Bundespräsident Europa braucht eine Vision, Gauck hat sie

Europa ruft nach Führung. Die Kanzlerin antwortet mit einem Sparappell. Das ist zu wenig. Wer den Kontinent in der Krise zusammenhalten will, muss eine Vision bieten. Und genau das tut Joachim Gauck.
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Joachim Gauck im Deutschen Theater in Berlin. Quelle: dpa

Joachim Gauck im Deutschen Theater in Berlin.

(Foto: dpa)

Deutschland freut sich über seinen Kandidaten. Joachim Gauck ist der richtige Mann fürs höchste Amt, heißt es fast unisono. Er sei einer, der mit Worten führen könne. Derweil ruft Europa verzweifelt nach Führung. Und die kann nur von Deutschland kommen, dem mächtigsten Land des Kontinents. Auch hier geht es darum, die richtigen Worte zu finden.

Durch eine Laune der Geschichte liegt deshalb die Frage auf der Hand: Kann der ostdeutsche Bürgerpfarrer Gauck die richtige Antwort auf die Führungsfrage Europas geben? Um es vorwegzunehmen: Er könnte es. Dafür müsste er jedoch ein ganz anderer Präsident werden, als die meisten es von ihm erwarten. Die Aufgabe ist fast unlösbar. Den einen sind die Deutschen zu dominant (und arrogant), den anderen sind sie zu zögerlich (und feige). Der griechische Staatschef Papoulias fühlt sich vom deutschen Spardiktat gekränkt. Der polnische Außenminister Radoslaw Sikorski hingegen fürchtet sich weniger vor deutscher Macht als vor deutscher Inaktivität. Mehr "leadership" von den Deutschen wollen auch Amerikaner und Briten. Sei es bei militärischen Kampfeinsätzen gegen Diktatoren, oder wenn es darum geht, den Euro zu retten oder eine Weltrezession abzuwenden.

Die Welt scheint hin- und hergerissen zwischen Bewunderung, Neid, Angst und Enttäuschung über Berlin. Auch dort ist man hin- und hergerissen. Und zwar zwischen der aus historischer Schuld herrührenden Versuchung, sich als "große Schweiz" aus dem Dilemma von Größe und Macht wegzuducken oder herauszukaufen. Und der aus dem gleichen Schuldgefühl spürbaren Verpflichtung, Europa zu Wohlstand und Frieden zu führen.

Herauskommen aus dieser Zwickmühle kann Deutschland nur, wenn es seine natürliche Macht und Geschichte nicht als Last, sondern als Chance begreift. Gerade jetzt, da Amerika unter Schulden und Selbstzweifeln schwächelt, Frankreich und Großbritannien nur noch ein Schatten ihrer früheren Größe sind und China in der Rolle der "heimlichen Supermacht" versucht, seinen Einfluss auf die Welt mit minimaler Verantwortung zu maximieren, gerade jetzt wäre die Zeit, nicht nur Maschinen und Autos in die Welt zu exportieren, sondern auch Ideen und - trauen wir uns ruhig das große Wort - Visionen.

Damit wären wir wieder bei Joachim Gauck. Wir Deutsche freuen uns auf ihn, weil er uns als Versöhner eines einst geteilten Landes und Vorkämpfer für die Freiheit gilt. Aber während Deutschland längst zusammengewachsen ist, zerreißt es gerade Europa. Gebraucht wird deshalb jemand, der die Vorurteile zwischen den Europäern gerade rücken und den Kontinent zusammenführen kann.

Gauck kann Deutschland international wieder eine liberale Stimme
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20 Kommentare zu "Bundespräsident: Europa braucht eine Vision, Gauck hat sie"

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  • "Bundesinnenminister de Maizière...."

    Ist das der übergoßen Euphorie des Autoren über die Nominierung Gaucks entsprungen oder habe ich bezogen auf das Postenkarussel etwas verpasst?

    Und zum Rest? Wie schon mehrmals geschrieben, Ihr Journalisten verkauft mir diesen selbstverliebten Mann nicht. Der wird not-my-president!

  • Systematik

    Im Handelsblatt geht also Meinung vor Wirtschaft. Merkwürdig.
    Die Gleichung des "Freiheitspatheten" hat mindesten 30 Unbekannte.

  • Man braucht eh keine Visionen - allein schon das bedingungslose Grundeinkommen für alle reicht völlig aus, um die Ängste der Bürger ein für allemal zu besiegen und aus der Welt zu schaffen.

  • Jau, das wäre toll, ein Kniefall des deutschen BP in Griechenland, selten so gelacht ! Allein bei der Vorstellung nicht nur bei der griechischen Betrügerei Pate gestanden zu haben, sondern sich auch noch durch einen Kotau in Griechenland völlig der Lächerlichkeit Preis zu geben. Einfach köstlich, Spitzensatire !



  • „Joachim Gauck ist der richtige Mann fürs höchste Amt, heißt es fast unisono.“

    Ich möchte zu dieser Behauptung des Herrn Riecke einen lauten und grausigen Tritonus erschallen lassen: Gauck ist der falschen Mann.

    Auch wenn phantasievolle Neologismen ( „Bürgerpfarrer“, „Bürgerpräsident“) uns eine Prädestiniertheit für das Amt vorgauckeln möchten - warum er der Richtige sein soll, ist durch nichts belegt.

    Riecke erzählt uns viel und behauptet manches. Worin Gaucks Vision bestehen soll, bleibt unklar. Vielmehr stellt er am Schluß eine letzte, überaus besorgniserregende Behauptung auf:

    „Joachim Gauck kann Deutschland international wieder eine liberale Stimme verleihen.“

    Bitte bloß das nicht! Sonst können wir uns bald nirgends mehr blicken lassen. Auch im Ausland hat man begriffen, was heute unter einem Liberalen zu verstehen ist.

  • @OhneMacht

    Danke für die wahren Worte. Übermut tut selten gut und Hochmut kommt vor dem Fall. Ich freue mich schon auf die Artikel im HB in denen geschrieben steht, dass man den Bankrott Deutschlands schon immer vorausgesagt hat. Aber die Politiker und die deutsche Bevölkerung hat den Einsatz des HBs nicht erkannt und nicht darauf gehört.
    In diesem Sinne. Augen zu und durch!

  • Von Visionen ist bisher keiner Satt geworden!
    Wir brauchen keine Visionen, sondern menschenwürdige Arbeitsplätze mit ausreichendem Entgelten/Vergütungen, damit keiner trotz Arbeit nicht zum Aufstocker wird und wir nicht über die Aufstocker direkt die Profite der nimmersatten Unternehmer auf Kosten der Allgemeinheit finanzieren!!!

  • Jetzt schon Gauck für Europa...unglaublich diese Gedankensprünge wobei es doch "nur" zunächst um die Eurozone geht. Hier wird alles durcheinander geworfen...bewußt ?
    Die breite Bevölkerung hat nichts (außer) einer gewissen Reisefreiheit ohne Währungsumtausch in der Eurozone.
    Der Euro bleibt für viele der Teuro, auch wenn es die Medien nicht wahr haben wollen. Das neue Energiegesetz verbunden mit dem C02-Wahn belastet noch zusätzlich - aber man hüllt über die Folgekosten den Mantel des Schweigens für die unteren Bevölkerungsschichten.
    Das ganze ist eine große Augenwischerei und Volksverblendung !
    Erich Richter

  • AnonymerBenutzer Ruck:

    Wunderbare Satire

  • Ich kenne seine Vision, wir alle kennen sie. Sie stammt von Donald Rumsfeld: "Das alte Europa"

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