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Eike Wenzel

Expertenrat – Eike Wenzel So ringt die Politik mit der Realität des Klimawandels

Die Bundesregierung drückt sich vor der Auseinandersetzung mit dem Klimawandel. Deutschland muss sich aus der Spaßgesellschaft verabschieden – und umdenken.
4 Kommentare
Die Bewegung „Fridays for Future“ will den Klimawandel aufhalten. Quelle: dpa
Lausitzer Braunkohlerevier

Die Bewegung „Fridays for Future“ will den Klimawandel aufhalten.

(Foto: dpa)

Selbst die mehr als skurrile US-amerikanische Flat-Earth-Bewegung, die davon ausgeht, dass die Erde flach ist, erkennt den durch Menschen verursachten Klimawandel an. Die Alternative für Deutschland (AfD), Teile der FDP sowie andere Konservative tun sich dabei immer noch schwer.

Dabei beschäftigt das Thema unsere Gesellschaft bereits seit Langem, jetzt aber kommen Ängste und Verdrängungswünsche an die Oberfläche der klimapolitischen Diskurse. Verantwortlich dafür sind Greta Thunberg und ihre Klimabande.

Die junge Schwedin hat uns durch ihren Protest vor Augen geführt, dass wir am Beginn einer Zeitenwende stehen. Seitdem leuchtet vielen ein, dass wir so nicht mehr weitermachen können. Ihre naiv-militante Art hat mit „Fridays for Future“ eine Bewegung entstehen lassen, auf die wir lange warten mussten.

Interessant ist vor allem, dass Greta mit „Fridays for Future“ unsere Gesellschaft in zwei neue Lager aufspaltet: Die einen sagen, dass wir einen sozioökologischen Neuanfang brauchen, und die anderen klammern sich an den Lebensstil des 20. Jahrhunderts. Leider hat sich die Bundesregierung in den vergangenen Wochen klar auf die Seite der Bewahrer und Zukunftsblinden geschlagen.

Und während das Weltwirtschaftsforum unter den Top-3-Risiken mittlerweile drei ökologische Faktoren nennt und die Menschen weltweit am meisten die Folgen des Klimawandels befürchten, richtet sich die Bundesregierung in einer Parallelwelt ein.

Es gibt in diesem Zusammenhang drei wichtige Akteure. Sie ringen wie folgt mit der Realität des Klimawandels:

1. Die Regierung steigt aus der Realität aus

Die Bundesregierung demonstriert durch mitunter kuriose Stilblüten und Fehlleistungen, dass sie klimapolitisch keine zukunftsweisende Idee hat. Angela Merkel setzte bei der Münchner Sicherheitskonferenz vorübergehend den Aluhut auf und vermutete, der Schülerprotest sei von Moskau gesteuert. Die neue CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer positioniert sich als Inge Meysel der politisch Unkorrekten und würde ihren Kindern für den Klimaprotest keine Entschuldigung schreiben. Wirtschaftsminister Peter Altmaier kann sich nur einen Klimaschutz vorstellen, der den Wohlstand nicht gefährdet.

Die ohnehin kaum erkennbare Klimapolitik der Großen Koalition verlässt sich lieber auf die fragwürdige Expertise von medizinischen Quacksalbern, als dass sie die Folgen des Klimawandels zur Kenntnis nimmt. Die Schüler auf den Straßen haben längst erkannt, dass diesem politischen Klamauk zur Faschingszeit eine grandiose, aber fatale Ablenkungsstrategie zugrunde liegt. Den erheblichen Herausforderungen, die der Klimawandel stellt, begegnet die Regierung mit präpotenter Verleugnung der Realität.

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Der liberalkonservative Biedermeier flieht vor der stürmischen Realität in die warme Stube, beheizt von den Kostbarkeiten des 20. Jahrhunderts wie Öl, Kohle und Diesel, zieht die Vorhänge zu und betet, dass der Sturm vorbeiziehen möge.

2. Der Berliner Zeitgeist betrauert das Ende der Ironie

Die Realitätsflucht hat nicht nur die Regierungspolitik heimgesucht, sondern auch die Zeitgeistakteure in den Medien. Greta Thunbergs Rigorismus entlarvt die liberalkonservativen Meinungsbildner unserer Republik.

Die naive Militanz des jugendlichen Protests liefert momentan in den Berliner Talkshows und Leitartikeln einen Verfremdungseffekt, der die Reiter des Zeitgeistes in ihrer Unreife und Ratlosigkeit bloßstellt. So sah sich der Chefredakteur der „Welt“-Gruppe, Ulf Poschardt, genötigt, die Alarmglocken für das liberalkonservative Juste Milieu zu läuten. Was Greta will, so Poschardt, ausnahmsweise ohne ironische Brechung, ist, unseren Lebensstil zu verabschieden. Poschardt ist leidenschaftlicher Porschefahrer und teilt das auch gerne mit. Darüber hinaus ist er ein Gewächs der konsequent durchironisierten Popkultur der 1990er-Jahre und des Hypes der „Neuen Medien“.

