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Dutschke spricht Jetzt reicht es – Löhne hoch und Dutschke weg!

In seiner letzten Kolumne warnt der Sohn von Rudi Dutschke vor einer größer werdenden Lücke zwischen Arm und Reich. Seine Forderung: die kleinen Leute endlich am Wirtschaftsboom beteiligen.
27.07.2013 - 12:20 Uhr 25 Kommentare
Rudi-Marek Dutschke – Dutschke spricht. Marek Dutschke, geboren 1980, ist der Sohn von Rudi Dutschke.

Rudi-Marek Dutschke – Dutschke spricht. Marek Dutschke, geboren 1980, ist der Sohn von Rudi Dutschke.

Es gibt eine Geschichte über meinen Vater aus den siebziger Jahren, worin er zu Besuch beim Theologen Helmut Gollwitzer war und dort einem Maurer begegnete, der einen Mercedes-Benz fuhr. Rudi konnte es nicht fassen, dass ein ausgebeuteter Arbeiter in der Lage schien, sich einen solchen Luxus zu leisten. Ob die Geschichte stimmt, lasse ich dahingestellt, aber was der Tatsache entspricht, ist, dass besonders die Arbeiterklasse vom großen Aufschwung der sechziger Jahre profitiert hat. Mit höheren Löhnen waren die Träume vom Häuschen und großem Auto für alle möglich. Ähnlich wie damals läuft die deutsche Wirtschaft läuft momentan auf Hochtouren. Einkommen aus Vermögen und Unternehmensgewinnen steigen massiv. Damals bedeutete eine florierende Wirtschaft den Aufschwung für alle; der Fahrstuhl ging für alle ein paar Etagen nach oben. Und heute?

Jeden Tag wenn ich aus dem Haus gehe, blicke ich auf eine Baustelle auf der anderen Straßenseite. Dort müssen die Bauarbeiter bei fast jedem Wetter den ganzen Tag harte körperliche Arbeit verrichten. Seitdem die Märkte mit billigem Geld überschwemmt werden und die Zinsrate kaum über die Inflationsrate liegt, suchen die immer reicher werdenden Investoren einen sicheren Hafen, um ihr Geld zu investieren. Immobilien im oberen und mittleren Preissegment in deutschen Großstädten sind genauso eine sichere Anlage und haben einen regelrechten Bauboom ausgelöst.

Als ich vor zwei Jahren meine Frau überredete, eine Wohnung zu kaufen anstatt zu mieten und uns damit auf 40 Jahre zu verschulden („Du bist doch verrückt“), da wusste sie auch noch gar nichts von meinen alten College-Schulden aus Boston. Jedenfalls wurden wir damals von einer Porsche Cayenne fahrenden Maklerin umgarnt, die uns den Kauf ganz rosig erklärte und uns bis zum Tag des Einzugs betreuen wollte. Letztlich sahen wir sie nach der Unterschrift beim Notar nie wieder. Ab und zu sehe ich den weißen Porsche im Kiez herumfahren und weiß, hier wird wieder kräftig Provision verdient mit leichter Arbeit. Wenn ich den Stundenlohn der Maklerin dem der Bauarbeiter gegenüberstelle – seit Januar 2013 beträgt deren Mindestlohn 11,05 Euro – verdient die Maklerin für ein paar nette Worte mehr als das 700fache. Ob die aus Osteuropa stammenden Bauarbeiter wirklich die ihnen garantierten elf Euro verdienen, kann bezweifelt werden.

Bevor der Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung auf Betreiben Phillip Röslers umgeschrieben wurde, war darin ein Satz vorhanden, dass mehr als vier Millionen Menschen für einen Bruttostundenlohn von unter sieben Euro arbeiten. Denn obwohl in den vergangenen drei Jahren eine moderate Steigerung der Reallöhne zu verzeichnen ist, sind die Einkommen im Niedriglohnsektor preisbereinigt gesunken. Minijobs, prekäre Beschäftigungen, befristete Verträge. In Deutschland gibt es sie nun auch, die „working poor“ – also die, die trotz harter Arbeit zu arm sind, um zu leben.

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    Die einzige Antwort darauf lautet, dass die Löhne flächendeckend erhöht werden müssen. Doch wie immer warnen die Arbeitgeber, dass eine Verteuerung der Arbeitskosten Arbeitsplätze vernichtet und investitionshemmend wirkt. Ja, das Kapital ist ein scheues Reh. Viel deutet darauf hin, dass diese Vermutung nicht stimmt. Viel wichtiger noch als das ökonomische ist das gesellschaftliche Argument. Es tut uns nicht gut, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter aufgeht. Es ist nicht zu vermitteln, dass die Arbeit von Hundertausenden – meist Frauen – überhaupt nicht wertgeschätzt wird und sie davon nicht mehr leben können. Und dies gilt nicht nur für Putzkolonnen und Kassierer im Supermarkt. Auch Krankenschwestern, Erzieher im Kindergarten oder Altenpfleger müssen davon ausgehen, dass ihre Arbeit der Gesellschaft nichts wert ist. Das ist nicht die Gesellschaft, in der ich leben möchte. Der Traum vom Mercedes-Benz oder vom Urlaub mit den Kindern, dem neuen Fahrrad und der Klassenfahrt darf nicht nur ein Wunschtraum bleiben.

