Marsh on Monday Die drei Fehler beim Aufbau der gemeinsamen Währung

Politiker und Notenbanker wussten nicht, worauf sie sich mit dem Euro einließen. Darunter leiden wir noch heute.
  • David Marsh
10 Kommentare
David Marsh ist Chairman von SCCO International.

David Marsh ist Chairman von SCCO International.

André Szász, langjähriges Direktoriumsmitglied der niederländischen Notenbank, der seit fast 40 Jahren das Auf und Ab des europäischen Währungsgeschehens beobachtet, auch mitgestaltet hatte, hat im Hinblick auf die europäische Währungsunion einen sardonischen Satz geprägt: „Keiner der Regierungschefs, die den Maastrichter Vertrag zur gemeinsamen Währung unterzeichneten, hatte wirklich verstanden, worauf sie sich eingelassen hatten.“ Mag sein, dass die Kritik von Szász etwas überzogen ist. Aber im Grunde genommen hat der Niederländer schon recht. Gegenüber der Fülle der gegenwärtigen und wohl neu auf sie zukommenden Herausforderungen erweisen sich die Euro-Politiker als überfordert und machtlos. Besonders auffällig ist der Mangel an analytischen Fähigkeiten, den die politische Klasse – mit einigen rühmlichen Ausnahmen – seit mehr als einem Jahrzehnt an den Tag legt.

Aufzulisten sind vor allem drei Fehlkalkulationen, die sich in fortgetragener Kontinuität gegenseitig verstärkt und zur krisenhaften Zuspitzung entscheidend beigetragen haben. Erstens: Die Vorstellung, dass die einheitliche Geldpolitik zu einer symmetrischen Verteilung der Nachteile führt, hat sich als Illusion entpuppt. Der Einheitszins der Europäischen Zentralbank ist notgedrungen zu niedrig für schnell wachsende, zu mehr Inflation tendierende Länder und zu hoch für langsam wachsende, zu weniger Inflation neigende Länder. Jahrelang meinte man aber, dass die Wirkungen dieser jeweiligen Abweichungen sich gegenseitig ausgleichen. Jetzt wissen wir, dass dem nicht so ist.

Zu Beginn der Währungsunion nutzte Deutschland die Jahre gedämpften Wachstums, um seine Wirtschaftsstrukturen grundlegend zu stärken, und erntet jetzt die Früchte. Andere Länder haben sich zurückgelehnt, genossen bloß die Pfründen niedriger Zinsen und expansiver Wachstumsraten, ohne richtige Strukturreformen anzugehen – und zahlen jetzt die Zeche.

Die zweite Fehlkalkulation war, dass die Verzerrungen in der Wettbewerbsfähigkeit, die sich in einem System unterschiedlicher Preis- und Produktivitätsabläufe mit festgezurrten Wechselkursen zwangsläufig aufbauen, leicht zu korrigieren seien. Laut Statistik der OECD haben die Unterschiede in den Lohnstückkosten dazu geführt, dass Deutschland in der Spitze einen globalen Wettbewerbsvorsprung in Höhe von zehn Prozent hatte, Länder wie Spanien und Italien dagegen einen Wettbewerbsverlust von 20 Prozent erlitten. Und diejenigen, die darauf setzen, dass durch nachhaltig höhere Inflation in Deutschland die preislichen Nachteile anderer Länder wieder gutgemacht werden, dürften eine herbe Enttäuschung erleben.

Drittens war es ein Irrtum zu glauben, dass sich die durch die Wettbewerbsunterschiede verursachten hohen Leistungsbilanzüberschüsse und -defizite ohne weiteres finanzieren lassen. Die Politiker und (was besonders sträflich ist) die Währungstechniker der Europäischen Zentralbank hatten einfach übersehen, dass im Euro-Raum Währungskrisen zwar verbannt sind, Kreditkrisen jedoch ausbrechen könnten. Die Folgen dieser Fehleinschätzung kennen wir seit geraumer Zeit alle. Auch künftig sollten wir von der selbstheilenden Kraft der Wirtschaftsentwicklung nicht zu viel erwarten. Die OECD schätzt, dass 2012 Deutschland und die Niederlande immer noch Leistungsbilanzüberschüsse in Höhe von sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts, Spanien, Griechenland und Portugal dagegen Defizite zwischen fünf und acht Prozent des BIP aufweisen werden. Auch nach den Rettungsmaßnahmen der letzten Monate ist längst nicht sicher, wie diese Defizite zu finanzieren sind. Politiker und Notenbanker wussten nicht, worauf sie sich einließen.

