Was vom Tage bleibt Was die Schweiz mit Griechenland verbindet

Um 10 Uhr 28 hat mal wieder ein kleines Erdbeben die Finanzwelt erschüttert. Das Epizentrum war diesmal in Zürich. Welche Schäden zu besichtigen sind, lesen Sie hier.
23 Kommentare
Handelsblatt-Online-Chefredakteur Oliver Stock.
Was vom Tage bleibt

Handelsblatt-Online-Chefredakteur Oliver Stock.

Guten Abend liebe Leserinnen und Leser,

Ungleiches Paar

Die Schweiz und Griechenland – die beiden sind ein Paar, nur mit vertauschten Vorzeichen. Während bei Griechenland in Sachen Wachstum, Beschäftigung, Schulden überall ein dickes Minus steht, steht bei den Schweizern stets ein solides Plus. Dass beides in mittlere Katastrophen führen kann, wenn es dem großen Nachbarn nicht gefällt, wissen wir spätestens seit heute.

Um 10.28 Uhr gab die Schweizer Nationalbank ihre Strategie auf, sich mit einem festen Wechselkurs an den Euro zu binden. Innerhalb weniger Minuten schoss die Schweizer Währung nach oben und die Kurse der Schweizer Unternehmen an der Börse in Zürich rauschten nach unten. Wäre der Schweizer Notenbankpräsident ein Arzt und das Land sein Patient, müsste er feststellen, dass seine Schocktherapie den Patienten zwar nicht kollabieren, aber doch in eine tiefe Ohnmacht sacken ließ.

Ähnliches würde Griechenland bei einem Ausstieg aus dem Euro blühen, nur eben umgekehrt: Die griechische Währung würde absacken, die Unternehmen darüber jubeln, weil ihre Produkte im Ausland mit einmal sagenhaft günstig wären. Das Land fiele nicht in Ohnmacht wie die Schweiz, sondern wäre auf Ecstasy. Ungesund ist allerdings beides.

Es ist – und das ist die Lehre Nummer eins aus dem Schritt, den die Eidgenossen heute gegangen sind – ungesund, gegen den Strom zu schwimmen, wenn die eigene Wirtschaft aufs engste mit der Welt verbunden ist. Die Schweiz hat bestens organisierte Unternehmen, denen ihr Heimatland längst zu klein geworden ist. Sie alle brauchen einen verlässlichen Wechselkurs wie Grillwürstchen das Feuer. Seit heute können sie sich darauf aber nicht mehr verlassen.

Lehre Nummer zwei ist: Ein kleiner Währungsraum kann sich auf Dauer nicht gegen einen großen behaupten, wenn beide eine unterschiedliche Strategie fahren. Die Schweizer Nationalbank hat über Jahre hinweg den Euro gestützt und damit den Wechselkurs zum Franken verteidigt. Sie hat dadurch eine Menge an Devisen aufgehäuft, die in keinem Verhältnis zur Größe des Landes steht. Sie hat ein untragbares Risiko aufgebaut, dessen sie sich jetzt entledigen musste. Ein Machtwort von der Sorte „koste es, was es wolle“ kann sich die Schweizer Notenbank nicht leisten. Sie hofft stattdessen, dass das nun gewählte Ende mit Schrecken das kleinere Übel ist. Aber das ist erstmal nur eine Hoffnung.

Die dritte Lehre schließlich lautet: Mario Draghis Politik des billigen Geldes hat Nebenwirkungen, denen zuerst die kleineren Nachbarn zum Opfer fallen. Die Europäische Zentralbank verpasst dem eigenen Währungsraum eine Konjunkturspritze, in dem sie den Euro abwertet. Sie macht dies aber auf Kosten der anderen. Stabilität schafft sie so nicht.

Wohin das führt? So paradox es klingt: Die Schweiz führe besser, wenn sie ihren währungspolitischen Kurs radikal änderte, den harten Franken ins Museum brächte und sich dem Euroraum anschließen würde. Doch dazu werden die Schweizer so schnell nicht ja sagen. Stolz hat eben seinen Preis.

Einen Abend mit Schokolade und Fondue rät Ihnen

Oliver Stock

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23 Kommentare zu "Was vom Tage bleibt: Was die Schweiz mit Griechenland verbindet"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Die Schweiz hat richtig gehandelt, indem sie sich von der Esperantowährung Euro verabschiedete
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    Und die Schweiz wird auch nie dem Euro beitreten.
    In der Schweiz gibt es eine Direkte Demokratie. Bei dem Referendum stimmten 77% gegen den Euro!
    In Deutschland gibt es eine Repräsentative Demokratie.
    Die Bevölkerung wurde nicht gefragt, ob sie die DM aufgeben und den Euro einführen will; es wurde einfach von unseren "ahnungslosen Abgeordneten" so entschieden.
    Deutschland ist eine "lupenreine Diktatur"!
    Vox populi, Vox bovi!

