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Der Chefökonom Die private Altersvorsorge braucht einen Neustart

Vor fast zwei Jahrzehnten versuchte Walter Riester, eine flächendeckende private Altersvorsorge zu organisieren. Dieser Plan ist mittlerweile gescheitert.
05.11.2020 - 18:19 Uhr Kommentieren
Die private Altersvorsorge braucht einen Neustart, meint Bert Rürup. Quelle: dpa
Senioren in einem Kurpark

Die private Altersvorsorge braucht einen Neustart, meint Bert Rürup.

(Foto: dpa)

Düsseldorf Jahrzehntelang galten Leibrentenversicherungen als Inbegriff für eine sichere private Altersvorsorge. Denn die Versicherer erwirtschafteten viele Jahre mit diesen Produkten ansehnliche Renditen für ihre Kunden und sicherten deren Langlebigkeitsrisiko ab.
Doch die Niedrigzinsphase macht es für die Versicherer zusehends schwieriger, vertraglich zugesagte Mindestrenditen zu erwirtschaften und den Kapitalerhalt zu gewährleisten.

Die Ratingagentur Moody’s versah diese Woche die deutschen Lebensversicherer mit einem negativen Ausblick, da der neuerliche Rückgang des Zinsniveaus ihre Erträge und Kapitalausstattung unter Druck setze. Vor Kurzem zog der Marktführer Allianz daraus die Konsequenz: In den neuen Policen stehen anstelle der bisherigen Beitragsgarantie nur noch Garantien von 90, 80 oder gar 60 Prozent der gezahlten Beiträge. So soll eine stärker auf Aktien setzende Anlagepolitik möglich werden, die deutlich höhere Erträge verspricht, als es das enge Anlagekorsett der traditionellen Produkte zulässt.

Daraus ergeben sich zwei Fragen. Die erste davon ist vor allem für die Aktionäre von Lebensversicherungen relevant: Sind die Kunden bereit, solche Produkte zu kaufen, wenn das bislang wichtigste Verkaufsargument, die Kapitalgarantie, entfällt? Schließlich kann sich jeder potenzielle Kunde durch den Abschluss einer Risikolebensversicherung sowie zweier Sparpläne in einen Aktien- und einen Anleihefonds solch ein Produkt selbst schmieden und so die beträchtlichen Vertriebs- und Verwaltungskosten sowie die Dividenden für die Aktionäre der Versicherungen sparen.

Die zweite Frage ist gesamtwirtschaftlich und gesellschaftlich relevanter: Ist in Zeiten, in denen die Zinsen für sichere Anlagen dauerhaft bei oder gar unter null liegen, die kapitalgedeckte Altersvorsorge überhaupt noch sinnvoll?
Zur Beantwortung dieser Frage muss man wissen, dass die umlagefinanzierte, gesetzliche Rente zwar „sicher ist“, wie der im April verstorbene, langjährige Sozialminister Norbert Blüm nicht müde wurde zu verkünden. Gleichwohl sind auch diese Alterseinkommen mit Risiken und Unsicherheiten behaftet. Beim Umlageverfahren sind dies in erster Linie Lohnsummenrisiken, die aus der Entwicklung des Arbeitsmarkts, der Produktivität und der demografischen Entwicklung resultieren.

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    Zudem unterliegt diese Rendite politischen Risiken. Denn innerhalb der verfassungsmäßigen Grenzen steht es der Politik frei, das Renteneintrittsalter, die Anpassungsdynamik oder andere Parameter des gesetzlichen Rentensystems zu ändern und damit die Rendite zu beeinflussen.

    Grafik

    In der kapitalgedeckten Altersvorsorge hängt die Rendite hingegen im Wesentlichen von der Entwicklung der Kapitalmärkte ab – und die ist ungewiss. So haben vor zehn Jahren allenfalls Exoten unter den professionellen Fondsmanagern eine negative Rendite zehnjähriger deutscher Bundesanleihen oder eine Verfünffachung der Kurse an der US-Tech-Börse Nasdaq binnen einer Dekade prognostiziert.

    Unstrittig ist, dass Alterssicherungssysteme, die auf einer Mischung aus Umlagefinanzierung und Kapitaldeckung basieren, Risiken besser diversifizieren als Rentensysteme, die nur auf eine Finanzierungsquelle setzen. Daran ändern Börsencrashs, Niedrigzinsphasen oder Rezessionen grundsätzlich nichts.

    Riester-Rente hat gravierenden Fehler

    Allerdings ist es unmöglich, ein optimales Mischungsverhältnis zu bestimmen. Dieses hängt nämlich von zahlreichen Variablen ab, die sich im Zeitverlauf ändern können, wie etwa der Bevölkerungsaufbau, der Strukturwandel, die Globalisierung oder die Folgen einer Pandemie.

