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Eike Wenzel

Expertenrat – Eike Wenzel Die Digitalisierung, wie wir sie kennen, ist nichts als Pseudo-Disruption

Die Digitalisierung hat bislang vor allem unsere Komfortzone als Konsumindividualisten erweitert. Es wird endlich Zeit, die Welt zu verändern.
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Die Digitalisierung kann mehr, als nur unseren Konsum zu befriedigen. Quelle: AFP
IPhone von Apple

Die Digitalisierung kann mehr, als nur unseren Konsum zu befriedigen.

(Foto: AFP)

Die Digitalisierung geht in die nächste Runde. Es geht künftig nicht mehr darum, alte Produkte oder Geschäftsmodelle (Schallplatte, Kaufhaus, Bankschalter, Buchladen) ins Internet zu verfrachten. Alles „nice to have“: Aus dem analogen Handel wurden digitale Dienstleistungen, die uns alle begeisterten. Konzerne wie Amazon und Apple avancierten dadurch zu den reichsten Unternehmen der Welt. Zu gesellschaftlichem Reichtum und der Problemlösungskompetenz unserer Gesellschaft haben sie indes wenig beigetragen.

Die Digitalisierung hat bislang vor allem unsere Komfortzone als Konsumindividualisten erweitert. Immer treffsicherer finden wir via Suchmaschine die Spezialklinik für unsere Zipperlein, während der Klimawandel gerade die Natur verändert, Ernten ruiniert und Migrationsbewegungen in Gang setzt.

„Kunden, die diesen Turnschuh kauften, interessierten sich auch für diese Hose“ – unterdessen votierten die Briten für den Brexit und der Rechtspopulist Donald Trump gewann über Facebook und Twitter die US-Wahlen. Während wir auf Spotify auch noch den abseitigsten Song browsen, verpassen wir die Energiewende und haben immer noch keine neue Batterietechnologie als die Lithium-Ionen-Akkumulatoren entwickelt.

Die ach so disruptiven Innovationen der Digitalisierung der vergangenen zehn Jahre schlagen sich im Bruttosozialprodukt nach wie vor kaum nieder. IT liegt mit einem weltweiten Wertschöpfungsanteil von gerade einmal sechs Prozent weit hinter den Sektoren Produktion (17 Prozent), Gesundheit (10 Prozent) und Energie (8 Prozent).    

Ist das wirklich alles, was die sogenannte digitale Revolution an Problemlösungskompetenz zu bieten hat? Die Erderwärmung beschleunigt sich, Plastikmüll erstickt die Meere, Innenstädten geht die Atemluft aus, unsere Demokratie geht vor die Hunde, tumbe Social-Media-Stammeskulturen ersetzen Informationen und Weltbezug.

Vielleicht sollten wir die Digitalisierung, wie wir sie kennen, schnell ad acta legen. Ihre verheißenen Disruptionen haben sich lediglich als kommode Systemoptimierungen unseres Konsumlifestyles herausgestellt. Neuen Technologien wie Vernetzung, künstliche Intelligenz, selbstlernende Software, Sensorik, Big Data, Virtualisierung und auch die Automatisierung bieten jedoch Chancen, die über die selbstgefällige Konsumoptimierung weit hinauszugehen.

Ich denke, angesichts der globalen Herausforderungen durch Megatrends wie Klimawandel, Ungleichheit, Energie- und Mobilitätswende bleibt uns schlicht keine andere Wahl, als diese neue Technologien endlich in ihrem emanzipativen Potenzial zu erkennen und – statt der wohlfeilen „Disruption“ unserer Konsumbefindlichkeit – daran zu gehen, die Welt zu verändern.

Ich will die sich auftuenden Möglichkeitsräume kurz anhand von drei Schlüsselmärkten skizzieren: 

1. Mobilität: Das Problem ist nicht der richtige Antrieb, sondern der Besitz von Mobilität – autonome Mobilität schafft private Mobilität ab

Der Hype um die Elektromobilität und Elon Musks Gigafactories hat uns den Blick auf eine wirklich bahnbrechende Mobilitätswelt verstellt. Laut einer Berechnung des MIT müssten allein in den USA mehr als 150 Gigafactories gebaut werden (von welchem Geld? Wer ist dazu in der Lage?), um den Anteil der Elektromobilität am gesamten Verkehrsaufkommen in den USA auf 20 bis 30 Prozent anzuheben. VW geht von 40 Gigafactories aus, um bis 2025 den Markt der Elektrofahrzeuge in Gang zu bringen.

Das sind „low hanging fruits“ angesichts dessen, was Schadstoffkonzentration in den Innenstädten und allgemeine CO2-Belastung durch Verkehr als disruptive Herausforderung eigentlich an Lösungen von uns verlangen. Szenarien, wie sie beispielsweise die Stanford-Forscher um Tony Seba entworfen haben, würden es durch autonome Mobilität (und solarbetriebene Elektrofahrzeuge) gestatten, die weltweite Zahl von Pkws bis 2030 auf 30 Prozent des aktuellen Bestands zu reduzieren.

Und in einer Welt, die dann ohne Staus, ohne nervige Parkplatzsuche und ohne Zeitverluste auskäme, würde laut Studie der US-Bürger mit einer Billion US-Dollar (!) an zusätzlichem Einkommen belohnt – schlicht weil niemand mehr ein Auto besitzen müsste.

Autonomes Fahren wird unsere Welt aber tatsächlich nur dann fundamental verändern, wenn wir uns in Sachen Mobilität vom Privatbesitz verabschieden. Klar, dass die Autobauer das nicht gerne hören. Sie beteuern, dass sie am Thema autonomes Fahren dran seien. Keine Diskussion jedoch darüber, dass damit das eigene Geschäftsmodell endgültig im Mülleimer der Geschichte landete und wir uns ein neues Mobilitäts-Mindset aneignen müssten.

