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Eike Wenzel

Expertenrat – Eike Wenzel Die Zukunft der Arbeit zwischen Künstlicher Intelligenz und Sinngesellschaft

Wir brauchen präzise Vorstellungen für die digitale Arbeitswelt. Zu der gehören neue Institutionen ebenso wie die ach so ergrauten Gewerkschaften.
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Künstliche Intelligenz erobert den Alltag – doch sie ist kein Allheilmittel. Quelle: Reuters
Roboter bei der Arbeit

Künstliche Intelligenz erobert den Alltag – doch sie ist kein Allheilmittel.

(Foto: Reuters)

Andrea Nahles hat es auch nicht leicht. Sie möchte mit einer Zentnerlast sozialdemokratischer Folklore auf dem Rücken („Recht auf Arbeit“) das Navigationssystem für die Arbeit der Zukunft entwerfen (und nebenbei die Volkspartei SPD retten). Dabei wäre es eigentlich an der Zeit, über die Bedeutung von Arbeit in unserer Gesellschaft grundsätzlich neu nachzudenken.

Eine Studie des renommierten World Economic Forum („Towards a Reskilling Revolution A Future of Jobs for All“) tut genau das und macht dabei eine ziemlich markige Ansage. EU-weit seien allein auf dem Gebiet App-Entwicklung in den vergangenen Jahren mehr als zwei Millionen Stellen geschaffen worden. Der Ausblick auf die mit Bangen erwartete Ära der Künstlichen Intelligenz falle sogar noch optimistischer aus: Den 75 Millionen Jobs, die in den nächsten Jahren durch Automatisierung und KI wegfallen, stünden 133 Millionen neue gegenüber.

Folgt man der Studie, dann legen es Datenauswertungen aus den USA nahe, dass einem durchschnittlichen amerikanischen Arbeitnehmer mit einer soliden Qualifikation künftig 48 mögliche andere Jobs zur Verfügung stehen, in die er im Bedarfsfall leicht wechseln kann. Bei der Hälfte davon sei sogar ein höheres Gehalt zu erwarten.

Klingt mir alles in allem zu sehr nach rosaroter Brille. Erst verteufeln wir Künstliche Intelligenz, dann bauen wir sie als Erlösungsstrategie auf. Ich denke, was wir brauchen, das sind Ideen, wie unser Leben in der Zukunft unter dem Einfluss des technologischen Wandels aussehen könnte. Mir fallen spontan vier Impulse ein, von denen wir uns auf dem Weg in die digitale Gesellschaft im kommenden Jahr leiten lassen sollten:

Erster Impuls

Wir brauchen neue und runderneuerte Institutionen und Arbeitsmarktinstrumente, die vor allem dem Megatrend Digitalisierung/Künstliche Intelligenz Rechnung trägt. Mindestens ebenso dringlich brauchen wir jedoch eine selbstbewusste Diskussion darüber, auf Basis welcher Werte und mit welcher gesellschaftlichen Vision (Wie wollen wir morgen leben?) wir diese Technologien an den Start bringen wollen.

Es darf uns nicht noch einmal passieren, dass wir eine technologische Innovation wie Facebook und generell Social Media einfach durchwinken und zu spät erkennen, dass wir durch unsere medienpolitische Naivität und Sorglosigkeit ein Monster geschaffen haben. Wir kommen also um die Sinnfrage nicht herum, denn erst wenn wir ziemlich präzise sagen können, was wir für eine Gesellschaft in der Zukunft sein wollen, werden wir vom anstehenden technologischen Wandel profitieren.

Zweiter Impuls

Zukunftsfähige Arbeitsmarktreformen müssen künftig stärker in der Zivilgesellschaft verankert werden. Ich sehe schon genervte Blicke gen Himmel: Gewerkschaften? Ja. Um uns in der Arbeitswelt von morgen gegenüber Risiken wie Automatisierung und Roboterisierung abzusichern, sollten auch die Gewerkschaften eine progressive Rolle spielen. Spätestens seit den 1990er-Jahre eher als innovationsfeindliche Bollwerke gegen Fortschritt und Flexibilität verschrien, sollten wir zukünftig nach Wegen Ausschau halten, Gewerkschaften und neue zivilgesellschaftliche Organisationen stärker einzubinden.

Die nordeuropäischen Länder machen es vor. Dort hat der Niedergang der Arbeitnehmervertretungen nie wirklich stattgefunden. Der Grund dafür: In Schweden, Dänemark und Finnland spielen Gewerkschaften in der Zivilgesellschaft eine viel prägendere Rolle. Gewerkschaften treten in Schweden beispielsweise ganz stark als Fortbildungsinstitutionen in Erscheinung, überdies sind viele Studenten und Frauen (oft in Teilzeitarbeitsverhältnissen) Mitglieder in Gewerkschaften, ein sozialer Kitt, der seit Jahrzehnten mit entscheidend dafür ist, dass das Wohlstandsmodell („Trygghet“, Geborgenheit) weitergelebt werden kann.

In Finnland sind 61 Prozent der Arbeitnehmer Mitglied in einer Gewerkschaft, hier wird auch der Zugang zur Arbeitslosenversicherung über die Gewerkschaften abgewickelt. In Dänemark sind die Gewerkschaften ebenfalls schlagkräftig, 69 Prozent der knapp zwei Millionen Arbeiter sind in einer der großen drei Arbeitnehmerverbände organisiert.

Dritter Impuls

Es ist zeitgemäß und absolut notwendig, künftig auch Sicherungssysteme für Fahrradkuriere, Plattformarbeiter, Paketlieferanten, Coder und Putzfrauen zu schaffen. Seit Jahren reden wir darüber, dass die Arbeitsmarktfähigkeit (Employability), die Arbeitsplatzsicherheit abgelöst hat. Daran ist kaum zu zweifeln.

Trotzdem ist die sogenannte „Gig Economy“ (Jobs, die auf Tagesbasis über Plattformen wie Uber, Taskrabbit oder Mechanical Turk vergeben werden) zumindest in Europa bislang kaum eine relevante Größe. Zwischen sicherem Arbeitsplatz und Freelancer wird es in Zukunft aber zweifellos jede Menge Graustufen geben. Und daran müssen Arbeitsmarktmaßnahmen jetzt zügig angepasst werden.

Wichtig ist außerdem: Automatisierung und Künstliche Intelligenz zwingen uns nachgerade dazu, dass wir mehr denn je in Um- und Weiterbildung investieren, und das nicht nur für die Jungen, sondern für alle arbeitenden Alterskohorten. Als Gesellschaft sind wir darüber hinaus ab sofort vor die Aufgabe gestellt, dass wir den Bedarf nach Bildung und Weiterqualifikation nicht mehr nur nach der „Fitness für den aktuellen Arbeitsmarkt“ ausrichten, sondern das Individuum noch stärker in den Mittelpunkt der Ausbildung rücken.

Denn so wie es aussieht, werden Arbeitsplatzwechsel, Neulernen und Umlernen in den 20er Jahren zur Normalität für die Mehrheit der arbeitenden Menschen gehören. Selbstmanagement, „Unternehmer im Unternehmen“ etc. sind dann keine Plattitüden mehr, sondern die Grundvoraussetzung für Zufriedenheit und Erfolg.

Vierter Impuls

Wie wollen wir also in Zukunft leben? Die „Glücksmodelle“ – Zufriedenheit und Fairness würde eigentlich schon reichen – werden in vielen Ländern vorgelebt und sind auch nicht das Ergebnis von Raketenwissenschaft. In Costa Rica beispielsweise wird großer Wert auf aktive Gesundheitspolitik gelegt, und zwar bei den Menschen vor Ort am Küchentisch.

