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Der Chefökonom Die Euro-Aufwertung hat für Deutschland und die EU nicht nur positive Folgen

Gemeinsame EU-Anleihen eröffnen die Möglichkeit, den Euro als Weltwährung zu etablieren. Gleichzeitig schwächt die Stärke des Euros Europas Exportwirtschaft.
13.08.2020 - 17:13 Uhr Kommentieren
Mit den Euro-Bonds wurde eine zentrale Voraussetzung dafür geschaffen, dass der Euro sich zu einer Weltwährung entwickeln kann. Quelle: dpa
Fünf-Euro-Sammlermünze „Planet Erde“

Mit den Euro-Bonds wurde eine zentrale Voraussetzung dafür geschaffen, dass der Euro sich zu einer Weltwährung entwickeln kann.

(Foto: dpa)

Janus, der römische Gott der Jahreswende, hatte zwei Gesichter: ein grimmiges, zurückschauendes und ein freundliches, in die Zukunft blickendes. Ähnliches gilt für den plötzlich erstarkten Euro. Diese Woche kratzte die Gemeinschaftswährung an der 1,20-Marke im Verhältnis zum US-Dollar.

Seit drei Monaten gewann der Euro im Vergleich zum US-Dollar mehr als zehn Prozent an Wert. Damit sind die Bürger der Euro-Länder im Vergleich zu denen der USA um gut zehn Prozent reicher geworden. Und wer in US-Aktien investiert ist, mag zwar von den Kurssteigerungen in New York profitiert haben; doch der Blick auf die Notierungen in Euro dürfte für Ernüchterung sorgen.

Für das Anziehen des Euro-Kurses gibt es realwirtschaftliche Ursachen. Ein Grund ist, dass Europa besser mit dem Coronavirus fertig wird und die damit verbundenen sozialen und wirtschaftlichen Schäden geringer sein werden als in den USA.

Trotz mancherorts wieder steigender Infektionszahlen und Ängsten vor einer „zweiten Welle“ scheint die Pandemie in Europa beherrschbar zu sein, während die Politik von US-Präsident Donald Trump auch in dieser Frage konfus und planlos wirkt. Die Euro-Stärke ist also auch eine Dollar-Schwäche.

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    Hinzu kommt ein zweiter wichtiger Punkt: Jüngst haben sich die 27 Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union nach zähen Verhandlungen auf einen wuchtigen Wiederaufbauplan für Europas Wirtschaft geeinigt. Dies war verbunden mit einem überraschend mutigen Schritt in Richtung Euro-Bonds, also Anleihen, für die nicht einzelne Länder, sondern die Staaten der Währungsunion gemeinsam haften.

    Handelsblatt: Prof. Bert Rürup
    Der Autor

    Prof. Bert Rürup ist Präsident des Handelsblatt Research Institute (HRI) und Chefökonom des Handelsblatts. Er war viele Jahre Mitglied und Vorsitzender des Sachverständigenrats sowie Berater mehrerer Bundesregierungen und ausländischer Regierungen. Mehr zur Arbeit von Professor Rürup und seinem Team finden Sie unter research.handelsblatt.com.

    Damit wurde eine zentrale Voraussetzung dafür geschaffen, dass der Euro sich zu einer Weltwährung entwickeln kann. Denn bald werden nun auch Zentralbanken außerhalb der Euro-Zone Anleihen der EU, des nach den USA zweitgrößten Wirtschaftsraums der Welt, als Reserven halten.

    Außerdem können die Unternehmen der Euro-Zone vermehrt auf teure Absicherungsgeschäfte verzichten. Mit den neuen gemeinsamen Schulden, die die EU nunmehr aufnehmen will, wird sie zu einem „Big Player“ auf dem Markt für Staatsanleihen. Schließlich sollen künftig Anleihen im Wert um die 250 Milliarden Euro pro Jahr ausgegeben werden.

    Corona-Bonds als einmalige Angelegenheit?

    Insbesondere die deutsche Politik betont zwar gebetsmühlenartig, die neuen „Corona-Bonds“ blieben eine einmalige Angelegenheit – doch wirklich zu glauben scheinen das weder die Staats- und Regierungschefs der Euro-Länder noch die Finanzmärkte. Daran ändert auch die Beteuerung nichts, die gemeinsamen Schulden würden in mehreren Jahrzehnten wieder vollständig getilgt.

