Professor Chiffre Der hybride Sozialstaat

Sozialpolitik, also die Absicherung der großen Lebensrisiken, ist eine politische Dauerbaustelle. Sozialpolitiker des alten Schlages werden allerdings umdenken müssen.
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Bert Rürup – Prof. Chiffre. Bert Rürup hat fast 30 Jahre lang die Bundesregierung beraten

Bert Rürup – Prof. Chiffre. Bert Rürup hat fast 30 Jahre lang die Bundesregierung beraten

Hybrid stand früher  für „Bastard“, eine minderwertige Kreuzung von zwei Arten, heute dagegen für eine intelligente Kombination beispielsweise zweier etablierter Technologien wie den zukunftsweisenden Hybridantrieb von Automobilen. Und der hybride Sozialstaat ist keine sterile Sackgasse, sondern die zeitgemäße Antwort auf ein altes Problem.

In ihrer jüngsten Studie zur Zukunftsfähigkeit unserer Sozialversicherungen kam die Prognos-AG zu dem für manche überraschenden Ergebnis, dass „die umlagefinanzierten Sicherungssysteme .... insgesamt betrachtet für die kommenden Jahrzehnte gut aufgestellt (sind)“. Dieser erfreuliche Befund spiegelt gleichermaßen den Erfolg der Reformen der Jahre 2001 bis 2007 wider wie eine Verschiebung der Koordinaten unseres Systems der sozialen Sicherung.

„Soziale Sicherung“ zielt im Kern darauf ab, die großen Lebensrisiken, genauer damit verbundene Einkommens- und Vermögensrisiken, zu entprivatisieren, sprich zu kollektivieren. Wer deshalb für eine Stärkung der Eigenverantwortung plädiert – wofür es gute Gründe geben kann ­– sollte so ehrlich sein und von Reprivatisierung reden.

Die bei uns gefundene Lösung für die soziale Absicherung besteht im Wesentlichen aus dem Netz der Fürsorge (Sozialhilfe, Arbeitslosengeld II, Grundsicherung in Alter und bei Erwerbsminderung) und dem System unserer fünf Sozialversicherungen. Ein Anspruch auf Fürsorgeleistungen setzt Bedürftigkeit voraus, ein Anspruch auf eine Sozialversicherungsleistung erwächst aus zuvor geleisteten Beiträgen und ist unabhängig von der individuellen Einkommens- und Vermögenssituation. Das Altern der Bevölkerung und auch ein  Rückgang des Anteils der Arbeitseinkommen am gesamten Volkseinkommen setzten – nicht nur in Deutschland – die umlage-finanzierten Sozialversicherungssysteme unter Druck.

Der „hybride Sozialstaat“ ist die Antwort auf diese Herausforderungen. Dieser Begriff wurde von Frank Berner in seiner bemerkenswerten Dissertation geprägt. Er soll ausdrücken, dass die Unterscheidung und Trennung „öffentlich“ versus „privat“ bei der Absicherung der großen Lebensrisiken einer Kooperation beider Prinzipien weicht.

Zusammenspiel staatlicher Protektion und privater Vorsorge
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20 Kommentare zu "Professor Chiffre: Der hybride Sozialstaat"

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  • @ margrit117888: Dem sollte meiner Meinung nach durch staatliche Arbeitsbeschaffung entgegengetreten werden (nach einer bestimmten Schonzeit). Wir könnten viel mehr Blumenbeete an den Straßenrändern brauchen ...

  • Was diesen üblen Schwätzer Rürup betrifft, gebe ich Ihnen voll und ganz Recht.
    Er gehört doch auch zu denen, die nur ihren eigenen Vorteil gesucht haben.
    Der Regierung immer nur geraten haben, das Volk noch mehr auszubeuten, noch mehr zu kürzen etc.
    Heute ist er im Maschmeyer-Unternehmen.
    Und dann wagt er es immer noch, Artikel über unsre Sozialsysteme im HB zu schreiben, das ist an Unverschämtheit eigentlich nicht zu überbieten
    Wäre ich Chefredakteur beim HB, würde ich einem solchen Typen keine Öffentlichkeit geben.

  • In den Ländern, die Rürup nennt, weil sie uns 20 Jahre voraus sind, werden demnach auch bals viele Rentner pleite sein. Dort warten Millionen auf die Aufklärung der von Ihnen propagierten Altersarmut, z.B. alle Japaner. Bitte fahren Sie hin und klären Sie diese Länder als Wohltäter und Retter auf, damit sie noch "ihre Kurve" kriegen. Fangen Sie in der Schweiz an, und dann immer weiter. Die halbe Welt wartet auf Sie. Sie sind wissenschaftstheoretisch unverzichtbar. Und erklären Sie auch, dass umlagefianzierte Systeme dann am sichersten sind, wenn sich das Verhältnis von Zahlern und Empfängern von 4:1 auf 2:1 verkleinert. Dann schreiben Sie noch einen schönen Aufsatz dazu, revolutionieren die Ökonomie und bekommen den Nobelpreis!

