Der Finanzlotse Anleger in der Pflicht

So manche Entscheidung von Privatanlegern macht betroffen. Fünf Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise sollten nicht nur Banken, sondern auch Kunden endlich mehr Verantwortung übernehmen.
6 Kommentare
Herbert Walter

Herbert Walter – Der Finanzlotse. Herbert Walter führte von 2003 bis 2009 die Dresdner Bank.

Seit Jahren gehört es zum guten Ton, auf die Banken einzudreschen. Sie werden nicht nur für die Finanz- und die Staatsschuldenkrise verantwortlich gemacht, sondern auch für das Unglück von Privatanlegern. Die treiben sie, so das Klischee, mit ihren Anlageempfehlungen reihenweise in den finanziellen Ruin. Gar keine Frage: Die Finanz-branche hat sich in den Jahren vor der Krise nicht mit Ruhm bekleckert. Die Kreativität bei der „Produktinnovation“ in den Investmentabteilungen der Banken kannte kaum Grenzen.

Nun sind seit dem Höhepunkt der Finanzkrise mehr als fünf Jahre vergangen. Man sollte davon ausgehen, dass sich seitdem einiges geändert hat. Was die Seite der Banken angeht, habe ich an dieser Stelle bereits viele Kolumnen geschrieben. Ich glaube, sie sind – nicht zuletzt auf Druck der Regulatoren – ein Stück des Wegs hin zu mehr Transparenz bei Produkten und Beratung gegangen. Am Ziel sind sie freilich noch lange nicht.

Es lohnt sich aber auch, einen Blick auf die Seite der Verbraucher zu werfen. Haben sie aus eigenen Fehlern gelernt? Nehmen sie ihr finanzielles Schicksal selbst in die Hand? Man hört und liest aus der Welt der Geldanlage zumindest Erstaunliches.

Da verspricht der mittlerweile insolvente Windparkbetreiber Prokon Anlegern, die Genussscheine der Firma (Eigen-PR: „grünes Sparbuch“) kaufen, satte acht Prozent Rendite. Ergebnis: 75.000 Anleger investierten 1,4 Milliarden Euro in Prokon-Genussrechte.

Da bekennt die Arzt-Gattin Kathrin Müller-Wohlfahrt im ARD-Talk „Menschen bei Maischberger“, sie hätte sich nie groß Gedanken über Geldanlage gemacht. Gleichzeitig erzählt sie, wie sie auf einen Wirtschaftsjournalisten hereingefallen ist, der sich als „Finanzexperte“ ausgab. Verlust: eine halbe Million Euro.

Der Schauspieler Dietrich Mattausch erzählt ebenfalls bei Maischberger, wie er zwei Investoren 100.000 Euro anvertraute. Sie hatten ihm hohe Renditen versprochen. Vermittelt hatte die Anlage ein „befreundeter“ Notar, der mittlerweile verschwunden ist – ebenso wie das angelegte Geld.

Bei keinem dieser Fälle war eine große Bank oder eine Sparkasse im Spiel. Die Kunden vertrauten ihr Geld entweder direkt einem Unternehmen an oder selbsternannten Finanzgurus.

Geldanlage ist noch schwerer als vor der Krise
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6 Kommentare zu "Der Finanzlotse: Anleger in der Pflicht"

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  • @Unglaublich

    Du stellst die Kolumne in Zusammenhang mit der vielleicht kniffligsten Frage unserer Zeit: Wie soll der moderne Mensch der Komplexitet begegnen? Wie soll der Anleger das Finanzunivers überschauen können? Wie der Patient die medizinische Wissenschaft?

    Bei der Beantwortung hadert ein jeder mit eigenen Wertvorstellungen und Erfahrungshorizonten. Bei den kniffligsten Fragen kann man sich oft schwer einigen.

    Meine Erfahrung lautet: Arbejdsprozesse kann man teilen, Verantwortung eher nicht. Beispiele:

    1) Dein Kind ist verhaltensauffällig. Der Arzt verschreibt Medizin gegen ADHD. Jahre später zeigt sich: Die Mediziner haben, von der Pharmaindustrie getrieben, hemmungslos übermediziniert. Du kannst klagen, und sogar recht bekommen, aber dein Elterngewissen stellt Dir weiter Fragen.

    2)Der Mauerschütze kann nicht wissen, dass das Wertesystem in wenigen Jahren auf den Kopf gestellt wird und Helden als Verbrecher gelten. Den Befehl, den er heute nicht verweigern darf, hätte er morgen verweigen müssen. Er hat Sekunden um sich zu entscheiden. Wer hilft ihm?