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  • Wer David Marsh als ernsthaften Kommentator wichtig nimmt, hat natuerlich keine Ahnung wie Kapitalismus funktioniert.

    Die Sache ist so. David March schreibt genau die Meinung fuer die er bezahlt wird. Das ist halt so mit einer Consulting Firma, da wird Marsh nichts anderes machen als alle anderen Consulting Firmen auch.

    David Marsh wuerde ueber seine eigene Oma herziehen, so wie er das mit den angeblichen Designfehlern des Euros macht, wenn er damit Geld verdienen koennte.

  • Dass Fehler gemacht wurden ist offensichtlich.
    Was schlägt der Heer David Marsh als Lösung vor?
    Nichts, und NiX, oder habe ich was übersehen?
    Wir müssen aber aus dieser Sackgasse heraus kommen. Die permanente berieselung mit guten Wirtschaftsnachrichten die uns aufmuntern und zum Konsum animieren sollen, reicht doch nicht aus.
    Mein Vorschlag; wie zur Finanzierung der deutschen Wiedervereinigung, sollte eine zeit-begrenzte Zehnprozentige (10%) Solidaritätsteuer, von allen mit einem brutto-Jahreseinkommen von EURO 300.000,- und mehr, im Euroland Steuerpflichtigen bezahlt werden.
    Das würde heißen dass vor allem Finanzjongleurs und Großverdiener betroffen wären.
    Ob dadurch jemand mit nur EURO 270.00,- anstelle von EURO 300.000,- auskommen muss ist wirklich nicht zum Plärren, oder?
    ich wiederhole: von allen mit einem brutto-Jahreseinkommen von EURO 300.000,- und mehr, im Euroland Steuerpflichtigen, Nicht nur Deutsche, also kein Aufschrei liebe deutsche National-Egoisten.

  • als Unternehmer oder Normalbürger heißt es immer:
    Unwissenheit schützt nicht vor Strafe!

    Aber unsere sogenannten Eliten haben nie etwas verstanden, von Nichts etwas gewusst, sind zu intelligent um Verträge, welche sie unterzeichnen richtig durchzulesen und wollen keine Verantwortung übernehmen!

    Wozu braucht man diese Leute überhaupt??? Ob bei Hypo Alpe Adria, beim Maastricht- oder Lissabonvertrag. Da sitzen die Herrschaften in den Aufsichtsräten, unterschreiben Verträge und haben keine Ahnung. Seltsamerweise kommen sie aber immer wieder auch bei Gerichtsverhandlungen, falls sie denn angeklagt werden, ohne Schaden davon.

    Frau Gatzke hat mit allem Recht.
    WiR MÜSSEN RAUS AUS DiESER EU UND DEM EURO!!! SCHNELL!!!

  • Der wahre Grund den das Handelsblatt hier nicht beschreiben will ist die Tatsache, dass das Fiatmoney System mit der Geldschöpfung der Privatbanken "aus dem Nicht" und dem Zinseszinseffektes ein eingebautes Verfallsdatum haben. Ob Dollar, Euro, DMark oder Schweizer Franken. in diesem System gibt es kein Entrinnen vor dem Kollaps. Alles andere ist beiwerk und verschnellert oder verzögert den Zusammenbruch.

  • Politiker und Notenbanker wussten nicht, worauf sie sich mit dem Euro einließen. Darunter leiden wir noch heute.---
    -------
    Das denke ich nicht. Sie wussten es.Die Rädelsführer, ein diverser kleiner Kreis- vielleicht eine Hand voll bevollmächtigter- Verhandlungsführer in 4 Augen -Gesprächen , wussten sehr wohl bescheid-ebnso die Chef-banker.-.
    ich denke aber auch, dass der Rest übertölpelt wurde und die Abgeordneten haben den Vertrag wahrscheinlich überhaupt nicht gelesen. blinde Abstimmung.
    Davon gehe ich aus.
    Damals wie heute, wird "das Entscheidende" unter ganz wenigen ausgepokert. Dann wird das Stimmvieh damit konfrontiert.
    Das ganze Gebilde stinkt von hinten bis vorne, man kann es nur erneuern, indem man das ganze alte Gebäude für "null und nichtig" erklärt.
    Es ist ein Gestümper von A-Z-
    Ein Europa, was wir derzeit haben, war ja auch niemals, zu keiner Zeit die Grundidee von und für Europa. Die ersten aktiven Politiker --zu Gründerzeiten, würden sich im Grabe umdrehen, wenn sie diesen jämmerlichen Zustand Europas sehen würden.
    Das wird so nix mehr. Euroland ist abgebrannt, die idee verhunzt, das Vertrauen verspielt, Das Casino kann dicht machen.

  • ich versuche einmal Marsh zu interpretieren: Der Euro an sich ist gut, nur die blöden Politiker haben ihn nicht richtig konstruiert. Erinnert einen immer an die Thesen von Alt-Marxisten: Der Sozialismus ist deswegen gescheitert, weil ihn reale Politiker falsch verstanden oder falsch kontruiert haben. Nein, der Euro wird immer ein politischer Kompromiss bleiben, weil Europa extrem verschieden ist. Europa ist viel unterschiedlicher als z.b. das Commonwealth. Und das hat ja auch keine gemeinsame Währung. Die Politik will das aber vielfach nicht zur Kenntnis nehmen. Es gibt eben keine europäische Nation. Und das Hick-Hack innerhalb der EU wird sich noch verstärken. in Ungarn sieht man es schon. Und warten wir einmal die Versteigerungen zur staatlich Refinanzierung einzelner europäischer Länder ab. Deutschland kommt zu erst und muß ernorme beträge refinanzieren. ich bin überzeugt, der Zins wird dramatisch steigen, schon aus Gründen der inflationserwartung der investoren. Und danach kommen italien, Spanien, Frankreich, belgien mit enormen beträgen und der Last, daß selbst Deutschland höhere Zinsen zahlen muß als gedacht. Kurz: Der Stammtisch hatte schon immer Recht: Der Euro funktioniert nicht. Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende. Deutschland muß raus aus dem Euro-Raum!

  • Die Euro-Politiker erweisen sich in der Krise als überfordert und machtlos – in diesem Punkt hat David Marsh definitiv Recht.

    Aber es zeugt nicht gerade von guter Kenntnis der Hintergründe der europäischen Erweiterungspolitik, wenn er darin ein zentrales Problem zu erblicken meint, die großen Mitgliedstaaten wie Deutschland hätten Strukturreformen durchgeführt und andere hätten sich einfach nur zurückgelehnt und ihre Hausaufgaben nicht gemacht.

    Tatsächlich war einer der Hauptgründe für die Erweiterung der EU, die Märkte in den beitrittsländern für die europäischen Konzerne zu öffnen und zu erschließen. Und nicht nur das. Viele Konzerne sind in diese Staaten gegangen, um dort auch von den niedrigen Lohnkosten zu profitieren. Zugleich wurden insbesondere im Rahmen der Strukturfonds Fördermittel in die beitrittsländer gepumpt, die wiederum auch stark den Konzernen, die sich dort engagierten zugute kamen.

    Das stellt das sogenannte europäische Wachstumsmodell dar und davon von haben die europäischen Konzerne vor der Krise massiv profitiert. Jetzt, in der Krise, sind die Konzerne jedoch nicht bereit, zur Stabilisierung dieser Staaten einen beitrag zu leisten. Es ist deswegen nachvollziehbar, dass sich nun die Krisenstaaten von der EU und den Konzernen im Stich gelassen fühlen:

    Die großen EU-Staaten, Kommission und EZb haben ihnen eine drastische Sparpolitik aufoktroyiert, aber sie helfen ihnen nicht dabei, ein neues Wachstumsmodell zu finden. Dabei ist es eine Aufgabe der EU als Ganzes, ein neues, tragfähiges europäisches Wachstumsmodell zu finden. Denn nur dann werden sich die Finanzmärkte überzeugen lassen. Die Konzerne wiederum haben früher Profite in den heutigen Krisenstaaten eingestrichen und das war nur durch eine massive Förderung und Vorzugsbehandlung möglich. Jetzt, in der massiven Wirtschaftskrise, schwinden die Vorteile der Konzerne in diese Krisenstaaten und nun sind sie nicht bereit – wie beispielsweise ihr beschwerdebrief wegen der gegen sie erhobenen Sondersteuer in Ungarn zeigt – auf ihre Vorzugsbehandlung und Förderung zu verzichten und ihren beitrag zur Krisenbewältigung zu leisten.

