Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Analyse Warum Arbeit dringend neu gedacht werden muss

Programme zur Frühverrentung werden nicht ausreichen, um die Wirtschaft zu transformieren. Digitalisierung und Rationalisierung müssen vereint werden.
Kommentieren
Die deutsche Wirtschaft steht vor großen Veränderungen. Quelle: dpa
Maschinenbauer

Die deutsche Wirtschaft steht vor großen Veränderungen.

(Foto: dpa)

Die Beschäftigung steigt, Ältere bleiben länger im Job, Fachkräfte werden händeringend gesucht – ist es da nicht pure Schwarzmalerei, vor einer neuen Frühverrentungswelle zu warnen?

Nein! Was Konzerne wie Bayer, SAP oder Volkswagen derzeit vorexerzieren, wird Nachahmer finden. Spardruck, die Trennung von Geschäftsfeldern, die Neuausrichtung ganzer Unternehmen oder auch Managementversagen wie in der Dieselkrise zwingen zum Personalabbau. Von den Gewerkschaften durchgesetzte Standortgarantien lassen den Firmen oft kaum eine andere Wahl, als den älteren Kollegen goldene Brücken in den Ruhestand zu bauen. Auch wenn das Millionen kostet.

Dass die genannten Beispiele keine Einzelfälle bleiben werden, dafür spricht die gewaltige Transformation, vor der die deutsche Wirtschaft steht. Die Digitalisierung wird Hunderttausende Jobs in der Verwaltung, der Finanzbranche oder im industriellen Servicebereich überflüssig machen.

Der Autoindustrie steht Personalabbau ins Haus, weil ein Elektromotor deutlich weniger Handgriffe benötigt als ein Verbrenner. Die Logistik wird zunehmend automatisiert, und in der Plattformökonomie entstehen nicht so viele neue Jobs, wie im stationären Handel verloren gehen.

Man braucht keine prophetische Gabe für die Prognose, dass vor allem ältere Beschäftigte in diesem rasanten Wandel zu den Ersten gehören, die aussortiert werden. Weil die Unternehmen ihnen die Wandlungsfähigkeit nicht mehr zutrauen oder eine teure Weiterbildung angesichts des nahen Rentenalters nicht mehr die erhoffte Rendite bringt.

Und weil auch viele der Betroffenen vielleicht genug vom lebenslangen Lernen haben und sich jenseits der 57 oder 58 Besseres vorstellen können, als weiter jeden Tag in die Fabrik oder ins Büro zu gehen.

Angesichts der Dimension der Veränderung reicht es aber nicht aus, Arbeitnehmern mit finanziellen Anreizen den Vorruhestand zu ermöglichen. Wir werden schon bald vor der paradoxen Situation stehen, Fachkräftemangel auf der einen und wachsende Arbeitslosigkeit auf der anderen Seite zu haben.

Die Digitalisierung droht vor allem die Jobs älterer Mitarbeiter zu gefährden. Quelle: dpa
Jung und alt nebeneinander

Die Digitalisierung droht vor allem die Jobs älterer Mitarbeiter zu gefährden.

(Foto: dpa)

Denn auch die beste Qualifizierungsoffensive wird aus Bürosachbearbeitern, Versicherungsfachwirten oder Wartungstechnikern keine Programmierer, Big-Data-Spezialisten oder Datenbankexperten formen. Und auch nicht jeder, der seinen Job verliert, fühlt sich zur Pflegekraft berufen – auch wenn der Arbeitskräftebedarf hier rasant steigt.

Es wird nicht lange dauern, bis eine Generation nachwächst, die die künftig gefragten Qualifikationen mitbringt. Doch bis dahin gilt es, sich um die Sandwichgeneration zu kümmern, die zwischen alter und neuer Arbeitswelt eingeklemmt ist. Heute, wo 50 das neue 40 ist, verbietet es sich, sie einfach aufs Abstellgleis zu schieben.

Wer 50 ist, hat noch 17 Jahre Arbeit vor sich. Da lohnt auch die Qualifizierung für neue Aufgaben oder gar die Umschulung auf einen gänzlich neuen Job. Hier stellt sich dann aber die Finanzierungsfrage. Unternehmen kann wohl kaum eine kostspielige Weiterbildung für Beschäftigte zugemutet werden, für die sie im eigenen Betrieb gar keine Verwendung mehr haben. Wer zahlt also? Der Steuerzahler? Der Einzelne?

Auch über eine neue Verteilung der Arbeit wird bald zu reden sein. Schon heute wächst die Beschäftigung deutlich schneller als das Arbeitsvolumen – die Arbeit wird auf mehr Schultern verteilt. Zwei gegenläufige Trends befeuern diese Entwicklung: Auf der einen Seite wird die Digitalisierung Rationalisierungseffekte mit sich bringen, die Arbeit also eher weniger werden.

Auf der anderen Seite gibt es – vor allem bei vielen Frauen – den Wunsch, mehr zu arbeiten: um nicht von Karriereoptionen abgeschnitten zu sein, um sich eine eigene Altersvorsorge aufzubauen, um unabhängig zu sein oder sich selbst zu verwirklichen.

Wie lange ist Robotersteuer noch tabu?

Aus der Debatte über eine neue Verteilung der Arbeit zwischen Mann und Frau wird über kurz oder lang eine Debatte über eine generelle Arbeitszeitverkürzung werden, wenn der Wandel nicht ein Heer von Abgehängten produzieren soll. In der aktuellen Bankentarifrunde dient die Gewerkschaftsforderung nach sechs zusätzlichen Entlastungstagen auch dem Ziel, die absehbar weniger werdende Arbeit auf mehr Schultern zu verteilen.

Auch hier stellt sich aber die Finanzierungsfrage. Eine Umverteilung von Arbeit bei vollem Lohnausgleich ist schöne Utopie. Der Wohlstand breiter Bevölkerungsschichten hängt also mit davon ab, ob es gelingt, Rationalisierungs- und Digitalisierungsgewinne zum gesellschaftlichen Nutzen umzumünzen. Noch ist die Robotersteuer tabu für die Politik. Aber wie lange noch?

Auf die rentennahen Jahrgänge zuzugehen ist das naheliegendste und sozialverträglichste Mittel, um auf den Strukturwandel zu reagieren. Wer aber für die vor uns liegenden Herausforderungen gerüstet sein will, der muss weiter gehen und Arbeit komplett neu denken. Frühverrentung allein kann nicht die Antwort auf die Digitalisierung sein.

Startseite

Mehr zu: Analyse - Warum Arbeit dringend neu gedacht werden muss

0 Kommentare zu "Analyse: Warum Arbeit dringend neu gedacht werden muss"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote