Freie Welt

Eine freie Welt braucht freien Journalismus.

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Essay Deadline – Wie der Journalismus noch zu retten ist

Im Wandel der Zeit hat sich der Journalismus in vielerlei Hinsicht verändert. Für eine freie Welt müssen wir ihn retten – und können es auch.
  • Michael Jürgs
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Der Tod schleicht sich von hinten an. Ist kein Meister aus Deutschland mehr. Kommt ohne Kriege und Kalender aus. Braucht keine Einladung. Ein in den Laborwerten beim alljährlichen Check-up aufgetauchter Tumormarker namens CA 19–9 hat ihn angelockt.

Der Tod hat überall seine Zuträger. Krebs ist neben dem Herzinfarkt sein bester Mitarbeiter. Davon lebt er. Das von Ärzten in seinem Namen verkündete Todesurteil bestätigt ihn, auch wenn es die Betroffenen zunächst für Fake News halten.

Journalisten glauben berufsbedingt erst einmal gar nichts und lassen sich, wie sie es gelernt haben, von ihren Zweifeln leiten. In dem Fall unterstützt auch noch von genetisch gegebenem, aufbegehrendem Trotz: Mal abwarten, wer am Ende siegen wird. Der oder wir.

Alltag für Schreibende: An Deadlines sind sie gewöhnt. Die gehören zu den Grundbedingungen ihrer Profession. An der Kür gemessen werden kann nur, wer sie einhält. Logisch. Was nützen die schönsten Texte, die zauberhaftesten Sprachbilder, die kühnsten Thesen und klügsten Gedanken, wenn die Zeitung oder das Magazin, in dem sie erscheinen sollten, bereits ausgedruckt sind? Wäre etwa so, als würde ein Sterbender die Uhren anhalten, als könne er so dem Schnitter die Ernte verderben.

Der Autor ist ehemaliger Chefredakteur des „Stern“-Magazins. Quelle: imago/Revierfoto
Michael Jürgs

Der Autor ist ehemaliger Chefredakteur des „Stern“-Magazins.

(Foto: imago/Revierfoto)

Online gibt es keine Deadline mehr. Allein schon deshalb tummeln sich im Digitalen ungehemmt Trolle und Hassprediger, die analog bereits an einer Deadline gescheitert wären. Linke wie rechte Ideologen mussten früher ihre Verschwörungstheorien unter sich begraben.

Online leben sie jetzt anonym ihre „Ich hasse, also bin ich“-Fantasien aus und erfahren im Netz, wie viele so denken und brüllen wie sie. In allen Schichten. Vom Akademiker aus Karlsruhe bis zum Türsteher aus Dingsda.

Glaube daran, dass das Wort die Welt verändert

„Ich habe keine Angst vor dem Sterben, ich will nur nicht dabei sein, wenn es passiert“ – mal angenommen, es ginge nicht um Woody Allen, von dem dieses Zitat stammt, sondern um mich in diesem Text, so würde ich bis zur Deadline noch vorletzte Worte schreiben. Würde ein letztes Mal begründen, warum der Beruf, den ich leidenschaftlich voller Neugier auf Menschen so liebte, der Beruf des Journalisten, eine Firewall der Demokratie gegen die Barbaren an den Toren ist.

Erfahrene Profis, die keinen anderen Beruf schwänzen, sondern den ihren erlernt haben, weil sie unbeugsam daran glaubten, dass die Welt durch das Wort zu verändern ist, sind in diesen Zeiten wichtiger denn je.

Die vierte Säule der Demokratie, was friedlicher anmutet als die Metapher von der vierten Gewalt, ist überlebensnotwenig zur Verteidigung derselben gegen ihre Feinde. Egal, wie die heißen – Trump, Putin, Orbán, Höcke, Farage, Salvini, Poggenburg, Kaczynski, Gauland, Le Pen, Wilders.

Wäre dabei aber hilfreich, wenn sich die Herren der öffentlichen Meinung, Leitartikler von unterschiedlicher Güte, nicht als belehrende Oberlehrer aufspielen, sondern beobachtend aufklären über die Strategien der Volksverdummer. Die Nähe zu Politikern meiden, weil die Mächtigen nur dann zu kontrollieren sind, wenn man sie im Blick behält, statt sich mit ihnen, vor allem in der Arena Berlin, bei gegebenen Anlässen vertraut blicken zu lassen. Kurzum: unberechenbar bleiben.

Grau ist die Farbe des Zweifels

Die zum Journalismus angemessene Farbe ist nicht Schwarz, nicht Weiß, sondern Grau. Das ist die Farbe des Zweifels. Gegen moralfreie Populisten braucht es in Zeitungen, Zeitschriften, Rundfunkanstalten und Fernsehsendern, analog wie digital, eine moralische Haltung ebenso wie den Widerstand der Zivilgesellschaft gegen ihre Feinde von rechts und links, von Pegida und AfD bis zum autonomen Block und wieder auferstandenen SED-Bütteln.

Steve Bannon, der mit seinem Movement die Rechtsnationalen Europas einigen will im Kampf gegen die Bürgerrechte, die liberalen Medien und die Europäische Union zerstören möchte im Namen des von ihm beschworenen gesunden Volksempfindens, muss nicht gefürchtet, sondern schlicht bekämpft werden im Namen des Volkes.

Der Journalismus muss gerettet werden. Quelle: Getty Images
Druckerpresse

Der Journalismus muss gerettet werden.

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Wer sich mit ihm gemein macht wie beispielsweise der Schweizer „Weltwoche“-Verleger Roger Köppel und sich vom gemeinen kleinbürgerlichen Volk feiern lässt, hat seine Glaubwürdigkeit als Journalist verloren.

Ohne eine moralische Haltung ist alles nichts, sie allein genügt aber nicht. Es gilt, erst recht in Zeiten, da die Wahrheit als Lüge diffamiert wird, das eherne Gebot: Bevor auch nur ein Wort geschrieben wird, ist erst zu recherchieren, ob das, was verlockend nach einem Scoop riecht, auch stimmt. Hätten sich die damaligen Blattmacher des „Stern“ darauf besonnen, wäre dem Magazin 1983 der Super-GAU der gefälschten Hitler-Tagebücher erspart geblieben.

Immer dann, wenn Politiker oder Journalisten bei der Suche nach dem richtigen Wort an der richtigen Stelle zur richtigen Zeit scheitern, was beiden Arten von Volksvertretern, sowohl den gewählten als auch den selbst ernannten, täglich passieren kann, schauen sie dem Volk ins Maul. Zu viele Meinungsmacher halten sich zum Volkstribun berufen, statt sich zu besinnen auf die Wurzeln des Berufs: Neugier auf das, was man nicht kennt. Begegnungen mit fremden Leben aufzuschreiben bringt zudem Mehrwert für das eigene und das der Leser.

Auf meinem Grabstein könnte deshalb stehen, aber das ließe sich auch kürzen: Ich habe mein Leben verloren. Wer es findet, darf es benutzen.

Das wahre Gottesgeschenk, das auch den Ungläubigen gewährt wird, ist, nicht zu wissen, wann der Ruf ins Jenseits erklingt. So wie im Diesseits selbst der Klügste nicht weiß, wann die Schwelle von allzu menschlicher Einfältigkeit zur gefährlichen Verblödung überschritten sein wird, von der aus die Verrohung beginnt.

Dummheit ist klassen- und zeitlos

Dann darf man „den Mut zur Intoleranz denen gegenüber aufbringen, die die Demokratie gebrauchen wollen, um sie umzubringen“, forderte SPD-Patriot Carlo Schmid 1948 im Parlamentarischen Rat, der das Grundgesetz für die Bundesrepublik verabschiedete.

