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Eike Wenzel

Expertenrat – Eike Wenzel Gesundheit von überall statt trostlose Bettenburg: Was die Medizin der Zukunft bringt

Statt auf Krankheiten zu reagieren, könnte die Medizin der Zukunft eine präventive sein. Digitalisierung macht das möglich. Die Patienten von morgen warten bereits.
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Diese beiden Rentner in Hall benutzen bereits heute ein Tablet zur Kommunikation mit ihrem Hausarzt. Quelle: dpa
Telemedizin für Senioren

Diese beiden Rentner in Hall benutzen bereits heute ein Tablet zur Kommunikation mit ihrem Hausarzt.

(Foto: dpa)

Kürzlich hat die Bertelsmann Stiftung in einer Studie konstatiert, dass wir uns in Deutschland viel zu viele Krankenhäuser leisten. Bei genauerem Hinsehen ist das eine ziemlich peinliche Milchmädchenrechnung, führt man sich vor Augen, dass es seit Längerem einen dramatischen Versorgungsnotstand in vielen Gebieten Deutschlands gibt.

Es ist unsinnig, unsere Gesundheitsinfrastruktur noch weiter auszudünnen. Es lohnt sich aber, Krankenhäuser dabei zu unterstützen, aus ihrem Denken in den Grenzen der Klinikmauern auszubrechen. Telemedizin, die Diagnostik und Therapie unter Überbrückung einer räumlichen oder zeitlichen Distanz sind seit Jahren Zukunftsversprechen. Bislang sind hierzulande jedoch nur wenige Projekte in die Regelversorgung übernommen worden.

Erfreulicherweise beschloss jedoch der Deutsche Ärztetag im Mai des vergangenen Jahres eine Änderung der „Musterberufsordnung für Ärzte“, die jetzt eine ausschließliche Fernbehandlung durch in Deutschland ansässige Mediziner über digitale Medien erlaubt.

Häusliches Gesundheitsmanagement und dezentrale Versorgung mit digitaler Unterstützung können in den kommenden Jahren den Gesundheitssektor in eine neue Richtung lenken.

„Kunden-Patienten“ mit neuen Ansprüchen

Was heißt das, wenn hierzulande plötzlich etablierte Gesundheitsdienstleister – etwa die Klinikbetreiber – über ihre mitunter trostlosen Bettenburgen hinausdenken? Es heißt erstens, dass neue Technologien neue Erlösquellen versprechen. Es heißt zweitens, dass die Patienten neue Ansprüche definieren.

Und der Wandel ist längst im Gang. Und er wird von bekannten Gadgets und ihren Nutzern angetrieben. Fitnessbänder und Gesundheits-Apps haben in den vergangenen Jahren die Grenzen zwischen dem Gesundheitssystem (Arzt, Klinik) und der Lebenswelt des Patienten aufgelöst.

Wie es häufig ist, wenn sich Transformationen, selbst in einem so durchregulierten Markt wie der Gesundheit, ankündigen, werden die Rollen der Akteure und die Geldflüsse neu definiert: Aus duldsamen Patienten werden anspruchsvolle Kunden-Patienten, aus Gesundheitsversorgern werden -dienstleister, und es stellen sich die Fragen: Womit wird das Geld verdient, was ist die Konkurrenz, und wie lassen sich neue Allianzen herstellen?

Schon jetzt übersteigen in den USA die Umsätze mit häuslichem, dezentralem Gesundheitsmanagement die Umsätze von Kliniken und Krankenhäusern. Natürlich spielt dabei auch das ruinöse US-Gesundheitssystem eine wichtige Rolle. In den Vereinigten Staaten machen Gesundheitsausgaben 18 Prozent des BIP aus, damit liegen sie weltweit unangefochten auf einem zweifelhaften ersten Platz.

Vor allem aber zeigt es, dass die „Kunden-Patienten“ nicht in Krankenhäusern und Altenheimen abgestellt werden möchten. Neue Geschäftsmodelle, die nicht zuletzt auf telemedizinische Innovationen bauen, versprechen größere Eigenständigkeit auch für Alte und chronisch Kranke und entlasten Krankenhäuser und Krankenkassen.

Dem Marktforschungsinstitut Zion Research zufolge wird die globale Nachfrage nach Home-Healthcare-Dienstleistungen bis 2021 auf 391,41 Milliarden US-Dollar ansteigen (2018: 229 Milliarden US-Dollar).

