in kürzester Zeit angekurbelt: Geschäfte auf der 9th Avenue zwischen 21. und 23. Straße meldeten ein Umsatzwachstum von 49 Prozent (Zuwachs im gesamten Bezirk: drei Prozent).

Portland und Melbourne: 20-Minuten-Metropolen

Sogenannte 20-minutes-neighbourhoods, wie sie in Metropolen wie Portland (USA) oder Melbourne (Australien) seit Jahren entstehen, treiben den sozialen und ökologischen Wandel voran (und schaffen neue Kommunikationswege und Bindungsenergien zwischen gesellschaftlichen Schichten in Zeiten der Politikverdrossenheit). Jede wichtige Einrichtung soll in den 20-minutes-neighbourhoods für die Bürgerinnen und Bürger innerhalb von 20 Minuten erreichbar sein.

Gent: gesperrte Auto-Durchgangrouten

Im belgischen Gent wird der Autoverkehr durch die Bevorzugung anderer Mobilitätsoptionen gebremst. An drei neuralgischen Punkten der Stadt wurden automobile Durchgangsrouten kurzerhand abgeschnitten. Nur noch Krankenpfleger, Busse und Taxis kommen durch, allen anderen drohen Bußgelder in Höhe von 55 Euro – (für die Einhaltung des Fahrverbots sorgen Anzeigentafeln und Kameras). Seit Einführung des Plans ist die Autonutzung in der Stadt um zwölf Prozent gesunken, dafür gibt es 25 Prozent mehr Radfahrer, und in der abendlichen Rushhour wird der ÖPNV 28 Prozent mehr genutzt als vorher.

In Deutschland erlebt der ÖPNV seit einiger Zeit einen erstaunlichen Boom. Gerade die Menschen in den Ballungsräumen möchten etwas tun und verändern ihr Mobilitätsverhalten. Wenn die Leute wirklich umsteigen sollen, gibt es nur zwei effektive Mittel: das Autofahren teurer machen oder das Bahn- und Busfahren besser. Nur umsonst reicht nicht. Eine ökologisch-digitale Vorzeigestadt wie Tallinn hat es geschafft, in Zentrum und Altstadt den Autoverkehr zu minimieren – jedoch nicht nur durch den kostenlosen ÖPNV, sondern weil man innerstädtisch die Parkgebühren drastisch erhöhte. Doch dieses Problem wird wohl bald der Vergangenheit angehören. Und die Planungen in Estland gehen längst über die Hauptstadtgrenzen hinaus. Ab Juli werden die staatlich subventionierten überregionalen Buslinien ebenfalls kostenlos unterwegs sein. Für alle, auch für Besucher aus dem Ausland. Estland wird das erste Land der Welt mit kostenlosem öffentlichem Verkehr sein.

Barcelona und Tokio: auf Gleisen und Zweirädern in die mobile Zukunft

Dass Umdenken in den Metropolen auf digitale Technologie bauen kann, beweist unter anderem Barcelona: Die Daten für ein bürgernahes Busnetz kommen aus dem Smart-City-Programm. Als andere Städte noch mühsam Internet der Dinge buchstabieren lernten, hatte Barcelona schon die Grundlagen für das Internet der Dinge geschaffen: 500 Kilometer Glasfaserkabel, frei zugängliches Wi-Fi und 12.500 Sensoren, die Wetter- und Verkehrsdaten sowie Informationen über die Luftqualität oder den Füllstand der Müllcontainer sammeln. Als eine der ersten europäischen Städte wird Barcelona auch bei der Mobilfunktechnologie 5G Vorreiter sein. Der neue Standard ist Grundlage vieler Verkehrsprojekte, etwa mit selbstfahrenden Pkw.

Umweltbewusste Radler werden an den neuen Radwegen mit einer Anzeige des durch sie eingesparten CO2-Ausstoßes belohnt. Dem symbolischen Dankeschön soll ein geldwertes folgen. Als eine von sechs Städten nimmt Barcelona am europäischen Programm MUV teil, das über smarte Technologien mehr Menschen zum Umstieg auf umweltfreundliche Fortbewegungsmittel bewegen will. 

Teilnehmer melden sich über eine App an, die dann Daten zum Verkehrsverhalten des Nutzers an eine von Barcelonas Umweltstationen übermittelt. Steigt der Teilnehmer vom Auto aufs Fahrrad um oder geht er künftig zu Fuß, erhält er dafür Vergünstigungen in den umliegenden Geschäften. 

Alles keine bodenlosen Utopien, sondern konkrete Projekte – die jedoch alle von einer Zukunftswelt ohne den verkehrspolitischen Dinosaurier Automobil ausgehen. Das gerne angeführte Argument, diese mobilen Wolkenkuckucksheime könne man vielleicht in Kopenhagen und kleineren Marktflecken bauen, zieht übrigens schon lange nicht mehr. In Tokio, der größten Stadt der Welt, wird gerade für die Olympischen Spiele im kommenden Jahr das U-Bahnnetz massiv ausgebaut und so eine Menge Autos von den Straßen genommen. Die Mehrzahl der Menschen pendelt jetzt auf Gleisen zur Arbeit. 60 Prozent der motorisierten Fahrzeuge, die sich heute noch über die Straßen bewegen, transportieren keine Personen, sondern Güter. Mehr als ein Fünftel der 20 Millionen Pendler in der japanischen Hauptstadt sind mit dem Fahrrad unterwegs, um zur nächsten Bahnstation zu gelangen – doppelt so viele wie in Berlin (einige Vororte Tokios erreichen sogar einen Wert von 30 Prozent). Automobilität spielt für den urbanen Lebensstil von morgen keine Rolle mehr.

Mehr: Die GroKo ist am Ende, dafür hätte es nicht den Rücktritt von Andrea Nahles gebraucht. Vor allem die Klimakrise wird für die Politik zum Stolperstein.

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