Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke
Eike Wenzel

Expertenrat – Eike Wenzel Meisterdenker verfallen in einen toxischen Klimablues

Sie spotten über Greta Thunberg und verkennen Fakten: Soziologen und Philosophen geben kein gutes Bild in der Klimadebatte ab. Doch es geht auch anders.
2 Kommentare
Der Medientheoretiker sieht in dem Hype um die Klimakrise eine Ersatzreligion durch „die Medien“ für den linken Mainstream. Quelle: IMAGO
Norbert Bolz

Der Medientheoretiker sieht in dem Hype um die Klimakrise eine Ersatzreligion durch „die Medien“ für den linken Mainstream.

(Foto: IMAGO)

Altehrwürdig ergraute Anti-Alarmisten melden sich aus dem Ruhestand, offenbar weil die Enkel allzu nervig fragen: „Sag Opa, was sollen wir gegen die Klimakrise tun?“. Norbert Bolz beispielsweise, emeritierter Meisterdenker der 1980er-Jahre, erhält in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) Gelegenheit, den rechtskonservativen Klima-Swag („Klimareligion“, „Gesellschaft der Notsüchtigen“) noch einmal durch seine Theoriebrille zu betrachten.

Und Opa Norbert sagt bezüglich der Klimakrise das, was er im vergangenen Jahrhundert auch schon zur alternativen Konsumkritik gesagt hat: Da werde eine Ersatzreligion durch „die Medien“ für den linken Mainstream aufgebaut: Greta Thunberg als „Werbefigur des Big Business“, „Öko-Religion ist der neue Glaube für die gebildete Mittelklasse ...“

Bolz, wie immer komplett faktenbefreit, sieht in den Aktionen gegen die Klimakrise eine große Medienverschwörung mit den Grünen im Gange: „... die Bewusstseinsindustrie hat von Rot auf Grün umgestellt. ... so beuten heute die Grünen das Schuldbewusstsein der westlichen Kultur aus.“

Das alles kommt im angegilbten Oldie-Sound der 40 Jahre alten Postmoderne-Debatten daher – die NZZ druckt es gerne ab, weil es ihrer neu gestylten rechtspopulistischen Agenda zuspielt, bei der Klimaleugnung eine wichtige Rolle einzunehmen scheint.

Der grassierende Rechtspopulismus leistet hier ganze Arbeit: Bolz’ Äußerungen sind ein trauriges Dokument der Gegenaufklärung. Vulgärmarxistische Medientheorie im Dienste der neuen Rechten, verantwortungslose Realitätsverweigerung, paternalistische Phrasen: „Als ob die Weisheit der Kinder Orientierung in einer überkomplexen Welt geben könnte.“

Akademische Panik vor den Gelbwesten

Mit anderen politischen Motiven ausgestattet, aber ähnlich populistisch kommen die Weltdeutungen des Soziologen Armin Nassehi daher. Der Soziologe – weil er Soziologe ist – verweist vehement darauf, dass es nicht nur den Klimawandel, sondern auch eine soziale Welt gibt: „Die Kunst besteht darin, Lösungen mit den Mitteln eben jener Gesellschaft zu finden.“

So weit, so redundant. Armin Nassehi warnt vor sozialen Ungerechtigkeiten, wenn angesichts der eskalierenden Klimakrise nicht auf die Zumutbarkeit von Reformen für die Schwächeren in der Gesellschaft geachtet würde. Mit der Behauptung, die aktuelle Debatte gehe von einer weltfremden Entkopplung „der Klimafrage von der sozialen Frage“ aus, stellt er jedoch nur die eigene Weltfremdheit unter Beweis.

Denn schon früh wurde unter anderem von Fridays for Future darauf hingewiesen, dass Klima nicht von der sozialen Frage getrennt werden dürfe. Fachsoziologen als Ablenkungsexperten. Überhaupt steht Nassehi nicht im Verdacht, ein Unruhestifter zu sein.

Er hat offensichtlich mehr Angst vor „Gelbwesten“ als Emmanuel Macron, Frankreichs Staatspräsident, wo die Protestierenden in den gelben Rettungswesten vorübergehend für Aufregung sorgten, mittlerweile aber kaum mehr eine Rolle spielen.

Toxisches Denken im Grand Hotel Abgrund

Was die beiden Interventionen zur Klimakrise eint, ist ihre fast pathologische Ausblendung der wissenschaftlichen Klimadebatte, der technologischen Lösungsansätze und der realpolitischen Handlungsebene. Unsere Meisterdenker haben Platz genommen im Grand Hotel Abgrund und drechseln aus ihrer Ratlosigkeit heraus abgestandene Anti-Alarmismus-Szenarien oder springen – ungefragt – „dem einfachen Mann“ zur Seite

Vier blinde Stellen sind es, die die Diagnosen der Meisterdenker so toxisch machen:

