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KOLUMNE „KREATIVE ZERSTÖRUNG“ Wettpinkeln im All – Die kommerzielle Raumfahrt wird zum Egotrip der Superreichen

Als erster Privatmann ist Richard Branson ins All geflogen, vor Bezos und Musk. Ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein großer Sprung für das eigene Ego.
12.07.2021 - 22:43 Uhr Kommentieren
Miriam Meckel ist deutsche Publizistin und Unternehmerin. Sie ist Mitgründerin und CEO der ada Learning GmbH. Außerdem lehrt sie als Professorin für Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen. Quelle: Klawe Rzeczy
Die Autorin

Miriam Meckel ist deutsche Publizistin und Unternehmerin. Sie ist Mitgründerin und CEO der ada Learning GmbH. Außerdem lehrt sie als Professorin für Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen.

(Foto: Klawe Rzeczy )

Das Leben auf der Erde kann einem prekär erscheinen. Die Pandemie droht mit dem Delta-Lockdown. Das Klima ist auch nicht mehr das, was es mal war, und irgendwie ist man schon überall auf der Erde gewesen, wo es interessant sein könnte. Warum also nicht das All erkunden, um mal eine neue Perspektive zu gewinnen?

Die Flucht in andere Welten scheint eines der Motive zu sein, die Richard Branson, Jeff Bezos und Elon Musk ins All treiben. Branson hat nun einen ersten Durchbruch geschafft. Am Sonntagmorgen um 10.40 Uhr stieg das Raumschiff „VSS Unity“ seines Unternehmens Virgin Galactic auf 80 Kilometer Höhe, die sechsköpfige Besatzung genoss ein paar Sekunden der Schwerelosigkeit, dann kehrte das Gefährt zur Erde zurück.

Im Wettrennen der kommerziellen Raumfahrt hat es Branson als Erster geschafft. Und er hat einiges dafür getan, der Erste zu sein. Ursprünglich war der Flug später terminiert, aber als Amazon-Gründer Jeff Bezos seinen Flug öffentlich für den 20. Juli - zufällig der Jahrestag der Mondlandung - angesetzt hatte, zog Branson vor. „Erster!“ ist nicht nur in Kinderspielen eine entscheidende Kategorie.

Aber nicht nur die Zeit spielt eine Rolle. Auch die Höhe des Fluges ist zur praktischen und rhetorischen Kampfzone geworden. Die Frage, wo eigentlich das Weltall beginnt, entzweit das internationale Expertentum. Die einen bezeichnen Bransons 80 Kilometer als Grenzlinie zum All. Die anderen halten sich an die „Kármán-Linie“, die seit Ende der Fünfzigerjahre bei 100 Kilometern liegt.

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    Nachdem Branson seinen vorgezogenen Flug angekündigt hatte, twitterte der CEO von Jeff Bezos’ „Blue Origin“-Firma, Bransons Flug sei ja „eine ganz andere Erfahrung“ als die, die Bezos machen werde. Denn Branson bleibe ja unterhalb der Kármán-Linie.

    Nicht irdischer Überdruss führt hier zu extraterritorialer Erkundungsfreude. Nicht der Erfinder- und Forschungsdrang der Apollo-Missionare wird hier in eine neue Dimension überführt. Die Welt wird Zeuge des Wettkampfs dreier superreicher Männer, die alle am liebsten zuerst an der Raumtankstelle für Ego-Treibstoff ankommen wollen. Das ist kein gesunder Wettbewerb, sondern Wettpinkeln im All.

    Menschen für Sekunden ins All zu bringen hat Kirmescharakter

    Die Selbstfindung der neuen Weltraumeroberer wird ein teures Vergnügen. 250.000 Dollar kostet bei Virgin Galactic ein Ticket für die kommerziellen Flüge, die 2022 starten sollen. 600 Menschen aus 60 Ländern haben sich bereits eine Fahrkarte ins All gesichert. Die Angebote werden eine luxuriöse Grenzerfahrung für die Superreichen bleiben. 250.000 Dollar für ein paar Sekunden Schwebezustand leistet sich nur, wer sonst wirklich nichts mehr zu vermissen wüsste.

    Wenn man überlegt, was mit den Investitionssummen der All-Oligarchen alles auf der Erde möglich gewesen wäre, wird einem auch 100 Kilometer unterhalb der Grenze zum Weltall ganz schön flau.

    Vor allem fehlt hier die Sinngebung, die den meisten Raumfahrtmissionen bislang zugrunde lag. Neil Armstrong und Buzz Aldrin hatten im Juli 1969 auf dem Rückweg vom Mond 22 Kilogramm Gesteinsbrocken und Staub im Gepäck, aus denen sich viel über die Beschaffenheit des Mondes lernen ließ. Sie selbst waren Quelle für viele Erkenntnisse über die biologische Belastbarkeit des menschlichen Körpers, die Medizin und Therapie verändert haben.

    Die derzeitige Mars-Mission der Nasa sucht nach frühem Leben, liefert Fotos und Bodenproben, um mehr über den Planeten zu verstehen. Das wäre sicher hilfreich, bevor man versucht, mit einer kommerziellen Tour hinzufliegen, wie Elon Musk sie anbieten will.

    Zugestanden: Vielleicht wird bei manch einer dieser Aktionen auch etwas Spannendes herauskommen. Aber Menschen für Sekunden ins All und wieder runterzubringen hat schlicht Kirmescharakter. Das ist ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein großer Sprung fürs eigene Ego.

    „Die Erde in all ihrer Schönheit ist nur unser Startpunkt“, hat Amazon-Gründer Bezos über seine Weltalleroberung gesagt. Genauso ist es. Man hätte mal auf der Erde starten können, all ihre Schönheit zu erhalten, bevor man für Milliarden das All erobern will. Ob Branson und Bezos eigentlich die CO2-Emissionen ihrer Flüge kompensieren?

    In dieser Kolumne schreibt Miriam Meckel 14-täglich über Ideen, Innovationen und Interpretationen, die Fortschritt und ein besseres Leben möglich machen. Denn was die Raupe Ende der Welt nennt, nennt der Rest der Welt Schmetterling.

    Mehr: Das Zeitalter des Weltraumtourismus beginnt – jedoch nicht für Virgin Galactic.

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