Der Finanzlotse Unwissen ist Ohnmacht

Eine stattliche Mehrheit der Deutschen hat in Finanzfragen keine Ahnung, für sie ist das ein absolutes Tabuthema. Die Politik muss dafür sorgen, dass Finanzwissen schon in den Schulen vermittelt wird.
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Herbert Walter

Herbert Walter – Der Finanzlotse. Herbert Walter führte von 2003 bis 2009 die Dresdner Bank.

Warum nur kommen wir beim Thema „persönliche Finanzen“ und unserem Wissen darüber nicht wirklich weiter? Seit Jahrzehnten wird hier zu Lande darüber geklagt, dass die weit überwiegende Mehrheit der Bürger keine Ahnung von Finanzdingen hat. Zudem tragen die Folgen der Finanzkrise aktuell zu diesem Thema bei.

Immer wieder bekommt es medialen Auftrieb, wenn - wie gerade jetzt im Falle Prokon - ein Unternehmen seine vermeintlich „sicheren Anlagen“ nicht zurückzahlen kann. Was hat Prokon denn prinzipiell anders gemacht als weiland Rudolf Münemann mit seiner Darmstädter Getreidehandelsbank?

Münemann bot in den 60er Jahren Unternehmen Kredite mit einer Laufzeit von bis zu 30 Jahren zu einem festen Zinssatz an, die er über kurzfristige Darlehen refinanzierte. Prokon finanzierte Anlagen mit einer Laufzeit von ebenfalls rund 30 Jahren mit kurzfristig kündbaren Genussrechten. Bei Münemann ging das gut, solange die kurzfristigen Zinsen unter den langfristigen lagen, bei Prokon, solange den Anlegern keine Zweifel an der Solidität dieser Finanzierung kamen.

Man muss wirklich kein ausgefuchster Finanzexperte sein, um zu erkennen, dass die kurzfristige Refinanzierung langfristiger Forderungen oder Investitionen mit einem großen Risiko behaftet ist.

Aber nicht nur spektakuläre Pleiten, auch ungezählte Untersuchungen führen uns unser unterentwickeltes Verständnis von elementaren Finanzfragen vor Augen. So kann sich die Mehrheit der Bundesbürger unter dem Zinseszinseffekt nichts vorstellen. Sie weiß nicht, welche Auswirkungen die Inflation auf die Kaufkraft ihres Vermögens oder ihre zukünftige Rente hat.

Bei Bagatellen nehmen wir gern das Sorglos-Paket, wenn es zum Beispiel um Smartphone, Urlaubskoffer oder Brillen geht. Die versichern wir Sicherheitsfanatiker natürlich gegen Diebstahl oder Verlust. Wenn es aber um wirklich wichtige Risiken geht, dann zögern und zaudern wir. Nicht einmal 10 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland haben eine eigenständige Berufsunfähigkeitsversicherung. Kaum besser sieht es bei der Privathaftpflicht aus.

Natürlich hat jeder eine Erklärung dafür parat, warum er bestimmte Risiken nicht abdeckt, nicht für das Alter vorsorgt oder eine falsche Anlageentscheidung getroffen hat: Das teure Leben, das geringe Gehalt, die große Unsicherheit, der falsche Berater und überhaupt etwas, woran andere Schuld sind.

Damit könnte man es bewenden lassen, wenn es nicht seit langem zwei klar erkennbare Trends gäbe: Die Politik verlagert die Risikoabsicherung immer mehr weg vom vordem fürsorglichen Staat hin in den privaten Bereich. Die Leistungsfähigkeit der sozialen Sicherungssysteme lässt kontinuierlich nach, wie es zum Beispiel insbesondere in der gesetzlichen Altersvorsorge zu spüren ist.

Austrocknen des Grauen Kapitalmarktes hilft niemandem
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11 Kommentare zu "Der Finanzlotse: Unwissen ist Ohnmacht"

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  • Unser Bildungssystem hat enorme Schwächen, weil es die Lernfähigkeit unserer Jugend falsch einsetzt. Für was soll man zwei Fremdsprachen lernen, wenn jedem klar ist, dass man mit Englisch überall durchkommt? Für was muss man sich mit komplizierter Mathematik in Schule und Studium abquälen, wenn man in 90% der Fälle im Beruf mit Grundwissen auskommt? Warum lernt man nicht im Geschichtsunterricht von den Verbrechen der machtgierigen und menschenverachtenden Figuren, dass sie Millionen Menschen und Vermögen vernichtet haben, und dass uns Europa die Chance gibt, mit anderen Staaten friedlich zu leben? Warum wird kein Wissen über Ernährung und Gesundheit vermittelt, wo klar ist, dass wir nicht schon mit 60 wegen sinnlosem Konsum krank sein dürfen? Und natürlich, warum lernt man nichts über den Umgang mit Geld und Erspartem und Vorsorge?

