Henkel trocken Von Brandmauern und Funkenflug

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass unsere Politiker, sieht man mal von ehemaligen DDR-Größen ab, jemals so unverfrorenen Etikettenschwindel betrieben haben, wie in ihrer Eurorhetorik. Das bisher eindrucksvollste Beispiel dafür ist die „Stabilitätsunion“, mit der die Umwandlung von einer Währungsunion erst zu einer Transferunion, dann zu einer Schuldenunion und schließlich zu einer Inflationsunion kaschiert werden soll. Es geht aber noch dreister.
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Hans-Olaf Henkel – Henkel Trocken. Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor

Hans-Olaf Henkel – Henkel Trocken. Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor

Um die Deutschen auf die nächsten Wortbrüche (sprich: weitere Bürgschaften und neue Risiken) vorzubereiten, werden jetzt „Brandmauern“ versprochen. Als ich das las, hatte ich sofort das brennende Haus meiner Eltern an der Rothenbaumchaussee 141 in Hamburg-Harvestehude vor Augen. Am 26. Juli 1943 schlug eine Brandbombe ins Dach. Der kleine Hans-Olaf stand auf der Straße und sah sein Elternhaus abbrennen. Die Brandmauer zwischen den Häusern verhinderte das Überschlagen der Flammen auf das Haus des Nachbarn. 

Eine Brandmauer hatten wir auch im Maastricht-Vertrag. Es bleibt das Verdienst des damaligen Finanzministers Theo Waigel (CSU) und seines Staatssekretärs Horst Köhler, diese gegen energischen Widerstand der Franzosen aufgebaut zu haben. Sie hatte auch einen Namen: „No-bail-out“-Klausel. Und sie hatte eine Bedeutung: Einem in finanzielle Schwierigkeiten geratenen Land durfte nicht geholfen werden. Damit sollten Politiker davon abgehalten werden, Schulden zu Lasten der Bürger in anderen Ländern aufzunehmen. Diese Brandmauer zwischen den Steuerzahlern in Deutschland und ausgabefreudigen Politikern in anderen Ländern wurde im Mai 2010 von Kanzlerin Merkel auf Druck der Franzosen Sarkozy, Lagarde, Trichet und Strauss-Kahn eingerissen.

Jetzt forderte EU-Währungsfeuerwehrmann Olli Rehn: „Wir brauchen höhere Brandmauern in Europa.“ Dadurch verschleiert er nicht nur die Tatsache, dass die Brandmauer von Maastricht abgerissen wurde, er erweckt den Eindruck, dass eine neue aufgebaut worden wäre, nur nicht hoch genug. Mit diesem Etikettenschwindel machte er aus einem Rettungsschirm (ESM) eine Brandmauer.

Daraufhin erklärte der französische Feuerwehrmann, Finanzminister François Baroin: „Je höher die Brandmauer, desto geringer ist die Gefahr, dass der Rettungsschirm in Anspruch genommen werden muss.“ Damit suggeriert er, dass mit der Erhöhung der (vor allem von den Deutschen) abgegebenen Bürgschaften das Risiko der Deutschen sinkt. Das erinnert zwar stark an die Geschichte des Barons von Münchhausen, der sich mal an seinen eigenen Haaren aus dem Sumpf gezogen haben will, ist aber aus französischer Perspektive plausibel.

Auch der sozialistische Kandidat für das französische Präsidentenamt, Francois Hollande, hat jetzt verkündet, sich im Falle seiner Wahl für Eurobonds einzusetzen. Wenn alle für die Schulden aller haften, wie beim Euro-Bond der Fall, lässt es sich leichter Schulden machen. 

Warum der Rettungsfonds ESM keine wirksame Brandmauer ist
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45 Kommentare zu "Henkel trocken: Von Brandmauern und Funkenflug"

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  • Ihren Ausführungen ist leider nichts hinzuzufügen. Traurig, aber wahr.

  • Der Maastrichtvertrag wurde unwirksam gemacht, wobei man den Solidarträumern einmal sagen muss, dass, wer Schulden auf Kosten anderer Länder macht, unsolidarisch
    ist. In der Tat ist zu beobachten, dass unsere Regierung , um die Wähler zu beruhigen zunächst Widerstand demon-striert, dann aber um die Ecke auf den von EU gewünschten
    Kurs einschwenkt. Ich denke, dass das Europa in dieser Form Deutschland mehr schaden als nutzen wird. Heinrich Seibert,Ing.

  • Seibert Der Maastrichtvertrag wurde unwirksam gemacht, wobei man den Solidarträumern einmal sagen muss, dass, wer Schulden auf Kosten anderer Länder macht,unsoli-darisch ist. In der Tat ist zu beobachten, dass unsere Regierung , um die Wähler zu beruhigen zunächst Wider-
    stand demonstriert, dann aber um die Ecke auf den von EU gewünschten Kurs einschwenkt. Ich denke, dass das Europa
    in dieser Form Deutschland mehr schadet als nutzten wird. Heinrich Seibert,Ing.