    Zum Schluss habe ich eine persönliche Mitteilung. Nach gut anderthalb Jahren ist die Zeit gekommen, einen Schlussstrich unter „Dutschke spricht“ zu ziehen. Es hat mir Freude gemacht, die Kolumne zu schreiben und ich hoffe, beim Lesen nicht nur vernichtende Kommentare im Forum sondern auch einige anregende Gedanken ausgelöst zu haben. Nobody said it ain’t easy oder Goodbye and good luck!

    Marek Dutschke, geboren 1980, ist der Sohn von Rudi Dutschke, Wortführer der Studentenbewegung in den 60er-Jahren. Er ist in Elternzeit und lebt in Berlin.

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    25 Kommentare zu "Dutschke spricht: Jetzt reicht es – Löhne hoch und Dutschke weg!"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • achja die 70er, was für ein schöner warmer Geldregen ging da auf alle nieder - kreditfinanziert, by the way. Gleichzeitig wurden Strukturen geschaffen, die heute nur noch aufrecht erhalten werden können, indem ein Teil der Arbeitnehmer gnadenlos ausgebeutet wird. Ein bissschen mehr Steuern für grosse Einkommen / Vermögen wird daran auch nichts mehr ändern.

    • Länder mit großen Einkommensdifferenzen haben mehr soziale Probleme als solche mit geringen. Sie haben mehr Teenagerschwangerschaften, mehr Bildungsprobleme, mehr Drogensucht, mehr Inhaftierte (Gleichheit ist Glück - warum gerechte Gesellschaften besser sind). Wir täten gut daran, wenn wir die Ungleichheit wieder reduzieren.

      außerdem sind wir eine arbeitsteilige Gesellschaft. Wer will, dass jemand morgen noch als Krankenpfleger arbeitet oder Kindererzieher, der muss auch dafür zahlen, sonst kann er sich selbst eines Tages das Auto reparieren oder muss die Oma bei sich zu Hause selber pflegen.

      ich kenne gerade 4 Krankenschwestern die aus ihren Beruf rauswollen und ins Studium flüchten: wo bleibt die Anerkennung, der bessere Verdienst? Wer soll morgen noch in diesem Beruf arbeiten?

      es ist müßig darauf hinzuweisen, dass sie mit dem Beruf Nurse eigentlich momentan bessere Berufsaussichten hätten als mit dem angestrebten Studium wie Bio. Wir bekommen Ungleichgewichte am Arbeitsmarkt, wenn wir nicht fairer bezahlen und die EK-Disparitäten geringer halten.
      Diese Berufe macht dann irgendwann keiner mehr. Die Rente wurde auf 38% des Brutto-EK abgesenkt -- welche Krankenschwester möchte freiwillig in Altersarmut, nur weil sie diesen Beruf gewählt hat dummerweise?

    • @helft_hermann_denken.de

      Wissen sie, das Durchschnitteinkommen beträgt um die 2.500 € Brutto mtl. in Deutschland. Das bedeutet wegen der Ungleichverteilung das deutlich mehr als die Hälfte der Bevölkerung weniger verdient.
      50.000 € sind da ein ziemlich gutes Gehalt. Ich selbst habe zeitweise zwar mehr verdient ca. 70 T€, damit war ich aber schon im oberen Einkommenfünftel angekommen. Die letzten 10 Jahre allerdings nur noch um die 35 T€ und aktuell nochmals weniger.
      Wer alleine mit 50 T€ nicht auskommt und sich damit im oberen Einkommensdrittel der Gesellschaft bewegt, der hat völlig überzogene Erwartungen oder kann schlicht mit Geld nicht umgehen!

      H.

