Analyse Der Schirm braucht mehr Tuch

Durch die hasenfüßige Haltung der Bundeskanzlerin ist der Euro-Rettungsfonds kleiner als er sein müsste. Will er beeindrucken, braucht er deutlich mehr Kapital. Die Risiken für die Steuerzahler wären überschaubar.
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Im Kampf gegen die Euro-Schuldenkrise sind eine Menge Fehler gemacht worden – auch von deutscher Seite. Bundeskanzlerin Angela Merkel gibt das mittlerweile selbst zu. Jedenfalls intern, wenn keine Kameras laufen. Ein Kardinalfehler des deutschen Krisenmanagements besteht darin, dass die Bundesregierung bei der Konstruktion des Euro-Rettungsschirms zu kleinkariert gedacht hat.

Anfangs war das durchaus verzeihlich. Schließlich hat zunächst niemand vorhergesehen, dass die Krise derart gewaltige Dimensionen erreichen würde. Spätestens Mitte vergangenen Jahres aber hätte Deutschland den EFSF drastisch vergrößern müssen, damit notfalls auch ein großes Land wie Italien darunter Platz findet. Den deutschen Steuerzahler hätte das nicht unbedingt mehr Geld gekostet.

Ruth Berschens leitet das Handelsblatt-Büro in Brüssel. Quelle: Pablo Castagnola

Ruth Berschens leitet das Handelsblatt-Büro in Brüssel.

(Foto: Pablo Castagnola)

Es ging nur darum, dass der mit Abstand finanzstärkste Euro-Staat den Märkten mit Hilfe einer drastisch erhöhten Bürgschaft demonstriert, dass er im Notfall tatsächlich für die schwächeren Euro-Staaten einsteht. Ob dieser Notfall jemals eintritt und die Bürgschaft gezogen wird, steht auf einem anderen Blatt Papier. Es ist nicht so, dass europäische Regierungen beim EFSF Schlange stehen und um Hilfe flehen. Im Gegenteil: Italien versucht derzeit alles, um einen Hilfsantrag zu vermeiden.

Da Merkel aus innenpolitischen Erwägungen ein höheres Bürgschaftsvolumen ablehnte, geriet der EFSF in große Schwierigkeiten. Daraus versuchte sich der Fonds mit unsäglichen finanztechnischen Hebeltricks zu befreien – mit mäßigem Erfolg. Nun bekommt die Euro-Zone einen neuen Schirm und damit die Chance, es besser zu machen. Der vorgestern von den EU-Finanzministern beschlossene Europäische Stabilitätsmechanismus (ESM) soll den EFSF im Sommer ablösen.

Gegenüber seinem Vorgänger hat der ESM einen wesentlichen Vorteil: Er wird über einen Kapitalstock von 80 Milliarden Euro verfügen, was ihm an den Märkten mehr Glaubwürdigkeit verleiht und ihm wahrscheinlich auch die Bestnote „AAA“ bei den Ratingagenturen sichert. Die Bundesregierung scheint nun auch endlich über die Größe des Fonds nachzudenken. Der gestern beschlossene ESM-Vertrag sieht ein maximales Ausleihvolumen von 500 Milliarden Euro vor.

Ein doppelt so hoher Betrag wäre eher geeignet, um die an gewaltige Geldströme gewöhnten Finanzmärkte zu beeindrucken. Wohlgemerkt: Hier geht es vor allem um Psychologie. Dass die deutschen Steuerzahler ihren Anteil an den ESM-Bürgschaften tatsächlich verlieren, ist sehr unwahrscheinlich. Ein Hilfsantrag beim ESM führt nämlich automatisch dazu, dass ein Land nationale Souveränität verliert und quasi Protektorat der Euro-Zone wird. Keine Regierung lässt sich darauf ein, wenn sie es irgendwie vermeiden kann.

Think big! Die Bundesregierung hat noch zwei Monate Zeit, diese Devise zu beherzigen. Ultimo ist Anfang März: Dann werden die EU-Regierungschefs den ESM-Vertrag unterschreiben.

Die Autorin ist erreichbar unter: berschens@handelsblatt.com

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10 Kommentare zu "Analyse: Der Schirm braucht mehr Tuch"

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  • Mein Gott, was ist die gute Frau Behrschens naiv. Dass die für das HB kommentieren darf, ist schon bemerkenswert!