    Daher war die Einführung einer ergänzenden kapitalgedeckten Altersversorgung ab 2002 durch den damaligen SPD-Sozialminister Walter Riester grundsätzlich richtig. Allerdings krankt die Riester-Rente an einem gravierenden Fehler: Der Abschluss eines kapitaldeckten Rentenvertrags, mit dem Kürzungen bei der gesetzlichen Rente kompensiert werden sollen, ist nicht verpflichtend.

    Diese Freiwilligkeit führt zum einen dazu, dass die Riester-Renten aktiv und damit teuer verkauft werden müssen. Ferner bedingt die Freiwilligkeit eine Entmischung der Risiken. Denn die meisten Menschen können recht gut abschätzen, ob sie eher früh versterben oder überdurchschnittlich alt werden.

    Freiwillig privat vorsorgen werden daher vorrangig Menschen, die erwarten, überdurchschnittlich lang zu leben. Die Folge: Bei den Versicherungen sammeln sich die – versicherungstechnisch – schlechten Risiken. Diesen Geburtsfehler der Riester-Rente wird man kaum mehr rückgängig machen können.

    Handelsblatt: Prof. Bert Rürup
    Der Autor

    Prof. Bert Rürup ist Präsident des Handelsblatt Research Institute (HRI) und Chefökonom des Handelsblatts. Er war viele Jahre Mitglied und Vorsitzender des Sachverständigenrats sowie Berater mehrerer Bundesregierungen und ausländischer Regierungen. Mehr zur Arbeit von Professor Rürup und seinem Team finden Sie unter research.handelsblatt.com.

    Nun sparen die Deutschen im internationalen Vergleich zwar viel, aber oft falsch. Ende des zweiten Quartals dieses Jahres besaßen die privaten Haushalte in Deutschland ein Geldvermögen von 6,63 Billionen Euro. Davon waren etwa 350 Milliarden Euro in börsennotierten Aktien angelegt und weitere gut 660 Milliarden Euro in Investmentfonds.

    Mehr als fünf Billionen Euro bestanden hingegen aus Bargeld und kaum rentierlichen Bankeinlagen sowie aus Ansprüchen gegenüber Versicherungen, die restriktiven Anlagevorschriften unterliegen. Gelänge es, die Rendite des privaten Vermögens dauerhaft um nur einen Prozentpunkt zu steigern, ließe sich daraus rechnerisch für jeden Privathaushalt ein monatliches Einkommen von rund 140 Euro finanzieren. Ihre Risikoaversion kostet die Deutschen daher viel Geld.

    Nun hängt die individuelle Risikotragfähigkeit stark vom Alter des Sparers ab, während der Preis für eine höhere Rendite in größeren Wertschwankungen der Anlage besteht. Diese Wertschwankungen etwa von Aktien kann ein am Beginn seines Erwerbslebens stehender junger Mensch besser tragen als jemand, dem nur noch wenig Zeit bis zum Renteneintritt bleibt. Die Volatilität der Anlagen sollte also umso geringer sein, desto höher das Alter der Vorsorgesparer ist.

    Politik muss handeln

    Solche nach Lebenszyklusmodellen gemanagten und allen Einwohnern im Erwerbsalter offenstehenden Vorsorgekonten könnten von einer Kapitalsammelstelle unter dem Dach einer staatsfernen Stiftung kostengünstig geführt werden. Würde diese Kapitalsammelstelle monatlich die durchweg kleinen Vorsorgebeträge der Personen im Erwerbsalter bündeln, käme ein stattliches Anlagevolumen zusammen, mit dem sich eine effiziente Risikoallokation realisieren ließe.

    Mit dem Eintritt der Vorsorgesparer in den Ruhestand müsste das angesparte Vermögen in einen lebenslangen Auszahlplan umgewandelt werden, damit dieses Kapital einer anderweitigen Verwendung und nicht zuletzt der Vererbung entzogen wird.

    Die Versicherungswirtschaft hatte nun fast zwei Jahrzehnte Zeit, renditestarke und kostengünstige Produkte zur privaten Altersvorsorge zu entwickeln – und ist bislang daran gescheitert. Nun wird es Zeit, dass die Politik das Heft in die Hand nimmt.

    Denn der schon Mitte dieses Jahrzehnts einsetzende Alterungsschub wird zum Stresstest für die Altersvorsorge. Hohe Kosten und niedrige Renditen bei der kapitalgedeckten Ergänzungsvorsorge kann und sollte sich Deutschland nicht mehr leisten.

    Mehr: Um die Coronakrise langfristig zu bewältigen, braucht es höhere Steuern, meint Bert Rürup.

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