Eike Wenzel

Expertenrat – Eike Wenzel Wie wirklich smarte Citys dem Populismus entgegenwirken können

Die viel gepriesenen Smart-City-Konzepte scheiterten bislang an ihrer Ignoranz gegenüber den wirklichen Problemen. Dabei könnten sie richtig umgesetzt viel bewirken.
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Stromsparend ist anders. Quelle: Imago
Straßenbeleuchtung in Barcelona

Stromsparend ist anders.

(Foto: Imago)

Es gehört zu den wenigen Gewissheiten unserer Welt, dass es keine armen urban geprägten Staaten gibt, genauso wenig, wie es reiche Länder gibt, die allein von Landwirtschaft auskömmlich leben können. Im Jahr 2025 wird in den Metropolen dieser Welt ein Bruttoinlandsprodukt in Höhe von 64 Billionen US-Dollar erwirtschaftet, was rund 60 Prozent der weltweiten Wertschöpfung wäre.

Seit 2008 leben schon mehr Menschen in den Städten als auf dem Land. Städtische Agglomerationen wie Los Angeles oder Chicago sind seit Jahren leistungsstärker als gesamte Volkswirtschaften wie Südafrika, Schweden oder die Schweiz. Bis 2025 wird das Pro-Kopf-Einkommen der globalen Städtebewohner jährlich um 2,7 Prozent ansteigen.

Dass selbst die Umweltbilanz eines Stadtbewohners besser ausfällt als die eines auf dem Land, hat David Owen in „Green Metropolis“ herausgearbeitet, einem Buch über die ökologischen Vorteile der Stadt. Ihre Straßen, Abwasserkanäle und Energieleitungen sind kürzer und verbrauchen daher weniger Ressourcen.

Wie das Stuttgarter Fraunhofer-Institut herausgefunden hat, lassen sich mit modernen landwirtschaftlichen Anbaumethoden (Urban Farming, Vertical Farming, Aquaponic etc.) künftig auf 3,6 Quadratmetern genügend Lebensmittel für einen Stadtbewohner produzieren. Dafür könnten die frei gewordenen Parkplätze in den von Pkw-Verkehr befreiten Innenstädten verwendet werden, aber auch ungenutzte Dachflächen. In der Innenstadt von Stuttgart beispielsweise könnten laut Fraunhofer-Institut allein auf frei werdenden Parkflächen Lebensmittel für 30.000 bis 50.000 Menschen angebaut werden.

Neue Städte, wie sie gerade in Schwellenregionen entstehen, etwa Korgas an der „Neuen Seidenstraße“ in China, Hambantota in Sri Lanka, Palava City in Indien oder Duqm in Oman, versprechen Identität in der digitalen Ära. Dort hat man verstanden, dass stabiler Wohlstand nicht nur durch die Errichtung neuer Industriezonen zu erreichen ist, sondern vor allem durch die Einbettung in urbane Lebensräume, die Lebensqualität, Bildung und Arbeitsplätze bieten – keine suburbane Trennung in Schlafstädte, Konsum- und Produktionssphären, wie man sich Modernität in der industriellen Welt des 20. Jahrhunderts vorstellte.

Trial and Error in Barcelona

Eine gemessen an diesen Entwicklungen sehr alte Stadt wie Barcelona musste viele Prozesse (Ausschreibungen, Projektvergabe) umdefinieren und immer wieder auch scheitern, um Daten und Technologien zu Werkzeugen für eine Stadt zu machen, in der Demokratie, Transparenz und Teilhabe im Vordergrund stehen.

Die katalanische Metropole ist zunächst auf den Technologiezug aufgesprungen – und grandios gescheitert. Stromsparende LED-Straßenlampen, die sich nur bei Bedarf einschalten? Sehr löblich, wären sie nicht exzessiv anderweitig genutzt worden, etwa für Weihnachtsbeleuchtung, wodurch der Stromverbrauch sogar noch anstieg.