In Deutschland planen Start-ups, etablierte Gesundheitsdienstleister, aber auch größere Krankenhäuser den Eintritt in den Telemedizin-Markt. Und hier geht es in den kommenden Jahren um eine umfangreiche Markteinführung telemedizinischer und digitalmedizinischer Dienstleistungselemente.

Langfristig möchte ein Klinikkonzern wie Asklepios rund zwei Drittel seines Umsatzes jenseits des Kerngeschäfts Krankenhaus machen, das heute noch für 95 Prozent der Einkünfte steht. Vom Klinikkonzern zum technologiegetriebenen Gesundheitsanbieter lautet die Marschrichtung für die kommenden Jahre.

Dezentralisierung und Telemedizin sollen natürlich auch Kosten senken. In Deutschland schlägt ein Krankenhausaufenthalt durchschnittlich mit 4497 Euro zu Buche, Tendenz steigend. In den USA belaufen sich die Behandlungskosten in einem Akutkrankenhaus pro Tag auf rund 3250 US-Dollar. Dagegen betragen die Kosten für moderne häusliche Pflege gerade einmal 50 US-Dollar pro Tag.

In den USA kaufen Altenhospize und Klinikbetreiber wie Amedisys und Hanger gerade Softwarefirmen auf und bereiten sich auf die dezentrale Gesundheitswelt vor. Philips testet in Arizona mit „Philips Lifeline“ die Fernbetreuung von Patienten.

In vielen anderen Ländern vereinfacht die Digitalisierung bereits viele Prozesse im Gesundheitssystem. In Österreich begleitet die elektronische Gesundheitskarte die Bürger längst von Arzt zu Arzt. In Ländern wie Schweden, Dänemark, Estland und auch Italien verschicken Ärzte elektronische Rezepte an Patienten oder direkt an die Apotheke, die dann die Medikamente ausliefert.

Lifestyle-Strategen und „End-of-Life-Therapists“

Dezentrale Versorgungsmodelle und die Digitalisierung von Gesundheit schaffen zudem neue Berufsbilder und zukunftsfähige Jobs. Eine Auswertung des amerikanischen „Bureau of Labor Statistics“ hat ergeben, dass unter den 20 der am schnellsten wachsenden Berufen nicht weniger als zehn aus dem Gesundheitsbereich kommen.

An erster Stelle der aussichtsreichsten Jobs: Home-Health-Services mit einer Steigerungsrate innerhalb von zehn Jahren von 47 Prozent. Lifestyle-Strategen kommen zu den Kunden-Patienten ins Haus und nehmen im gewohnten Umfeld Korrekturen am Lebensstil vor. Für chronische Leiden wie Diabetes und Bluthochdruck, aber auch bei Alkohol- und Drogenkranken eine erstaunlich erfolgreiche Maßnahme.

Zwischen Arzt und Krankenschwester entsteht gerade eine Menge neuer Berufsbilder, die auch, aber nicht nur mit neuen Technologien zu tun haben. Technisch versierte Arzthelfer werden dazu beitragen, dass deutlich mehr Dialysen von zu Hause aus gemacht werden können.

„End-of-Life-Therapists“ begleiten – psychologisch geschult – Menschen in ihren letzten Lebensjahren. Tele-Chirurgen werden online und ungleich präziser Blutgefäße nähen. Und speziell geschulte Apotheker werden künftig unter Mithilfe von Robotern personalisierte Medikamente zubereiten.

Die Vision, die aufgrund dieser Trends greifbar wird: Aus der reaktiven, symptombezogenen Medikamente-Medizin wird „Gesundheit von überall“ („health happens everywhere“), die auch weniger Kosten produziert. Um diese Vision Wirklichkeit werden zu lassen, brauchen wir allerdings einen Mentalitätswandel im Gesundheitssystem, der Prävention gegenüber Schadensbegrenzung („from sickcare to healthcare“) den Vorzug gibt.

Aus reaktiver Gesundheitsversorgung könnte dann ein präventives Gesundheitsmanagement werden. Aus der symptomorientierten Beseitigung von Krankheit könnte aktiv sichergestelltes Gesünder-Leben werden. Wir würden vom kostentreibenden System einer Reparaturmedizin in ein (digitalisiertes) Ökosystem der flexiblen Versorgung wechseln. Gesundheit wäre nicht mehr nur die Abwesenheit von Krankheit, sondern Teil eines proaktiven Gesunderhaltungsprogramms.

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Dr. Eike Wenzel gilt als einer der renommiertesten deutschen Trend- und Zukunftsforscher. Er ist Leiter des Instituts für Trend- und Zukunftsforschung (ITZ) und Leiter des Studiengangs „Trend- und Nachhaltigkeitsmanagement“

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