Henkel trocken Andere Länder, andere Unsitten

Die Causa Christian Wulff ist kein Einzelfall: Auch andere Länder haben ihre Staatsaffären, gehen damit aber häufig lockerer um. Doch eins ist klar: Die Toleranz gegenüber dem Fehlverhalten von Mächtigen sinkt.
23 Kommentare
Hans-Olaf Henkel – Henkel Trocken. Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor

Hans-Olaf Henkel – Henkel Trocken. Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor

Letzte Woche wollte ein Pariser Freund von mir wissen, ob die Deutschen eine nationalmasochistische Veranlagung hätten. Wegen solcher Petitessen, wie in der Causa Wulff,  würden die Franzosen ihr Staatsoberhaupt niemals einer solchen Hetzjagd aussetzen und sich damit als Nation zum Gespött der Weltöffentlichkeit machen. 

Die Angelsachsen sind uns Kontinentaleuropäern mit ihrer "zero-tolerance" gegenüber Korruption und anderen Übergriffen Mächtiger immer noch weit voraus. Verglichen mit der Befragung Christian Wulffs durch ARD und ZDF waren die stundenlangen öffentlichen Vernehmungen von Bill Clinton zu seiner Affäre mit der Praktikantin Monika Lewinski veritable Schauprozesse.  

Auch ein Vergleich des Umgangs der Medien mit Affären ihrer Staatsoberhäupter zeigt, dass das Sprichwort "andere Länder, andere Sitten" eher „andere Länder andere Unsitten“ heißen müsste. 

Wie schon bei ökonomischen Parametern der Fall (Staatsverschuldung, Schwarzarbeit oder Steuerehrlichkeit),  tut sich auch beim Umgang mit Staatsaffären ein deutliches Nord-Süd Gefälle auf. Man erinnere sich an die zahlreichen Affären Berlusconis und an die Erschleichung der Euro-Mitgliedschaft durch die getürkten Zahlen Griechenlands. Ich wusste bis dahin nicht, dass Griechen türken können. Aber auch der Vergleich mit unserem bevorzugten Partner im Westen zeigt große Unterschiede im Umgang mit Staatsaffären. 

Ich lebte und arbeitete in Paris, als herauskam, dass der korrupte und blutrünstige afrikanische Diktator Bokassa die Ehefrau des französischen Staatspräsidenten Valerie Giscard d'Estaing mit Diamanten beschenkt hatte. Zu meinem größten Erstaunen zuckten damals nicht nur meine französischen Geschäftspartner mit den Schultern; auch die Medien sahen die Sache nicht so tragisch. Die Diamanten sind wohl heute noch im Tresor der Familie.

Dafür, dass nicht einmal die sozialistische Opposition die Sache mit Giscards Diamanten an die große Glocke hängen wollte, gab es später auch eine Erklärung. Giscards Nachfolger Francois Mitterand brachte über lange Zeit  seine außerehelich zur Welt gekommene Tochter samt seiner Geliebten in einer vom Staat bezahlten Wohnung unter. Der staatliche Geheimdienst half dabei, die Besuche Mitterrands bei seiner Zweitfamilie zu organisieren und zu verschleiern. Medien hielten diese Geschichte unter der französischen Bettdecke. Als sie dennoch ans Licht kam, war die Kritik am Staatspräsidenten für seine dreiste Vorteilsnahme weit weniger laut als die unverhohlen zum Ausdruck gebrachte Anerkennung für seine Virilität und seine Chuzpe.  

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Die Franzosen verfolgen die Treibjagd auf Wulf mit ungläubigem Staunen
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23 Kommentare zu "Henkel trocken: Andere Länder, andere Unsitten"

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  • Grundsätzlich ist nichts dagegen einzuwenden, einen günstigen Kredit bei Freunden aufzunehmen. Das gilt für einen popeligen Beamten, Frau Schausten und auch für den Bundespräsidenten. Die entscheidende Frage die derjenige sich stellen muss, ist, welche Erwartungshaltung der freundschaftliche Kreditgeber hegen könnte. Und dann sollte so langsam das Alarmglöckchen anfangen zu bimmeln.
    Käuflichkeit, Köllsche Klüngel oder wie man es nennen mag, ist nicht zu akzeptieren. Mag beim Buprä ja alles ehrlich, freundschaftlich ohne Gegenleistung über die Bühne gegangen sein. Der Eindruck ist ein anderer. Nämlich nur verheerend.

  • Eigentümlich, was Herr Henkel geflissentlich übersieht: Wenn er von zweierlei Maß spricht, das an den Bundespräsidenten angelegt wird, dann muss er aber auch ignorieren, welches Maß Herr Wulff an andere angelegt hat. Nachsicht war gerade kein Kriterium, das er politischen Gegenern zugestehen wollte. Herr Wulff pflegt zwei Maßstäbe: einen, dem er selbst gerecht wird und einen zweiten, an denen er andere misst. Souverän ist das nicht!

  • Warum in die Ferne schweifen, wenn das Schlechte liegt so nah?
    Auch unter den Pharisäern ist nicht auszuschließen, dass gewährte Sonderrabatte und Vergünstigungen gerne in Anspruch genommen werden, wenn diese dem eigenen Vorteil zugute kommen. Die eingeräumten Sonderkonditionen beim Autokauf der Journalisten, nach Vorlage ihres Presseausweises, sind doch nur ein Beispiel für ein fragwürdiges Privileg.
    http://www.pressekonditionen.de/top-presserabatte-2011/

  • Ein Sakrileg:
    Das BILD im Umgang mit ihren Opfern ganz nach Belieben verfährt, sind diese ihr erst mal auf den Leim gegangen, ist ja unbestritten. Das DER SPIEGEL die Chance verpasst hat, auf einer mittlerweile niveaulosen Ebene abzuspringen, ist unverzeihlich.

    Das gleicht einem Sakrileg und kommt einer Störung der Totenruhe verdächtig nahe. Axel Springer und Rudolf Augstein werden sich zurecht im Grabe umdrehen.

  • @Buerge-r, Ihre Argumente sind richtig aber nicht primär ! Wulff hat zwei ganz wesentliche Fehler begangen, diese sind sehr schnell in Vergessenheit geraten u/o durch andere Fokussierungen und Irritationen überspielt worden.
    1.) W. versuchte den Bürger, als Vertreter von Moral und gutem Anstand, zu belehren !! Sein ganzes Gehabe und seine Argumentation waren die schlecht geschauspielerte Rolle eines Kirchenvertreters der neben seiner Sittenwächterrolle eine Vorliebe für kleine Jungens nicht ganz verbergen kann.
    2.)Es stand nicht die Gesellschaft hinter W. als er sich mit der Rolle als BP anfreundete, es war nur Frau Merkel ! Und dieser Dame merkt man nicht nur die undemokratische Erziehung oder Herkunft an sondern im Umkehrschluß die diktatorisch-sozialistische Vergangenheit ihrer ehemaligen Leitkultur, mit all ihren strippenzieherischen Machenschaften hinter den Kulissen. Beider kirchliche Nähe und Gewogenheit vereint sie zu einem gemeinsamen Erscheinungsbild, die eher die Interessen von Minderheiten vertreten als das Volk und die eher die Vergangenheit mit drohendem Finger aufwühlen als "dem Volk aufs Maul schauen" wollen. Es macht sie gemeinsam unsympathisch usw,usw !
    Hätte W. etwas von dem Charisma eines Bundespräsidenten wie man sich ihn vorstellt - Verfehlungen hin oder her -, dann würde er sagen,Leute ich komm nicht an , deshalb trete ich zurück !

