1. Startseite
  2. Meinung
  3. Kommentare
  4. Was in der Debatte über ein Gas-Embargo zu oft übersehen wird

EditorialWas in der Debatte über ein Gas-Embargo zu oft übersehen wird

Der Westen kommt um weitere Sanktionen gegen Russland nicht herum. Ein Gas-Embargo hätte verheerende Folgen, könnte aber notwendig sein.Sebastian Matthes 08.04.2022 - 13:19 Uhr Artikel anhören

Sebastian Matthes ist Chefredakteur des Handelsblatts.

Foto: Max Brunnert für Handelsblatt

Düsseldorf. Ob die Bilder des grauenhaften Massakers in Butscha nun eine weitere Wende im Ukrainekrieg bedeuten, ist Ende dieser Woche kaum zu sagen. Sehr deutlich geworden ist allerdings etwas anderes in diesen Tagen: Der Westen wird um weitere, harte Schritte gegen Russland nicht herumkommen. Schritte, die auch Deutschland schmerzhaft spüren wird.

Das gerade verhängte Kohleembargo ist nur der Anfang. Ein Boykott russischer Öllieferungen ist nur noch eine Frage der Zeit. Und es wird für die Bundesregierung immer schwieriger, sich gegen einen Gasboykott zu stemmen.

Seit Kriegsbeginn habe Europa 35 Milliarden Euro für Energieimporte an Russland überwiesen, rechnet der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell vor. Und in Washington, Paris und Warschau fragt man sich, was noch passieren muss, damit die Bundesregierung endlich einlenkt. Ob man ein komplettes Energieembargo nun befürwortet oder nicht: Das ist die außenpolitische Realität.

Doch es gibt auch eine andere, eine ökonomische Realität. Und die wird allzu oft auf eine konjunkturelle Debatte verkürzt. Natürlich hätte der wirtschaftliche Einbruch nach einem Gasboykott schwerwiegende Konsequenzen, das bestreitet niemand. Auch nicht Grünen-Politiker Anton Hofreiter, der vor wenigen Tagen erklärte, dass sich ein Gasboykott mit Energiesparen, Tempolimits - und Rettungspaketen wie in der Coronakrise schon bewältigen ließe.

Im Falle eines Gasboykotts sprechen wir für einige Unternehmen und Branchen von Monaten, einige Ökonomen erwarten im Extremfall sogar Jahre des Stillstands. Denn nur ein Drittel der Gaslieferungen Russlands nach Deutschland ist kurzfristig mit Flüssiggas aus anderen Teilen der Welt ersetzbar.

Wir seien noch mindestens zwei Jahre auf russisches Gas angewiesen, schätzt daher Michael Hüther, der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft. Es ist eine Illusion, dass der Staat für so lange Zeit mit Rettungsmilliarden und Kurzarbeit ganze Branchen stützen kann.

Zudem ist fraglich, was nach einem monatelangen Produktionsstopp vom Kern der deutschen Industrie übrig bliebe: Glashersteller, Stahlindustrie, Chemie und auch große Teile der Autobranche können einen Ausfall der Gaslieferungen kaum kompensieren - sie müssten die Produktion drosseln, im Ernstfall sogar ganz herunterfahren.

Der Ökonomenstreit

Um die Folgen eines Energieboykotts ist ein Streit unter Ökonomen entbrannt. Das Problem: Die eilig zusammengestellten Makromodelle der Wissenschaft bilden die komplexe Mikrorealität der Wirtschaft nur unzureichend ab.

Die Auswirkungen eines Gasboykotts für das eng verflochtene industrielle Netzwerk dieses Landes sind nur schwer kalkulierbar. So ist ohne die Chemieindustrie keine komplexere Kunststoffproduktion denkbar, die zum Beispiel wichtige Teile für die Windkraftindustrie liefert, die wiederum der wichtigste Baustein des grünen Umbaus Deutschlands ist.

Noch tiefer verflochten ist die Automobilbranche, an der Millionen Jobs hängen. „All diese Realitäten in der aktuellen Debatte auszublenden wäre sträflich ignorant“, schreibt Handelsblatt-Chefökonom Bert Rürup.

Es geht nicht nur um einen Konjunktureinbruch, es geht um einen Strukturbruch, der das deutsche Geschäftsmodell gefährdet: Rund 23 Prozent der Wertschöpfung stammen aus der Industrie - und auch ein großer Teil der Dienstleistungen hängt am verarbeitenden Gewerbe.

Richtig ist aber auch, dass der Druck auf Deutschland wächst. Das ist verständlich angesichts eines russischen Feldzugs, der Züge eines Vernichtungskriegs annimmt. Nach dem Kohleembargo sollte daher der viel wirksamere Ölboykott kommen.

Auch eine Strafsteuer auf russische Gasexporte ist längst fällig. Die Einnahmen daraus könnten in einen Fonds zum Wiederaufbau der Ukraine fließen. Die materiellen Schäden zu beseitigen helfen ist das Mindeste, was der Westen zu leisten hat.

Verwandte Themen
Russland
Deutschland
Wirtschaftspolitik
Konjunktur

Wenn der Feldzug Putins damit nicht zu stoppen ist, wird auch Deutschland nicht umhinkommen, einem Gasboykott zuzustimmen - aller ökonomischen Konsequenzen zum Trotz.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt