Weimers Woche Die Republik im Tugend-Terror

Ob im Alltag oder in der Weltpolitik – die Tugendwächter sind auf dem Vormarsch. Das rheinische Großzügigkeitsmotto „Man muss auch gönnen können“ wird durch das preußischen Prinzip ersetzt. Spießig oder anständig?
16 Kommentare
Wolfram Weimer ist Handelsblatt-Kolumnist („Weimers Woche“) und Buchautor. Zum 50. Jahrestag will er eine Sonderausgabe des legendären Satiremagazin "Pardon" herausgeben.

Wolfram Weimer ist Handelsblatt-Kolumnist („Weimers Woche“) und Buchautor. Zum 50. Jahrestag will er eine Sonderausgabe des legendären Satiremagazin "Pardon" herausgeben.

Eine Kassiererin wird entlassen, weil sie einen Pfandbonus von 1,30 Euro unterschlagen hat. Ein Unternehmen wird verklagt, weil es Geschäftsfreunde zu einem Fußballspiel einlädt. Ein Bundespräsident wird verteufelt, weil sein Sohn im Autohaus ein Bobbycar geschenkt bekommen hat. Die öffentliche Moral hat einen neuen Fetisch: die Kleinlichkeit. Ob im Alltag oder in der Weltpolitik – die Tugendwächter sind auf dem Vormarsch.

Die am schnellsten wachsenden Aktivitäten in unseren Konzernen kommen daher aus den Compliance-Abteilungen – dort arbeiten die neuen Moralapostel der Moderne. Unter dem Siegel der Regeltreue und Korruptionsbekämpfung entfesseln sie Kontrollsucht und Regelbürokratie.

Geschenke gibt es fast keine mehr, denn immer lauert irgendwo der geldwerte Vorteil oder der mutmaßliche Bestechungsversuch. Geschäftsessen und Dienstreisen unterliegen zusehends dem Ruch halbkrimineller Veranstaltungen. Und selbst auf den Geburtstagsblumenstrauß blickt der Compliance-Officer inzwischen wie ein Terrorismusjäger.

Im Staatsdienst hat der Compliance-Wahn bereits triumphiert: Polizisten geben die von dankbaren Bürgern gebackenen Kuchen zurück. Postboten trauen sich nicht mehr, das Weihnachtstrinkgeld an der Haustür anzunehmen. Müllwerker in Hamburg dürfen keine Dankesgeschenke der Anwohner von mehr als 10 Euro akzeptieren. Ein Kunstlehrer gibt das Abschiedsgeschenk seiner Abiturienten zurück, weil die Karikatur 100 Euro wert ist. Kurzum: Beamte dürfen eigentlich keine Freunde mehr haben.

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„Man muss auch gönnen können“
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16 Kommentare zu "Weimers Woche: Die Republik im Tugend-Terror"

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  • "Verkommenheit der politischen Klasse" - nun, ja, wenn man dabei an einen ehemaligen russischen Präsidenten denkt, der aktuell als mutmasslicher Wahlbetrüger dasteht, oder an einen ehemaligen amerikanischen Präsidenten, der völkerrechtswidrige Angriffskriege führen und Gefangenenlager im rechtsfreien Raum errichten ließ. Gleichwohl genießen beide nach wie vor moralischen Rückhalt unter der eigenen Bevölkerung wegen ihres gottgefälligen Lebenswandels vermutlich. Wissen Sie was, Herr Amtsrichter, ich würde mein eigenes Streben nach persönlicher Rechtschaffenheit nicht davon abhängig machen, ob auch die Staatsführung integer ist. Das ist in der Geschichte der deutschen Justitz schon mal gründlich in die Hose gegangen. Übrigens, auf Dauer gesünder ist es, sich nicht zu ärgern. Allenfalls sollte man sich wundern.

  • O-Ton Wulff über sich und Gleaseker: „Wir sind siamesische Zwillinge".

