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Kolumne „Kreative Zerstörung“ Metaverse – die größte denkbare Disruption der Techgeschichte oder nur ein digitaler Scheißprozess?

Mark Zuckerberg will eine vollständig digitale Welt schaffen. Ein Milliardenmarkt winkt, aber auch die Gefahr, Desinformation und soziale Spaltung zu verstärken.
30.07.2021 - 11:00 Uhr 1 Kommentar
Miriam Meckel ist deutsche Publizistin und Unternehmerin. Sie ist Mitgründerin und CEO der ada Learning GmbH. Außerdem lehrt sie als Professorin für Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen. Quelle: Klawe Rzeczy
Die Autorin

Miriam Meckel ist deutsche Publizistin und Unternehmerin. Sie ist Mitgründerin und CEO der ada Learning GmbH. Außerdem lehrt sie als Professorin für Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen.

(Foto: Klawe Rzeczy )

Es ist immer einer der kühnsten Träume der Menschheit gewesen, die Welt neu zu erfinden. Diese Idee war bislang nur Science-Fiction. Ob Alice in ihrem Wunderland, die schöne neue Welt des Aldous Huxley oder die Matrix als Dystopie einer zweigeteilten Wirklichkeit, der man nur durch die Einnahme der richtigen Pille wirklich ins Gesicht blicken kann – sie alle sind Schöpfungen des menschlichen Geistes. Denn dieser kann sich mehr vorstellen als die manchmal schnöde Wirklichkeit, die einen alltäglich umgibt.

Und so lässt es einen aufhorchen, wenn es plötzlich ein Tech-CEO ist, der die Erschaffung einer vollständig neuen Welt nicht nur in der Fantasie, sondern auch als Teil unserer ganz realen Wirklichkeit für möglich hält. In einem langen Gespräch mit dem Techdienst „The Verge“ deklarierte Facebook-Chef und -Gründer Mark Zuckerberg das „Metaverse“ als das nächste große Ding. So groß, dass er sein gesamtes Unternehmen darauf ausrichten will. Facebook soll eine „Metaverse Company“ werden.

Dieses Metaverse kann man sich als vollständig digitale Welt vorstellen, die neben unserer derzeitigen Welt existiert. Ein Meta-Universum also. In dem können wir uns als Avatare bewegen wie in der analogen Wirklichkeit. Uns mit anderen Menschen von Angesicht zu Angesicht treffen, unterhalten, Dinge einkaufen, Spiele spielen und vieles mehr.

Nächste Stufe des mobilen Internets

Das Metaverse wird über eine Kombination bisheriger und neuer Technologien eine ganz andere immersive Erfahrung erlauben. Man nutzt nicht nur ein Gerät, um sich in der Realität das Fenster in eine andere zu öffnen, sondern ist ganz drin - eine vielfach angereicherte Variante dessen, was das Internet uns heute bietet. Das auch durch das Metaverse dann abgelöst werden soll. Der Venture-Capitalist Matthew Ball beschreibt es als „nächste Stufe des mobilen Internets“, gar als „Rahmenordnung für ein extrem vernetztes Leben“.

Das Metaverse könnte so etwas wie die neue Frontierbewegung der Macher aus dem Silicon Valley werden. Mithilfe von Virtual Reality, Augmented Reality, dezentralisierten Technologien wie der Blockchain, den neuen Kunst getriebenen Trends wie Non-fungible Tokens und der Spieleindustrie bauen sie eine Welt, die so schön ist, dass man am liebsten immer in dieser bleiben will. Diese Welt soll frei sein von den bislang geltenden Wertesystemen, von der kulturellen und ökonomischen Erstarrung, die sogar das Valley inzwischen erfasst hat. Die größte denkbare Disruption der Techgeschichte?

Eine solche neue Welt ist auch ein neues Narrativ für Techkonzerne, die in der alten Internetwelt gerade überall mit Widerstand, Regulierung und kartellrechtlichen Bedenken zu kämpfen haben. Aber genau da fängt das Problem erst richtig an. Facebook wurde vom US-Präsidenten als todbringend bezeichnet („they are killing people“), weil das Unternehmen nicht genug gegen die Falschinformationen über das Impfen und viele andere wichtige Themen unternimmt. Joe Biden hat seine Aussagen inzwischen abgeschwächt.

Aber wenn Facebook nun die neue Welt der total vernetzten Individuen bauen soll, dann ist das ungefähr so, als hätte man im alten Rom Kaiser Caligula mit der Neuerfindung des Gesellschaftsspiels beauftragt. Der Mann war gut darin, Menschen den Löwen als allgemeine Unterhaltung zum Fraß vorzuwerfen. Als zivilisationsbegabte Spezies wäre die Menschheit in ihrer Evolution nicht gut beraten gewesen, seinem Beispiel zu folgen.

Droht eine 24/7-360-Grad-Schleuder der Desinformation und sozialen Spaltung?

Zugegeben: Genau das sagt Zuckerberg auch selbst. Das Metaverse darf nicht nur von einem Konzern gebaut werden, sondern muss interoperabel sein, also grenz- und technologieübergreifend funktionieren. Nur, wer soll das sicherstellen? Haupttreiber dieser Idee ist die Vorstellung, dass man so ein irres Wachstumspotenzial freisetzen kann.

Wenn fast jeder Mensch einen großen Teil des Lebens künftig im Metaverse verbringt, locken die Milliarden. Das ist ökonomisch eine Riesenchance, aber gesellschaftlich eine Riesenherausforderung. Denn wenn es schlecht läuft, werden die Konstruktionsfehler des derzeitigen Internets im Metaverse schlicht exponentiell verstärkt. Anders gesagt: Wer einen Scheißprozess digitalisiert, kriegt einen digitalen Scheißprozess.

Wird das Metaverse eine gemeinsame Entwicklung vieler Unternehmen und Organisationen aus vielen Teilen der Welt, kann es Technologien wie VR und AR zur Blüte bringen und ein völlig neuer Erfahrungsraum des sozialen Lebens und Unternehmertums werden. Läuft es schlecht, wird es eine 24/7-360-Grad-Schleuder der Desinformation und sozialen Spaltung. Wer dann vor Verzweiflung aus dem Fenster springen will, muss wissen: Man landet immer wieder da, wo man herkommt.

In dieser Kolumne schreibt Miriam Meckel 14-täglich über Ideen, Innovationen und Interpretationen, die Fortschritt und ein besseres Leben möglich machen. Denn was die Raupe Ende der Welt nennt, nennt der Rest der Welt Schmetterling. ada-magazin.com

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1 Kommentar zu "Kolumne „Kreative Zerstörung“ : Metaverse – die größte denkbare Disruption der Techgeschichte oder nur ein digitaler Scheißprozess?"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Spricht eigentlich noch irgendwer von "Second Life"? Dem großen Metaverse des zweiten Lebens?

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