Wiebes Weitwinkel Warum Angela Merkel es niemandem recht machen kann

Von allen Seiten hagelt es Kritik an der Bundeskanzlerin. Dabei wird meist übersehen, wie beispiellos komplex die Gemengelage der Probleme ist, die sie lösen soll.
10 Kommentare
Frank Wiebe ist Kolumnist. Quelle: Pablo Castagnola

Frank Wiebe ist Kolumnist.

(Foto: Pablo Castagnola)

Ich habe Angela Merkel nie gewählt. Trotzdem finde ich die Kritik, der sie von allen Seiten wegen ihrer Rolle in der Euro-Krise ausgesetzt ist, zu großen Teilen weit überzogen.

Es gab vor Merkel Bundeskanzler, die historisch größere Leistungen zu vollbringen hatten: Konrad Adenauer die Integration im Westen, Willy Brandt die Versöhnung mit dem Osten, Helmut Kohl die Wiedervereinigung. Aber in diesen Fällen ging es um Politik in Reinkultur – um das, was Politiker gelernt haben und wozu politische Institutionen geschaffen worden sind. Merkel steckt dagegen in einer Gemengelage von Politik und Marktmechanismen, die in dieser Dimension und Komplexität beispiellos ist. Für diese Situation sind die Institutionen nicht geschaffen. Und häufig ist das, was politisch richtig wäre, für die Märkte Gift und umgekehrt; zum Beispiel wenn man davon redet, Investoren bei Staatspleiten bluten zu lassen.

Dabei steht die Bundeskanzlerin von zwei Seiten unter Druck. Da gibt es jene, die ihr vorwerfen, keine gute Europäerin zu sein, weil sie zu zögerlich mit Hilfszusagen sei. Sie übersehen, dass Merkel gewählt worden ist, um deutsche Interessen zu vertreten. Und die laufen zurzeit längst nicht so konform mit den „europäischen“ wie zum Beispiel die griechischen, spanischen oder luxemburgischen. Wer hat je einem sächsischen Ministerpräsidenten vorgeworfen, ein „schlechter Deutscher“ zu sein, wenn er sächsische Interessen vertritt? Außerdem blenden die „Europäer“ aus, dass auch Europa nicht gedient ist, wenn Deutschland sich mit Garantiezusagen weiter aus dem Fenster lehnt, als an den Kapitalmärkten glaubhaft zu vertreten ist.

Auf der anderen Seite gibt es die „deutsche Fraktion“, die vom Stammtisch bis in die deutsche Elite reicht. Sie träumt von der Rückkehr der D-Mark und wirft Merkel im Prinzip vor, die „Südländer“ nicht einfach mit ihren Problemen vor die Wand laufen zu lassen. Diese Leute machen sich nicht klar, welchen politischen und wirtschaftlichen Schaden eine solche Politik – auch für Deutschland – anrichten würde.

Beide Seiten tun mitunter so, als gäbe es ein Patentrezept zur Lösung der Krise – und blenden dabei den Teil der Realität aus, der ihnen nicht passt. Es gibt aber kein Patentrezept. Deswegen kann man der Bundeskanzlerin nicht vorwerfen, dass sie keines hat und sich Schritt für Schritt weitertastet.

Und ganz nebenbei muss man sich vor Augen führen: Merkel hat zurzeit mehr Verantwortung als alle Dax-Vorstände zusammen – mit einem Gehalt, für das manche Topmanager nicht einmal den Wecker stellen würden. Dazu kommt: Ohne eine gewisse Mittelmäßigkeit wird man eben kein Spitzenpolitiker – Genies dienen sich nicht über Kreisparteitage hoch. Was verlangen wir also von einer Politikerin? Und glaubt irgendjemand, nebenbei gefragt, Guido Westerwelle, Sigmar Gabriel oder Cem Özdemir kämen besser mit diesen komplexen Problemen klar als Merkel?

