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Eike Wenzel

Expertenrat – Eike Wenzel Energiewende 2.0 oder: ein vielfältiges Emanzipationsprojekt

Die Elektrifizierung der Welt ist ein zukunftswichtiges Aufklärungsprojekt. Strom spielt dabei eine entscheidende Rolle – über seine ökonomische und ökologische Bedeutung hinaus.
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Die Autoren des „World Energy Outlook“ („Weltenergieausblick“) gehen davon aus, dass erneuerbare Energien den Energieträger Kohle im Strombereich noch zwischen 2020 und 2030 überholen werden. Quelle: dpa
Ökostrom

Die Autoren des „World Energy Outlook“ („Weltenergieausblick“) gehen davon aus, dass erneuerbare Energien den Energieträger Kohle im Strombereich noch zwischen 2020 und 2030 überholen werden.

(Foto: dpa)

Strom aus erneuerbaren Energien ist die edelste und eleganteste Energieform, die uns zur Verfügung steht. Und doch wird sie bislang eher als Bedrohungsszenario wahrgenommen. Dabei weisen erneuerbare Energien schon seit Längerem die größten Zuwachsraten in der Stromversorgung auf.

Die Energiewende ist im vollen Gange. Nur mit intelligenten Energiesystemen lässt sich in Zeiten des Klimawandels der Globus retten. Strom spielt dabei eine entscheidende Rolle – über seine ökonomische und ökologische Bedeutung hinaus.

Die Autoren des „World Energy Outlook“ („Weltenergieausblick“) gehen davon aus, dass erneuerbare Energien den Energieträger Kohle im Strombereich noch zwischen 2020 und 2030 überholen werden. Vorausgesetzt, die Energieeffizienz steigt insbesondere in den Bereichen Verkehr und Wärme.

Die Elektrifizierung unserer Welt scheint dabei längst ausgemacht. Unsere weltweiten Kommunikationstechnologien verbrauchen schon jetzt zehn Prozent des produzierten Stroms. Bis ins Jahr 2030 könnte diese Zahl gar auf 30 beziehungsweise 50 Prozent anwachsen, wie Studien ergaben.

Mit dem Durchbruch des Streamings entfallen mittlerweile 70 Prozent des weltweiten Datenaufkommens auf diese Realzeitunterhaltungsmedien. Eine Verdreifachung oder Vervierfachung der Streaming-Datenmenge ist nicht unrealistisch. Hinzu kommt, dass der Rebound-Effekt gerade bei Elektronik und Elektrogeräten ein wichtiger Faktor ist: Endgeräte verbrauchen seit Jahren deutlich weniger Strom, doch ihre Nutzung nimmt stetig um ein Vielfaches zu.

Die Erdöl-Ära war eine Epoche der fatalen Illusionen

Das Bild, das die Menschen vor einigen Jahrzehnten vom Strom hatten, war jedoch noch ein ganz anderes. Im industriellen 20. Jahrhundert basierte der Wohlstand auf einer großen Illusion. Die Illusion des grenzenlosen Wachstums machte es möglich, dass materieller Wohlstand sich so ausbreiten konnte, wie er es getan hat, kulminierend in dem Diktum von George Bush: „The American lifestyle is not negotiable“ („Der amerikanische Lebensstil ist nicht verhandelbar“). Bush proklamierte diesen Satz 1992 auf dem Klimagipfel in Rio.

Heute gehört es zur Absurdität unserer Lage, dass US-Präsident Donald Trumps dadaistisch-destruktive Politik diesen Gedanken mit aller Brutalität weiterverfolgt.

Erdöl war Schlüsselressource und Sinnbild des 20. Jahrhunderts, der Schmierstoff, der diesen Lebensstil so attraktiv machte. Glaubte man den Erdöllieferanten, dann war die Welt ausgestattet mit unbegrenzt sprudelnden Ölquellen, die sich zumindest in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts an vielen Stellen auftaten und der Illusion von grenzenlosem Wohlstand für alle Nahrung gaben.

Um den epochalen Schwindel nie versiegender Ölquellen abzusichern, wurden zig Milliarden für Lobbygruppen ausgegeben, die unter anderem dafür sorgten, dass tatsächlich vorhandene Ölmengen und -potenziale von wissenschaftlicher Seite nie seriös abgeschätzt werden konnten. Der Internationale Währungsfonds bezifferte 2015 die jährlichen Subventionen für fossile Energien auf 5,3 Milliarden US-Dollar.

Doch die fossilen Energiequellen sind endlich, neue Technologien wie das Fracking zerstören ganze Landschaften auf unverantwortliche Weise. Nur wenn wir die weltweiten Energiesysteme intelligent machen, können wir den fatalen Illusionen der Erdöl-Ära wie Hyperkonsum oder Umweltzerstörung eine zukunftsfähige Politik entgegensetzen.

Elektrifizierung: Mehr als nur eine energiepolitische Maßnahme

Zwei Schlussfolgerungen drängen sich hier auf. Erstens: Trumps Klimapolitik – sofern man den Cocktail aus Ignoranz, Wissenschaftsfeindlichkeit und Verantwortungslosigkeit überhaupt so nennen kann – signalisiert seiner demoralisierten Wählerschaft „Die Erde reicht nicht für alle aus, deswegen müssen wir uns auch nicht um den Klimawandel kümmern“.

Dahinter steht das düstere Versprechen: Wir machen die Grenzen dicht, wir lassen niemanden mehr rein, um die fatalen Illusionen des 20. Jahrhunderts noch ein paar Jahre auskosten zu können.

Zweitens: An die Stelle der erdöltrunkenen Jahrhundert-Illusion, die uns die fragwürdigen Segnungen des Hyperkonsums und der Überschuldungsgesellschaft bescherten, müssen wir in den nächsten Jahren die Idee intelligenter Netze setzen. Und wir müssen schnell handeln.

Das Ende der Illusionen hat den Vorzug der Klarheit: Es gibt nur begrenztes Wachstum, und der Peak Oil – also der Zeitpunkt der maximalen weltweiten Ölförderung – wird Anfang der 2020er-Jahre Realität sein. Dann müssen wir das neue Paradigma am Start haben: ein integriertes Energiesystem, das Elektrizität aus erneuerbaren Quellen und null CO2-Emissionen produziert.

Wie kann man sich diese große Energie-Transformation genauer vorstellen? Auf den ersten Blick nicht für jedermann sofort nachvollziehbar ist das Szenario des Stanford-Forschers Mark Jacobson, der davon ausgeht, dass wir durch die radikale Elektrifizierung unserer Energieströme sage und schreibe 42 Prozent der Energienutzung einsparen können.

Zusammen mit Kollegen aus Deutschland und Dänemark hat Jacobson eine Energie-Roadmap für 139 Länder bis ins Jahr 2050 entwickelt, worin er vor allem drei Argumente für die Elektrifizierung der Welt stark macht. Erstens: Bereits durch die Beendigung der brutalen Ausbeutung der fossilen Energieträger in der Bergbauindustrie lassen sich 13 Prozent des weltweiten Energieaufwands einsparen.

Zweitens: Kommen wir endlich auf den Trichter, nicht mehr Rohstoffe zur Stromerzeugung zu verbrennen und stattdessen Elektrizität in Vernetzung zu benutzen, lassen sich 23 Prozent der heute genutzten Energie einsparen.

Bestes Beispiel ist der Verbrennungsmotor, der laut Jacobsons Roadmap nur 17 bis 20 Prozent des Benzins dafür benutzt, den Wagen vorwärts zu bewegen. Der Rest geht als Wärme verloren.

Drittens, so Jacobson und Kollegen, werden sich weitere sieben Prozent des weltweiten Energieaufwands durch politische und technologische Maßnahmen zur Effizienzsteigerung bis 2050 einsparen lassen.

Energiewende 2.0 als gesamtgesellschaftliches Emanzipationsprojekt

Für den einen oder anderen mag sich das mehr als kühn anhören, aber die weitere Elektrifizierung unserer Welt liefert das Ticket zu einer realistischen Dekarbonisierung der Welt, einer Globalökonomie ohne Öl- und Gasverbrennung. Schon jetzt werden von den fluktuierenden erneuerbaren Energiequellen wie Sonne, Wind und Wasser enorme Mengen produziert.

Strom aus erneuerbaren Quellen wird sogar mit Negativpreisen verschenkt. Zum Jahreswechsel war es wieder so weit. Laut Bundesnetzagentur fielen 2018 in Deutschland 134 Stunden mit negativen Strompreisen an. 2017 waren es noch 146 Stunden, nach 97 Stunden im Jahr 2016 und 126 Stunden im Jahr 2015.

Da zetern die Populisten von der AfD und die alten Lobbys der fossilen Energieträger: Ein Land verschenkt seine edelsten Güter, wie darf es so etwas geben? Populisten entwickeln keine Ideen für eine lebenswerte Zukunft. Ihr Schlüsselargument ist die Leugnung des Klimawandels, da sich damit ihre destruktive Antipolitik rechtfertigen lässt.

Wir brauchen die konkrete Utopie von 100 Prozent erneuerbaren Energien vor Augen, um die Pariser Klimaziele zu erreichen. Dafür sind wir auf Digitalisierung und kluge Vernetzung angewiesen. Die intelligente Kopplung der Sektoren Energie, Wärme und Mobilität mithilfe von Technologien wie Wärmepumpenheizungen, Kraft-Wärme-Kopplung oder Elektroautos (als „funktionale Speicher“) macht die signifikante Senkung des Energieverbrauchs möglich. Kleine Haushaltsgeräte zu vernetzen, wird dagegen auf absehbare Zeit keine ökologische Dividende abwerfen.

Wir sind zukünftig angewiesen auf die intelligenten Technologien insbesondere aus der Digitalisierung, da sie es uns erlauben, Netzwerke zu knüpfen, die sowohl dezentrale, autonome Nutzung gestatten und dabei Großnetze speziell in Hochlastzeiten entlasten, als auch Ressourcen zeit- und ortsunabhängig über Speicher nutzbar machen.

Die alte fossile Ökonomie des 20. Jahrhunderts funktionierte deshalb wie geschmiert, weil sie mit dem Knappheitsargument (Peak Oil) phantasievoll Preise aussteuern und Ängste schüren konnte. Wir alle wissen aber auch, dass geopolitische Krisen – man denke nur an Russland und Ukraine – häufig ihre Ursache im Ölpreis haben und hatten.

Die Energiewende 2.0 ist dagegen ein ökologisches, ökonomisches und gesellschaftliches Emanzipationsprojekt. In der Energiezukunft werden wir intelligenter mit unseren Ressourcen umgehen. Sowohl Staaten als auch Verbraucher werden dadurch an Autonomie und Lebensqualität hinzugewinnen.

Von Wladimir Iljitsch Lenin, wahrlich kein lupenreiner Demokrat, stammt der Satz: „Kommunismus ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes.“ Durch Elektrifizierung, so erklärte er 1920 auf dem achten Gesamtrussischen Sowjetkongress, wird jede Fabrik, jedes Kraftwerk zu einer „Stätte der Aufklärung“. Dem revolutionären Populisten Lenin ging es nicht wirklich um Aufklärung und natürlich konnte er noch nichts vom Klimawandel wissen. Aber er hat etwas von der visionären Kraft der Elektrifizierung verstanden.

Wir müssen heute verstehen, dass intelligente Energiesysteme tatsächlich nicht nur eine unverzichtbare Maßnahme gegen den Klimawandel darstellen, sondern überdies dabei helfen, geostrategische Konflikte zu entschärfen, Natur zu schonen und Verbraucher eigenständiger zu machen. Die Elektrifizierung unserer Welt ist ein zukunftswichtiges Aufklärungsprojekt. Schlechte Nachrichten für Demagogen und Ewiggestrige.

Dr. Eike Wenzel gilt als einer der renommiertesten deutschen Trend- und Zukunftsforscher. Er ist Leiter des Instituts für Trend- und Zukunftsforschung (ITZ) und Leiter des Studiengangs „Trend- und Nachhaltigkeitsmanagement“

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