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Afghanistan Kommentar: Realitätstest

Die Aufregung über das drohende Todesurteil für den afghanischen Konvertiten ist verständlich. Da wird mit enormem Aufwand an Geld und Soldaten seit Jahren versucht, Afghanistan zu stabilisieren und zu demokratisieren, da werden unter größten Mühen Wahlen abgehalten und es wird in Tausenden Projekten gesellschaftliche Aufklärung betrieben – und dann soll ein vor Jahren zum Christentum übergetretener Moslem per Gerichtsbeschluss für die Ausübung seiner religiösen Freiheit sein Leben lassen.

Krasser könnte die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit am Hindukusch kaum sichtbar werden. Doch genau das ist Afghanistan: Eine noch immer zutiefst fundamentalistische, ja archaische Gesellschaft, die nur wir im Westen gerne als demokratisches Modell verkaufen. Doch die Realität ist eine andere.

Unser Aufschrei sollte jedoch nicht zu selbstgerecht ausfallen. Denn es ist ja nicht so, dass die afghanische Justiz völlig losgelöst agiert. Auf der verfassunggebenden Loja Dschirga 2004 wurde unter den Augen westlicher Beobachter und Berater ausdrücklich beschlossen, die Scharia als Grundlage des Rechtssystems einzuführen. Doch da die Scharia keine Gesetzessammlung ist, sondern von Interpretationen durch Richter und Gelehrte abhängt, kann in diesem Fall so entschieden werden – ob uns das passt oder nicht.

Der Fall zeigt aber vielmehr, wie problematisch und zeitraubend Demokratieexport grundsätzlich ist. Die Errungenschaften der Demokratie und die Achtung der Menschenrechte lassen sich nicht von oben dekretieren. Die afghanische Gesellschaft muss diese Rechte verstehen und auch wollen. Damit nicht in Berlin und London gegen islamischen Übereifer protestiert wird, sondern in erster Linie auf den Straßen Kabuls.

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