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10 Kommentare zu "Wiebes Weitwinkel: Warum Angela Merkel es niemandem recht machen kann"

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  • Mich stört besonders die von ihnen zitierte "Historische Rolle der Aussöhnung mit dem Osten" von Willy brandt. Vermutlich ist er damals betrunken in Warschau auf die Knie gefallen, wie sonst konnte er im Alleingang ein Dritel Deutsch-lands verschenken?!

  • Selbst Leute, die die Natur mit wenig Hirn ausgestattet hat, wissen:
    - Schulden koennen nicht Jahr fuer Jahr schneller steigen als das Volkseinkommen
    - Eine Schuldenkrise kann man nicht mit immer mehr Schulden bekaempfen
    - Unter den Teppich Kehren dieser wirtschaftlichen Wahrheiten fuehrt zum Armageddon
    Nichts kann Angela Merkel und ihre Regierung entschuldigen.

    @ [3] Dr. Martin bartonitz – Sie meinen sicher die kollektive intelligenz der Lemminge?

  • Die Lösung ist wie immer sehr einfach,... Die USA kommen mit 51 Senatoren aus und die bRD hat das 12fache an Politikern im bundestag sitzen. Wenn der bundestag 100 Politiker hat, reicht das aus. Das gleiche gilt auch für den bundesrat. Das Geld was dabei gespart wird, wird den Politikern an Gehalt mehr gegeben, wenn sie an der Macht sind. ich habe nichts dagegen, das die bRD endlich fähige Politiker hat, die entsprechend mehr Gehalt verdienen wie die Vorstände. Das beste beispiel ist Singapore, das nur durch ihre Politiker so reich geworden ist. Jeder 8 bürger in Singapore ist ein Millionär und damit ist Singapore das Land mit den prozentual meisten Millionäre in der Welt. Singapore hat keine Rohstoffe oder irgendwelche anderen Vorteile.... Der Präsident von Singapore ist auch der best bezahlte Politiker in der Welt. Wen wundert das?
    Mit solchen Krücken wie Merkel, Westerhagen wird die bRD im Abgrund landen. Diese Leute sind nicht in der Lage überhaupt einen Plan aufzustellen, sondern handeln nur aus reiner Panik, und dann immer verkehrt.

  • Selten so gelacht, Herr Wiebe!
    Die Verwerfungen auf den Kaptalmärkten und die überbordenden Staatsschulden kommen weder überraschend noch sind sie neu. Spätestens seit Mitte 2008 "brennt die Hütte". Da kann man von den verantwortlichen Herrschaften erwarten, dass sie langsam einen KOORDiNiERTEN UND STRiNGENTEN PLAN erarbeitet haben und nicht nur dem Markt hinter her laufen. Zusammenfassung: Die Europäische Politik ist bullshit und Frau Dr. M. hat entscheidenden Anteil daran. Es geht um Milliarden, die zu 25-30% durch den Deutschen Steuerzahler beglichen werden müssen!

  • lieber herr wiebke
    sie übersehen bei ihrer verteidigung, daß die politik - auch in deutschland -die ursachen für die krise durch die immensen verschuldungen erst selbst geschaffen hat und nun - endlich - es nicht mehr soweiter geht wie bisher. echte haushaltskonsolidierungen und echtes sparen weden immer noch nicht von den politern als hausaufgabe angenommen stattdessen muß immer weiter " die zukunft gestaltet" werden.
    eine wesentliche krisenusache ist das bereitstellen billigen geldes und die besteuerung von zinsgewinnen-das hat doch anreize geschaffen,in problematische anlage zu investieren.
    die umschuldungen, d.h. beteiligungen der gläubiger ist marktwirtschaftlich überfällig und die poltik versucht immer noch zu verzögern - nein kein politiker hat mitleid verdient.

