Walter direkt Sprengsatz Jugendarbeitslosigkeit

Viel zu viele junge Menschen sind in der Europäischen Union ohne Arbeit. Politik und Wirtschaft müssen das Problem lösen, sonst stellt sich die Systemfrage.
8 Kommentare
Herbert Walter

Herbert Walter – Der Finanzlotse. Herbert Walter führte von 2003 bis 2009 die Dresdner Bank.

Wer – insbesondere als ausländischer Beobachter - in den vergangenen Wochen oder Monaten durch den deutschen Medienwald gewandert ist, hat unweigerlich den Eindruck gewonnen, dass die Menschen in unserem Land ganz wesentlich von zwei Problemen malträtiert werden: einem Bundespräsidenten in Berlin und einem Bahnhof in Stuttgart.

Schön, wenn ein Land anscheinend nur solche Probleme hat. In anderen europäischen Staaten sieht das anders aus. Dort wenden sich die massenhaften Proteste der vorwiegend jungen Menschen gegen das gesellschaftliche System als Ganzes.  Der Kapitalismus oder der Finanzkapitalismus stehen dort am Pranger und mit ihnen die Politik der etablierten Parteien.

Und: Jeder, der will, kann monatlich nachlesen, wie berechtigt dieser Protest der jungen Menschen ist. Das allein beweisen die veröffentlichten Horrorzahlen über die Jugendarbeitslosigkeit in der Europäischen Union. Im November vorigen Jahres war in Spanien jeder zweite junge Mensch zwischen 15 und 25 Jahren arbeitslos. In Griechenland ist es ähnlich. In der Slowakei, in Litauen, Portugal und Italien liegen die Quoten über 30 Prozent und im Schnitt der 27 Staaten der Europäischen Union sind gut 22 Prozent ohne Arbeit, also mehr als jeder Fünfte.

Diese erschreckenden Zahlen finden vermutlich nur deshalb keine große Beachtung in den deutschen Medien, weil unser Land in diesen Statistiken zurzeit mit einer Jugendarbeitslosen-Quote von 8,1 Prozent besser als jedes andere EU-Land abschneidet.

Diese Zahlen sind eine Katastrophe ersten Ranges. Sie sind aus meiner Sicht der größte Sprengsatz für das gesellschaftliche System, in dem wir gegenwärtig leben. Wird dieses Problem in Europa nicht gelöst, werden die bisher auf einige Länder wie Griechenland, Spanien oder Großbritannien  beschränkten Proteste dort unweigerlich zunehmen und auch auf immer mehr Länder ausweiten.

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8 Kommentare zu "Walter direkt: Sprengsatz Jugendarbeitslosigkeit"

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  • @Horst

    Zu Ihre Frage: natürlich.

    Wenn Sie junge Menschen keine Chance am Arbeisrtmarkt geben, von was sollen die leben?

    Die, die keine wohlhabenden Eltern haben, werden Transferleistungen beantragen, also die Ausgaben des Staates erhöhen, ohne dass das einen weiteren perspektivischen Nutzen hat.

    Bildung bedeutet auch Ausagben, aber eben mit perspektivischem Nutzen, auch finanziell.

  • "Die Kapitalgesellschaft, und das sind die meisten Unternehmen, sind auf das "going concern"/"immerwährende Bestehen" angelegt und mit diesem Horizont, steht das Interesse an der nachfolgenden Generation auch nicht in Widerspruch".

    Haben Sie sich ggfs verschrieben?

  • Wenn die deutsche Jugend nicht durch Praktika, Zeitarbeit und Minijobs Wohlstandsverlust realisieren würde, wäre die Situation in Deutschland genauso.

    Die Ursachen liegen meiner Meinung aber tiefer. Durch die Globalisierung wird der Westen langsam aber sicher ärmer. Die älteren Generationen haben aber ein System errichtet, das ihre Pfründe auf Kosten der Neueinsteiger in die Berufswelt sichert.

    Das fängt an mit schlechteren Einstiegskonditionen an und hört mit der Rente auf.