Als „Welt“-Chefredakteur lebt Poschardt seine Herkunft aus der Spaßkultur der Post-Wende-Ära auf bizarre Weise aus. Poschardt interessiert Politik im Grunde gar nicht, er hat auch keine politische Haltung, bekennt sich aber (wenn dann doch gefordert) zu einem wirtschaftsnahen Liberalismus. Poschardt ist ein altgewordener „Profi“ des postmodern-postideologischen Medienbetriebs, ein „Petrolhead“ und ein Überbleibsel der frivolen 90er-Jahre.

Für mich ist es vor allem die hilflose Reaktion dieses Milieus auf die Schülerproteste, die signalisiert, dass wir gerade eine Zeitenwende erleben. Deutlich spürbar ist in Poschardts altbundesrepublikanischer Empörung die Kränkung, dass die ironische Popfraktion nicht mehr den Zeitgeist lenkt.

Ulf Poschardt, der in den 90er-Jahren im Kulturbetrieb für seine popkulturelle Dissertation „DJ Culture“ viel Beachtung fand, wirkt bei seinen Angriffen gegen Greta und den Schülerprotest nur noch blasiert und von gestern.

3. Wissenschaft schwankt zwischen Aufbruch und Offenbarungseid

So pennälerhaft der Widerstand gegen eine gesamtgesellschaftliche Klimadiskussion seitens des liberal-konservativen Milieus auch ist, die Haltung der Wissenschaft wirft ebenfalls Fragen auf. Weswegen wagt sie sich jetzt erst aus der Deckung? Ich möchte nicht wieder das nervige Stereotyp vom wissenschaftlichen Elfenbeinturm bemühen. Offensichtlich ist jedoch, dass die weltweite Forscher- und Analytiker-Community den Jugendprotest als Rampe für ihren eigenen Auftritt brauchte, der ansonsten zu spät oder nie erfolgt wäre.

Wenn wir ökologisch längst das Stadium einer Ausnahmesituation erreicht haben, was von allen seriösen Klimaberichten der letzten Zeit bestätigt wird, warum hat die Wissenschaft dann nicht längst vor den Schülerprotesten die Notbremse gezogen und von sich aus eine weltumspannende Kampagne gestartet?

Ist es nicht ein Offenbarungseid des wissenschaftlichen Systems (zu dem sich der Verfasser als nichtverbeamteter Lehrender selbst in Teilen zählt), dass wir die Panikreaktionen unserer Kinder brauchen, um selbst initiativ zu werden?

Anlässlich von „Fridays for Future“ und der Solidaritätsbekundungen durch die Wissenschaft fand in der vergangenen Woche eine sehr erstaunliche Bundespressekonferenz statt, von der die große mediale Öffentlichkeit (was in die Logik der kollektiven Verdrängung des Bedrohungsszenarios gehört) erstaunlich wenig Notiz nahm.

Energie- und Solarexperte Volker Quaschning stellte auf der Veranstaltung überzeugend dar, dass Investitionen in erneuerbare Energien klimapolitisch rational und zukunftsweisend sind sowie Arbeitsplätze schaffen. Maja Göpel, Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen, brachte ihr Unverständnis zum Ausdruck, weswegen eine Regierung ein Transformationsereignis wie die Digitalisierung weitestgehend unkritisch begrüße, während sie irreversible Klimaschäden schlicht nicht ernst nehme.

Aus allem lassen sich drei Schlussfolgerungen ziehen:

  1. Verdrängung und Blockade könnten Wahlen entscheiden: Die Auseinandersetzung mit dem menschengemachten Klimawandel wird aktuell durch einen kollektiven Verdrängungsprozess blockiert. Akteure in Medien und Politik, vom Pop-Journalisten Ulf Poschardt bis zum Umweltminister Scheuer, verhalten sich konform zum „alternativen“ Weltbild der Trump-Administration: Lasst uns die Titanic entern, denn die Folgen und Kosten des Klimawandels sind so monströs, dass wir dem Volk die Wahrheit nicht zumuten können. Doch bereits zur Europawahl könnte das Klimathema in den Mittelpunkt rücken und neue Mehrheitsverhältnisse schaffen.
  2. Der Schülerprotest könnte neue Entscheidungswege eröffnen: Es ist einiges durcheinandergeraten im politischen Diskurs. Als handlungsauslösender Impuls ist die Schülerbewegung mehr als begrüßenswert. Doch Schüler können keine Politik machen. Das muss die Politik selbst machen, die sich dabei klug von der Wissenschaft beraten lassen sollte und – endlich – den Schulterschluss mit der Wirtschaft suchen muss. Wissenschaft braucht mehr Akzeptanz an den Tischen der Macht (und sollte sich selbst von Skandalisierungseffekten fernhalten, denken wir nur an Joachim Schellnhubers Buchtitel „Selbstverbrennung“).
  3. Klimaforschung muss mitentscheiden: Nie klaffte die Wahrnehmung von Regierungspolitik und der wissenschaftliche Status quo so weit auseinander wie aktuell beim Klimathema. Wenn wir die gesteckten Klimaziele erreichen wollen, brauchen wir ab sofort einen zielführenderen Austausch zwischen Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft. Ich setze meine Hoffnungen hier vor allem in eine Vielzahl deutscher und internationaler Unternehmen, die die Zeichen der Zeit längst erkannt haben.