  • Sie läuft und sagt hier was und da was und lässt alle dumm aussehen. ist doch Genial, Oder? Man bedenkt Sie ist im Osten aufgewachsen und ist auch eine Frau und muss sich mit allen möglichen Machos auf dieser Welt zurecht finden. Man sieht es doch wie schwer es teilweise in der Partnerschaft zwischen mann und Frau ist. Also ich hätte gedacht, dass Sie es einmal hinschmeisst, aber Sie ist tougher als ich dachte. ich wünsche Frau Merkel viel Glück und weiterhin ein starkes Rückrat, denn Sie aht es nicht verdient, dass wir Sie ständig verarschen und kritisieren wie ein Westerwelle. Schaut mal was der stolze Hahn zustande gebracht hat. Also ich sage weiter so Frau Merkel, Sie machen dass schon. ich bin zwar kein Freund von CDU/CSU und FDP aber meine Sympathie haben Sie trotzdem.

    Liebe Grüße

  • @bartonitz
    Oft hilft gesunder Menschenverstand und ein Sinn für Gerechtigkeit weiter. Die berater werden meist von interessengruppen gesteuert. Und wo deren Rat hinführt sehen wir jetzt. Europas Probleme lassen sich nicht national lösen. Die bereitschaft mit einer Stimme zu sprechen und unbequehme Wahrheiten zu benennen sehe ich momentan nicht. Mit Verdrängen, Lügen und unter den Teppich kehren kann Europa nicht Vertrauen zurück gewinnen. Was soll Merkel tun? Weiter unser Steuergeld verbrennen/verschenken nur damit es irgentwie weiter geht? Einen schönen Tag.

  • ich denke, dass wir bei einer Komplexität angelangt sind, bei der kaum noch Jemand durchblickt. Entweder fehlen die notwendigen informationen oder es sind so viele da, dass man die goldenen Nuggets darin nicht mehr wahrnehmen kann.
    braucht es da nicht vermehrt die kollektive intelligenz vieler? Es gibt ein interessantes buch, das vermehrt für die Nutzung unserer intuition, auch der kollektiven plädiert. Es geht um ein Umdenken im Führen von Organisationen. Lehrt uns nicht der Publikumsjoker bei "Wer wird Millionär", dass er den Expertenjoker deutlich sticht. Da kommt man schon in Nachdenken ...
    Jedenfalls könnten unsere Politiker, die ja selbst meist keine Fachexperten sind, sich helfen lassen und müssten dann nicht allein die Entscheidung tragen und dumm dastehen, wenn es doch die falsche war.
    Siehe: http://www.saperionblog.com/agiles-geschaftsprozessmanagement-durch-intuitive-improvisation-a-la-scrum/3542/

  • Herr Wiebke, Sie irren in ihrem Artikel von A-Z.
    Nie stand ein Kanzler vor einer schwierigeren Aufgabe wie Merkel. Sie soll nichts geringeres Vollbringen, als unsere soziale Marktwirtschaft, Sozial- und Rentensysteme vor dem Untergang zu bewahren. Sie hat dabei die gesamte Finanzlobby im in- und Ausland, mafiöse Strukturen in den Südländern und die Ratlosigkeit ihrer berater gegen sich. Was und wem nützt es Wasser (Geld) in ein Fass ohne boden (Europa) zu kippen? Dieses Geld versickert in den mafiösen Strukturen und ändern wird sich nichts. Nur ein radikaler Schnitt kann eine Linderung, aber bei weitem keine Heilung bringen. Einen schönen Tag.

  • Genau das ist das Problem, überall nur Lobbyisten und keine Staatsmänner, die über den Tellerrand hinaus blicken können. Deshalb macht es die Merkel auch nicht so schlecht, erst überlegen, dann entscheiden.
    Es wurden aber einige Grüne wie der Dosen- Fuzzy Trittin, der Lautsprecher Roth und die Ossi-Tussi vergessen, die ja berliner bürgermeisterin werden will. Da lobe ich mir die Merkel, da hört man dann und wann wenigstens das sie denkt, während bei allen anderen, bis auf vormals Steinbrück, jeder Satz ein besserwisserisches Zähneklappern ist.

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