  • Denunzierung von jugendlicher Protestenergie: Es ist realistisch, wenn Menschen durch Protest versuchen, die Realität zu verändern und ihre Lebensgrundlagen zu erhalten. Dagegen sind Klimafatalisten wie Norbert Bolz fröhlich-verzweifelte Spaziergänger in der Realität. Irgendetwas hat ihre Protestenergie und den Gestaltungswillen abgetötet. Die Anfeindungen gegenüber der 16-jährigen Greta Thunberg haben längst ein absurdes Maß erreicht. Trotzdem kann auch ein frei drehender Begriffsakrobat wie Norbert Bolz davon nicht ablassen. Was sie damit denunzieren, sind die Wut und der Lebenswille einer Generation. Bolz lässt sich tatsächlich zu folgendem Altherren-Kalauer herab: „Die Casting-Shows zeigen Wirkung. Nun wollen die Kinder nicht mehr nur als Models und Pop-Stars, sondern auch als Politiker auftreten.“ Armer alter Mann. Dagegen wäre anzumerken, dass gerade Fridays for Future längst keine „Kinderveranstaltung“ mehr ist und früh von Organisationen wie Greenpeace, dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland und Campact unterstützt wurde und mittlerweile auf mehr als 200 Ortsgruppen kommt.
  • Notorische Verleugnung von Fakten: Wir müssen jetzt darüber entscheiden, ob wir in einer „Desaster-Ökologie“ leben wollen oder nachhaltige Wertschöpfung an den Start bringen. Laut Morgan Stanley lagen zwischen 2015 und 2018 die Kosten für Katastrophen, die als Folgen des Klimawandels identifizierbar sind, bei 650 Milliarden US-Dollar. Heruntergebrochen nur auf die Volkswirtschaften Nordamerikas macht das bereits 0,66 Prozent des BIPs aus. Bis 2040, so Morgan Stanley weiter, werden Kosten in Höhe von 54 Billionen US-Dollar entstehen. Es ist also längst opportun, Innovationen und Investments direkt auf die Bekämpfung der Folgen des Klimawandels auszurichten. Der Haken an der Sache ist bekannt: Erdöl- und Erdgas-Lobby, konzentriert in Staaten wie USA, Russland und dem Nahen Osten haben kein Interesse ihre Geschäftsmodelle zu verändern. Einen Transzendentalbelletristen wie Norbert Bolz interessieren solche Banalitäten nicht. Er schwadroniert lieber über „Betroffenheit als Attitüde“. 
  • Keine Vorstellung für eine machbare Zukunft: Was ich weiterhin bei unseren Meisterdenkern vermisse, ist eine minimale Phantasie für die Veränderbarkeit kapitalistischer Wertschöpfungsprozesse. Dagegen fordern 2.600 deutsche Unternehmer mit mehr als 200.000 Mitarbeitern in der Bewegung Entrepreneurs for Future (EFF) umsetzbare Maßnahmen von der Politik. Und sie werden konkret: CO2-Steuer, CO2-Bepreisung für alle Sektoren, Komplettumstieg auf erneuerbare Energien, reduzierte Umsatzsteuern für den ÖPNV – bitte möglichst gestern. Und wo Bolz, Nassehi und viele andere nur Alarmismus und Zumutungen sehen, verzichten Modemarken wie Timberland, Vans oder The North Face umgehend auf Leder aus Brasilien, weil dort gerade der Regenwald zugrunde gerichtet wird. Die Botschaft: Selbst börsennotierten Unternehmen leuchtet ein, dass wir eine klare Haltung brauchen und verantwortungsvoll handeln müssen, wenn wir weiterhin Natur nutzen wollen.
  • Keine Idee von der Anpassungsfähigkeit von Lebensstilen: Ich finde, Meisterdenker sollten die Welt nicht nur unterschiedlich interpretieren, sie können sie auch zu verändern versuchen. Wie Pat Brown, Gründer von Impossible Foods. Er gab seine bequeme Stanford-Professur auf, um mit seinem Unternehmen Alternativen für fleischliches Eiweiß zu entwickeln. Mittlerweile gehören die fleischlosen Bulletten in den USA zum festen Menü von Burger King. Und auch die Selbstkorrektur von Unternehmern ist möglich: Godo Röben, Fleischproduzent und Chef der Rügenwalder Mühle, forderte jüngst seine Kunden auf, 50 Prozent weniger Fleisch zu essen. Neue Technologien können Lebensstile verändern: In Paris wird gerade das weltweit größte Urban-Farming-Projekt entwickelt, bei dem auf 14.000 Quadratmetern 30 unterschiedliche Gemüsearten angepflanzt werden – ohne, dass dafür Land verbraucht werden muss, nur durch Licht und eine Wasser-Nährstoff-Kombination. Stadtteile machen sich dadurch unabhängig von Agrarimporten und Chemiekonzernen, weil Schädlingsbekämpfungsmittel nicht zum Einsatz kommen.

Wir lernen: Klimafolgenanpassung ist ein gigantisches Konjunkturprogramm und das größte globale Innovationsprojekt der kommenden Jahre, wofür es gar nicht genug kluge Köpfe geben kann – Meisterdenker, die an Veränderung glauben.

„Entweder eine gewaltige gemeinsame Anstrengung zur Rettung der Natur (wie wir sie kennen und brauchen) – oder eine gewalttätige Aggression gegen die Natur“, so hat Bernd Ulrich kürzlich via Twitter unseren Handlungsspielraum beschrieben. 

Fest steht, unser Verhältnis zur Natur ist tief greifend gestört. Aber wir können unser Überleben nur durch ein neues Produktivitätsverhältnis sichern, bei dem Natur nicht nur Ressource und Verbrauchsgegenstand ist.

Dr. Eike Wenzel gilt als einer der renommiertesten deutschen Trend- und Zukunftsforscher. Er ist Leiter des Instituts für Trend- und Zukunftsforschung (ITZ) und Leiter des Studiengangs „Trend- und Nachhaltigkeitsmanagement“

Startseite

2 Kommentare zu "Expertenrat – Eike Wenzel: Meisterdenker verfallen in einen toxischen Klimablues"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • ok ich hätte den Artikel ganz zu Ende lesen sollen...es gibt noch Hoffnung.

  • ...ich stimme voll zu aber wie bringt man die Generation 40+ dazu Verantwortung zu übernehmen für Ihr Handeln...viele dieser Generationen wollen sich nicht ändern.

Serviceangebote