    Die Komplexitet bedeutet: Wir müssen immer öfter entscheiden, ob wir kollektiv oder eigenverantwortlich handeln. Immer efter lautet die Antwort: Kollektiv! Und immer öfter lautet die Antwort: Eigenverantwortlich!

    Als Anleger kann ich wählen zwischen den eher kollektiven Lösungen (Sparbuch, ist vom Staat garantiert) und eher individuellen Lösungen (z.B. Aktien, wo ich mich selbst schlau machen muss, oder Derivate, die sowieso niemand versteht). Die Entscheidung über mein eigenes Geld nimmt mir dabei keiner ab. Es wäre schlimmste Augenwischerei, etwas anderes zu behaupten. Und ich kann nicht eigenverantwortlich investieren (Prokon kaufen) und im Falle von Verlusten kollektive Schutzmechanismen einfordern. Dafür gabs die hohe Rendite.

    In der Debatspalte können wir versuchen, Antworten zu finden und Brücken zu bauen. Auch eine halbe Brücke hat hier ihren Wert. Vielen Dank für einen anregenden Meinungsabtausch.

  • @Urias001

    "Das Finanzsystem funktioniert so: Jeder kann sich schlau machen."

    Jeder könnte sich schlau machen, wenn man die Zeit hätte, um komplexe Systeme zu verstehen und wenn man überhaupt lernfähig ist. Breite Bevölkerungsgruppen können sich nicht schlau machen, da es ihnen einfach an Intelligenz mangelt. Sogar ich als Akademiker würde nur mit enormen Zeitaufwand und viele Anstrengungen (wenn man mir die Formeln zeigt) die Preisfindung bei Derivaten nachvollziehen können.

    Natürlich wäre es besser, wenn ich selber über meine Anlagen entscheide, dann kann mich der Bankberater nicht über den Tisch ziehen.
    Natürlich wäre es besser, wenn ich selber über meine Behandlung entscheide, dann kann mich der Arzt nicht über den Tisch ziehen.
    Natürlich wäre es besser, wenn ich selber meinen Urlaub planne, dann kann man mich im Reisebüro nicht über den Tisch ziehen.
    Natürlich wäre es besser, wenn ich den kürzesten Weg in einer fremden Stadt kenne, dann kann mich der Taxifahrer nicht über den Tisch ziehen.
    ...
    ...

    Dies ist aber völlig utopisch! Es ist völlig ilusorisch zu glauben, dass man sich alles mögliche aneigen könnte.

    Stattdessen wirft man das aber den Opfern vor. Wenn man das Opfer von Betrug geworden ist, dann ist man genau das: ein Opfer. Man sollte m.E.n. nicht dem Opfer die "selber schuld"-Karte zeigen. Man ist nicht selber schuld wenn man betrogen wurde (hätte sich ja schlau machen können). Man ist nicht selber schuld, wenn man bestohlen wurde (hätte ja eine Anlage installieren können). Man ist nicht selber schuld, wenn man vergewaltigt wurde (hätte ja nicht so spät abends ausgehen dürfen).

    Unsere Gesellschaft sollte nicht die Opfer in die Pflicht nehmen. Unsere Gesellschaft sollte konsequent Verbrecher bestrafen.

    Ansonsten ist das eine Carte Blanche für Betrüger.

  • @anonym/Unglaublich

    Das war jetzt der Verbraucherschutzgedanke, und dieser ist ja auch sympatisch und bisweilen völlig unerlässlich. Das Patientenbeispiel zeigt das prima. Wo kämen wir denn hin, wenn man nicht mehr auf den ärztlichen Rat vertrauen dürfte?

    Aber auch Privatanleger sind natürlich nicht schutzlos preisgegeben. Es gibt Berge von gesetzlichen Regelungen zu Wirtschaftsprüfungs- und Informationspflichten, Insiderverboten etc. Übertretungen sind strafbar, schadensersatzpflichtig und können Berufsverbot auslösen. Das ist gut so und soll so bleiben.

    Unfug sind dagegen die erbärmlichen Versuche, der Finanzberatungsplicht mit Regeln, Papiernachweisen und Zulassungen Herr zu werden.

    Das Finanzsystem funktioniert so: Jeder kann sich schlau machen.