  • @Falk: Ich würde mir von Ihnen wünschen, dass Sie nicht persönlich werden. Hrn. Falk als "ideologiegeleitet" zu beschimpfen ist sicher nicht richtig. Er hat seine Meinung, und das ist gut so, und der Artikel ist sein Kommentar des Tages. Da darf man seine Meinung ausdrücken und journalistische Arbeit leisten, indem eine Position vertreten wird. Er braucht dafür kein studierter Ökonom zu sein, der die Währungsunion in allen Details analysiert. Sie können gerne eine andere Meinung haben und mit Argumenten belegen. Wenn er nicht Ihre Meinung vertritt, sollten Sie ihn nicht niedermachen.

  • Die Schweiz wird sich nicht dem Euro anschließen,lieber Autor.Das sage ich Ihnen schon mal voraus!
    Der Euro war die Bedingung für die Deutsche Einheit!Ja die starke DM war manchmal ein Problem,aber die Bundesbank hätte ihn trotzdem nicht zu Gunsten des Euros geopfert,wenn die Mauer nicht gefallen wäre.Alles andere sind Hirngespinste,tut mir leid,aber es ist so.

  • Man darf Sachverhalte nicht vereinfachen, man muss Sachverhalte so darstellen, wie man sie vorliegen hat und man sie nach bestem Willen erkennt. Und es muss kein Individuum die ganze Makroökonomie verstehen, kann es nicht, auch nicht der sie darstellende Professor, Minister oder wer auch immer dazu berufene, aber die parallelgeschalteten Mikrohirne aller Bürger einer freien Demokratie finden einen gangbaren Weg, vielleicht nicht den alleroptimalsten, aber sicher nie den falschen. Man vergleiche.

  • @Herr Werner Wilhelm

    vereinfachen ja, aber nicht verfälschen.

    Ja, der Mindestwechselkurs steht seit Ende 2011. Aber die Schweiz musste seit dem 4. Quartal 2012 nicht mehr eingreifen. Erst wieder seit Mitte November 2014 also seit ca. 2 Monaten ist ein Eingriff notwendig.
    Auch so etwas muss dann in die Erklärung. Denn unter den Gegebenheiten ist es verständlich dass die Mindestmarke aufgegeben wurde. Nach dem EUGH-Urteil ist es ein Fass ohne Boden - langfristig.

    Ich hab dabei übrigens einen echten Gewinn gemacht - ich hab noch ca. 20 Franken in der Motorradhose stecken :-)

  • @ Herrn C. Falk

    Ich finde Ihren Hinweis bezüglich Ideale sehr gut. Dann lassen Sie uns den Diskurs über Ideale beginnen. Meine und vermutlich auch Ihre sind: Menschen- und VVölkerrecht. Rechtsstaatlichkeit, Demokratie, Gewaltenteilung, "soziale Marktwirtschaft" und Meinungs- und Informationsfreiheit.

    Ich will damit sagen, dass an Idealen kein Weg vorbei führt.

  • Ja also @ Frau Buschmann und Herrn Buma. HB vertreten durch Herrn Stock reicht uns doch die Hand.

    Als Erstes: Kann es Demokratie geben, wenn die makroökonomischen Sachverhalte von der Mehrheit der Bevölkerung _nie_ verstanden wird? Wenn man auf Demokratie wert legt: Soll man Sachverhalte so vereinfachen, dass es die Menschen noch kapieren können, und was bedeutet das dann?

  • Eben nicht, der kollektive Realverstand ist gerade in unüberblickbaren Situationen das wohl ausgewogenste Mittel. Voraussetzung ist natürlich, dass dieses Kollektiv in ein Staatswesen eingebettet ist, welches Denkfreiheit und Beteiligung zulässt. Die EU sollte an letzterem zuerst zu arbeiten beginnen.

  • Nein, ich lebe gerne in unserem schönen Land. Nur ich hätte auch gerne wieder eine funktionierende Demokratie. Mit Politikern die zu Ministern werden weil sie Ahnung von genau der Materie haben - mit Parteien die sich maßgeblich unterscheiden und mit Menschen denen die Parteiziele wichtiger sind als die Anzugfarbe oder die Krawattenbreite der Politiker.
    Sorry - ich bin halt noch vom alten Schlag und zum Denken erzogen worden...

  • @Herr Wilhelm

    Ich habe ja gewisses Verständnis für "Idealisten".
    Idealisten in der Politik sind mir allerdings unheimlich.

    Es gab in der deutschen Geschichte schon einmal einen "Idealisten" oder zumindest einen, der das Wort "Idealismus" ständig im Mund führte. Dieser Jemand war 12 Jahre für die deutsche Politik "verantwortlich" mit dem bekannten Ergebnis.

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