    • Alles Gute Herr Dutschke. Wenn eine Gesellschaft systematisch millionenfach Menschen ausgrenzt, um sich an deren Unglück zu bereichern, reicht es nicht mehr aus, sich nur von dieser Gesellschaft und ihren Verantwortlichen zu distanzieren, weil man davon angewidert ist, denn selbst dann duldet man noch immer das Unrecht und macht sich mitschuldig an den Menschen, denen ein solches widerfährt.
      Es ist vielmehr längst überfällig und an der Zeit diesen Misthaufen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln und möglichst ohne Waffengang, wenn es sich denn umgehen lässt, so umzugstalten, dass alle Mitglieder der Gesellschaft ein würdevolles Leben führen können und nicht ihr Selbstwertgefühl verlieren müssen.
      Über sechzig Jahre "Frieden" in Mitteleuropa haben leider auch dazu geführt, dass ein Parteien- und Beamtenfilz wuchern konnte, der jegliche freiheitliche Demokratiegedanken im Keim erstickt.
      Der moralische Verfall einer Gesellschaft, wie wir ihn immer schneller und tagtäglich um uns herum erleben, war in der Geschichte immer auch ein Vorläufer und ein Hinweis darauf, dass sich diese Gesellschaftsform ihrem Verfallsdatum nähert.
      Jeder Einzelne ist somit sebst in der Pflicht und sollte seine Handlungsweisen prüfen und überdenken. Welche Gesellschaft wollen wir, die der Arschkriecher- und Untertanenmentalität, wie sie uns allgegenwärtig umgibt oder die aufgeschlossener, selbstbewusster und verantwortungsvoller Menschen, die unerschrocken ihren Weg gehen und keine Angst davor haben sich mit den scheinbar Übermächtigen anzulegen?
      Liebe Leser entscheidet selbst, steckt nicht den Kopf in den Sand und kämpft dagegen an so gut Ihr eben könnt. Möglichkeiten gibt es viele. Nur Schweigen und Zuschauen verändern gar nichts. Es gibt immer eine Alternative oder ist der Fal der Mauer auch schon in Vergessenheit geraten?
      Nichts ist unmöglich!!!

    • @hermann.12,
      für wen viel? Für eine Familie die tief in ländlichen Regionen und Strukturen lebt, mag es passen. Das Thema ist, dass hoch qualifizierte und hart arbeitende Menschen nur einen Bruchteil dieser Managernieten verdienen. Das Paradoxum ist folgendes, versagen die Nieten wieder mal, verliert der Ingenieur auch noch seinen Job. Weiterhin ist die Schere ob dieser Investment Haie, den deutschen Politiker Luschen, etc. extrem gross geworden. Das schlimme ist, dass dieser Flachpfeifen Verein noch von ideenresristenten Nachplapperern und willfährigen Gedanken / Befehlsempfängern ( erinntert mich an die 30er Jahre ) wie zB. Ihnen, hermann12 gestützt wird.

    • Die Wirtschaft brummt und die prekären Arbeitsverhältnisse nehmen zu. Da drängt sich tatsächlich die Frage, in welchen Taschen die Gewinne landen.
      Die Maklerin in weissen Porsche ist sicherlich einer der kleineren Haifische im Becken. Aber immerhin hat mal einer der Schreiberlinge Ross und Reiter beim Namen genannt; bitte mehr davon.

    • Nicht ohne Grund gab und gibt es seit langen, langen Jahrenden Makler-Fan-Aufkleber:
      Nach Tripper, Syph und Cholera ist die Maklerpest nun da.
      In der hart erarbeiteten Beliebtheitsskala rangieren diese noch hinter/unter den Gebrauchtwagenhändlern, aber knapp über den Investmentbankstern. Ist doch wenigstens was, oder ;-)

    • Bei NICKELODEON werden noch naive Schwafler gesucht.

      Wieder eine Nervensäge weniger im Medien-Himmel Deutschlands.

    • Also, normalerweise stimme ich mit den Ansichten von Herrn Dutschke nicht überein. Aber genau deshalb lese ich seine Beiträge gerne. Wenn ich die Beiträge von Z. B. den Herren Weimar oder Walter lese, fühle ich mich zwar immer schön bestätigt. Aber erfrischender sind natürlich konträre Gedanken. Daher schade, dass Sie aufhören, Herr Dutschke.
      Dieser Beitrag ist übrigens eine Ausnahme. Als Freiberufler mit gut gehendem Geschäft, geht es mir ziemlich gut. Und ich wäre auch bereit, für viele Produkte und Dienstleistungen mehr zu bezahlen. Das aktuelle Lohndumping in vielen Bereichen, was durch das marktwidrige Aufstocken leider gefördert wird, sehe ich mit großer Sorge. Noch mehr besorgt bin ich über die Bestrebungen, Lohndumping nun auch für höher qualifizierte Arbeiten durchzusetzen (siehe die Mär vom Fachkräftemangel).
      Alle, die jetzt meinen, dass ohne Aufstocken Arbeitsplätze verloren gingen, was ohne Zweifel wohl passieren würde, aber Unternehmer mit tragfähigem Geschäftskonzept, die ihre Mitarbeiter ordentlich entlohnen, stützen würde, möchte ich folgendes fragen: Wer beschäftigt privat eine Putzhilfe (legal oder schwarz sei hier mal egal) und zahlt weniger als 10,-EUR pro Stunde? Vermutlich niemand, weil sich das einfach nicht geziemt.


    • Schade, ein konträr denkender Geist weniger im HB Meinungsmacherbild.

      Wünsch ihnen alles Gute. Venceremos.

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