Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke
Eike Wenzel

Expertenrat – Eike Wenzel Die Technophobie der Wachstumskritiker können wir uns nicht leisten

Manche Wachstumstheoretiker sehen in einem Wertewandel die einzige Chance, dem Klimawandel zu begegnen. Doch hinter der Forderung verbirgt sich Modernitätsfeindlichkeit.
1 Kommentar
In Ländern wie China, den USA und in Indien findet derzeit ein ungekannter Boom bei den erneuerbaren Energien statt. Quelle: dpa
Kohlekraftwerk und Windräder

In Ländern wie China, den USA und in Indien findet derzeit ein ungekannter Boom bei den erneuerbaren Energien statt.

(Foto: dpa)

Ein prominenter Wachstumskritiker wie der Soziologe Harald Welzer baut gerne Paradoxien auf: „Wachstum kann man nur mit einer Erhöhung an Aufwand und Energie realisieren. Das kann dann per se nicht nachhaltig sein“, sagte er 2015 in einem Interview mit dem Politik-Magazin „Cicero“.

Hier wird ein Problem isoliert und populistisch zu einem beliebten Feindbild aufgebaut: Wachstum. Tatsächlich kann im OECD-Raum von Wachstum in den vergangenen zehn Jahren ohnehin nicht mehr die Rede sein. Vielen Unternehmen ist längst klar, dass es zukünftig um verantwortungsvolles und umweltverträgliches Wachstum geht, ansonsten schaffen die Gerichte die Fakten, wie beim Stickoxid-Thema zu beobachten ist.

Technologie produziert nicht nur Entfremdung

Die Wachstumskritiker haben es schon immer gewusst, Leben in der modernen Welt ist ein Verhängniszusammenhang. So lasst uns noch einen letzten ratlosen Öko-Bestseller auf den Markt schmeißen und im Grandhotel der Selbstbescheidung bei abgedrehter Heizung auf den Untergang warten?

Viele Anhänger der Postwachstumsbewegung sind an politischer Vagheit kaum zu überbieten, weil sie grün-nachhaltige Technologieinnovationen (Greentech) grundsätzlich als Verschlimmbesserung denunzieren, ansonsten kryptopopulistisch den Parlamentarismus abfeiern und ein kleinbürgerlich reduziertes Leben in Verzicht und Wollpullis predigen. Frei nach der patzigen Lebensmaxime: „Wenn niemand bei unseren postmaterialistischen Askeseübungen mitmacht, fahren wir die Welt halt gegen die Wand.“

Dabei sind Sharing – vom gemeinnützigen Teilen bis zur Plattform-Ökonomie –, Repaircafés und Reallabore, in denen ein nachhaltiger und schonender Umgang mit Dingen eingeübt werden kann, alles brauchbare Ideen für die Zukunft. Hier leisten wachstumskritische Initiativen gute Arbeit. Derweil befinden sich die öffentlichen Protagonisten des Nichtwachstums in technophober Perspektivlosigkeit.

Die Wachstumskritiker antworten dann immer: Wir brauchen eine andere Gesellschaftsordnung. Aber ohne Technologie und Innovation? Warum ohne Technologie?

Weil Welzer oder der Nachhaltigkeitsforscher Niko Paech, um die bekanntesten deutschen Akteure zu nennen, hinter Technologien zuallererst die Entfremdung des Menschen von der Natur lauern sehen, dahinter wiederum den Erlebnisstress der Konsumgesellschaft („permanent steigende Bedürfnisse“), die Verdinglichung unserer Beziehungen und in letzter Instanz den unmenschliche Kapitalismus.

Es ist der – durchaus sympathische – Retrosound einer Subkultur, die wir aus den 1980er-Jahren kennen. Stets wird vor einem „Zuviel“ gewarnt, über den absurden, prassenden Wohlstand geurteilt und auf das bedürfnisärmere Leben in früheren Zeiten verwiesen.

Aber reichen die Artikulation von Überdruss und Melancholie als Welterklärungsmodelle für die Ära des Klimawandels? Probleme, die jetzt die Menschheit beschäftigen, lassen sich mit solchen Lifestyle-Diskussionen meines Erachtens nicht lösen.

Mit Kulturpessimismus in die Zukunft?

Ihre Aversion gegen Technologie entstammt zu großen Teilen dem Kulturpessimismus des 19. Jahrhunderts und dessen bildungsbürgerlicher Zivilisationsmüdigkeit. Selbst den Grünen wirft ein Aktivist der Mutlosigkeit wie Harald Welzer die „Technisierung eines existenziellen Problems“ vor. Technologie, so Welzers reduktionistisches Verdikt, dient nur als Ablenkungsmanöver vom Unausweichlichen: dass wir ja doch nichts tun können. Technologie ist in Welzers Weltbild per se ein Agent des Kapitalismus und der selbstverliebten Konsumgesellschaft.

