Der Chefökonom Freiwillige Rentenbeiträge wären eine fatale Lösung

Mit freiwilligen Beiträgen lassen sich keine nachhaltig höheren Rentenansprüche erwerben. Stattdessen destabilisieren sie das System.
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Es kann nicht sichergestellt werden, dass sich auch in der Zukunft genügend freiwillige Einzahler finden. Quelle: dpa
Rentenversicherung

Es kann nicht sichergestellt werden, dass sich auch in der Zukunft genügend freiwillige Einzahler finden.

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Einer der meistgelesen Artikel der letzten Wochen auf Handelsblatt Online hat den Titel: „Gesetzliche Rentenversicherung. Zusätzlich in die Rentenkasse einzahlen lohnt sich für fast alle.“ Es stellt sich die Frage, ob das, was die Überschrift suggeriert, stimmt oder ob man sich mit freiwilligen Beiträgen auf ein Ponzi-Spiel einlässt.

Bei solchen Spielen hängt die Auszahlung der versprochenen Leistungen davon ab, dass sich bei Fälligkeit genügend neue Spielteilnehmer finden, mit deren Geldern die den früheren Einzahlern zugesagten Ansprüche bedient werden können. Solche nach dem italoamerikanischen Betrüger Charles Ponzi benannte Kettenbrief- oder Schneeballsysteme sind zu Recht verboten.

Zum Hintergrund: Seit vergangenem Jahr bietet die gesetzliche Rentenversicherung allen mindestens fünfzigjährigen Versicherten an, freiwillig Beiträge zu zahlen, um abschlagfrei früher in den Ruhestand gehen zu können. Wer diese Möglichkeit nutzt, dann aber doch nicht vorzeitig in Rente geht, bekommt eine entsprechend höhere Rente.

Wenn Rentenexperten wie etwa Markus Kurth von den Grünen nun die dringende Empfehlung abgeben, die Möglichkeiten von freiwilligen Beitragszahlungen deutlich auszuweiten, so dokumentiert dies eine Verdrängung der Funktionslogik unserer umlagefinanzierten gesetzlichen Rentenversicherung. Gleiches gilt für die Forderung der Linkspartei, die bislang angesparten Riester-Altersvorsorgevermögen in die gesetzliche Rentenkasse zu übertragen.

In einer umlagefinanzierten Sozialversicherung dienen alle Beiträge, die obligatorischen wie die freiwilligen, stets der Finanzierung der Leistungen des laufenden Jahres. Es gibt auch keinen Zusammenhang zwischen den in einem Jahr erworbenen Rentenansprüchen und den zu bedienenden Leistungen.

Das Problem der Freiwilligkeit

Dies bringt es mit sich, dass Umlagesysteme zwingend obligatorisch sein müssen, um eine mögliche Flucht von Beitragszahlern auszuschließen. Freiwillige Beiträge destabilisieren das System, weil nicht sichergestellt ist, dass sich auch in der Zukunft genügend freiwillige Einzahler finden, damit in der Vergangenheit mit freiwilligen Beiträgen erworbene Ansprüche bedient werden können.

Die Rendite eines kapitalgedeckten Systems hängt von der an den Kapitalmärkten erzielbaren Rendite ab. In einem Umlagesystem wird die Beitragsrendite vom Wachstum der beitragspflichtigen Lohnsumme bestimmt – sofern man von systemfremden Steuerzuschüssen zur Senkung des Beitragssatzes absieht. Nun sind einerseits die Renditen, die sich derzeit mit sicheren Kapitalanlagen erzielen lassen, ausgesprochen mager.

Andererseits steigt die Lohnsumme angesichts des rasanten Beschäftigungsaufbaus und ordentlicher Lohnabschlüsse seit einigen Jahren recht kräftig. Somit kann man der Behauptung von SPD-Chefin Andrea Nahles nicht widersprechen, dass die gesetzliche Rente mit einer Rendite von zwei bis drei Prozent einen Vorsprung gegenüber neu abgeschlossenen kapitalgedeckten Rentenverträgen hat.

Dieser Renditevorsprung der gesetzlichen Rente ist aber flüchtig. Zum einen wird es selbst bei einer höheren Zuwanderung in den Jahren 2025 bis 2045 zu einem massiven Anstieg des Altenquotienten kommen; weit weniger junge Beitragszahler werden in den Arbeitsmarkt eintreten, als alte in den Ruhestand gehen. Zum anderen dürfte die Niedrigzinsphase in den nächsten Jahren auslaufen.

Wer nun unter diesen Voraussetzungen freiwillige Einzahlungen in ein Umlagesystem propagiert, der verschiebt die Koordinaten dieser derzeit recht solide aufgestellten Sozialversicherung in die Richtung eines Ponzi-Spiels.

Individuell rational, gesellschaftlich fragwürdig

Die Bemühungen, die Nachhaltigkeit unseres gesetzlichen Rentensystems für die kommenden Jahrzehnte zu gewährleisten, würden konterkariert. Denn was individuell rational sein kann, kann sich für das Kollektiv durchaus als fatal erweisen. Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass das, was sich für den Einzelnen rechnet, zwangsläufig auch für eine große Anzahl gilt.

Dazu muss man wissen: Das Renditeversprechen der gesetzlichen Rentenkasse unterscheidet sich deutlich von privaten, kapitalgedeckten Rentenversicherungen. Während private Versicherungen einen privatrechtlich geschützten Eigentumsanspruch auf den Kapitalstock und die laufenden Auszahlungen gewähren, bietet die gesetzliche Rentenversicherung nicht viel mehr als ein politisches Versprechen auf den Fortbestand des bestehenden Systems.

Die Vorstellung, durch freiwillige Einzahlungen die künftigen Leistungen dieses Systems nachhaltig erhöhen zu können, verdrängt die Logik des Umlageverfahrens. Denn die jährlichen Rentenzahlungen – gleichgültig ob durch obligatorische oder freiwillige Beiträge begründet – müssen stets aus dem Beitragsaufkommen desselben Jahres finanziert werden.

Nur wenn es auf Dauer genügend freiwillige Beitragszahler gäbe, ginge die Rechnung auf. Ansonsten schwebt letztlich der Geist von Charles Ponzi über diesen Vorschlägen – und der hat bekanntlich schon viele gutgläubige Anleger arm gemacht.

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