B.wertet Zwei Prozent Vernunft

Mit schöner Regelmäßigkeit zieht die Politik die Finanztransaktionssteuer als Ei des Kolumbus aus der Tasche und serviert sie den Wählern als besonderen Leckerbissen. Ein Fehler. Aber aus Schaden wird man ja klug.
12 Kommentare
Christine Bortenlänger – B.wertet. Christine Bortenlänger leitet ab September 2012 das Deutsche Aktieninstitut in Frankfurt.

Christine Bortenlänger – B.wertet. Christine Bortenlänger leitet ab September 2012 das Deutsche Aktieninstitut in Frankfurt.

Die suggeriert gigantische Einnahmen aus der Finanztransaktionssteuer und gleichzeitig eine Domestizierung der wild wuchernden Finanzmärkte. Mit ihr will der Staat die Spekulation und den Hochfrequenzhandel eindämmen und damit die angeblichen Verursacher von unsicheren und volatilen Finanzmärkten strafen. Jetzt gerade holt das „Merkozy“-Gespann mal wieder diese Katze aus dem Sack und präsentiert sie als die Krisenlösung.

Als sich Kanzlerin Merkel zuletzt für diese Steuer einsetzte, war sie noch der Meinung, dass mindestens alle EU-Länder mitziehen müssten. Jetzt genügen ihr schon die Euro-Länder. Ihr Kollege Sarkozy, mitten im Wahlkampf steckend, würde sogar einen Alleingang in Kauf nehmen.

Nicht mitziehen will aber der wichtigste europäische Finanzplatz, London, und ebenso nicht Schweden, aus eigener leidvoller Erfahrung in der jüngeren Vergangenheit mit einer solchen Steuer. Das gesamte politische Spektrum in Deutschland von den Linken über die Grünen bis hin zu CDU, CSU und SPD zeigt sich begeistert. Nur eine einzige Partei sträubt sich: die FDP. Die Liberalen, in Umfragen derzeit auf zwei Prozent abgesunken, als letzter Bewahrer der Vernunft?

Was macht schon eine Mehrwertsteuer auf Finanzgeschäfte, die auch noch deutlich unterhalb des Satzes liegt, den wir für Milch, Butter, Bücher oder beim Autokauf zu zahlen haben? Ist es nicht legitim und nur gerecht, wenn Hedge-Fonds, Finanzhaie, wilde Spekulanten einen Beitrag leisten und etwas von den hohen Summen zurückgegeben, die sie dem Steuerzahler in der Finanzkrise abverlangten?

Hineinfließen soll das Geld in die Kassen der EU – damit verfügte die Europäische Union zum ersten Mal in ihrer Geschichte über „eigenes“ Geld. Für die Bild-Zeitung ist die Transaktionssteuer eine reine „Zocker-Steuer“ – im Schwarz-Weiß-Weltbild gibt es einfach nur die dunklen Mächte des Kapitals und die guten, aber armen Bürger.

Die Realität sieht aber anders aus: Die meisten institutionellen Anleger werden es verstehen, die Steuer zu umgehen. Die überwiegende Mehrzahl des Handels mit Finanzprodukten findet mittels Institutioneller oder zwischen Institutionellen statt. Ob hier das Wohnsitzprinzip wirklich hilft, bleibt zu fragen, im Vorteil sind auf jeden Fall internationale Banken mit Sitz außerhalb der Euro-Zone.

Kapital hat flinke Beine und fließt schnell dahin, wo es sich am besten vermehrt. Kapital denkt nicht in nationalen Kategorien. Der Staat selbst entzieht sich der Steuer freilich ebenfalls elegant, denn die Ausgabe von Anleihen soll nicht besteuert werden. Es wäre ja auch merkwürdig, sollte sich der Staat für sein Schuldenmachen selbst bestrafen wollen!

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Diese Steuer frisst Wachstum
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12 Kommentare zu "B.wertet: Zwei Prozent Vernunft"

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  • Ja, Frau Bortenlänger:

    Dann werden Sie wohl in London wohnen.

    Oder einfach weniger verdienen.

    Vielleicht so wenig,
    dass auch Sie wieder Rentenbeiträge zahlen müssen ?!

  • @ Dass Grundnahrungsmittelpreise aufgrund von kurzfristigen Spekulationen dauerhaft steigen oder fallen ist ein modernes Märchen. Die Finanztransaktionssteuer wird das Gegenteil von dem bewirken, was immer propagiert wird. Sie wird mehr anstatt weniger Volatilität in die Märkte bringen. Das ist reiner Populismus um von den eigentlichen Gründen der Finanzkrise abzulenken.

    Nur zur Sicherheit: Ich bin weder Banker noch Spekulant.

  • MIt dem selben Argument müsste man dann aber auch z.Bsp. die Lohnsteuer der Arbeitnehmer Abschaffen.

  • Jedes mal wenn ich ein Grundstück kaufe muss ich Grunderwerbssteuer zahlen.
    Warum sollen nun diese Spekulanten für jeden Kauf und Verkauf nicht auch Steuern bezahlen müssen.
    Diese Spekulanten sind für die andauernde Krise verantwortlich und werden uns noch alle ruinieren.
    Bei den gewaltigen Transaktionen bzw. Spekulationen bringt die geringe Steuer viel Geld ein und der Gewinn der Spekulanten wird halt nur etwas geringer. Wenn ich daran denke, dass durch diese skrupellosen Spekulanten die Preise für die Grundnahrungsmittel usw. in die Höhe getrieben werden und dadurch viele Menschen hungern müssen, bin ich der Meinung, dass sämtliche Spekulationen jeglicher Art verboten gehören. Die wundersame Geldvermehrung ohne, das Jemand die Zeche zahlen muss, gibt es nicht. Aber Profit um jeden Preis ist doch alles, auch wenn wir dabei Zugrunde gehen – ist es nicht so Frau Christine Bortenlänger

  • Frau Bortenlänger, als Börsengeschäftsführerin kann ich Ihnen zwar nicht gerade Unabhängigkeit unterstellen.
    Aber natürlich es geht auch um's Prinzip.

    Jede Steuer frisst Wachstum. Auch wenn es vielleicht diesmal nicht allzuviel ist. Es geht immer scheibchenweise.

    Es ist die erste Steuer der EU. Die wird sich schnell dran gewöhnen und alles zun, um sie zu erhöhen oder "die Bemessungsgrudlage zu erweitern", sie also auf andere Sachverhalte auszudehnen.
    Besonders schwach ist auch mal wieder die Begründung: Um die Banken allgemein dafür zu bestrafen, daß sich einige aus ihren Reihen haben von Merkel und Steinbrück retten lassen. ( Wozu diese aber niemand gezwungen hat, sie haben das aus eigenen Stücken getan.)

    Die Politiker sind immer durstig, es steht nicht zu erwarten, daß das bei den EU-Politikern anders ist.
    Heute trifft es Banken, morgen Luftfahrtunternehmen oder Stromversorger, übermorgen die Raucher, die Autofahrer, nächstemal vielleicht Telefonkonzerne oder Internetprovider.
    Im Trend liegt ja im Moment, nicht den Bürger direkt zu besteuern sondern die Unternehmen. Dann kann man als Politiker noch ganz larmoyant jammern, wenn die bösen Unternehmen das auf die Kunden überwälzen.

    Gerne hätte ich auch Ihre Ansicht gelesen, als es gegen Luftfahrtunternehmen und Stromversorger ging.
    Ich würde mich sehr freuen, Frau Bortenlänger, wenn wir Ihre Stimme auch nächstemal wieder vernehmen können, wenn's jemand anderes trifft.

  • Danke für die Überprüfung meiner Vermutung.

    Meine Meinung zur Finanztransaktionssteuer im Allgemeinen:
    Es ist ja nicht so als gäbe es keine Kosten bei Transaktionen. Eine gut gemachte Steuer erhöht diese Kosten so, dass es zwar für die Beteiligten blöd ist, aber nicht all zu schmerzhaft. Ausserdem ist sie so gestaltet, dass ein Umgehen nicht so einfach ist.

    Den Privatanleger aber als Hauptverlierer vorzuschieben (wie manche Interessenvertreter es machen) halte ich allerdings für dreist, denn Vertriebs-, Verwaltungs- und Managementkosten typischer Anlagen für Otto-Normal-Anleger machen wahrscheinlich ein Vielfaches einer Transaktionssteuer aus.

  • Drogenhändler zu besteuern dämpft das Wachstum - zumal wenn Abwanderung in "liberalere" Drogenstaaten droht

  • An den anonymen Leser Yanns: Vielen Dank für das genaue Lesen und die schnelle Reaktion. Alle Zahlen rund um die Transaktionssteuer sind sehr umstritten und in gewisser Weise auch mehr als hypothetisch. Tatsächlich rechnet die EU-Kommission mit europaweiten Einbußen von 1,76% beim Wachstum – insofern richtigerweise Prozent von Prozenten. Die großen Wirtschaftsverbände gehen im Übrigen davon aus, dass dies zu etwa 80 Mrd. Euro weniger Steuereinkünften führen wird – mehr als die Steuer bringen soll. Selbstverständlich sind aber die Auswirkungen auf die einzelnen Länder sehr unterschiedlich und ein Land wie Großbritannien mit seiner starken Finanzbranche würde sehr viel höhere Einbußen erleiden als andere europäische Länder – die 1,76% schlossen Großbritannien mit ein.
    c.b.

  • Dass eine nur in der Eurozone eingeführte Finanztransaktionssteuer keinerlei positiven Nutzen für die Wirtschaft bzw. Stabilität der Eurozone hat wurde von Frau Bortenlänger richtig dargestellt. Es ist nur eine weitere Steuer mit der sich das Geld dem kleinen Mann aus der Tasche ziehen lässt. Die "Big Player" werden ihre Hintertürchen nutzen um diese zu umgehen.

    Aber auch Frau B. macht einen entscheidenden Fehler in ihren Aussagen. Es wird mal wieder das WACHSTUM als die Lösung aller Problem dargestellt. Auf Grund unseres Geldsystems, man sollte wissen wie dieses funktioniert, muss es ständiges Wachstum geben, allein um die Zinsen zu begleichen. Ewiges Wachstum gibt es nicht!!!Schaut man sich die geltenden Naturgesetze an, erkennt man eine klaren Zyklus: Geburt, Wachstum, Reife und Verfall. An diesen Gesetzen kann auch die Wirtschaft in diesem Geldsystem nicht vorbeikommen. Wir befinden uns bereits im letzten Stadium, dem Verfall...

    Wer die Augen vor den massiven Veränderungen, die uns bevorstehen verschließt und weiterhin das predigt was schon seit Jahrzehnten betrieben wurde ist nur ein hinterherlaufender Lemming und kein selbstständig denkendes Individuum.
    Es gibt keine schmerzlose Lösung der Probleme, denn dafür haben wir die Probleme viel zu lange in die Zukunft hinausgeschoben und dadurch sind diese exponentiell gewachsen. Es gibt zahlreiche Indikatoren Charts die dies unübersehbar belegen. Siehe die ausufernde Geldmenge des Dollars und anderer Währungen (exponentieller Anstieg), siehe das Wachstum der Weltbevölkerung (exponentieller Anstieg), siehe Goldpreis (exp. Anstieg), siehe die Verschuldungssituation sämtlicher Industriestaaten (exp. Anstieg), siehe die Vermögen der reichsten Menschen auf dieser Erde ( exp. Anstieg), siehe den Weltweiten Energieverbrauch (exp. Anstieg).
    Man könnte noch zahlreiche Bereiche nennen, die dieselben Muster aufweisen. Was wird wohl nun passieren? Geht es so weiter? Diese Frage kann sich jeder selbst beantworten.

  • Ich denke viele Banken werden es sich doppelt überlegen, ob sie wirklich vor der Steuer "fliehen" haben sie doch (solange sie Systemrelevant sind) immer noch die Gewissheit im Euroland gerettet zu werden. Was man ja leicht an solche Steuer binden kann. Nach dem Motto "Ihr drückt euch vor eurer Verantwortung, warum sollen wir euch retten?" Was dann wiederum auch bei den Kunden zu einem gewissen Verhalten führen wird. Welcher Kunde würde sein Geld einer Bank anvertrauen, welche im Zweifelsfall von England, oder Schweden gerettet werden muss und warum sollte England oder Schweden, oder ein anderes Land ein (z.B.) deutsches Unternehmen retten?

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