„Gesundheitsbeamte“ kommen seit 1961 zu den Menschen ins Haus und überprüfen den Gesundheitszustand. Alle Bürger werden unterstützt, und zwischen 1970 und 2017 ist die Lebenserwartung von 66 Jahren auf 80 Jahre angestiegen. Costa Rica gibt dabei nur zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Gesundheit aus (USA: 17,7 Prozent). Trotzdem verzeichnet das Land ein Drittel weniger Herztode als die USA.

Dr. Eike Wenzel gilt als einer der renommiertesten deutschen Trend- und Zukunftsforscher. Er ist Leiter des Instituts für Trend- und Zukunftsforschung (ITZ) und Leiter des Studiengangs „Trend- und Nachhaltigkeitsmanagement“

Und auch hier setzt ein kleines nordeuropäisches Land wie Dänemark Standards. Auch in Dänemark ist Lebensglück nicht garantiert. Doch die Menschen in unserem nördlichen Nachbarland wachsen mit der Gewissheit auf: „Nothing too bad will happen“. Wer seinen Job verliert, wird von einem großzügigen Sicherheitsnetz (der Spitzensteuersatz liegt bei 56 Prozent) aufgefangen und ist nicht gezwungen, bei Arbeitslosigkeit in den nächsten „Drecksjob“ zu springen.

In Dänemark hat das dazu geführt, dass es weniger fragwürdige Unternehmen gibt. Wichtiger als Arbeitsmarktinstrumente sind aber die Werte, die in der dänischen Gesellschaft vermittelt werden. Das hohe soziale Sicherheitsgefühl entsteht unter anderem durch eine starke Gemeinsinnorientierung: 90 Prozent der Dänen sind in Vereinen organisiert, 40 Prozent üben Ehrenämter aus. Es wird das Co-Housing gepflegt, man lebt in relativ engen Wohnkomplexen einen Legohäuschen-Lifestyle, mitunter mit Gemeinschaftsküchen, die Berufstätige entlasten sollen.

Nicht zufällig sind Dänemark und Costa Rica auch Weltklasse in der Implementierung erneuerbarer Energien. Costa Rica versorgt sich schon seit 2015 komplett mit Erneuerbaren. Dänemark hat seit der Ölkrise Anfang der 1970er Jahre damit begonnen, seine Bürger an dem Zukunftsprojekt der Windenergie zu beteiligen. Mittlerweile wird 43,6 Prozent des Strombedarfs des Landes aus grüner Bürgerenergie bestritten.

Dänemark und Costa Rica sind Sinngesellschaften. Soziale Sicherheit entsteht durch einen sorgenden Staat, aber auch durch hohe Eigenverantwortung und Bürgerbeteiligung. Das verhindert prekäre Jobs und das Gefühl des Abgehängtseins. „Doing what is worth doing“, das beschreibt das Lebensgefühl in beiden Ländern.

Zum Jahresbeginn sticht die deutsche Verzagtheit besonders ins Auge. Ja, wir können uns Trends wie Künstlicher Intelligenz und Automatisierung nicht entziehen. Es bringt uns aber nicht voran, wenn wir die neuen Technologien pflichtbewusst in unser Abteilungsdenken einsortieren. Wir brauchen vielmehr eine möglichst klare Vorstellung davon, wie wir in Zukunft Arbeit, Wirtschaft und Zusammenleben organisieren wollen. Nur dann, davon bin ich überzeugt, können wir Technologien wirklich produktiv machen.

PS: Als der kluge Bertolt Brecht Ende der 1920er Jahre in seiner Radiotheorie forderte, die Empfänger, also die Hörer, müssten zum Sender werden, begründete er das scheinbar lapidar mit dem Hinweis: „Sollten Sie dies für utopisch halten, so bitte ich Sie, darüber nachzudenken, warum es utopisch ist.“ Erst wenn wir wissen, wo wir als Gesellschaft hinwollen, wird es uns gelingen, mit den anstehenden technologische Herausforderungen fertig zu werden.

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