  • Vielleicht hängt es damit zusammen, dass mancher Bürger den Eindruck hat, der Staat würde ihm nicht mal das Schwarze unterm Nagel gönnen. Jeder kennt Kleingeistigkeit, Unflexibilität und gefühlte Vorteilsnahme von Seiten des States aus eigener Anschauung: Ein Steuerrecht das sich nicht scheut, erstmal alle Steuerzahler unter Generalverdacht zu stellen, Eine Justiz bei der - zumindest statistisch gesehen - im Konfliktfall der Staat weit häufiger als der Bürger gewinnt oder auch nur die gier-gesteuerte Renaturierung der Strassenränder durch den Blitzerwald.

    Wundert es da einen wirklich, wenn die nach eigenem Empfinden von Staat über Gebühr gepeinigten Menschen jede sich bietende Chance nutzen, es den Entscheidungsträgern mal gleichwertig heimzuzahlen?

  • Das Upgrade im Hotel wäre sicher nicht in Ordnung, aber ein Zeichen der sittlichen Verkommenheit, Herr Amtsrichter, ich weiß nicht. Ich hoffe, sie leben ihre Empörung über die Verkommenheit der politischen Klasse und die verrutschten moralischen Maßstäbe in Deutschland nicht an den Mietern und Vermietern aus,denn so was soll ja in ihren Kreisen auch vorkommen, weil sie so gern das Vorschriftsmäßige mit dem Rechtmäßigen verwechseln. Herr Wulffs Fehlverhalten ist sicher nicht gleichzusetzen mit den Machenschaften von Herrn Berlusconi, oder dem Verhalten eines ehemaligen israelischen Staatspräsidenten, der wegen Vergewaltigung eine mehrjährige Haftstrafe antreten mußte, oder mit dem eines ehemaligen französischen Präsidenten, der wegen seiner Günstlingswirtschaft beschuldigt, angeklagt und gerichtlich verurteilt wurde. Maßstäbe sind wichtig, aber um über jemanden den Stab zu brechen, sollte man eben auch das gerechte Maß besitzen.

  • Lieber Herr Weimer,
    ich persönliche finde Ihren Kommentar so ärgerlich, dass ich mich entgegen meiner Gewohnheit für einen Leserbrief hier extra anmelde. Ich dachte bisher, dass Integrität bei einem Staatsoberhaupt nicht zuviel verlangt ist. Ihr Standpunkt hingegen bereitet einer augenzwinkendern Berlusconisierung den boden, und das kann nicht unwidersprochen bleiben. Ich bin Amtsrichter in einer Großstand und entscheide jährlich z.B. über Dutzende Mietrechtsfälle. Wenn ich demnächst vorschlage, das wahlweise der Grundeigentümerverband oder der Mieterverein - ersterer ist wohl aber liquider - mein nächstes Hotelzimmer auf eine Suite upgradet und ich versichere, das einerseits nicht bemerkt zu haben, andererseits aber als Privatmann von meiner beruflichen Tätigkeit trennen werde, wäre das nach Ihrer Lesart ok? Und Kritik daran "spießig"? Und glauben Sie allen Ernstes, mein Dienstherr würde das hinnehmen? Jeder kleine Beamte hätte die Dienstaufsicht am Hals, und das zu Recht. Bei aller Liebe zur Dialektik, aber ich habe derzeit tatsächlich den Eindruck, dass Deutschland die Maßstäbe verloren gehen. Für mich belegt inzwischen die causa Wulff nur weiter die Verkommenheit der politischen Klasse.

  • Dem Kommentar von Herrn Weimer kann ich nur voll zustimmen !!! Schluss mit übertriebenen Moralansprüchen.

  • Das Wort Missgunst ist hier an der falschen Stelle. Man sollte unterscheiden zwischen "Verdienst" und "Privilegien". Wenn einer sein Einkommen unter fairen und für Alle geltenden Bedingungen "verdient" und seine Steuern anständig bezahlt hat, dann ist doch alles ok. Wer ist denn dann neidisch? Wenn aber bestimmete Menschen meinen ein Recht auf "Privilegien" zu haben, dann leben sie im falschen Jahrhundert.
    Der Adel hatte mal das Privileg die Mägde als Erster zu besteigen. Ich dachte das hätten wir hinter uns, oder kommt das wieder? Manche dieser Veranstaltungen der Priviligierten sehen ganz so wieder aus. Nur dass sich heute Studentinnen protituieren müssen damit sie ihr Studium bezahlen können.
    Marie Antoinette und ihr Gemahl meinten auch dass sie zu Recht "priviligiert" seien. Wohin so etwas führt ist ja bekannt.