  • Sg Frau Ruth Berschens.
    Sie schreiben:
    „Dass die deutschen Steuerzahler ihren Anteil an den ESM-Bürgschaften tatsächlich verlieren, ist sehr unwahrscheinlich.“

    Wie gross ist „sehr unwahrscheinlich“?
    Ein Prozent? Zwei Prozent? Zehn Prozent?
    Hand auf's Herz. Sie wissen es nicht.

    Was ist wenn der ihrer Meinung nach sehr unwahrscheinlich Fall wider Erwarten doch eintritt?

    Jeder seriöse Fondsmanager muss sich der Frage stellen:
    Wie ist mein Risikomanagement?
    Was ist wenn ich falsch liege?
    Geht der Fonds dann den Bach runter und mit ihm die anvertrauten Kundengelder?

    Also nix für ungut aber Geld würde ich Ihnen eher nicht anvertrauen wollen ;<).

  • Haette Frau Merkel kategorisch nein zu dem Ansinnen gesagt, die No-Bail-Out Klausel und das Staatsfinanzierungsverbot auszuhebeln, waere es wahrscheinlich zu einer Krise mit Dominoeffekt gekommen. Aber wir waeren jetzt am Aufraeumen und haetten ein Zukunftsmodell. Statt dessen hat uns Frau Merkel in eine Situation manoevriert, aus der es kein Entkommen mehr zu geben scheint. Wenn wir jetzt austeigen, ist viel, viel Geld weg. Und da ist es einfacher dem schlechten Geld gutes hinterherzuwerfen. Wir schlittern aber in ein System der kollektiven Verantwortungslosigkeit welches keinen Bestand in der Zukunft haben kann.

    Ganz nebenbei hat Frau Merkel auch noch das Vertrauen in die Rechtsstaatlichkeit untergraben. Internatiuonale Vertraege und Vereinbarungen scheinen nichts wert zu sein. Wenn wir diesen Weg weitergehen, werden wir mit Sicherheit auch die im Grundgesetz verankerte Schuldenbremse reissen. Da geht dann der letzte Rest Vertrauen endgueltig floeten.

    Think big no good for small brain!

  • Wenn Italien bei einem Hilfsantrag mit Einbußen an auf Souveränität rechnen muss und diese jeden Fall vermeiden will – dann sollten die Finanzmärkte davon genauso beeindruckt sein, wie Frau Berschens.

    Wenn Italien bei einem Hilfsantrag mit Einbußen an auf Souveränität rechnen muss und diese Einbußen nicht nur vermeiden will, sondern den Hilfsantrag auch tatsächlich vermeiden kann, dann sollten die Finanzmärkte bereits jetzt schwer beeindruckt sein – und dann käme es auf das Volumen des Rettungsfonds nicht mehr an.

    Solange man dem Volumen des Rettungsfonds Bedeutung bemisst, ist man vom drohenden Souveränitätsverlust eben doch noch nicht restlos beeindruckt.

    Und muss man noch an einen weiteren Zusammenhang denken: je größer das Hilfsangebot, umso geringer der Reformdruck.

    Kurz: Wenn der drohende Souveränitätsverlust bereits für ausreichenden Reformdruck sorgt, dann kann man den Rettungsschirm auch genauso lassen, wie er ist.

  • Es ist mir unverständlich, dass eine angesehene Wirtschaftzeitung wie das Handelsblatt diesen völlig sachfremden Kommentar von Frau Berschens zur Debatte stellt. Denn diese Dame sollte schnellstens eine andere Berufswahl treffen oder berufsbildende Seminare besuchen.

  • Sehr geehrte Frau,
    ich bitte um Verzeihung, aber wenn Sie ernsthaft der Meinung sind, der ESFS müsse so gross sein, dass auch Italien darunter Platz haben müsse, dann haben Sie in einer angesehenen Wirtschaftszeitung nichts verloren.

    Der italienische Schuldenberg ist ungefähr so gross wie der deutsche. Kein Schirm kann diesen Berg halten.

  • Das ganze ist doch so: Italien hat größere Privatvermögen als z.B. Deutschland. Warum macht Monti keine Reichensteuer? Oder: in Italien gibt es doppelt so viele Immobilienbesitzer wie in Deutschland, so das eine Zwangsanleihe auch Geld in die Kassen spülen würde.
    Warum soll, wenn doch der EFSF noch nicht ausgeschöpft ist, mehr eingezahlt werden? Das verunsichert doch die Märkte. Ist doch Psychologie, oder Frau Berschgens?
    Bisher wurden "Reformen", bis 2026 (!) nur "eingeleitet". Es gibt nur Absichtserklärungen, Bekenntnisse.
    Der Schrei nach mehr Geld und das Aufspannen immer größerer Rettungsschirme heizt die Schuldenkrise immer weiter an.
    Die Ursache Euro wird nicht angegangen, denn der ist ja tabu. Der ESM ist ein Instrument der Entmachtung und Enteignung.

