Henkel trocken Der schwache Euro, das süße Gift für unsere Industrie

Deutsche Unternehmen ruhen sich auf dem schwachen Euro aus, um ihre Exporte an den Mann zu bringen. Kreativität und Produktivität geraten da ins Hintertreffen.
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Hans-Olaf Henkel – Henkel Trocken. Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor

Hans-Olaf Henkel – Henkel Trocken. Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor

Die deutsche Exportindustrie ist auf Zack, aber die jetzt vom Handelsblatt und anderen deutschen Wirtschaftsredaktionen unisono gesungenen Lobeshymnen hat sie nicht ganz verdient. Sie übersehen: Der Euro ist zu stark für die Südländer und zu schwach für uns.

Dass der Euro für die „Südländer“ zu stark ist, zeigen die Auslastung der Hotels auf Rhodos, die Auftragsbücher der Mailänder Hersteller für Werkzeugmaschinen und der Automobilzulieferer in Valencia. Sie sind alle zu teuer geworden. Resultat: Tourismus und Export siechen dahin, überall schrumpft im Süden das Bruttoinlandsprodukt, sinkt die Zahl der Unternehmen, schmilzt die Steuerbasis. Dafür steigen dort Arbeitslosenraten und  Insolvenzen. Trotz aller Stabilitätsrhetorik schwillt die Staatsverschuldung in jedem dieser Länder weiter an. Auch nach dem anvisierten „haircut“ wird sie in Griechenland höher sein, als zu Beginn der Eurokrise. Eine erfolgreiche Umschuldung ohne gleichzeitige Abwertung hat es noch nie gegeben.  Frankreich verzeichnet in diesem Jahr eine viermal so hohe Neuverschuldungsrate wie Deutschland.

Von Griechenland bis Frankreich kann man inzwischen die Folgen einer „one-size-fits-none“-Währung besichtigen. Früher konnten diese Länder durch dosierte externe Abwertungen ihrer Währungen die Wettbewerbsfähigkeit erhalten.  In einer Einheitswährung ist das nicht mehr möglich. Dass diese Länder plötzlich in der Lage sein sollen, ihre Wettbewerbsfähigkeit durch „interne Abwertungen“, also durch Produktivitätszuwächse wiederzugewinnen, ist so unrealistisch wie die meisten Erwartungen unserer Euromantiker.

Nicht nur im Süden, auch im Norden kann man sehen, wie weit der Euro schon zu einer „one-size-fits-none“-Währung verkommen ist. Für die deutsche Industrie ist er längst zu schwach. Die Inflation ist auf dem Vormarsch, sie ist inzwischen höher als in den Ländern, deren Zentralbanken ihre Unabhängigkeit behielten, wie z.B. in Schweden oder der Schweiz. Langsam dämmert das den Konsumenten, bald auch den Rentnern und Arbeitnehmern.

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11 Kommentare zu "Henkel trocken: Der schwache Euro, das süße Gift für unsere Industrie"

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  • Wenn Herr Schäuble sagt, es gäbe keine Euro-Krise sondern nur in einigen Ländern der EU eine Staatssschuldenkrise, ist er unfähig zu erkennen, dass der Einheitseuro auch Mitverursacher der Staatsschuldenkrise ist. Herr Henkel hat sehr Recht damit, zu betonen, dass durch Wegfall der Abwertungsmöglichkeit der "Südländer" von Fall zu Fall auch deren Wettbewerbskraft empfindlich leidet, während die deutsche Exportindustrie durch den schwachen Euro überprorortionale Zuwächse erzielt, die aber leider nicht wirklich durch Produktivitätsfortschritte "erarbeitet" sind
    Dieser Schuß, den jetzt noch manche bejubeln,"Deutschland profitiert vom Euro am meistem", wird nach hinten losgehen
    und zu einem veritablen Rohrkrepierer mutieren.

  • @ brasso

    Ich verstehe nicht was Sie hier in meine Worte hinein interpretieren.

  • Wenn die Notenbank eine für Deutschland angemessene Politik betreiben würde ( könnte, dürfte), dann dürfte sich auch das Phänomen Fachkräftemangel recht schnell in Luft auflösen oder zumindest stark zurückentwickeln.

