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Kolumne „Kreative Zerstörung“ Gefühlserkennung – Gute Miene zum bösen Spiel

Große Konzerne sowie Tech-Firmen setzen auf Gefühlserkennung – und auch der chinesische Staat. Ein großer Teil davon ist aber Hokuspokus. Aber ein nützlicher.
03.06.2021 - 09:36 Uhr Kommentieren
Miriam Meckel ist deutsche Publizistin und Unternehmerin. Sie ist Mitgründerin und CEO der ada Learning GmbH. Außerdem lehrt sie als Professorin für Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen. Quelle: Klawe Rzeczy
Die Autorin

Miriam Meckel ist deutsche Publizistin und Unternehmerin. Sie ist Mitgründerin und CEO der ada Learning GmbH. Außerdem lehrt sie als Professorin für Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen.

(Foto: Klawe Rzeczy )

Wer an Adam Smith denkt, spürt sogleich die unsichtbare Hand. Sie lässt aus der Ansammlung individueller Egoismen doch das große, gute Ganze entstehen und prägt seit mehr als 250 Jahren unsere Wirtschaftsordnung. Diese Bedeutung der Metapher beschreibt Smith prominent im „Wohlstand der Nationen“ (1776). Weniger bekannt ist, dass der schottische Nationalökonom sich auch mit Emotionen beschäftigt hat.

Seine „Theorie der ethischen Gefühle“ (1759) erklärt moralische Regeln zum Mittel des Menschen, sich selbst in der Wirklichkeit zu verorten: Menschen beobachten sich ständig im Umgang und der Kommunikation miteinander. Dabei lernen wir, wann wir selbst und andere Lust oder Leid empfinden und machen diese Erfahrung von Ähnlichkeiten und Unterschieden zum moralischen Maßstab im Umgang miteinander.

Adam Smith hätte mit „Gefühlserkennung“ nichts anfangen können. „Emotion Recognition“ ist der neue heiße Scheiß aller Vorhersagefanatiker:innen, die glauben, nichts in der Welt sollte von datenbasierter Prognose verschont bleiben.

Und so sitzen minderjährige Schüler:innen in Hongkong beim Distanzlernen vor dem Bildschirm, während eine Künstliche Intelligenz ohne Unterbrechung ihre Gesichtszüge analysiert. Mikrobewegungen der Gesichtsmuskulatur, zuweilen auch minimale Veränderungen der Hautporen werden von der KI aggregiert und ausgewertet, um festzustellen, wie froh, motiviert und aufmerksam die Lernenden sind.

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    Coca-Cola und Intel nutzen auf Gesichtserkennungstechnologien spezialisierte Marketingdienstleister, um die emotionale Reaktion auf ihre Werbung zu testen. Und Tech-Firmen wie HireVue und Human analysieren per Gesichtsausdruck schon im ersten Bewerbungslauf, ob Anwärter:innen auf eine Stelle gewissenhaft und verlässlich sind. Wer das für Hokuspokus hält, hat recht.

    Gefühlserkennung gefährdet den menschlichen Kern des Humanismus

    An den menschlichen Gesichtszügen lässt sich jedes Individuum identifizieren. Es lässt sich auch durchaus einiges an ihnen ablesen. Nur leider nicht zwangsläufig der emotionale Zustand, in dem sich ein Mensch befindet. KI-Systeme werden mit Daten trainiert. Von diesen Daten hängt ab, wie korrekt das Ergebnis ist.

    Wie oft diese Technologien Personen verwechseln oder beispielsweise die Gesichter schwarzer Menschen gar nicht erst erkennen, ist inzwischen reichlich dokumentiert. Zum anderen erkennen die Systeme auch gute Miene zum bösen Spiel.

    Als ich kürzlich eine neuere Version der Emotionserkennung ausprobierte, meldete das System mehrfach „Pokerface“. Menschen lernen im Laufe des Lebens nicht nur Gefühle auszudrücken, sondern auch zurückzuhalten oder zu verschleiern.

    Es gibt nicht den einen Standard, wie Freude oder Angst zum Ausdruck gebracht werden. Das unterscheidet sich individuell, aber auch kulturell. Die einst vom US-Psychologen Paul Ekman entwickelte Theorie der sechs universellen Gefühle (Angst, Wut, Freude, Trauer, Ekel und Überraschung) wird längst weitreichend angezweifelt.

    Ein großer Teil der Gefühlserkennung ist also tatsächlich Hokuspokus. Aber ein nützlicher. Der Markt für KI-gestützte Emotionserkennung soll von knapp 20 Milliarden US-Dollar in den nächsten fünf Jahren auf 37 Milliarden US-Dollar wachsen.

    Es geht also um viel Geld. Und um umfassende Kontrolle. Die BBC veröffentlichte diese Tage eine Recherche, nach der China die uigurische Minderheit in Xinjiang mithilfe von algorithmischer Analyse emotional überwachen lässt und in ihren Rechten weiter einschränkt. Vermeintlich Verdächtige werden in Polizeistationen auf Stühlen fixiert, befragt und dabei gefilmt, um herauszufinden, ob sie in einem „negativen“ oder „ängstlichen“ Gefühlszustand sind, der auf Schuld hindeutet.

    Diese „Gefühlserkennung“ gefährdet den menschlichen Kern des Humanismus. Adam Smith sah ihn darin, dass der Mensch „sich für das Schicksal anderer interessiert, deren Glück ihm notwendig erscheint, obwohl er nichts davon hat außer dem Vergnügen, es zu sehen“.

    Wenn wir das so wollen, ist bei Emotion Recognition Vorsicht angeraten. Gefühle erlauben uns, Zwischentöne auszutarieren, Kompromisse auszuloten und Ambiguität auszuhalten. KI-basierte Gefühlserkennung macht aus Emotionen Analytik und aus moralischem Verstehen Berechnungsgrundlagen. Sie ist ein Beispiel für unkreative Zerstörung.

    In dieser Kolumne schreibt Miriam Meckel 14-täglich über Ideen, Innovationen und Interpretationen, die Fortschritt und ein besseres Leben möglich machen. Denn was die Raupe Ende der Welt nennt, nennt der Rest der Welt Schmetterling.

    Mehr: Apple und Datenschutz – die Freiheit zu wählen.

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