Henkel trocken Globalisierung erzwingt ein föderales Europa

Die Globalisierung taugt nicht zur Begründung eines europäischen Zentralstaats. Viele Beispiele belegen eine gestärkte regionale Identität, auch aus Deutschland. Man muss sich nur einmal auf dem Oktoberfest umschauen.
24 Kommentare
Hans-Olaf Henkel – Henkel Trocken. Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor

Hans-Olaf Henkel – Henkel Trocken. Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor

Düsseldorf
Als Nebenprodukt diverser Euro-Rettungspakete soll aus dem Europa der Vaterländer ein Vaterland Europa werden. Zur Begründung wird immer wieder etwas aus den folgenden Argumenten bemüht.

Die taktische Begründung: Um den Euro zu retten, brauche man mehr Zentralismus, mehr Solidarität und mehr Harmonisierung. Diese Logik lässt sich schwerlich bestreiten. Dass dadurch langfristig die Wettbewerbsfähigkeit der Eurozone auf der Strecke bleibt, wird ignoriert oder in Kauf genommen.

Die historische Begründung: Ein durch den Euro erzwungenes gemeinsames Europa sichere den Frieden. Dass der Euro Zwietracht innerhalb der Eurozone anrichtet und den Graben zwischen Euroländern und Nichteuroländern stetig verbreitert, lässt sich schon lange nicht mehr leugnen.

Die strategische Begründung: Um sich den Herausforderungen der Globalisierung stellen zu können, müssten die europäischen Länder zu einer größeren Einheit zusammenrücken. An dieser Behauptung stimmt nur, dass ein möglichst großer Binnenmarkt die wichtigste Voraussetzung für Wachstum und Wohlstand ist. Schweden, Dänemark oder Tschechien können sich mit einer eigenen Währung in der Globalisierung sogar besser behaupten. Selbst die Nicht-EU-Länder Norwegen und die Schweiz können es.

Nicht nur Euro-Rettung und Friedenssicherung, auch die Globalisierung taugt nicht zur Begründung eines europäischen Zentralstaats. Die Protagonisten müssen entweder blind, taub oder ideologisch verbohrt sein. Wie sonst könnte ihnen entgehen, dass die Globalisierung überall auf der Welt immer öfter zur Ablehnung von Zentralismus, dafür aber zu mehr Identifikation mit der eigenen Region führt?

Eine gestärkte regionale Identität belegen viele Beispiele auch aus unserem Land. An meinem zweiten Wohnsitz, in Konstanz, gab es früher ein zentrales Weinfest, heute gibt es eins in jedem Stadtteil. Als ich vor 40 Jahren zum ersten Mal auf dem Oktoberfest war, trugen nur die „Zenzies“ Trachtenkleidung. Heute tanzen dort auch die meisten der Zugereisten in Dirndl und Lederhosen auf den Bänken. Kaum vorstellbar dagegen, dass man sich je für ein Fußballspiel „Eurozone vs. Uruguay“ interessieren wird. Überall in der Welt kann man registrieren: Mit zunehmender Globalisierung steigt das Bedürfnis nach regionaler Identifikation, nach „Heimat“.

Auch die Wirtschaft reagiert auf die Globalisierung anders als die Politik. Anfang der 90er Jahre war ich Präsident der IBM Europa mit einer Hauptverwaltung von 2.000 Leuten in Paris. Heute spielt Europa bei den „Global Players“ keine Rolle mehr. Sie sind weltweit organisiert, dafür lassen sie ihre Kunden auf nationaler Basis betreuen. Kein Bayer, Nestlé oder Continental kommt noch auf die Idee, in Brüssel oder anderswo eine Verwaltung für ihr europäisches Geschäft einzurichten. Die IBM Europa gibt es nicht mehr.

Dass die Globalisierung auch politisch nicht Zentralismus sondern Föderalismus befördert, kann man an den aktuellen Nachrichten über die Unabhängigkeitsbestrebungen in Katalonien, Schottland und das Wiedererwachen der Sezessionisten in Südtirol leicht erkennen. In Quebec haben die Wähler gerade für eine Ministerpräsidentin gestimmt, die sich die Unabhängigkeit dieser französisch sprechenden Provinz auf die Fahnen gehaftet hat.
Nicht nur die UDSSR, Jugoslawien und die CSSR haben gezeigt, dass ein ideologisch (bei uns mit dem Euro) begründeter Zusammenschluss kulturell unterschiedlicher Regionen gefährliche zentrifugale Fliehkräfte entwickelt.

Für Europa kann die Konsequenz aus der Globalisierung nur heißen: Auch wenn es die Aufgabe des Einheitseuros bedeutete, wir brauchen ein föderales und kein zentralstaatliches Europas. Um des lieben Friedens willen!

Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor am Lehrstuhl Internationales Management der Universität Mannheim. Bekannt wurde der langjährige IBM-Manager vor allem als Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI).

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24 Kommentare zu "Henkel trocken: Globalisierung erzwingt ein föderales Europa"

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  • Also Freunde ,lest mal die Verfassung der USA durch und macht euch Gedanken ueber die zukuenftige Struktur im vereinten Eiropa.
    Dort hat Madison ein klare Gewaltenteilung mit Check and Balances skizziert und so steht sie seit weit uebet 200 Jahren.
    Dazu kommen naruerlich die weiteren Zusaetze ,wie die Bill of rights etc.
    Der Versuch eine Vefassung in Europa zu schaffen ,ist jaemmerlich gescheitert.
    Aber man koennte sich ja auch mal umschauen.
    In den US haben die einzelnen Staaten klar definierte Rechte ,die leider bis zum Buergerkrieg vor 150 Jahren fuehrten.
    Der Praesident kann auch nicht alles machen was er will , sonst droht ihm die Amtsenthebung.
    Das koennte mit Abwandlungen,vieleicht ein Muster sein.
    Aber nach meinem Eindruck fehlt hier der echte Wille zur Einigung und eine klare Struktur.
    Jeder will sein Sueppchen kochen ,aber wenns knapp wird ,sollen die anderen einspringen oder werden sogar als Neonazis verschrieen.
    Also die Devise
    Alle fuer einen ,aber fuer mich das Meiste.
    So wird das nicht funktionieren.
    Leider fehlen in Europa die politischen Fuehrumgspersonen,die solch eine wirkliche Reform auch verkaufen koennen.
    Einer Frau Merkel traue ich das nicht zu.Die kann ja nicht mal richtig Englisch sprechen.
    Also bitte weitergackern und weiterwursteln.

  • Die Schwächen solcher Kolumnen bestehen darin, dass mit ökonomischer Einäugigkeit politische Fragen ohne einen Blickwinkel für politisch-historische Zusammenhänge erörtert werden. Europa benötigt andere Antworten für seine Probleme als ein Wettbewerbsunternehmen am Markt.

  • Das Wort Globalisierung wird von unsren Politikern ja mittlerweile als Drohung uns Bürgern gegenüber nenutzt. Läuft hier was nicht rund, kommt sofort "das sit die Globalisierung"
    Was Merkel mit ihrem Zentralsstaat Europa anstrebt, ist ja im Grunde genommen eine Diktatur Europa.
    Wir schaffen einen neuen Balkan.
    Aber wo nur noch Dummheit, Ideologie, Nichtwissen und Fanatismus herschen, kann man halt nichts Vernünftiges mehr erwarten

  • <North Carolina oder Maryland sprechen doch auch nicht fuer die USA.
    Die muessen naemlich ihre Schulden selbst abtragen,wenn es auch schmerzt.>

    Genau dieser Punkt, dass die Euro-Länder NICHT gegenseitig für ihre Schulden haften und aufkommen wurde gebrochen. (Maastricht: NO-Bailout-Klausel)

    Der Weg in die Transferunion wurde dadurch geschaffen.

    Genau dies war der Hauptgrund für die Meinungsänderung von Herrn Henkel

    siehe: http://www.tarifometer24.com/wp-content/uploads/2012/08/cdu-euro-werbung.jpg?e116a5

  • Herr Henkel hat seine Meinung geändert, als der wichtigste Vertragspunkt, die No-Bailout-Klausel gebrochen wurde, und als er gesehen hat wohin der Euro steuert: in einen zentralistischen Staat und eine Transferunion. Er hat wie viele andere auch den Versprechen unserer Politiker geglaubt.

    Unsere Euro-Fanatiker haben uns belogen und betrogen. Ich finde es außerordentlich gut, dass Herr Henkel sich jetzt so für eine Veränderung einsetzt.

    Wenn ein Vertrag auf Lug und Trug basiert, oder man sieht, dass ein Projekt völlig aus dem Ruder läuft und nicht mehr zu retten ist, dann sollte man dringend über Alternativen nachdenken und die Notbremse ziehen. Nach meiner Erfahrung geschieht das nur in der Wirtschaft, aber leider fast NIE beim Staat.

    An einer Meinung festzuhalten, obwohl sich die Rahmenbedingungen total geändert haben und abzusehen ist, dass das Projekt an die Wand fährt, ist mehr als dumm. Aber genau das macht unsere Regierung. Typisch staatliches Verhalten! Durchhalteparolen die alle ein „weiter so“ beschwören werden ausgegeben.

    Unsere Regierenden müssen die Zeche ja nicht zahlen, sondern wir. Vielleicht hofft der eine oder andere Politiker sogar noch auf eine Karriere im immer weiter wachsenden Moloch Brüssel.