  • @Buerge-r, Ihre Argumente sind richtig aber nicht primär ! Wulff hat zwei ganz wesentliche Fehler begangen, diese sind sehr schnell in Vergessenheit geraten u/o durch andere Fokussierungen und Irritationen überspielt worden.
    1.) W. versuchte den Bürger, als Vertreter von Moral und gutem Anstand, zu belehren !! Sein ganzes Gehabe und seine Argumentation waren die schlecht geschauspielerte Rolle eines Kirchenvertreters der neben seiner Sittenwächterrolle eine Vorliebe für kleine Jungens nicht ganz verbergen kann.
    2.)Es stand nicht die Gesellschaft hinter W. als er sich mit der Rolle als BP anfreundete, es war nur Frau Merkel ! Und dieser Dame merkt man nicht nur die undemokratische Erziehung oder Herkunft an sondern im Umkehrschluß die diktatorisch-sozialistische Vergangenheit ihrer ehemaligen Leitkultur, mit all ihren strippenzieherischen Machenschaften hinter den Kulissen. Beider kirchliche Nähe und Gewogenheit vereint sie zu einem gemeinsamen Erscheinungsbild, die eher die Interessen von Minderheiten vertreten als das Volk und die eher die Vergangenheit mit drohendem Finger aufwühlen als "dem Volk aufs Maul schauen" wollen. Es macht sie gemeinsam unsympathisch usw,usw !
    Hätte W. etwas von dem Charisma eines Bundespräsidenten wie man sich ihn vorstellt - Verfehlungen hin oder her -, dann würde er sagen,Leute ich komm nicht an , deshalb trete ich zurück !

  • Die Toleranz gegenüber dem Fehlverhalten von Mächtigen sinkt nicht. Wir haben das Glück, dass die Medien das Fehlverhalten von Politikern in dieser Zeit genauer durchleuchten können. Das Fehlverhalten von Christian Wulff ist kaum zu toppen. Wäre Herr Wulff bei der ersten großen Diskrepanz zurückgetreten, wäre der Spuk schon längst vorbei. Jetzt beschädigt er nicht nur das Bundespräsidentenamt permanent sondern auch noch seine Partei die CDU. Hier drängt sich der Eindruck auf, dass alle Wulffbefürworter mächtig viel Dreck unter den Fingernägeln oder einfach nur Mitleid haben.
    Dank Wulffs Machtbesessenheit wird letztendlich die Opposition bei den nächsten Landtags- und Bundestagswahlen an Zustimmung gewinnen. Die Vorbildfunktion kann Herr Wulff nicht mehr ausüben. Daher ist er zum Rücktritt gezwungen. Dass Herr Wulff an seinem Stuhl klebt, zeigt doch den unmöglichen und schlechten Charakter von Herr Wulff.

  • Es ist eine zunehmende Untugend andere Nationen für unsere Probleme zu zitieren. Was interessiert uns Frankreich oder die USA ? Man kann sie wohl erwähnen, mit ihren Eigenarten, mehr aber auch nicht. Haben wir vor denen Angst unsere Schularbeiten - die wir mit der Neugründung der BRD (1949)aufgetragen bekommen haben - nicht richtig ausgeführt zu haben ? Wir sehen doch was alles in dieser Welt schief läuft und da sollten wir mit einer größeren, inneren Überzeugung unsere Werte vertreten und wenn nötig nach außen transferieren(zB EU) . Diese Werte sind nicht überall in unserer Gesellschaft gleichmäßig vorhanden, in der Masse sind sie es aber überwiegend. Noch !

  • herr Henkel ist immer wieder erfrischend. Alle wollen den Özdemir als deutschen moralpapst haben ob wohl der doch selbst ...........

  • Vielleicht verstand Herr Hans-Olaf Henkel damals nicht recht französisch oder hat er nur ein schlechtes Gedächtnis, aber es gab damals monatelang Zeitungs- und Fernsehberichte über diese Geschichte. Sie trug dazu bei, die Wiederwahl des Präsidenten zu verhindern.
    Giscard D'Estaing, nicht seine Frau, hatte Diamanten im Wert von 111 000 Francs als Geschenk von Bokassa bekommen. Diese Geschenke wurden als Staatsgeschenke angenommen und nicht eigens behalten, wie es sich bei solchen Angelegenheiten gehört. Sie werden registriert, ihren Wert abgeschätzt und von dem Staat eingenommen.
    Der angebliche Wert von einer Million Francs wurde für die Diamanten angegeben, aber erwies sich als falsch.
    Verkauft wurden sie 1981. Das Geld wurde dem Roten-Kreuz und karitativen Organisationen in Zentral-Afrika überwiesen.
    Als Journalist, sollten Sie nicht solche falsche und ungeprüfte Nachrichten veröffentlichen.

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