  • Die PIGGS sind auch jetzt noch nicht bereit wirklich etwas zu tun, stattdessen wird nach immer höheren Gearantien gerufen. Warum höhere Garantien, wenn sie die doch eigentlich gar nicht in Anspruch nehmen wollen.
    Weshalb reagieren die Märkte denn so?
    Wenn z.B. Italien ständig nach noch höheren Garantien ruft, dann führt das nicht zu mehr Vertrauen, sondern genau zum Gegenteil. Die Geldgeber werden misstrauisch. Die Politik legt sich doch hier im Dienste der Großbanken jede Woche selbst ein neues Ei.

    Und noch was, wer Bürgschaften oder Garantien zusichert, sollte sich dessen bewußt sein, dass er diese, wenn es dann soweit ist, auch bezahlen (können) muss.

    WWenn die PIIGS schon einen größeren Rettungsschirm haben wollen, dann sollen sie doch ihr Gold als Sicherheit hinterlegen. Das wäre ein richtiges Signal, dass sie es auch ernst mit den Reformen meinen.
    Im Moment werden ja nur Reförmchen versprochen, bis Deutschland den Topf vergrößert und mehr einzahlt. Danach sind die Versprechen Schall und Rauch.

  • Hier wird in das gleiche Horn wie alle anderen Euro-Befürworter geblasen. Es ist ja alles alternativlos.

    Eine alternativlose Lösung ist meist die schlechteste von allen, da sie gar nicht richtig beleuchtet wurde und man versucht einen bequemen Weg zu gehen. Hier ist Weg aber nicht bequemer geworden sondern man hat den Märkten die Droge gegeben, die sie benötigen. Daraus folgen immer größere Erwartungen. Egal wie groß der Schirm wird, er wird niemals ausreichen.

    Deutschland hat Fehler begangen, ja z.B.
    Griechenland hätte man pleite gehen lassen sollen (sind sie ja jetzt sowieso). Griechendland ist klein genug, dass es der Euro locker überstanden hätte. Das wäre erstens die logische Folge für den auf Betrug aufgesetzten Beitritt zum Euro und zweitens ein ernstes Signal an alle anderen PIIGS (samt Frankreich) Reformen auf den Weg zu bringen. Was ist stattdessen passiert?
    Die PIIGS haben weitere 2-3 Jahre munter vor sich hinvegitiert ohne Massnahmen zu ergreifen, also wertvolle Zeit verloren. Und wer glaubt, dass Griechenland jemals auch nur einen Cent vom ersten 100 Mrd-Rettungspaket oder vom kommenden zweiten 130 Mrd-Rettungspaket zurückzahlen kann, der träumt immer noch. Griechenland ist wirtschaftlich am Boden, das könnte sich nicht mal mit 0 EUR Schulden über Wasser halten. Von wegen kostet uns keinen Cent.

  • Think big und loose everything. Es geht doch nicht darum, dass ein starker Staat für einen schwächeren einsteht in dieser Krise, sondern dass Schulden sozialisiert werden. Der deutsche Steuerzahler soll ausländische Banken retten und andere Staaten. Keine Regierung kann so dreist die Schulden anderer auf die eigenen Steuerzahler verteilen.
    Außerdem Frau Berschgens: Deutschland schultert mit der halben Billion target2 und den anderen Rettungsdiensten schon genug. Die einzige "Lösung" der Eurokraten ist doch: noch lauter nach mehr Geld schreien und die Schulden umverteilen, die Schuldenblase mehr und mehr aufblasen.
    Die Ursachen, die Ungleichgewichte in der Eurozone, kamen erst durch das Fehlkonstrukt Euro. Der Euro wirft ganz Europa um Jahre zurück. Die PIIGs können nicht mehr abwerten um wettbewerbsfähiger zu werden, denen bleibt nur die unbeliebte innere Abwertung durch Lohnsenkungen. Da ist der Ruf nach Transfers doch einfacher und bequemer. Hoffentlich macht wenigstens das BVerfG seine Pflicht.

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