Sensoren, die den Autofahrern freie Parklücken anzeigen? Gute Idee, aber wenn gleichzeitig Straßenbahnen anhielten, kam es zu Interferenzen, worauf die Sensoren immer „belegt“ meldeten. Zudem stellte sich nach einer Untersuchung heraus, dass Parklücken durchschnittlich nur 30 Sekunden frei blieben – zu wenig Zeit für die Autofahrer, sie auch zu erreichen.

Wie können Daten im Sinne der Bewohner genutzt werden?

Doch die Stadtplaner lernten daraus – und drehten den Prozess radikal um: Statt neue Technologien von oben nach unten zu implementieren, begannen sie sich zu fragen, was die Menschen wirklich brauchen und wie sich mehr gesellschaftliche Teilhabe in der Stadt mithilfe neuer Technologien erreichen ließe. Dafür engagierten die Verantwortlichen mit Francesca Bria eine Innovationsexpertin, die bereits in London für Nesta und das EU-Projekt D-CENT bei der Entwicklung von Datenschutzkonzepten und Soziotech-Innovationen erfolgreich war.

Brias Ansatz ist ebenso simpel wie bahnbrechend und lässt sich auf eine Formel reduzieren: Power to the People! Für die Italienerin sind alle Technologieinnovationen nur dann wirklich innovativ, wenn sie die Teilhabechancen der Bürger erhöhen, die Transparenz bei Mittelvergaben steigern und die Zugangsbarrieren gerade für ortsansässige Kleinunternehmen bei öffentlichen Ausschreibungen minimieren.

Doch schon bevor Bria übernahm, wurden in Barcelona wichtige Entscheidungen gefällt, um aus Datentechnologie smarte Ermächtigungswerkzeuge für die Bürger zu machen: 2012 hat die katalanische Metropole eigene Softwaresysteme entwickelt für eine möglichst partizipative Digitalplattform. Dazu gehört Sentilo, eine Open-Source-Plattform, mit der Sensoren unterschiedlicher Herkunft genutzt werden können, ohne dass die ganze IT des Anbieters zugekauft werden muss, und die im Handumdrehen auch von anderen Städten und Regionen implementiert werden kann.

Datensouveränität und Teilhabe

Und während vielerorts noch über die Einsatzmöglichkeiten der Blockchain gesprochen wird, ist sie in Barcelona beim Carsharing bereits im Einsatz. Noch in diesem Jahr starten in der Stadt (in Amsterdam übrigens auch) Pilotprojekte, bei denen die Blockchain es gestattet, dass Bürger entscheiden können, ob und an welche Dienstleister sie ihre Nutzerdaten weitergeben, anders als bei Uber oder Lyft, die Kundendaten ausschließlich zu eigenen Zwecken nutzen.

Datentransparenz, das Recht an individueller Datennutzung und die Steigerung der Teilhabemöglichkeiten durch ein dezentrales System wie die Blockchain könnten folglich auch ein entscheidender Hebel dabei sein, der globalen Krise der Demokratie gegenzusteuern. Städte (und Kommunen), das belegen nicht nur Zahlen aus den USA, genießen bei den Menschen deutlich mehr Vertrauen als staatliche Institutionen.

Städte, das zeigt das Beispiel Barcelona, sind die „sozialen Gefäße“, die es braucht, um einem solchen Wandel Gestalt zu verleihen. Es ist an der Zeit, dass sich Städte ihrer Macht und ihres transformativen Zukunftspotenzials bewusst werden. Hier ist der emanzipative Ort von Technologie: Digitalisierung als Wegbereiter für mehr gesellschaftliche Teilhabe, Bekämpfung von Ungleichheit und die Neubestimmung von demokratischer Öffentlichkeit.

Dr. Eike Wenzel gilt als einer der renommiertesten deutschen Trend- und Zukunftsforscher. Er ist Leiter des Instituts für Trend- und Zukunftsforschung (ITZ) und gehört dem Nachhaltigkeitsrat der Baden-Württembergischen Landesregierung an.

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