    Mit den gemeinschaftlichen Schulden hat die Währungsgemeinschaft einen großen Schritt getan, die globale Bedeutung des Euros zu stärken – und damit an der Rolle des US-Dollars als faktisch alleiniger Weltwährung zu kratzen. Denn trotz einer seit drei Dekaden sinkenden weltwirtschaftlichen Bedeutung der USA ist der Dollar nach wie vor die global dominierende Währung.

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    An fast neun von zehn Währungsgeschäften ist die US-Währung heute beteiligt, fast zwei Drittel der globalen Notenbankreserven sind Dollar-Bestände. Außerdem beeinflusst die Geldpolitik der US-Notenbank Fed Börsen und Geldpolitik rund um den Globus.

    Und nicht zuletzt eröffnet die Gier der Welt nach Dollar den USA die Chance, selbst gedrucktes Papier gegen Güter aller Art zu tauschen. Überdies hat US-Präsident Trump den Dollar als Waffe entdeckt. Niemand sollte daran zweifeln, dass die USA – ganz gleich von wem regiert – bereit sein dürften, diese Waffe zur Durchsetzung eigener Interessen einzusetzen.

    Es wäre daher nicht nur im Interesse Deutschlands und des Euro-Raums, sondern der gesamten in den globalen Handel integrierten Welt, wenn ein währungspolitisches Gegengewicht zum US-Dollar entstünde. Gleichzeitig würde ein als Weltwährung akzeptierter Euro dem europäischen Verbund von mittelgroßen und kleinen Staaten ein echtes weltwirtschaftliches und damit auch geopolitisches Gewicht verleihen, gerade gegenüber den USA und China. Genau dieses Szenario scheinen die Devisenmärkte gerade durchzuspielen.

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    Das grimmige Gesicht von Janus bedeutet, dass ein starker Euro Exporte in Drittstaaten verteuert. Vergangenes Jahr erwirtschaftete die Euro-Zone mit Drittländern einen Handelsbilanzüberschuss von gut 200 Milliarden Euro. Dieser Überschuss steht auf dem Spiel, da Ausfuhren an preislicher Attraktivität verlieren.

    Nicht zuletzt die beiden deutschen Schlüsselindustrien, der Auto- und Maschinenbau, werden dies zu spüren bekommen. Hinzu kommt, dass ein starker Euro Importe verbilligt, was die ohnehin niedrige Inflation im Euro-Raum weiter senkt.

    Es müssen heilige Kühe geschlachtet werden

    Mit der importierten Disinflation dürfte das von der EZB angestrebte Inflationsziel von „knapp unter zwei Prozent“ bis auf Weiteres in unerreichbarer Ferne rücken – ein stures Festhalten an diesem Ziel würde die Glaubwürdigkeit der Notenbank sicher nicht erhöhen.

    Das freundliche Gesicht von Janus spiegelt sich in den Euro-Bonds wider – eine wichtige Voraussetzung dafür, dass sich der Euro als Weltwährung etablieren kann. Gemeinschaftliche Anleihen allein bieten aber noch keine Gewähr für nachhaltige Stärke und Stabilität.

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    Zusätzlich erforderlich sind eine koordinierte Finanzpolitik und ein System zur Abfederung asymmetrischer ökonomischer oder geopolitischer Schocks. Letztlich ist ein europäisches Finanzministerium erforderlich, wie dies bereits 2017 Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und der damalige Bundesaußenminister Sigmar Gabriel vorgeschlagen haben.

    Für einen solchen Integrationsschritt müssten freilich heilige Kühe der nationalen Souveränität wie die Steuerhoheit und das Budgetrecht der Parlamente geschlachtet werden. Spät, aber nicht zu spät könnte so auch den Bedenken der alten „Krönungstheorie“ Rechnung getragen werden, wonach europäische Integration ohne eine vereinheitlichte Wirtschafts- und Finanzpolitik nicht möglich ist.

    Wie auch immer: Die neuen Corona-Bonds können der Startschuss für ein neues gemeinsames europäisches Staatswesen sei. Sollte das Experiment hingegen scheitern, dürfte mit der Euro-Zone auch die Europäische Union zerfallen. Die Devisenmärkte setzen derzeit auf ein gutes Ende – hoffen wir, dass sie recht behalten.

    Mehr: Ohne wachstumspolitische Offensive wird die Rezession Deutschlands Wohlstand auf Dauer mindern

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