Dr. Eike Wenzel gilt als einer der renommiertesten deutschen Trend- und Zukunftsforscher. Er ist Leiter des Instituts für Trend- und Zukunftsforschung (ITZ) und Leiter des Studiengangs „Trend- und Nachhaltigkeitsmanagement“

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4 Kommentare zu "Expertenrat – Eike Wenzel: So ringt die Politik mit der Realität des Klimawandels"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • warum wurde die Kommentierung deaktiviert ?

    warum steht mein Kommentar dann aber in der Übersicht Wenzel ?

    ich bitte um Erklärung !

  • Sehr geehrter Herr Wenzel,
    ich weiß ja nicht, welcher Partei Sie nahe stehen. Die FDP dürfte es nicht sein, weil ohne FDP Bashing geht es nicht. Aber von einem Zukunftsforscher erwarte ich mehr wie blanke Polemik, Klischees und Verunglimpfungen. Wissen Sie was Not tut ? Aufhören mit dem hysterischen Weltuntergang und damit Verbots und wir sind die guten Ideologie und einfach
    ganz pragmatisch anpacken mit folgenden Maßnahmen, die man gar nicht diskutieren muss:
    1. Ausbau öffentlicher Nahverkehr und Modelle für seine Bezahlbarkeit
    2. Ausbau von grundlastfähigen Kraftwerken ohne Emissionen ( das geht )
    3. die Erneuerung der Fahrzeugflotte erfolgt automatisch und somit ist mit modernen Dieseln, Brennstoffzellen, Hybriden und Elektrofahrzeugen die Erneuerung gegeben. ich muss nicht jetzt die Leute enteignen, sondern bei neuen Zulassungen darauf achten, dass die Flottenerneuerung sinnvoll stattfindet.
    4. Biofuels als weitere Option.
    Also anstatt zu diskutieren, wer und wie Porsche fährt etc. eine völlig unnötige und kleinkarierte spießbürgerliche Gutmenschen Diskussion, packen wir jetzt die Dinge an und lösen Sie ingenieurtechnisch. ganz am Rande sei vermerkt, dass wir mit dem Boom der Kreuzfahrtschiffe in einer Zeit des ökologischen Maßhaltens eine neue Umweltsauerrei generiert haben, mit auch sozialen Folgen für Tourismusorte.
    sprich wir verbessern irgendwo die Emissionen z. B. im Straßenverkehr und schaffen neue riesige Probleme. entweder wir führen die Debatte jetzt zielgerichtet und un-emotional oder wir scheitern. das Elektorauto an sich ist kein Heilsbringer und auch kein
    Religionsersatz.

  • @Herr Werner r
    Bei der Pro-Kopf-CO2-Emission lag Deutschland 2016 weltweit an 11. Stelle mit 8,88 Tonnen. Das ist alles andere als unbedeutend. China lag dagegen an 17. Stelle mit 6,57 Tonne und investiert massiv in alternative Energie und alternative Antriebe.
    Siehe auch: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/167877/umfrage/co-emissionen-nach-laendern-je-einwohner/
    Im Übrigen gibt es keine "zu geringe CO2-Emissionen, um den Klimawandel zu beeinflussen".
    Geo-Engineering wäre sehr riskant und nicht nachhaltig, von der Machbarkeit ganz zu schweigen. Die Sonneneinstrahlung zu mindern beeinträchtigt das Pflanzenwachstum und damit auch die Ernten.

  • Deutschland hat zu geringe CO2-Emissionen, um den Klimawandel zu beeinflussen; es kann höchstens als Vorbild für eine erfolgreiche Transformation zu einer CO2-armen Lebensweise dienen. Die derzeitigen Aktivitäten Deutschlands scheinen mir nicht vorbildlich; es wird sehr viel Geld für eine geringe CO2-Minderung ausgegeben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Haupt-CO2-Emittenten China, USA, Russland, Indien bereit sind, Verzicht zu üben, um ihre CO2-Emissionen zu senken. Ich sehe kurzfristig nur eine Chance durch Geo-Engineering (eine Schicht in der hohen Atmosphäre, die die Sonneneinstrahlung mindert sowie die CCS-Technik) und langfristig durch eine CO2-freie Elektrizitätserzeugung in Form der Kernfusion, die alle Lebensbereiche mit Energie versorgt.

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