Henkel trocken Die britische Europamüdigkeit

Viel zu leichtfertig wird über einen möglichen EU-Austritt der Briten debattiert. Dabei würde Deutschland in Brüssel seinen wichtigsten Mitstreiter für Marktwirtschaft, Eigenverantwortung und Wettbewerb verlieren.
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Hans-Olaf Henkel – Henkel Trocken. Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor

Hans-Olaf Henkel – Henkel Trocken. Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor

Die deutsche Reaktion auf die Europarede des britischen Premiers war vorauszusehen. Für unsere Politiker und Medien ist die Ankündigung Camerons, seine Bürger über den Verbleib in der EU entscheiden zu lassen, nichts als eine bodenlose Dummheit. Außenminister Westerwelle und der Präsident des Europaparlaments Schulz gossen mit ihrer Reaktion („Mehr Europa!“) noch Öl ins Feuer. Dass sie damit die antieuropäische Stimmung auf der Insel weiter anheizen, nehmen sie in Kauf.

In deutschen Medien findet man nur wenig über die wahren Ursachen der britischen Europamüdigkeit und über die Konsequenzen, die ein Austritt der Briten aus der EU für Deutschland hätte. Bei der Suche nach der Ursache britischer EU-Müdigkeit wird man schnell fündig. Den Briten sind die Nachrichten über das Euro-Chaos auf dem Kontinent genauso in die Knochen gefahren wie den Bürgern der anderen neun Nicht-Euroländer der EU. Von denen ist bekanntlich nur den Rumänen der Appetit auf die Einheitswährung noch nicht vergangen.

Mit ungläubigem Staunen sehen die Briten, wie die zur Rettung des Euro nötige Angleichung der Produktivität des Südens und der des Nordens („Harmonisierung“) die Wettbewerbsfähigkeit der ganzen Euro-Zone schwer beschädigt. Sie registrieren mit Entsetzen, dass mit der Sozialisierung der Schulden („Bankenunion“) ein perfektes System organisierter Verantwortungslosigkeit eingeführt wird. Vor allem fühlen sie sich durch den im Gefolge von Eurorettungspaketen grassierenden Zentralismus („Mehr Europa“) völlig überrumpelt. Nicht die Briten ändern die Spielregeln, die Euromantiker tun es. Sie müssen es tun, um am Einheitseuro festhalten zu können.

Auch bei der Beschreibung der Folgen eines Austritts Großbritanniens aus der EU fällt die Einseitigkeit der Berichterstattung auf. Das Land würde selbst am meisten darunter leiden, heißt es. Dabei gibt es mit Schweden und Dänemark gute Beispiele dafür, wie man außerhalb der Euro-Zone besser abschneiden kann als innerhalb. Norwegen und die Schweiz machen nicht nur ohne Euro sondern sogar ohne EU erfolgreich ihren Weg. Wer sagt, dass Großbritannien das nicht auch könnte, anstatt im Sog des Loser-Clubs „Euro-Zone“ mit unterzugehen?

Auch die Folgen, die ein Austritt der Briten für Deutschland hätte, werden unter den Teppich gekehrt. Mit London würden wir in Brüssel den wichtigsten Mitstreiter für Marktwirtschaft, Eigenverantwortung und Wettbewerb verlieren. Wir wären dem Süden unter Führung der staatsgläubigen Zentralisten in Paris noch mehr ausgeliefert als wir es heute schon sind. Dabei verlieren die Länder der Euro-Zone auch als Handelspartner schon jetzt für uns immer mehr an Gewicht. Zu D-Markzeiten gingen 46 Prozent unserer Exporte in die Euro-Zone. Heute sind es nur noch 39 Prozent, Tendenz fallend. Es blieb dem britischen Deutschlandkenner David Marsh vorbehalten, den Deutschen jetzt im Handelsblatt mitzuteilen, dass Frankreich als unser bisher größter Handelspartner von Großbritannien abgelöst wurde. In einigen Dekaden wird Großbritannien Deutschland auch als bevölkerungsreichstes Land der EU überholen, wenn sie dann noch dabei sind.

Trotz „Rabatt“ auf britische Beitragszahlungen, ist Großbritannien der zweitgrößte Nettozahler in der EU. Die Leser von „Henkel trocken“ dürfen dreimal raten, wer den Beitrag der Briten übernehmen wird, wenn sie wegen der Europolitik die EU verlassen haben.

Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor an der Universität Mannheim. Bekannt wurde der langjährige IBM-Manager vor allem als Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI).