    Es kann nicht angehen, dass entweder die nationalen Regierungen der Krisenstaaten und deren bevölkerung alle Kosten der Krisenbewältigung und auch für die Konzerne bezahlen sollen, wie beispielsweise in Ungarn, oder die starken Staaten und deren bevölkerung, um letztlich in Krisenstaaten engagierte Konzerne und banken zu retten, wie im Falle von Griechenland und irland.

    Wenn nicht erkannt wird, welch großes und bedrohliches Problem das beschriebene kriselnde europäische Wachstumsmodell für die EU und den Euro geworden ist und die Suche nach einem neuen, tragfähigen europäischen Modell nicht als zentrale und vor allem gemeinschaftliche Aufgabe angesehen wird, dann wird dies zu einer belastungsprobe der EU werden (siehe dazu: http://stefanleichnersblog.blogspot.com/2010/06/eu-wirtschaftsregierung-echter.html)

  • Euro und Multikulti sind alles nur verfehlte Experimente!? Sind wir fuer unsere Politiker nur Laborratten????

  • @ David Marsh - Was die meisten Politiker und auch Sie nicht begreifen:

    1) Einheitliche Geldpolitik fuehrt sehr wohl zu einer Angleichung der Verhaeltnisse indem sie disziplinierend wirkt. Es ist immer wieder die Politik, die sich gegen fundamentale wirtschaftliche Gesetzmaessigkeiten stemmt und damit Ungleichgewichte herbeifuehrt. Wer zwecks Gewinnerzielung investiert, muss auch ganz allein das Risiko tragen (Glaeubigerhaftung). Wer einem Schuldner mehr Geld leiht als dieser zurueckzahlen kann, verliert einen Teil seiner investition. Wer sich zu hoch verschuldet, zahlt hoehere Zinsen und bekommt schliesslich keinen Kredit mehr. Wer konkurrenzfaehig bleiben will, muss seine Kosten einschliesslich Loehnen und sozialer Absicherung unter Kontrolle halten. Wer bessere soziale Absicherung haben will, muss niedrigere barloehne oder hoehere Sozialabgaben in Kauf nehmen. Wer mehr Wohlstand will, muss seine Produktivitaet steigern. All dies gilt fuer private und oeffentliche Wirtschaftsteilnehmer gleichermassen!

    2) inflation ist Umverteilung von Einkommen und Vermoegen zulasten der bezieher von statischem Geldeinkommen (z.b. Rentnern) und besitzer von Geldvermoegen (z.b. Sparer) zugunsten der bezieher flexibler Geldeinkommen (z.b. Aktionaere, Vermieter, Lohnempfaenger) und der besitzer von Sachvermoegen. inflation ist betrug an kleinen Leuten, die ihr nicht entfliehen koennen.

    Wir wollten einen stabilen Euro. Wir wollten, dass ALLE Europaeer sicher sein koennen, die Fruechte ihrer Arbeit, ihre Ersparnisse und ihre Renten, auch ernten koennen. Wir wollten, eine Zukunft fuer unsere Kinder. Wir wollten, dass eine unabhaengige Notenbank die Kaufkraft sichert. Wir wollten, dass Politikern die Moeglichkeit genommen wird, ihre Macht durch geldverschlingende Massnahmen, Wahlgeschenke und bedienung ihrer Klientel zu sichern.

    Der Euro haette so gut wie Gold sein koennen, wenn man seine Regeln eingehalten haette. Aber es sind immer wieder Politiker, die Gesetze der wirtschaftlichen Vernunft verletzen, und dies mit angeblichen Sonderfaellen und Ausnahmen begruenden. Und sie Herr Marsh, Sie singen deren Song!

  • Guten Tag,.... Dazu hat er 40 Jahre gebraucht ?. Wenn Alle solche " Experten " waren;.... dann wundert mich gar nichts mehr. besten Dank

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