  • Der Maastrichtvertrag wurde unwirksam gemacht, wobei man den Solidarträumern einmal sagen muss, dass, wer Schulden auf Kosten anderer Länder macht, unsolidarisch ist. In der Tat ist zu beobachten, dass unsere Regierung , um die Wähler zu beruhigen zunächst Widerstand demonstriert, dann aber um die Ecke auf den von EU gewünschten
    Kurs einschwenkt. Ich denke, dass das Europa in dieser Form Deutschland mehr schaden als nutzen wird. Heinrich Seibert,Ing.

  • Eine "Brandmauer aus Papierscheinen" kann ein Feuer ohnedies nicht aufhalten ...

    R. Marschall, Parteiobmann
    http://www.euaustrittspartei.at/

  • Zum "tiefsinnigen" Kommentar von Otternase ist nicht viel hinzuzufügen, aber einiges sollte er korrigieren in seiner tiefsinnigen Weisheit:
    1)Die Transferunion in Deutschland(Länderausgleich)funktioniert auch hier nicht, d.h. die Nehmerländer machen keine Anstrengungen unabhängig zu werden.
    2)Südstaaten, einschließlich Frankreich krampften schon vor der €-Union mit der Pleite. Das war der Grund warum überwiegend diese Staaten sich hier eingefunden haben. Durch die billigen Kredite haben sie sich und anderen einen Wirtschafts-Wachstumsboom vorgetäuscht.
    3)Wichtigstes Heilmittel für diese Regionen wäre Produktionen dorthin zu verlegen. Das geht aber nur wenn die Produktionskosten akzeptabel wären, und das funktioniert nur wenn die Menschen es dort wollen.
    4)Banken tragen mit den größten Teil an diesem Dilemma. Sie sollten zu ihrem eigentlichen natürlichen Aufgabenbereich zurück geführt werden durch Verbot von bestimmten Geldgeschäften. Machen sie es doch, müssen sie und die Anleger den Schutz(Rettung) der Gesellschaft verlieren.
    5)Ganz privat : Staaten mit Grenzen sind weitaus interessanter für mich als Urlauber. Und für die Währungen viel leichter zu regeln. Kriege sollten in unserem europäischen Bereich sowieso der Vergangenheit angehören. Eine grenzenfreie Welt wird nicht funktionieren. Der Kommunismus ist dran gescheitert und die anderen organisierten Völker dieser Welt wie Ameisen, Wespen, Bienen sind bisher gleichfalls an der Verwirklichung dieser Idee gescheitert.
    6)Eine Transferunion(die Innerdeutsche) ist gescheitert und nur mühsam zu tragen, und das sollte uns reichen !

  • Und wenn der deutsche Michel nicht zahlen kann, weil er selber brennt, kommen die anderen dann Kohle bei uns holen, wie nach dem ersten Weltkrieg ?

  • Es stimmt alles, deshalb fällt es einem schwer etwas geistreiches zuzufügen. Eines möchte ich doch noch erwähnen. Wir werden zunehmend mit einer Hartleibigkeit aus unserem nachbarschaftlichen Umfeld bedrängt das einem bei dieser Unverfrorenheit (Ch.Lagarde, Juncker...)die Haare zu Berge stehen. Aber wer und wo sind denn jene, und warum melden die sich nicht zu Wort, die mit Deutschland gleicher Meinung sind bzw es uns überlassen die internationale Prügel zu kassieren ? Oder gibt es diese Staaten nicht, oder sind es wieder mal die Medien die an diesem Rad der Eindrücke und Fehleindrücke fleißig kurbeln ?

  • Werner Willenborg
    FA für Allgemeinmedizin
    CBA
    Veneto

    "..Griechenland wird in den Ruin getrieben .. sämtliche
    Staaten sind erst im Rahmen der Bankenkrise ins Defizit gefallen .. "
    Sie scheinen von keinerlei Sachkenntnis getrübt. Die Gefahren und Versuchungen bei der Einführung von Eurobonds sind für Sie wohl intellektuell eine Nummer
    zu gross. Herr Henkel hat sich doch klar und verständlich ausgedrückt. Ich stimme ihm zu, Kritik ist erlaubt und erwünscht, aber Ihr "Baumschulenniveau" peinlich, peinlich -

  • Ich zitiere den Inhalt, der gesagt wurde. Ob Sinn das selbst befürwortet ist unerheblich. Er ist aber davon überzeugt, dass Eurobonds und die Fiskalunion kommen werden, weil er nicht sieht, dass der amerikanische Weg gewählt wird. Eurobonds oder die Kapitalisierung der Staaten direkt durch die EZB ist ja makroökonomisch auch geboten, da über die Taget 2 Salten das Gleiche schon längst geschieht, mit wesentlich größeren Gefahren für die Notenbanken.

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