Der Chefökonom Konjunkturprognosen sind alles andere als verlässlich

Auch Ökonomen können nicht die Zukunft vorhersehen. Die aktuell publizierten Konjunkturprognosen sind nicht mehr als ein Blick in die Glaskugel.
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Konjunkturwachstum – „Der Höhepunkt liegt hinter uns“

„Prognosen sind äußerst schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen." Dieses höchst abgedroschene Bonmot wird wechselweise Samuel Longhorne Clemens (bekannter als Mark Twain), Niels Bohr, Winston Churchill oder Kurt Tucholsky zugeschrieben. Auf Konjunkturprognosen trifft dieses geflügelte Wort jedoch nur eingeschränkt zu.

Denn die in der vergangenen Woche sowohl von der Bundesbank als auch den großen Wirtschaftsforschungsinstituten und dem Handelsblatt Research Institute vorgestellten aktualisierten Wachstumserwartungen für 2018 sind wie alle unterjährigen Konjunkturprognosen vor allem ein Blick zurück. Denn die Revisionen der Frühjahrsprognosen dieser Forschergruppen basieren vorrangig auf dem konjunkturellen Verlaufsbild des vergangenen Jahres und dem seit Mitte Mai bekannten, überraschend schwachen Wachstum im ersten Quartal dieses Jahres.

Weit weniger sind sie auf die Erwartungen über die Wirtschaftsentwicklung im Rest des Jahres 2018 gestützt. Dazu muss man Folgendes wissen: Für das Bruttoinlandsprodukt (BIP) des laufenden Jahres ist das konjunkturelle Verlaufsbild des zurückliegenden Jahres und die damit verbundene, positive oder negative Vorgabe für das laufende Jahr von großer Bedeutung. Eine positive Vorgabe, ein sogenannter statistischer Überhang, liegt vor, wenn die Wirtschaftsleistung im vierten Quartal höher war als der Durchschnitt der ersten drei Quartale.

Vice versa spricht man von einem Unterhang, wenn das BIP der Monate Oktober bis Dezember unter der durchschnittlichen Produktion der drei Vorquartale dieses Jahres liegt. Ein Überhang ist daher so etwas wie eine Startrampe für das Wachstum des nächsten Jahres. Denn er gibt an, wie sich das BIP im Jahresvergleich verändern würde, wenn die Wirtschaft in allen vier Quartalen stagnieren würde und das reale BIP genauso groß wäre wie im vierten Quartal des abgelaufenen Jahres.

Für 2018 beträgt dieser Überhang stattliche 1,0 Prozent, da die Wirtschaft in der zweiten Hälfte des Vorjahres stark gewachsen ist. Zusammen mit den inzwischen bekannten 0,3 Prozent Wachstum aus dem ersten Quartal waren Ende März also bereits 1,3 Prozent Wachstum für das laufende Jahr sicher, sofern die Wirtschaft im weiteren Jahresverlauf nicht schrumpft.

Anders war die Situation in 2009, dem Jahr der Mega-Rezession mit einem BIP-Rückgang um satte 5,6 Prozent. Die Wirtschaft war damals bereits mit einem Unterhang von 1,7 Prozent ins Jahr gestartet. Der Grund: Nachdem die gesamtwirtschaftliche Produktion im Jahr 2008 im ersten Quartal noch ordentlich gewachsen war, begann sie schon in den folgenden Quartalen zu schrumpfen und lag am Ende des Jahres 1,7 Prozent unter dem Durchschnitt der drei Vorquartale, wenngleich das Bruttoinlandsprodukt 1,1 Prozent über dem des Jahres 2007 lag.

Letztlich sieht der Wirtschaftseinbruch im Jahr 2009 deshalb so dramatisch aus, weil der massive Produktionseinbruch im letzten Quartal 2008 und in den ersten drei Monaten von 2009 eintrat. Wären die gleichen Rückgänge ein halbes Jahr später passiert, sähe die gesamtwirtschaftliche Situation heute kaum anders aus als sie es derzeit tut – für das Jahr 2009 aber hätte sich kein Einbruch des Bruttoinlandsproduktes von 5,6 Prozent gegenüber 2008 ergeben, sondern nur ein deutlich moderaterer Rückgang der Wirtschaftsleistung.

Dieser hätte dann freilich bis in das Jahr 2010 hineingereicht. Denn nach einer bewährten Faustregel gehen der Über-/Unterhang des Vorjahres und das erste Quartal voll in die Wachstumsrate des laufenden Jahres ein, die Veränderungsrate des zweiten Quartals dagegen nur zu drei Vierteln, da davon nur noch das Produktionsniveau der Monate April bis Dezember bestimmt wird. Die Veränderungsrate der Monate Juli bis September geht zur Hälfte in das Ergebnis des laufenden Jahres ein, und die letzten drei Monate werden nur noch zu einem Viertel eingerechnet.

Die aktuellen Vorhersagen für das laufende Jahr sind damit vor allem ein Blick zurück. Die Vorhersagen für das kommende Jahr 2019 hingegen sind mit einem Blick in die sprichwörtliche Glaskugel zu vergleichen. Sie sind nicht durch Fakten gestützt, sondern basieren auf unsicheren Annahmen, Erwartungen oder Hoffnungen – also etwa darauf, dass es nicht zu einer Eskalation der Handelskonflikte, einer schweren Regierungskrise in Deutschland oder einem Auseinanderbrechen der EU wegen der Flüchtlingsfrage kommen wird.