  • Ein wenig Irrtum ist in Ihrem Beitrag.
    Die wirklich Arbeitslosen fühlen sich nicht wohl, das stimmt.
    Das hat Schröder verbockt, diese Menschen auf eine Stufe zu stellen mit den Asozialen. mit einem Zynismus der ohnegleichen war
    Aber der Rest, der fühlt sich z. T. recht wohl und hat sich gut eingekuschelt.
    Die Sozialhilfe-Generationen, teils jetzt schon in der 3. Generation findet das völlig in Ordnung.
    Das ist das Problem. Man hat diese Leute zu lange gewähren lassen
    Wenn heute schon Jugendliche, halbe Kinder noch, mit 15 oder 16 schon zur ARGE schreiten mit der schönsten Selbstverständlichkeit der Welt, dann stimmt was nicht.
    UIch mußte beim Arbeitsamt mal eine Bescheinigung holen fürs Gericht, als ich meinen Arbeitsprozess führte. Da hörte ich dann von zwei Mädchen ca. 17 Jahre foglendes Gespräch mit (beide sollten sich offenbar wegen einer Lehrstelle dort melden:
    "Laß Dir doch ein Kind machen, dann brauchst Du die doofe Lehre nicht antreten" sagte da eine zur anderen.
    Und genau so läuft das heute

  • Klar inszeniert man sich immer lieber als Opfer, denn sich zur eigenen Schwäche zu bekennen. In diesem Zusammenhang möchte ich auch eine Schelte an Ärzte und Psychater ausgeben, die einem jedes mehr oder weniger normale Leistungs- oder Motivationstief gleich als Krankheit oder Störung attestieren würden. Ich will auch nicht, dass unterschiedliche Leistung, welche Ursachen dies auch immer hat, gleich honoriert wird. Wer mehr leistet sollte durchaus auch besser honoriert werden. Aber die Unterschiede müssen sich in einem vertretbaren Rahmen halten. Und dass sich diese Unterschiede nicht ins Unendliche fortsetzen halte ich eine Vermögensbesteuerung, ab z.B. 5 Mio. Euro (so dass jeder noch sein eigenes Haus, ein bisschen drumherum und Rücklagen haben kann) prozentual ansteigend, gebunden an die Staatsbürgerschaft (eingeschränkte wirtschaftliche Rechte für nicht-Staatsbürger inbegriffen), für notwendig.

    Bezüglich UK meine ich auch, dass das die Angelegenheit der Briten sein sollte, und wir uns da nicht einzumischen haben. In Deutschland sollte wieder vornehmlich für Deutschland Politik gemacht werden. Gerne in Kooperation mit anderen europäischen Ländern, aber nicht in Abhängigkeit.

  • Gerne

  • Wunderbarer Hinweis, Danke

  • http://www.youtube.com/watch?v=DTkh9YEmfkM

  • Die zwiespältige Begrifflichkeit fängt schon an bei Schülern, die eine Rechenschwäche haben, eine Schreibschwäche, wenn sie Schule schwänzen oder Null-Bock haben sind sie "Benachteiligte". Immer wird den Leuten von den Medien eine Opferrolle zugeteilt. Das prägt man sich ein als junger Mensch. Immer wieder schwarz Vermummte, die Steine auf Polizisten werfen (dürfen) und Brandsätze, nachher werden sie wieder laufen gelassen. Warum ? Wer will sich denn heute als Lehrer oder Polizist verheizen lassen und die Politik schaut zu ?

    Wo ich Ihnen Recht gebe ist, dass die Welt an ihre Wachtumsgrenzen (quantitativ) gestossen ist und man dem Investment-Banking im Nanosekundenhandel in London-City den Riegel vorschieben sollte. Dort wird in den Zockerbuden das Geld verschoben (FXPro, where the robots are the Traiders, siehe Bloomberg-TV) egal welche Wirkungen das wirtschaftlich hat. Nichts gegen Handel mit Aktien und Optionsscheinen, aber hier regieren uns die Supercomputer wirklich. Die Regierungen sollten die Wirtscaft bestimmen und nicht der High-Frequence-Trade in London-City, so sehr ich auch Herrn Cameron eine gute Wirtschaft in UK gönne.

    Im übrigen ist das Peinlichste Herr Martin Schulz jetzt in Brüssel, der gegen UK und Tschechien wettert, weil sie ausscheren aus dem EU-Einheits-Trampelpfad.

  • @Dr. NorbertLeineweber
    Die von Ihnen requirierte Wissenschaftlichkeit ist aber nicht zu erkennen. Sie reden genau das nach, was andere Mietmäuler (Raffelhüschen, Franz, Hüther etc.) vorplappern. Die GRV ist nicht mehr finanzierbar und höhere Beiträgssätze gefährden die Wettbewerbsfähigkeit. Bevor sie zu diesem Ergebnis kommen müssten, sollten Sie diese Aussagen auf einen seriösen wissenschaftlichen Prüfstand stellen. Tatsache ist, dass umlagefinanzierte Rente das sicherste überhaupt ist. Das hat man in der Finanzkrise gesehen. Ganz anders die kapitalgedeckte Rente. Die liegen nun bei einer garantierten Rendite von 1,75% und in USA sind viele Rentner pleite, weil sie alles verloren haben. Hätte man die Riester- und Rürup-Rente nicht den Arbeitnehmern allein aufgebürdet ( die zahlen nämlich schon 23%) und hätte das paritätisch gemacht, wäre die Rente noch sicherer. Wenn dann unsere Regierungen den Arbeitsmarkt wirklich reformieren würden und zwar so, dass jeder soviel verdient, dass er davon leben kann und würden Mini- und Midijobs und der Niedriglohnsektor abgeschafft sowie die versicherungsfremden Leistungen zurückgerführt, dann hätte die umlagefinanzierte Rente keinerlei Probleme. Das, was Sie propagieren erzeugt Altersarmut. Und ihr Befund ist zudem pseudowissenschaftlich.

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