Was wir dringlicher denn je brauchen, um in die Zukunft zu kommen, das sind saubere Energien und umsetzbare Alternativen zu unserem Mobilitätsverhalten. Und für solche Zwecke nutzen wir Menschen seit Jahrtausenden mehr oder weniger kluge Technologien.

Mithilfe von digitaler Technologie lässt sich regenerative Energie immer günstiger speichern. Und durch die datengestützte Vernetzung des Verkehrs können wir Autokäufe überflüssig und ÖPNV günstiger und bequemer machen. Dafür nehmen Städte und Kommune in Deutschland zurzeit viel Geld in die Hand. Hier lohnen sich Investitionen, hier sind Wachstum und Wohlstand gut angelegt.

Wachstumskritiker ignorieren Technologie. Seit einigen Jahren schon ist die Solarenergie die günstigste Form der Stromerzeugung. Im Verbund mit immer günstiger werdenden Stromspeichern werden wir in der 2020er-Jahren Unmengen an sauberem Strom produzieren können.

Einen Philosophen der Selbstbeschränkung wie Harald Welzer scheint das überhaupt nicht zu interessieren. Technologien wie Solar und Wind enthalten aufgrund ihrer disruptiven Wirkung ganz offensichtlich auch gesellschaftliche Emanzipationsimpulse.

Dezentrale Energieversorgung bedeutet in Afrika die Chance für Eigenständigkeit, Bildung und wirtschaftliche Prosperität. Sie bedeutet überall auf der Welt Unabhängigkeit von klimaschädlicher Energieerzeugung und autokratischen Gas- und Erdölmonopolisten.

Solche Technologien legen das Fundament für alternatives Wachstum. In Ländern wie China, den USA und in Indien findet derzeit ein ungekannter Boom bei den erneuerbaren Energien statt. Die Solarbranche wird laut Berichten in den kommenden Jahren wieder mehr Arbeitsplätze schaffen, da Solar in vielen Regionen der Welt definitiv günstiger als fossile Energien ist und Solar-Projekte bei großen Ausschreibungen (zuletzt zum Beispiel für einen riesigen Energiepark in Mexiko City immer häufiger die Nase vorn haben.

Welzer schreibt gerne aus der Perspektive besserwisserischer Ausweglosigkeit mit eingebauter Selbstanklage. In einem „Zeit“-Essay von 2016 entpuppt er sich als empathiefreier Beobachter der ganzen klimapolitischen Malaise: Er nimmt an einem Umweltkongress teil, dessen Eingangsreferat die Hoffnungslosigkeit unseres Nachhaltigkeitshandelns konstatiert. Aber noch mehr als das nerven ihn die 160 folgenden Powerpoint-Vorträge, die Handlungsschnelligkeit und Initiative einfordern.

Postwachstum: Aktionismus der Ausweglosigkeit

Einen fundamentalen Veränderungsbedarf anmahnen (Postwachstum) ist das eine – die technologischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen dafür zu formulieren, ist das andere. Die Wachstumsskeptiker halten sich auch bei Kernthemen wie Mobilität oder Landwirtschaft vornehm zurück und predigen Verzicht. Sie reden über Zukunft und Verantwortung, doch technologischer Wandel darf dabei schlicht nicht vorkommen. Die entsagungsfreudigen Zukunftspropheten entpuppen sich so als geheime Lobbyisten des Status quo.

Dabei lässt sich viel tun. Bleiben wir bei der Landwirtschaft. In den Niederlanden haben sich die Landwirte zu Beginn der 2000er-Jahre mit der Politik und der Wissenschaft zusammengesetzt und ihre eigene Agrarrevolution beschlossen. Die Niederlande, so die Absicht, soll in vielen Sparten des Gemüseanbaus Weltmarktführer werden.

Umgesetzt werden sollte dieses Wachstum bei gleichzeitiger Entkopplung vom Ressourcenverbrauch. Die erstaunliche Bilanz: 28 Prozent mehr Produktion bei sechs Prozent weniger Energieaufwand und 29 Prozent weniger Düngemittelaufwand. Was dieses Agrarwunder möglich machte: Intensiver Technologieeinsatz (Automatisierung, GPS und Drohnen) in enger Zusammenarbeit mit Wissenschaft und Forschung.

Wer solche großartigen gesellschaftlich-technologischen Experimente schlicht nicht wahrnehmen will, der lässt tendenziell alles beim Alten und stützt tendenziell die zerstörerischen alten Energiewelt. Können wir es uns leisten, die angedeuteten technologischen Perspektiven (die definitiv Problemlösungskraft und emanzipativ-gesellschaftliches Potenzial haben) mit der Haltung eines weltabgewandten deutschen Studienrats zu ignorieren, dem dieses ganze Technologiegehabe einfach zu blöd ist?

Man könnte seitens der Wachstumsskeptiker ja auch zu der Überzeugung kommen, dass man Teil einer Lösung oder zumindest einer Bewegung in diese Richtung sein möchte. Ich fürchte nur, das zerstört das Alleinstellungsmerkmal, das Monopol auf Negation und Anklage des Konsumismus. In dieser Form ist die Postwachstumsökonomie nichts anderes als die Wiederbelebung der antikapitalistischen Konsumkritik aus den 1970er-Jahren.