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40 Kommentare zu "Henkel trocken: Der Euro und die britische Europamüdigkeit"

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  • Da kann ich nur zustimmen. Ein kleiner Unterschied zu China ist nur , der Chinesische Staatsapparat ist in seiner politischen Präsenz und Funktionalität sehr gut aufgestellt und zielgerecht geordnet , von der EU läßt sich nur eine Art Konfusion südeuropäischer Prägung feststellen.
    Zwei Dinge sind es die den deutschen Bürger bedrohen. Einmal die mißratene Wirtschaftsphilosophie und Mentalität der EU und ihrer meisten Mitglieder, und zweitens die demokratische oder antidemokratische Einstellung. Beides zusammen ist stinkgefährlich für uns Bürger, die Gefahr einer vollendeten Diktatur liegt nahe ! Wir sollten die EU auf ein vernünftiges Niveau reduzieren, als losen Staatenverbund, ähnlich der vorherigen EWG , nicht viel mehr !!

  • England- Right or wrong-my country-ist der Wahlspruch der Engländer. Das bedeutet,dass die Engländer stolz auf ihr Land sind.Wenn man hinter den Nebel der schwarzen 12 Jahre Deutschlands blickt, wäre es angebracht, dass auch wir Deutschen stolz auf unser Land sein sollten. Wir haben in Kunst, Literatur und Erfindung Großartiges geleistet. Die Engländer scheinen zu erkennen, dass dieses Europa ihre Entfaltung hemmt. Die EU muss umsteuern, denn ein Weg in einen EU-Zentralismus würde letztlich Europa schwächen,weil man auch mehr und mehr die marktwirtschaftlichen Elemente außer Kraft setzen würde.- Heinrich Seibert,Ing.

  • Das politische Gebilde mit dem amerikanischen Namen "United States of Europe" ist schon Jahre vor seiner offiziellen Gründung ein gescheiterter Staat. Der Austritt Großbritanniens ist hoffentlichen nur der erste Schritt zur Auflösung dieses Gebildes!

  • Sehr geehrte Frau Sanne,

    da haben Sie sich doch schön erregt.

    Erklärt, wie es kommt, daß die Briten ganz ohne die verderblichen "sozialen Errungenschaften" tiefer in Schulden versinken als wir, haben Sie trotzdem nicht. Oder wieso man sich diese britischen Verhältnisse für Deutschland wünschen sollte. Brauchen wir solche sozialen Unruhen wie die, bei denen im Sommer 2011 tagelang britische Innenstädte brannten?

    Neoliberale, wie Henkel, aber schwärmen von Großbritannien immer noch als DEM Vorbild - und merken nicht, wie absurd das mittlerweile ist.

    Da wird Frankreich als wettbewerbsschwacher Patient angeprangert, der Europa in die Stagnation zieht, und von Briten gefabelt, die ob solchen Niederganges fassungslos den Kopf schütteln - dabei hat Britannien jetzt fünf Jahre lang geringeres Wachstum, höhere Inflation und höhere Staatsdefizite gehabt als Frankreich - teilweise sogar als Italien - und ist gerade dabei, zum dritten Mal seit Lehman in die Rezession zurückzurutschen. Wer "Süden" sehen will, wo er am marodesten ist, der braucht nur die Fähre über die Nordsee zu nehmen.

    Eigentlich ist es Henkels Unglück, daß die Briten dem Euro nicht beigetreten sind - an deren Rettung wäre die Währung wohl wirklich zugrunde gegangen.

  • In der Tat!

    Abseits der Mainstream Medien: Nachrichtenagentur EIR

    http://www.bueso.de LIES!!! siehe auch Nachrichtenarchiv, sowohl zur EU als auch Urland, Südeuropa und den USA!

    Gegen Freihandel! Für Protektionismus!

  • @Alexander Peters:

    In der Tat! Die exportfixierte sogenannte neoliberale Angebotspolitik ist gescheitert!!!
    Der Monetarismus der Chikagoer Schule der Volkswirtschaft nach Milton Friedman hat global versagt! Die Freihandel-Theorie ist seit Abbe Galiani, Friedrich List, Emmanuel Todd und Linksparteimitglied Franz Groll lange widerlegt!!!


    Manfred Julius Müller für Zollgrenzen

    http://www.neo-liberalismus.de

    http://www.anti-globalisierung.de

    EIR - Bürgerbewegung Solidarität

    http://www.bueso.de

    Volksprotest - die wahren Zahlen abseits der neoliberalen Mainstream Medien

    http://www.volksprotest.de

    Lösungen siehe Forum...


    Vorbild Schweiz - direkte dezentrale Demokratie mit Plebisziten statt Brüsseler EU zentralismus und britisches Mehrheitswahlrecht!

    http://www.zeit-fragen.ch

    Kinderschutz

    http://www.aktion-kig.de/kampagne/buergerbewegung_l.html?gclid=CN-BgdT4jbUCFYJBzQod8FMAbQ

  • Ja, lieber Alexander_Peters, der kubanischen KP können wir nur ein "paar" direkte Tote zurechnen, das ist auf jeden Fall besser! So ein ignorantes Gefasel! Wahrscheinlich streiten Sie auch ab, dass es den meisten Menschen in unserer westlichen Welt wesentlich besser geht als noch vor einigen Jahrzehnten, aber das liegt wahrscheinlich Ihrer Meinung nach an den sozialen Errungenschaften. Die sozialen "Errungenschaften" kommen uns noch teuer zu stehen, sie werden nur noch durch Schulden finanziert! Aber das sind dann wahrscheinlich auch noch die "Neoliberlalen" schuld; Menschen, die Ihre Meinung teilen, werden das schon so hinbiegen, da bin ich ganz sicher!

  • Die den Schimpf-Begriff "Neo-Liberalismus" sei unmenschlich - das sind die Leute die 100% Staatsversorgt sein wollen mit "Bürger-Geld" und nur das tun wollen wozu sie Lust haben. Vor allem morgens nicht vor 10 Uhr aufstehen ... und ansonsten alles umsonst und in den Hin..rn geschoben ...

  • Sehr geehrte Frau Sanne,

    Sie haben unrecht, was die Einordnung von "Neoliberalismus" als "Kampfbegriff" und "Worthülse" betrifft. Mit dem Begriff wurden und werden die auf Privatisierung, Deregulierung, Sozialstaatsabbau und Steuersenkung zielenden Theorien eines Friedrich A. Hayek und Milton Friedmann und deren praktische Umsetzung vor allem durch Thatcher und Reagan bezeichnet. Recht klar umrissener Begriffsinhalt, würde ich meinen.

    Was ihre Empörung, wegen der Schuldzuweisungen an "böse Märkte, böse Politiker wie einst Maggie Thatcher" betrifft: Es tut mir sehr leid, aber man wird auch Ihnen zuliebe die Verantwortung für die entfesselte Börsenunkultur der letzten 20 Jahre, für die Subprime-Blase, Lehman und die unglaublichen Summen, die das den Steuerzahler gekostet hat, nicht der kubanischen KP zuschreiben können.

    Nein, die Verantwortung dafür werden schon die übernehmen müssen, die in diesen Dingen in den letzten Jahren den Ton angaben - eben die (sorry!) NEOLIBERALEN.

  • @Alexander_Peters
    Was Sie da schreiben klingt ja in sich alles irgendwie rund. Meines Erachtens sind die Briten dennoch nicht das Problem der EU. Die EU hätte es selbst in der Hand gehabt, auf ihre demokratische Legitimierung zu drängen. Mir ist nicht bekannt, dass die EU mal ein Gesetz nicht erlassen hat oder einmal nicht ihre Finger ins Spiel brachte, weil ihr aus mangelnder demokratischer Grundlage die Hände gebunden waren. Im Gegenteil, die EU ist trotz dieses Mangels immer weiter in die Souveränität der Mitgliedstaaten vorgedrungen. Es sind außerdem noch genug andere Mitgliedstaaten übrig, die auf eine Demokratisierung der EU hätten drängen können, so dass vielleicht auch den Briten ein Kompromiss hätte abgerungen werden können. Da dem nicht so war, zeigt sich, dass es von diesen selbst gar nicht beabsichtigt ist, der EU eine demokratische Basis zu geben. Es ist auch nicht üblich, ein EU-Gesetz national nicht umzusetzen, weil die Demokratisierung der EU noch gar nicht entsprechend weit fortgeschritten ist. Sicherlich haben die Briten sich oft als Bremsklotz geoutet. Das kann aber jetzt nicht als Begründung dafür dienen, dass die EU ohne Konsens weitermachen durfte. Dann hätte es eben die Rückabwicklung der EU oder zumindest eine Suspendierung bedeuten müssen, aber nicht deren Verselbständigung.
    Ich bin mir sicher, es ist ausgemachtes Ziel, die EU zu einem Regierungsapparat nach chinesischem Modell zu entwickeln. Fernab jeglicher demokratischer Mühsal, sollen in Brüssel die Fäden gezogen werden, legitimiert durch Gutmenschentum, welches bisher jeder Diktatur voraus ging.

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