    Wenn die Notenbank das nicht darf oder kann, dann dürfte sich der Fachkräftemangel immerhin langsam auflösen oder zurückentwickeln, nämlich in dem Maße, wie der Produktivitätsvorsprung dahinschmilzt.

  • Deshalb ist die derzeitige Demokratie vakant und muss erneuert werden. Das Ergebnis des Subventionismus ist auch ein schleichendes Gift, welches von den mittelmaessigen Politikern der mittelmaessigen Waehlern solange verabreicht wird, bis das Geld Aller alle ist. Die vernuenftige Leistungsgesellschaft und der vernuenftige Kapitalismus und die vernuenftigen Marktmechanismen, eben der gesunde Menschenverstand eines Henkel ist der Internationale und den Euromantikern ein Dorn im Auge, da die sich installierende sozialistische Diktatur
    gegen die schoepferische Kreativitaet und Freiheiten sind. Jeder wird sich diese Fragen stellen muessen, der sich ein Mass an Realitaetsbewusstsein erhalten hat.
    Die Dynamik der Direkten Demokratie, die Qualifizierung innerhalb des demokratischen Entscheidungsprozesses oder die Relativierung der Macht der Buerokratie sind wesentliche Meilensteine, die diskutiert werden muessten, bevor es zu spaet wird. Der Euro in der Hand der Politiker/Banker ist ein Instrument der Hegemonie der Mittelmaessigkeit und Amoralitaet, die sich breit gemacht hat, im wahrsten Sinne des Wortes, besonders in Bruessel. Der Subventionismus ist genauso beschissen und kontraproduktiv, wie der Konsumismus. Die Gesellschaft, die sich nicht aus diesem heutigen Denkgefaengnis befreien kann ist dekadent.

  • @WolfgangPress

    So lange die "Dolce Vita" über den Exportüberschuss, darum geht es ja Herrn Henkel in diesem Beitrag, finanziert wird, profitieren "die da oben" überproportional gegenüber denjenigen, die dem Überschuss die Infrastruktur zur Verfügung stellen.

    Von einem starken Euro bei steigender Produktivität wird nur der Überschuss auf Kosten Anderer, inklusiv der deutschen Arbeitnehmerschaft, gesteigert. Die Brötchen werden bei uns weiterhin 25Cent kosten, nur der Anzahl derjenigen, die sich ein Brötchen leisten können, werden weniger. "Den da oben" mag das egal sein. Mir ist es nicht egal.

  • Demnach sind 90% der Deutschen ihrer Meinung nach "Penner".

    Ich muss ihre Meinung aber nicht teilen.

  • Ich schon, und zwar eine ganze Menge.

    Es geht nicht um an einer Produktivitätssteigerung überproportional zu verdienen, sondern es geht darum, dass jeder, wirklich jeder, der dem Dolce Vita frönen will, dieses sich selber erarbeitet und auch finanziert.

    Wenn Steuerhinterziehung und Betrug zu Nationalcharakter der Griechen und anderer Südländer gehört, dann ist das deren Angelegenheit. Aber bitte nicht aus Kosten Dritter.

    Das wird natürlich den altmaoisten, altkommunisten und neosozialisten, also allen sogenannten selbsternannten Gutmenschen nicht in den Kram passen.

  • Dagegen wäre einzuwenden, dass es somit nur Verlierer gibt. Nach ihrer Einstellung sollten wir alle als Penner durch die Straßen ziehen. Dann ist das Höchstmaß der Gerechtigkeit erreicht.

  • "Das alles geht zu Lasten des Wohlstands in Europa, im Süden wie im Norden. Dafür ist er dann gleicher verteilt."

    Ich weiss nicht, was man dagegen einzuwenden hätte.

    Sicher. Für neoliberale Kapitalisten, die lieber überproportional an der Produktivitätssteigerungen profitieren wollen, wird hierbei in die falsche Richtung verteilt. Das muss Herr Henkel natürlich kritisieren.

  • Eine Analyse, die von großem Sachverstand zeugt.

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