    Zusätzlich werden noch extreme Staatsschulden aufgehäuft, um den Status Quo des sozialen Wohlstands zu halten. Das System muss irgendwann zusammenbrechen ...

  • Man sollte bedenken, dass selbst diese schon erschreckende Arbeitslosenquoten stark geschönt sind ! Die wahr Situation sieht noch deutlich schlimmer aus. Die Politiker erkennen diese Gefahr natürlich und geben sich die besten Mühen das Bekanntwerden dieser Fakten zu verhindern. Denn was wenn jugendliche Arbeitslose, sprich Menschen ohne Perspektive, merken wie viele sie in Wirklichkeit sind ? Dann wäre eine Situation wie vor Kurzem in England auch in Deutschland durchaus denkbar. Auch Unternehmen sollten zur Besserung dieser Verhältnisse maßgeblich beitragen !

  • Natürlich muß/müssen das/die Unternehmen Gewinn maximieren, aber doch nicht nur denjenigen Gewinn, der sich an den Rechungslegungsvorschriften orientiert. Die Kapitalgesellschaft, und das sind die meisten Unternehmen, sind auf das "going concern"/"immerwährende Bestehen" angelegt und mit diesem Horizont, steht das Interesse an der nachfolgenden Generation auch nicht in Widerspruch. Die Gesetzgeber haben eben auch deshalb die Kapitalgesellschaften im Vergleich zu den Personengesellschaften priviligiert! Die Rechungslegung (für börsennotierte) Kapitalgesellschaften bringt es leider mit sich, dass die mittel- und langfristigen Gewinnerzielungsmöglichkeiten immer weiter aus dem Blickfeld geraten, die Entscheidungen hecktischer und immer schwerer vermittelbar werden.
    Herr Walter, auch Ihnen ist noch nichts besseres eingefallen, als die Finanzkennzahlen, um den Unternehmenserfog zu messen! Das mag das Dilemma des Betriebswirts sein, aber "Strategische Unternehmen(gewinn)planung" ist eben mit zu vielen Unsicherheiten behaftet, als dass sie der Algebra der doppelten Buchfühung zugänglich wäre. Fortschrittliche Unternehmen haben diesen Mangel erkannt und führen vermehrt über Prozesskennzahlen, die dann im Branchenvergleich bewertet werden. Warum nimmt die Öffentlichkeit hiervor nicht vermehrt positiv Kenntnis? Auch Sie hatten es in der Hand, den Unternehmenserfolg entsprechend zu lenken und auch den Investmentbankern die Prämie nach der Transaktionsabwicklungskundenzufriedenheit zu bemessen oder einen claw-back für die Transaktionsdauer einzuführen wenn z.B. das Rating des Transaktionspartners schlecher wird und nicht nur nach dem mathematisch ermittelten Profit oder mit den eben jetzt bedauerten Folgen simpel als %-Satz auf die Transaktionsgebühr! Der Möglichkeiten sind viele!

  • Ja, ich sehe da einen Zusammenhang:
    Durch die ständig wachsende öffentliche Verschuldung (beziehungsweise Umverteilung in die Hände weniger Großkapitalisten) muss den Arbeitern eines Landes zu Bedienung der Zinsen immer mehr abgepresst werden. Junge, unerfahrene, Arbeiter können diese Last oft und immer öfter nicht mehr stemmen und fliegen aus dem System raus beziehungsweise kommen gar nicht erst mehr rein.

  • Auch in Deutschland sieht es nicht gerade gut aus für junge Menschen, die nicht der Kategorie "high potential" zugeordnet werden.

    Schauen Sie doch mal auf die Jobbörse der BA, wie viele Stellen es da gibt, die keine mehrjährige Berufserfahrung, einen "überdurchschnittlichen" Abschluss oder Spezialkenntnisse, die man eigentlich nur im Beruf erlernen kann, voraussetzen.

  • Gibt es einen Zusammenhang zwischen Jugendarbeitslosigkeit und Staatsverschuldung?

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