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EditorialIrrtum Unternehmertum

Über Tech-Unternehmen kursieren allerhand falsche Geschichten. Das hat viele Jahre zu verfehlter Innovationspolitik geführt.Sebastian Matthes 29.07.2022 - 12:15 Uhr Artikel anhören

Sebastian Matthes ist Chefredakteur des Handelsblatts.

Foto: Max Brunnert für Handelsblatt

In Geschichten über Unternehmertum geht es oft um Garagen, in denen die ganz großen Ideen entstehen, um Küchentische in Wohngemeinschaften, an denen die Weltexpansion vorbereitet wird – oder um junge Menschen, die zwischen Tischkickerduellen den Niedergang von Google und Amazon einleiten wollen. Es ist das Bild von Revoluzzern und Einzelkämpferinnen, die mit ihren Ideen den Lauf der Welt verändern wollen.

Das sind alles wunderbare Geschichten, sie zeichnen nur leider ein völlig falsches Bild vom Unternehmertum, schlimmer noch, sie befeuern einen Irrtum, der jahrelang zu falscher Innovationspolitik geführt hat: ein bisschen Geld, ein Abendessen mit dem Wirtschaftsminister, ein paar Fotos mit der Kanzlerin – ansonsten abwarten, dass irgendwelche Wunder aus irgendwelchen Garagen purzeln.

Die Wahrheit ist, dass junge Technologiefirmen höchst selten aus dem Nichts entstehen. Unternehmertum, im Technologiebereich zumal, passiert nicht zufällig. Es ist das Ergebnis exzellenter Ausbildung, guter Verbindungen in die Wissenschaft, experimentierfreudiger Traditionsunternehmen, richtiger Vorbilder, risikofreudiger Investoren – und vor allem funktionierender Netzwerke, die all das zusammenbringen.

Deshalb ist eine lebendige Gründerlandschaft zwar auch eine kulturelle Frage. Sie ist aber vor allem das Ergebnis politischen Willens.

Nicht etwa, weil der Staat der bessere Unternehmer wäre. Sondern weil der Staat den Rahmen setzen muss, in dem die empfindlichen Innovationsnetzwerke gedeihen können. Das zeigen die bewunderten Innovationszentren dieser Welt: das Silicon Valley etwa, wo seit den Sechzigerjahren derartige Netzwerke aus Konzernen, jungen Hightech-Firmen und Militärforschung entstanden.

Ähnlich verlief die Entwicklung in Israel. Und in jüngster Zeit hat auch der französische Präsident Emmanuel Macron gezeigt, wie sich ein solches Hightech-Ökosystem innerhalb weniger Jahre aufbauen lässt.

Das größte Gründerzentrum Europas steht in München

Auch in Deutschland gibt es so ein Beispiel: das Netzwerk UnternehmerTUM. Das Gründerzentrum an der Technischen Universität München ist das größte seiner Art in Europa. 6000 Menschen hat das Zentrum allein 2021 in verschiedenen Formaten an Fragen des Unternehmertums herangeführt und mehr als 500 Teams betreut, die über eine Start-up-Gründung nachdenken.

Das Ergebnis dieser Arbeit kann sich sehen lassen. 80 Start-ups entstehen pro Jahr in dem Netzwerk. Besonders beeindruckend aber: Von den mehr als 17 Milliarden Euro, die 2021 in deutsche Start-ups flossen, gingen gut 3,5 Milliarden an Unternehmen aus dem Münchener Netzwerk. Der Flugtaxidienst Lilium, der an der US-Technologiebörse Nasdaq mit etwa 790 Millionen Euro bewertet wird, gehört zu diesem Netzwerk. Ferner die Zug- und Busplattform Flix und auch die beiden Softwareanbieter Personio und Celonis, die mittlerweile zu den wertvollsten Start-ups des Landes zählen. Initiiert und maßgeblich finanziert wurde UnternehmerTUM von Susanne Klatten aus der vierten Generation der Quandt-Dynastie.

Klatten wurde damit so etwas wie die unsichtbare Hand der deutschen Start-up-Szene. Sie habe den Gedanken verfolgt, „dass wir mehr Familienunternehmen brauchen, Gründerinnen und Gründer, die sich ihre Geschäftsidee so zu eigen machen, dass sie zur Lebensaufgabe wird“, sagte Klatten im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Die Technische Universität in München und die Bayerische Staatsregierung haben das Potenzial der Idee früh erkannt, brachten sich ein und unterstützten mit Infrastruktur in der Forschung oder Standortförderung für junge Firmen.

Gründer aus dem Netzwerk erzählen meist die gleiche Geschichte: UnternehmerTUM und die Universität hätten ihnen früh beigebracht, darüber nachzudenken, welche Probleme es wert seien, unternehmerisch gelöst zu werden. Sie boten Trainings, Businessplan-Workshops, Hilfe bei Prototypen und Mentoren für den Start.

Und besonders wichtig: UnternehmerTUM, gegründet als An-Institut der Universität, fungiert als regelrechter Gründerscout und spricht potenzielle Unternehmerinnen und Unternehmer früh unter den Studierenden an, ob sie aus ihren Ideen nicht eine eigene Firma machen wollen.

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Sicher ist Unternehmertum auch eine Geisteshaltung von Menschen, die die Zukunft verändern möchten. Mindestens genauso ist es aber das Ergebnis harter Arbeit und strategischen Willens. Es ist gut, dass die Bundesregierung erstmals eine Start-up-Strategie konzipiert hat. Sie adressiert das Finanzierungsproblem, den Fachkräftemangel und erleichtert die Mitarbeiterbeteiligung ein wenig. Ein großer Wurf aber ist diese Strategie noch nicht.

Es fehlt ein konkretes Zielbild davon, was mit dem Plan erreicht werden soll. Auch sind viele Punkte vage formuliert, zum Beispiel die Frage, welchen Anteil ihres Geldes Versicherungen und Rentenfonds in Risikokapital stecken dürfen. Das Hauptproblem aber besteht darin, dass dieses Thema bislang niemand in der Bundesregierung wirklich zur Chefsache gemacht hat. Was das angeht, ist Susanne Klatten ein echtes Vorbild.

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