  • Also Herr Weimer, Ihre Gedanken sind so was von daneben, das ist schon schockierend. Wenn ein Unternehmen das Kantinenessen bezuschusst dann ist das ab einem sehr geringen Level ein geldwerter Vorteil und muss versteuert werden. Wenn der gleiche Selbstständige die Weihnachtsfeier für seine Familie und Freunde mit Champagner und Hummer als Geschäftsessen deklariert kann er das von der Steuer absetzen. Sie sollten sich einmal ansehen welche Prasserei die Pharmaindustrie für unsere lieben armen Kassenärzte veranstaltet (mit Lebenspartner/in) und das sind dann sogenannte Fortbildungsveranstaltungen. Können die sich nur in der Karibik und an der Côte d'Azur fortbilden?
    Wenn man die schon ziemlich abgestumpften Mitmenschen mit solchen Geschichten heute aus dem Sessel kriegen kann, dann muss schon ziemlich viel im Argen liegen, und darum geht es. Die Leute haben den berchtigten Eindruck dass unten gedrückt wird bis zum gehtnichtmehr und oben kriegen sie den Hals nicht voll. Kann der Wulf sich nicht einen anständigen Urlaub selber bezahlen. Der muss doch sicher nicht am Rheinufer im Zelt schlafen.
    Zu der Note 2 für den dicken Schüler. Eine absolute Errungenschaft ist es dass Lehrer und andere Menschen die über das Schicksal unserer Kinder entscheiden nicht mehr nach Gutdünken und Stand Privilegien verteilen können. Wir haben uns doch darauf geeinigt dass alle die gleichen Chancen haben sollten, und dazu gehört da nun einmal dass nicht Alle als Sieger aus jedem Wettstreit hervorgehen können. Besser als die 2 in Sport wäre vielleicht dem korpulenten oder anders behinderten Schüler eine Chance zu eröffnen auf eínem Gebiet wo seine Stärken liegen. Vielleicht es er ja ein toller Musiker oder Koch.

  • Herr Weimar hat in vielen Dingen Recht.
    Nach der Ökodiktatur brauchen wir nicht noch eine falsche Moral-Diktatur. Das ist wahr
    Aber Herr Weimar übersieht, dass unsere Politiker sich zu viele Privilegien genehmigen in den letzten Jahren, dafür aber mehr und mehr das Volk ausbeuten,dieses soll nämlich ständig den Gürtel enger schnallen.
    Unsere Politker dienen nicht mehr dem Land udn dem Volk, sondern ausschließlich sich selbst
    Und nun ist offenbar der Punkt gekommen, wo die Bürger nicht mehr mitspielen.
    Dass die Medien ein etwas blödes Spiel treiben, das ist unbestritten, aber insgesamt wird es Zeit, dass Deutschland mal wieder gänzlich zur Normalität zurück kehrt, die da heißt, dass unsere Politiker endlich mal wieder den § 20 GG ernst nehmen. Nämlich Deutschland und dem Deutschen Volk zu dienen, dies tun sie jedoch schon seit Jahren nicht mehr
    Die Causa Wulff, die derart hochkocht, ist nur ein Ausdruck der enormen Politiker Verdrossenheit im Lande.
    Unseren Damen und Herren in Politik und Wirtschaft ist etwas ganz Wesentliches abhanden gekommen:
    Moral und Anstand

  • W. Weimer hat mit seiner grundsätzlichen Kritik an der zur Zeit übertrieben wuchernden "Moralwelle" sicherlich recht. Wir müssen wieder "auf den Teppich" zurückkommen. Diejenigen, die hohe und höchste Kriterien an das moralische Verhalten Dritter stellen, sollten öfters mal in den Spiegel schauen und über das eigene Verhalten nachdenken. Ich meine hiermit natürlich, daß auch weiterhin bewusste Täuschung und Unaufrichtigkeit etc. bei der Beurteilung von Menschen, Nachbarn, Geschäftspartnern, Politikern .. eine bedeutende Rolle spielt.

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