Der Chefökonom Die Rente ist sicher – trotz der Niedrigzinspolitik der EZB

Die gesetzliche Rentenversicherung hat zuletzt Verluste verbucht. Doch wer sich deshalb um die Beitragszahler sorgt, hat etwas missverstanden.
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Der medienübergreifende Rentenalarm ist vor allem dem Sommerloch geschuldet. Quelle: dapd
Senioren am Ammersee

Der medienübergreifende Rentenalarm ist vor allem dem Sommerloch geschuldet.

(Foto: dapd)

In nachrichtenarmen Zeiten schaffen es auch schon einmal Randprobleme groß in die Schlagzeilen. So musste eine für die Stabilität und Zukunft der gesetzlichen Rentenversicherung nebensächliche Information dafür herhalten, um eine Bedrohung unserer gesetzlichen Rentenversicherung durch die ultraleichte Geldpolitik der EZB an die Wand zu malen. Für Alarmmeldungen gibt es aber überhaupt keinen Grund.

Journalisten der führenden deutschen Wirtschaftszeitung hatten vor Kurzem herausgefunden, dass die gesetzliche Rentenversicherung im letzten Jahr als Folge der Negativverzinsung von minus 0,4 Prozent auf Einlagen bei der Bundesbank erstmals einen Verlust verbucht hatte – 0,049 Milliarden Euro. Dieses Minus erscheint angesichts des Beitragsaufkommens von 225 Milliarden Euro und einer Schwankungsreserve von gut 33 Milliarden Euro nicht gerade bedrohlich.

Da die Rentenversicherung aber bestätigte, in diesem Jahr mit einem ähnlich negativen Ergebnis zu rechnen, folgerten die Autoren: „Langfristig lässt sich der Sozialstaat nur sichern, wenn das Geld der Beitragszahler auch Rendite abwirft. Die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank führt nicht nur zu Ebbe auf den Sparkonten. Auch das Geld der Beitragszahler verliert schleichend an Wert, weil die Sozialkassen nur noch Minirenditen auf die gehorteten Milliarden erwirtschaften oder sogar Strafzinsen zahlen müssen.“

Die Zinsverluste sind unstrittig. Dennoch war die Folgerung, dass deshalb das Geld der Beitragszahler schleichend an Wert verliert, vorschnell. Aber angesichts der Nachrichtenarmut griffen auch andere Medien das Thema auf.

„Die Welt“ etwa titelte: „Geldpolitik der EZB untergräbt deutsches Sozialsystem“. Und ein Kapitalmarktexperte des Handelsblatts kommentierte, das gesetzliche Anlagekorsett für die Sozialkassen sei viel zu eng geschnürt. Nichts spräche dagegen, es zu lockern und bis zu 20 Prozent der Mittel aus der Reserve in Aktien zu investieren.

Die Beiträge verbindet ein Missverständnis

Was all diese Beiträge verbindet, ist ein Missverständnis der Funktion der Schwankungsreserve in der gesetzlichen Rentenversicherung. Diese Rücklage ist nämlich so bemessen, dass daraus kurzfristig schwache Beitragsphasen verkraftet werden können, ohne den Beitragssatz anheben zu müssen. Deshalb gilt: Wird im Herbst prognostiziert, dass die Rücklage Ende des Jahres unter 20 Prozent einer durchschnittlichen Monatsausgabe liegt, ist der Beitragssatz zum 1. Januar zu erhöhen.

Wird die Reserve auf über 150 Prozent einer Monatsausgabe geschätzt, ist der Beitragssatz zu senken. Anders als unterstellt, hat die Rücklage nicht die Funktion, Zinserträge für die Finanzierung der Renten zu erzielen. Sie ist vielmehr als Finanzpolster für schlechte Zeiten und als Indikator für Beitragssenkungen gedacht. Deshalb ist aus guten Gründen eine Anlage der Rücklagegelder in liquiden Forderungen gesetzlich vorgeschrieben.

Den Versuch der EZB, die Inflation und damit Beschäftigung und Wachstum mit der Kombination von milliardenschweren Anleihekäufen und einer bislang beispiellosen Niedrigzinspolitik zu stimulieren, kann man kritisieren – etwa weil sich hinter dieser Politik eine nicht durch das EZB-Mandat gedeckte monetäre Staatsfinanzierung verbergen könnte oder die Kleinsparer benachteiligt, Finanzinvestoren aber begünstigt würden.

Unzutreffend dagegen ist der Vorwurf, diese Politik und die mit ihr verbundene fehlende bis negative Rendite der Sicherheitsreserven hätte die Sozialkassen, namentlich die gesetzliche Rentenversicherung, geschwächt. Das Gegenteil ist der Fall: Trotz der aktuellen Zinsverluste sind die Mitglieder der gesetzlichen Rentenversicherung nicht Verlierer, sondern Gewinner der EZB-Politik.

Gesetzlich Rentenversicherte profitieren von der EZB-Politik

Denn diese Niedrigzinspolitik begünstigte zweifellos den Anstieg der Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Deutschland – allein zwischen Ende 2014 und Frühjahr 2018 um über 2,5 Millionen Personen – und hat so dazu beigetragen, die interne Rendite unserer staatlichen Rentenversicherung deutlich anzuheben.

Denn die Rendite dieses umlagefinanzierten Systems wird vom Wachstum der Lohnsumme bestimmt, nicht aber von den Kapitalrenditen. Die Bundesbank weist daher in ihren Untersuchungen zu den Verteilungswirkungen der kritisch gesehenen EZB-Politik deutlich darauf hin, dass diese Politik die interne Rendite der gesetzlichen Rentenversicherung erhöht hat.

Aus diesem Grund plädieren anerkannte Finanzmathematiker wie Werner Siepe für freiwillige Einzahlungen in die gesetzliche Rentenversicherung, weil die derzeit mit etwa drei Prozent eine deutlich höhere Rendite bringt als die meisten Produkte der privaten Altersvorsorge. An diesem Befund ändern die marginalen Zinsverluste der in der Schwankungsreserve geparkten Gelder nichts.

Fazit: Stabilität und Leistungsfähigkeit der Rentenversicherung werden von der Lohnsummenentwicklung bestimmt und nicht von der Verzinsung der Sicherheitsreserve. Bei den Sorgen, die Niedrigzinspolitik der EZB könnte die Rente in Deutschland schwächen, handelt es sich um einen Fehlalarm.

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