    Hätten wir in unserer Regierung und politischen Landschaft mehr Menschen wie Herrn Henkel, dann bestünde die große Chance, dem Desaster noch entrinnen zu können. (mit Blessuren)

    Aber leider sieht die Realität ziemlich hoffnungslos aus, eben weil unsere Politiker gebetsmühlenartig an ihrem Euro-Glauben festhalten, auch wenn alles um sie herum zusammenbricht. Und die Bürgerschafe glauben Ihren Sprechblasen.

    Die einzige kleine Hoffnung ist die Wahlalternative 2013

  • Viele Beispiele haben bewiesen,dass zentralistische Staaten weniger leistungsfähig waren. Zentralismus hat sich oft als gegenteilig von friedenssichernd erwiesen.Die einzelnen Staaten von Europa müssen leistungsfähig werden, nur dann wird Europa stark sein und in der Welt eine anerkannte und gewichtige Rolle spielen können.- Unser deutsches föderalistisches System seit 1945 hat sich als sehr erfolgreich erwiesen. - Ideologien bauen Luftschlösser
    und haben den Menschen nirgends in der Welt zu Glück verholfen.Heinrich Seibert,Ing.

  • Der deutsche Zentralstaat wäre demnauch auch abzuschaffen. Bayern den Bayern!

  • "Nicht nur Euro-Rettung und Friedenssicherung, auch die Globalisierung taugt nicht zur Begründung eines europäischen Zentralstaats. Die Protagonisten müssen entweder blind, taub oder ideologisch verbohrt sein. "

    Nein, sie sind weder blind noch taub. Aber verbohrt sind sie schon und zwar in ihren Allmachtsphantasien. Und natürlich in ihren Pensionsansprüchen. Was die Bürger der Staaten wollen, ist doch völlig egal. Aber "mehr Europa" bedeutet auch mehr kuschelige, gut bezahlte Stellen.

  • Es ist schon verwunderlich, dass auf allen politischen Gebieten, wo sich eine gemeinsame europaeische Politik anbieten wuerde, nur Misserfolge zu verzeichnen sind, hierzu zaehlen unter anderem gemeinsame Verteidigungspolitik, gemeinsame Aussenpolitik (Libyen!) oder gemeinsame Energiepolitik (Atomaustieg Deutschland!).

    Stattdessen will man sich an einer gemeinsamen Fiskalpolitik und einer gemeinsamen Wirtschaftspolitik die Zaehne ausbeissen. Die Gegensaetze in der Wirtschaftsphilosophie der groessten EU Partner Deutschlands und Frankreichs koennten kaum groesser sein. Es ist absehbar, dass Vertraege zu einer Wirtschafts- und Fiskalunion fortlaufend gebrochen werden wuerden, in schoener Tradition mit allen anderen EU Vertraegen.

    Die zentralistische EU ist eine Totgeburt!

  • Regionale Identitaet oder Heimatliebe sind Begriffe, die mit einem altmodischen Anstrich versehen vom eigentlich Wichtigen wegfuehren. Es geht um nichts Geringeres als um unsere Freiheit, um unser Recht nach eigenen Wuenschen und Vorstellungen zu leben. Freiheit und Verantwortung sollen beim Einzelnen Menschen ruhen und nur wenn es nachweislich Vorteile bringt, soll der Einzelne Verantwortung an eine naechsthoeherliegende Organisationsform abtreten. Man spricht in der Politikwissenschaft vom Subsidiaritaetsprinzip (Klaus von Dohnanyi hat in den letzten Tagen eine schoene Replik zu den Einlassungen unseres Altbundeskanzlers geschrieben.)

    Subsisiaritaet ist als tragendes Prinzip in den EU Vertraegen festgelegt. Subsidiaritaet bedeutet immer Verantwortung so tief wie moeglich anzusiedeln, also Foederalismus. Die Tagespolitik geht in die entgegengesetzte Richtung. Auch die Bundesregierung und deren Vertreter propagieren stark zentralistische Regelungen. Man spricht von Integration und meint Vereinheitlichung. Vereinheitlichung bedeutet aber immer eine Aufgabe von Wahlfreiheit. Es muss immer ein handfester Vorteil nachgewiesen werden, damit Voelker, Regionen, Staedte oder Individuen ihre Wahlfreiheit aufgeben. Jeder kann sehen, dass es fuer uns alle von Vorteil ist, wenn wir unsere Wahlfreiheit zugunsten europaweit einheitlicher Steckdosen aufgeben. Aber was briungt es fuer Vorteile, wenn wir uns fuer eine europaweit einheitliche Kruemmung von Salatgurken einigen?

    Viele von uns wollen Europa, aber das Europa von Merkel, Draghi, Schaeuble, Barosso und Konsorten wollen wir nicht!

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