  • "Herbert Walter, 58, führte von 2003 bis 2009 die Dresdner Bank. Vorher war er bei der Deutschen Bank weltweit für Privat- und Geschäftskunden verantwortlich. Heute arbeitet Walter als selbständiger Berater. Unternehmerisch engagiert er sich beim Finanzportal WhoFinance.de."

    Herr Walter, man kann Ihren Artikel kritisieren oder auch nicht. Ich habe ihn kritisiert. Aber man muss Ihnen für wahr zugute halten, dass jedermann klar sein muss, aus welchem Blickwinkel Sie den Beitrag geschrieben haben. Sie haben Ihren Interessenkonflikt offengelegt und das finde ich fair.

    Es ist dann eine Sache des Handelsblattes, ob er auch veröffentlicht wird.

    Ich finde, da ich Sie von "früher" kenne und schätze, dass Sie es nicht nötig haben, sich derart billig vor den Karren spannen zu lassen.

  • Geehrter Herr Walter, der Titel Ihres Artikels soll vermutlich den Umkehrschluss aus „Wissen ist Macht“ ergeben? Dabei ist Glauben das Gegenteil von Wissen. Die Deutschen glauben gerade in Geldfragen das Nötige zu wissen und fallen deshalb besonders gern auch auf ihre Politiker und Finanzhaie rein. Wollen Sie etwa ausgerechnet von jenen Aufklärung fordern, die sich aus der Torheit der Deutschen alimentieren? Wären sich die Deutschen Ihres Unwissens bewusst, sie könnten ab morgen Hammer, Kelle oder Stift hinlegen und sich ein schönes Leben machen. Stattdessen geben sie ihr Geld denen, die damit gegen sie wetten.
    Woanders heißt es nicht zu unrecht: Die Deutschen sind nicht gebildet, sondern eingebildet.

  • "Man muss wirklich kein ausgefuchster Finanzexperte sein, um zu erkennen, dass die kurzfristige Refinanzierung langfristiger Forderungen oder Investitionen mit einem großen Risiko behaftet ist."

    Den Absatz hätte ich von Ihnen als ehemaligem Vorstand der Dresdner Bank AG und erst recht nicht bei diesem Beitrag erwartet. Sie vergleichen Äpfel mit Birnen und leugnen das, was Ihre Händler als Brot-und-Butter-Geschäft in "Ihrer" Bank, der Sie vorstanden, täglich gemacht haben.

    Sie waren doch in der Bank, oder?

  • "Eine stattliche Mehrheit der Deutschen hat in Finanzfragen keine Ahnung, für sie ist das ein absolutes Tabuthema."

    Herr Wlter, Sie haben ja recht. Aber sind wir doch einmal ehrlich. Trifft das auch nicht für Führungsebenen in Banken zu? Fragen Sie doch einmal bei Ihren ehemaligen Kollegen nach, wer von ihnen mit den Begriffen Rendite, Barwert und Forwardzins, Zinsswap, Multi-currency-swap, Berechnung einer Vorfälligkeitsentschädigung und ähnlichem etwas am Hut hat.

    Schauen Sie sich doch einmal Urteile von Richtern zu diesen Themen an. Ein kaltes krausen überfällt Sie.

    Wenn ich den feinen Zwischenton verstanden habe, dann deuten Sie, Herr Walter, damit an, dass die Deutschen von ihren Politikern repräsentativ vertreten werden.

    Das könnte man so sehen.

    Aber wie sollen Politiker etwas "anstoßen", was ihnen selbst "alternativlos" erscheint.

    Das wäre so, als wenn sich jemand Gedanken über seinen Schatten machen soll, dem es nicht auffällt, dass er in der Sonne steht.

  • "Münemann bot in den 60er Jahren Unternehmen Kredite mit einer Laufzeit von bis zu 30 Jahren zu einem festen Zinssatz an, die er über kurzfristige Darlehen refinanzierte."