Nur wenn wir selbstfahrende Mobilität – etwa in Form von Robo-Taxis oder Kleinbussen, die Teil des ÖPNV sind – künftig als kollektive Mobilität organisieren, wird daraus eine substanzielle Innovation. Klar ist auch, dass sich in einem solchen Szenario die ungelöste Frage der CO2-Emissionen im Verkehr (der einzige Sektor in Europa, der nach wie vor ansteigende Emissionen produziert) mit einem Schlag beantworten ließe. 

2. Gesundheit: Künstliche Intelligenz überflügelt den menschlichen Blick und macht Medizin effizienter und personalisierter

Mit selbstlernender Software ausgerüstete Computer am Deutschen Krebsforschungsinstitut in Heidelberg (DKFZ) diagnostizieren Hautkrebs schon heute wesentlich zuverlässiger als ausgewiesene Experten (95-prozentige statt 86-prozentige Trefferquote). Auch die schrecklichen Fehldiagnosen, bei denen Krebs diagnostiziert wird, aber bei einem zweiten Kontrollblick nicht nachweisebar ist, lassen sich mithilfe künstlicher Intelligenz besser ausschließen.

Automatisierte Diagnoseverfahren wie die von Kheiron Medical werden künftig den (teureren) zweiten Blick des menschlichen Experten ersetzen. Das britische Start-up viz.ai verwendet maschinelles Lernen, um Anomalien in Gehirnscans zu identifizieren, die selbst erfahrene Ärzte nur schwer erkennen. Das könnte die Zahl der Schlaganfälle – in den USA die dritthäufigste Todesursache – deutlich reduzieren.

Zwischen 2001 und 2018 sind die Kosten für eine Gensequenzierung von 98 Millionen Dollar auf läppische 1.000 Dollar gesunken. Das ist deshalb so wichtig, weil dadurch endlich der Weg zur personalisierten Medizin frei wird.

Jede Krebsform ist bei jedem Patienten anders ausgeprägt. Mittels Gensequenzierung erhalten Krebspatienten individuell abgestimmte Therapievorschläge. Eine Forschergruppe der Berliner Charité legt im Computer ein molekularbiologisches Double des Patienten an und lässt die Software testen, welches Medikament das beste ist.

3. Landwirtschaft: Mit künstlicher Intelligenz pestizidfreie Landwirtschaft möglich machen

Zu diesem enormen Möglichkeitsraum des anstehenden technologischen Wandels gehört – das wird einige überraschen – auch die Landwirtschaft. Wir müssen in den nächsten Jahren konsequent die klimabelastende Landnutzung durch intelligente Technologienutzung ersetzen. Das haben Menschen, seit vor 12.000 Jahren mit der Landwirtschaft begonnen wurde, schon immer gemacht. 

Vertical Farming (Wasser, Nährstoffe und LED-Licht) und Aquaponik (Fisch- und Pflanzenzucht) werden bis ins Jahr 2030 hier neue Lösungen liefern. Ein Beispiel ist das Start-up Square Roots, das in der ehemaligen Fabrik des Pharmaherstellers Pfizer in Brooklyn Gemüse in Containern züchtet. Jeder der 30 Quadratmeter umfassenden Container produziert dabei mehr als 50 Pfund Blattgemüse jede Woche und braucht dafür nur acht Gallonen Wasser pro Tag. 

Anders als bei der Feldwirtschaft läuft die Produktion 365 Tage im Jahr, sieben Tage die Woche, 24 Stunden am Tag – und Lebensmittel werden dort produziert, wo sie auch konsumiert werden: in der Stadt.

Anderswo ersetzt künstliche Intelligenz die Chemiekeule. Eco Robotix aus der Schweiz hat kürzlich erfolgreich einen ersten Feldversuch absolviert: Der von dem Start-up entwickelte 130 Kilogramm schwere, solarbetriebene Unkrautvernichtungsroboter arbeitet ohne Fahrer, voll autonom. Er orientiert sich mittels GPS, Kamera und Sensoren auf dem Acker. Mit einem speziellen Bilderfassungssystem erkennt der Roboter das Unkraut, zwei Roboterarme sprühen Kleinstdosen Unkrautvernichter.

Mit der gezielten Behandlung kann die Giftmenge auf einen Bruchteil reduziert werden. Precision Farming und Ernteroboter werden in den kommenden Jahren den Fachkräftemangel im Agrarsektor abfedern.

Noch nie haben neue Technologien uns in die Lage versetzt, so schnell die Welt zu verändern. Noch nie war so viel Zukunft möglich. Nur müssen wir endlich damit anfangen, unsere gigantischen technologischen Möglichkeiten als Zukunftsinstrumente (und nicht als billige Erlösungsversprechen à la Google) zu nutzen.

Dafür brauchen wir keine weiteren wohlfeilen Pseudo-Disruptionen, sondern technologische Durchbrüche, die gesellschaftlichen Reichtum bringen: Klimawandel und Ungleichheit bekämpfen, die Mobilitätswende einleiten, Gesundheitssysteme handlungsfähig erhalten, Landwirtschaft nachhaltiger machen. Das ist Wandel, wie wir ihn brauchen.

Dr. Eike Wenzel gilt als einer der renommiertesten deutschen Trend- und Zukunftsforscher. Er ist Leiter des Instituts für Trend- und Zukunftsforschung (ITZ) und Leiter des Studiengangs „Trend- und Nachhaltigkeitsmanagement“

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