Die einzigen Informationen, die Konjunkturforscher über die Zukunft haben, sind die Auftragslage der Industrie, die teilweise ein bis zwei Quartale in die Zukunft reicht, und das auf Erwartungen der Wirtschaft basierende IfoGeschäftsklima. Angesichts dieser mageren Datenlage verwundert es nicht, dass die Prognosen für 2019 derzeit zwischen 1,4 und 2,3 Prozent und damit in einer großen Spanne liegen. Nun sind in der Vergangenheit Ökonomen nicht gerade dadurch aufgefallen, dass sie konjunkturelle Wendepunkte nach unten, sprich Rezessionen, treffsicher vorhersagen konnten.

Zwar wurde Nouriel Roubini im Zuge der Weltrezession 2009 zu einem populären Krisenguru, weil er das Platzen der Immobilienblase 2008 prognostiziert hatte. Doch übersahen seine Anhänger dabei geflissentlich, dass „Dr. Doom“ bereits zuvor permanent Krisenwarnungen ausgesprochen hatte – und bekanntlich zeigen ja auch defekte Uhren zweimal am Tag die richtige Zeit an. 

Unter einer Rezession versteht man landläufig den Rückgang des BIP im Vergleich zum Vorjahr. In der 70jährigen Nachkriegsgeschichte der Bundesrepublik gab es bislang sechs Rezessionen: 1967, 1975, 1982, 1993, 2003 sowie 2009. Allen diesen Einbrüchen gemein ist, dass keine Institution auch nur einen davon prognostiziert hat. Das Herbstgutachten der von der Bundesregierung dazu beauftragten Wirtschaftsforschungsinstitute sah Deutschland im Oktober 2008 „am Rande einer Rezession“.

Gleichwohl prognostizierten die Institute für 2009 immerhin noch 0,2 Prozent Wachstum – tatsächlich schrumpfte die Wirtschaft um 5,6 Prozent. Ein halbes Jahr später sagten die gleichen Institute ein Minus von 0,5 Prozent für 2010 voraus – tatsächlich wuchs die Wirtschaft um nahezu vier Prozent. Nicht besser waren die Vorhersagen von Bundesbank und Sachverständigenrat, dessen Vorsitzender der Autor dieser Zeilen damals war.

Für diese Fehlleistung gibt es zwei Gründe: Zum einen können auch Ökonomen nicht die Zukunft vorhersehen. Zum anderen haben wichtige staatstragende Institutionen Sorge, ihre Vorhersage könnte zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden. Im Jahr 1948 zeigte der US-amerikanische Soziologe Robert K. Merton in seinem bahnbrechenden Artikel „The Self-fulfilling Prophecy“ nämlich, wie zunächst falsche Beschreibungen einer Entwicklung sich als zutreffend erweisen können, wenn viele „Empfänger“ einer Nachricht im Vertrauen auf die Seriosität des „Senders“ und damit auch auf dessen Botschaft ihr Verhalten daran ausrichten.

Warnt etwa eine staatliche Behörde irrtümlich vor der Schieflage einer bestimmten Bank, so wird dieses eigentlich solide Institut bald Konkurs anmelden müssen, da alle Einleger ihr Geld unverzüglich in Sicherheit bringen wollen und es zu einem Bank-run kommt. Dieses Risiko unerwünschter Rückkoppelungen von Voraussagen bringt es mit sich, dass angesehene Institutionen wie der Sachverständigenrat, die Bundesbank und die großen Wirtschaftsforschungsinstitute sehr zurückhaltend mit Rezessionsprognosen waren und sind.

Dies ist zwar verständlich, führt jedoch zu einer selektiven Wahrnehmung von Risiken und wirkt damit wie ein kollektives Versagen. Das wiederum schädigt die Reputation der gesamten Profession. Diese globale Finanz- und Konjunkturkrise war so etwas wie das sprichwörtliche Cannae der etablierten Makroökonomie und der Theorie stets effizienter Finanzmärkte. 

Derzeit spricht einiges dafür, dass die deutsche Konjunktur wieder an einem Wendepunkt steht. Das Ifo-Geschäftsklima befindet sich seit Dezember fast ununterbrochen auf Talfahrt. Und eine Lösung des globalen Handelskonflikts zwischen den USA auf der einen sowie China und der EU auf der anderen Seite ist nicht in Sicht. Vielmehr stehen die Zeichen weiter auf Eskalation, sodass etablierte Absatz- und Bezugsketten empfindlich gestört werden könnten. Zudem ist kein anderes großes Industrieland intensiver in die internationale Arbeitsteilung eingebunden als Deutschland.

Hinzu kommt das Klumpenrisiko Automobilindustrie, der deutschen Schlüsselindustrie schlechthin. Denn US-Präsident Donald Trump hat die ohnehin vom Dieselskandal heftig gebeutelten deutschen Autobauer zu seinen Lieblingsfeinden erklärt. Käme es zu einem globalen Autokrieg, wäre eine Rezession in Deutschland wohl kaum abzuwenden. Zumal die amtierende Bundesregierung bislang nicht den Eindruck macht, sie könnte so beherzt und schnell auf einen Einbruch der Volkswirtschaft reagieren, wie es die damalige Große Koalition im Jahr 2009 tat.

Eigentlich wäre nämlich jetzt der Zeitpunkt gekommen, an dem Experten aus Wirtschafts-, Finanz- und Sozialministerium zu einem – nach Möglichkeit vertraulichen – Treffen zusammenkommen und Notfallpläne ausarbeiten sollten. Ohne solche Pläne vorbereitet zu haben, scheint es kaum vorstellbar, dass diese zerstrittene Regierung binnen weniger Wochen in der Lage wäre, Konjunkturprogramme, Einkaufsgutscheine, Steuersenkungen oder eine Kurzarbeitergeldverlängerung zu beschließen.

Daher kann man nur hoffen, dass all dies nicht nötig sein wird. Doch sicher sein kann man sich dessen nicht.

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