    Schön Herr Walter, dass Sie Otto-Normal-Verbraucher Unwissenheit in Finanzangelegenheiten sicher mit Berechtigung vorhalten. Aber auch das von Ihnen aufgenommene Beispiel eignet sich nicht besonders dazu den Bürgern ein Schuldbewusstsein zu vermitteln.

    In Ihrem Beispiel werfen Sie das Liquiditätsrisiko mit dem Zinsänderungsrisiko in einen Topf. Das darf man nicht machen.

    Ich verkürze die Argumentation:
    Münemann hätte einen Zinsswap einbauen müssen. Dann wäre alles in Ordnung gewesen. Das Problem ist lediglich, dass es zur damaligen Zeit noch keine Zinsswaps gab.

    Wenn derartiges Vokabular erscheint und der Streit vor Gericht getragen wird, kann man fest davon ausgehen, dass Richter darüber "entscheiden", ohne selbst die Sache verstanden zu haben.

    Folgt man Ihrem nachvollziehbaren Ansatz, die Ausbildung bereits in die Schulen zu tragen, dann dürfen wir davon ausgehen, dass das Wissen - bis es in die Entscheidungsebene gelangt - noch eine ganze Generation dauert.

    Wenn Sie sagen, es muss aber mal angefangen werden, dann bin ich bei Ihnen.
    Wenn Sie aber daraus ableiten wollen, dass wir uns eine ganze Generation Zeit nehmen wollen, dann bin ich aauf der Gegenseite.

    Wir haben es bei der Entscheidung zum ESM im Bundestag gesehen und wir warten auf den Entscheid des Bundesverfassungsgerichts. Für Unwissende erscheinen derartige Fragestellungen alternativlos. Das wollen und können wir uns aber eine ganze Generation lang nicht mehr leisten.

    Darf ich Sie recht verstehen, wenn Sie den Bundesverfassungsrichtern und den Bundestagsabgeordneten wie auch der Bundesregierung noch einmal einen Grundkurs in Sachen "Geldmanagement" empfehlen wollen?

    Eine harte Empfehlung. Aber die kann ich sachlich nachvollziehen.

  • Ein Staat, der sich in alles einmischt, kleinlichst regelmentiert und alles verkompliziert - speziell in der Altervorsorge. Aber selbst bei Ausgaben und Verschuldung völlig enthemmt ist, keinerlei halbwegs anständige oder moralische Grundsätze verfolgt, wird immer die Kühe züchten, die er am besten melken kann. Der weiterverbreitete Analphabetismus in Finanz- und Wirtschaftsfragen ist kein Zufallsprodukt, sondern gewollt.

  • Das grünsozialistische Gedankengut will ja keine Naturwissenschaften (Physik,Chemie,Mathe) mehr in den Schulen haben. Auch die Wirtschaftwissenschaften (VWL und BWL) werden von dieser grünsozialistischen Ideologie nicht an deutschen Schulen mehr gewollt! Statt dessen Sexualkunde rund um die Uhr und Kultur-Sozialkunde und Gender Wahn! Und unser Mutti-Kanzlerin ist bei diesen grünsozialistsichen Volks Umerziehungsspielen (Große Transformation der detuschen Gesellschaft) mitten drinnen, statt nur dabei!

  • "Man muss wirklich kein ausgefuchster Finanzexperte sein, um zu erkennen, dass die kurzfristige Refinanzierung langfristiger Forderungen oder Investitionen mit einem großen Risiko behaftet ist.

    Nichts anderes als das, macht doch der Staat.

    Er finanziert seine zeitlich gesehen unendlichen Schulden, die niemals zurückgezahlt werden, indem er kontinuierlich neue zeitlich befristete Bonds auflegt. Sobald sich keine neuen "Investoren" finden ist der Staat sofort Pleite.

    Ponzi at its best...

    Wichtiger als Finanzbildung wäre die Vermittlung von echten konservativen Werten, wie sie früher den Kindern mitgegeben worden sind:
    - wer den Pfennig nicht ehrt...
    - spare in der Zeit...

  • Einen Teufel wird unsere Regierung tun, weil dann jeder Grundschüler verstehen würde, wie uns Merkel und Schäuble mittels EU und EZB in den ökonomischen Abgrund steuern.

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