Technologische Innovation bringt sozialen Wandel

Wir sollten uns weder von der Technophobie der Postwachstumsbewegung noch von ihrem beleidigten Rückzug aus der Politik und ihrer Flucht in die Privatethik („Selbstbegrenzung, mehr bleibt uns nicht“) für dumm verkaufen lassen. Gerade für die aktuelle Diskussion in Deutschland wäre es wichtig, dass wir aus dem Dualismus Greentech versus Subsistenz (Postwachstum) ausscheren. Der Vorwurf, dass die Greentech-Verfechter ignorieren, dass wir unseren Lebensstil ändern müssen, um uns den Gegebenheiten des Klimawandels anzupassen, ist schlicht haltlos.

Natürlich ist es die beste Lösung, Einkäufe nicht zu machen, Ressourcen nicht zu nutzen und keine klimaschädliche Mobilität zu nutzen. Aber wir dürfen daraus nicht die Schlussfolgerung ableiten, dass gelebte Selbstbegrenzung im eigenen Habitat („meine CO“-Bilanz) ausreicht.
Wir brauchen radikale Konzepte: neue Besteuerungsmodelle, neue Arbeitsmodelle und technologische Disruptionen, die uns aus der fossilen Energiewelt des 20. Jahrhunderts herausführen. Damit stellen wir den Kapitalismus, wie wir ihn kennen, sehr wohl in Frage.

Und deshalb dürfen wir bei der selbstmitleidigen Selbstbegrenzung, wie sie die Wachstumskritiker fordern, nicht stehen bleiben. Wir müssen das Feld der Politik zurückerobern und die Akteure der Wirtschaft für die große Transformation begeistern (denn meisten ist das ohnehin längst klar).

Am Ende betreibt die Postwachstumsbewegung populistische Konsumkritik im Gewand einer postapokalyptischen Nachhaltigkeitstheorie, die keine Vision für eine lebenswerte Zukunft zu entwerfen vermag. Wer Selbstbegrenzung statt Modernisierung und technischen Fortschritt fordert, öffnet darüber hinaus die Tür für bevormundend-autoritäres Denken.

Dagegen brauchen wir einen gemeinsamen Aufbruch in Wirtschaft und Politik, der gleichermaßen Bedingungen für wohnortnahe Reallabore und den Solarboom schafft, der Greentech und eine „Ethik des Genug“ nicht als Gegensätze sieht, sondern als gleichgewichtige Bestandteile eines substanziellen Zukunftsentwurfs.

Dr. Eike Wenzel gilt als einer der renommiertesten deutschen Trend- und Zukunftsforscher. Er ist Leiter des Instituts für Trend- und Zukunftsforschung (ITZ) und Leiter des Studiengangs „Trend- und Nachhaltigkeitsmanagement“

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite

Mehr zu: Expertenrat – Eike Wenzel - Die Technophobie der Wachstumskritiker können wir uns nicht leisten

1 Kommentar zu "Expertenrat – Eike Wenzel: Die Technophobie der Wachstumskritiker können wir uns nicht leisten"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Nein, wir können und sollten uns jetzt nicht gegen neue Technologien sperren. Gerade im Energiesektor steht ein Wandel an. Für den Klimaschutz und unser Überleben müssen wir Alternativen nutzen, die bereits bereitstehen. Es gibt längst Alternativen zur Stromversorgung aus dem Grosskraftwerk. Wir sind in einem Zeitalter des Wandels zur MOBILEN UND DEZENTRALEN HAUSHALTSVERSORGUNG. 1958 erstmals in der Raumfahrt genutzt entwickelte sich die Photovoltaik anfangs langsam. Von ersten kleinen Anwendungen z. B. in Taschenrechnern in den 70iger Jahren bis zu einer autarken Versorgung ganzer Haushalte vergingen nochmals fast 20 Jahre. Die Photovoltaik begann ihren wirklichen Siegeszug zu Beginn der 90iger Jahre. Heute ist für Jedermann der Solarstrom aus dem sichtbaren Spektrum der Strahlung allgegenwärtig. Und heute steht auch die nächste Evolutionsstufe an. NEUTRINOVOLTAIC! Die Berliner Neutrino Energy Group entwickelt innovative High-Tech-Werkstoffe auf Basis dotierter Kohlenstoffderivate, um dadurch Mechanismen in Gang zu setzen, die es ermöglichen, das nichtsichtbare kosmische und solare Strahlenspektrum in elektrischen Strom zu wandeln. Gleichsam einer Solarzelle, die auch ohne Licht bei völliger Dunkelheit Energie bereitstellt und die nun die herkömmliche Photovoltaik in Kürze sinnvoll ergänzen wird. Darauf sollte sich unsere Politik und die Industrie konzentrieren und INVESTITIONEN in die neue Technologie angehen.