    So funktioniert es hingegen nicht: Wer sich nicht schlau macht, darf trotzdem zur Investorenlegende aufsteigen, den Verbraucherschützern sei Dank.

    Soll jeder Hinz und Kunz mit Staatshilfe nachmachen dürfen, was Griechenland und Lehman vorgemacht haben: Hirnrissiges Gottvertrauen, weil man Gewinne behalten, Verluste aber vergemeinschaften kann?

    Wer 20 BASF-Aktien kauft, ist Mitgesellschafter und Unternehmer. Wer das sein will, und die Vorzüge geniessen möchte, muss auch gewillt sein, wie ein Unternehmer denken zu lernen: Keine Rendite ohne entsprechendes Risiko. Verluste sind hinzunehmen als Konsequenzen eigenen Handelns.

    Trotteliges Denken ist: "Aua, das hat wehgetan! Kommt jetzt die Mama mit dem Pflästerchen?".

    Ich bin dagegen, dass wir Wirtschaftseigentum in die Hände von Trotteln legen. Ich bin 100% überzeugt, das dabei nichts Gutes rauskommen kann.

    Es gibt etliche Produkte, die sicher sind für Oma Müller: Sparbuch, Lebensversicherung, Fondssparpläne. Aber bitte Finger weg von Aktien und Prokon-Genussrechten als den schnellen Weg zum Reichtum.

    Übrigens: Wer jedem Rat des Arztes folgt, ohne sich für dessen Honorarsystem zu interessieren, ist m.E. auch nicht ganz dicht. Aber das ist eine andere Geschichte.

  • Die Meinungs von H. Walter ist radikal. Nach seiner Logik ist jeder für sich selbst verantwortlich und jeder sollte wissen, was das beste für ihn/sie ist. Das ist in einer komplexen Welt nicht möglich.

    Der Anleger (der keine Ahnung hat) muss für die eigene Anlage verantwortlich sein. Der Patient (der keine Ahnung hat) muss für seine eigene Behandlung verantwortlich sein. Der Kunde muss für die Planung des Urlaubs selber verantwortlich sein.

    Herr Walter, woher die Zeit für das alles? Woher das wissen, damit man halbwegs richtige Entscheidungen trifft? Man kann ja keinem mehr vertrauen! Alle sind Betrüger! Empfehlen Sie Ihren Lesern, dass sie paranoid werden?

    Man kann nicht die Anleger in die Pflicht nehmen. Unser Wohlstand basiert auf Arbeitsteilung - das lernt man im ersten Semester VWL. Man kann nicht selber alles machen. Man kann nicht selber alles wissen.

    Denken Sie daran, wenn Sie das nächste Mal zu Artz gehen und er Ihnen eine Behandlung empfiehlt. Denken Sie daran, dass er ein Betrüger sein könnte, doch SIE selber verantwortlich sind. Patienten in der Pflicht! Kunden in der Pflicht! JEDER in der PFLICHT!

    Eine Gesellschafft von Betrüger und Paranoiden ist dem Untergang geweiht.

  • @Urias001

    Richtig. Und die fünfte Regel lautet:

    Sich bei der Entscheidung Zeit lassen.

    Manches Top-Investment entpuppt sich nach einiger Zeit als Loser-Papier (Beispiel: Solaraktien nach Fukushima)

  • Eine vierte Faustregel lautet: Ungewöhnlich hohe Renditemöglichkeiten gehen immer auf mit ungewöhnlich hohem Verlustrisko einher. Wer sich einbildet eine risikofreie Geldmaschine entdeckt zu haben, hat sein Geld schon verloren.

    Kann aber natürlich auch gut gehen, so wie der Ritt über den Bodensee.

    Der Kolumne pflichte ich bei und will folgendes anfügen: Man darf den Verbraucherschutzgedanken nicht unkritisch auf den Finanzmarkt übertragen. Die Marktwirtschaft funktioniert nur, wenn ahnungslose Trottel die Möglichkeit behalten, ihr Geld auch ab und zu mal loszuwerden.

    Sollen erwachsene Menschen denn jedes noch so leichtsinninge finanzielle Abenteuer starten können in der festen Hoffnung, dass die Behörden / Politiker / Verbraucherschützer das Geld schon wieder beischaffen, falls irgendwas schiefgeht? Das wäre dann die finanzielle Bildungskatastrofe schlechthin. Denn ohne Lehrgeld ziehen die Anleger auch keine Lehren.

    War schon immer so, wird sich auch nie ändern.

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