Sichtbare, hörbare, erkennbare Dummheit ist klassen- und zeitlos. Sie ist sichtbar in TV-Kanälen und im Internet. Sie ist hörbar bei Politikern und bei Populisten. Sie ist erkennbar in Texten und in Taten. Es gab sie in den alten Zeiten so, wie es sie in den neuen gibt.

Laut Verfassung sind vor dem Gesetz alle Menschen gleich, vor Gott sowieso. Dereinst werden sich deshalb beim Jüngsten Gericht Donald Trump und Dieter Bohlen oder sogar Margot Käßmann und Peter Hahne in die Schlange der Wartenden einreihen müssen. Ihre irdischen Follower auf Twitter mögen noch so zahlreich gewesen sein, post mortem zählen sie alle nicht mehr.

Jede Epoche hat ihre Helden. Eine Binse. Die einstigen Herren der öffentlichen Meinung wurden auch nach ihrem Tod verklärt als Vorbilder für die Nachgeborenen der Branche. Der Feuerkopf Henri Nannen. Der unheilbare Denker Rudolf Augstein. Der wirbelnde Gerd Bucerius. Der mit instinktivem Gespür für Volkes Bedürfnisse gesegnete journalistische Verleger Axel Springer, geliebt von den Seinen, bekämpft von den Meinen.

Meinungen sind frei, aber Fakten sind heilig

Sein bei Wilhelm Raabe entlehntes Motto „Blick auf zu den Sternen und gib acht auf die Gassen“ darf zu den Essentials des Journalismus gerechnet werden. Dass zu viele seiner Plattmacher „Gosse“ statt „Gasse“ darunter verstanden, ist allerdings auch Fakt. „Comments are free, facts are sacred.“ Meinungen sind frei, richtig, aber Fakten sind heilig.

In den blühenden Landschaften gab es damals in stetig nachwachsender Zahl Alkoholiker und Machos, Hohlschwätzer und Besserwisser. Männerbünde geeint in der Arroganz der Macht, was nicht nur für das Haus Springer galt, sondern auch für die auf der anderen Straßenseite. Sie hätten im digitalen Zeitalter keine Chance mehr. Das ist ein großer Fortschritt.

Grundsätzlich gilt jedoch, dass Schrott weiterhin Schrott bleibt, auch wenn er online schneller beim Kunden ankommt als in gedruckter Form. So wie ein ins Amt gewählter Populist auch dann ein Rassist, Sexist, Lügner und Hetzer von geringem Verstand bleibt, wenn er ins Weiße Haus zieht.

Was den Umkehrschluss erlaubt, dass im Journalismus heute nicht die Formen entscheidend sind, sondern wie in guten alten Zeiten die Inhalte. Nur die berufstypische Selbstbeweihräucherung nach dem Leersatz: „Du warst gut, wie war ich?“, die auf dem journalistischen Jahrmarkt der Eitelkeiten vorherrscht, hat noch stets alle Krisen überlebt.

Die Print-Krise ist real. Kein Zweifel. Die Auflagen gehen Jahr um Jahr zurück. Auch in den Buchverlagen. Auch die ganz Großen beklagen Rückgänge im Buchverkauf. Marketing und Vertrieb drängen sich breitbrüstig in die Rolle der Verleger und glauben, das letzte Wort über Buchprojekte müssten jetzt sie haben.

Warum nicht gleich – denn das spart in the long run Druckkosten – gewissen Autoren ein Grundeinkommen bezahlen, falls sie sich im Gegenzug verpflichten, zukünftig keine Bücher mehr anzubieten?

Während die Säulenträger der vierten Gewalt selbst dann noch die überlegene Kraft des Gedruckten gegen die Propheten des World Wide Web wie Larry Page, Steve Jobs, Mark Zuckerberg, Biz Stone beschworen, scharten diese bereits Millionen Jünger um sich und erschufen über Nacht neue Weltreiche im Netz. In denen funktioniert Journalismus billiger, schneller, aktueller.

Journalismus kämpft gegen die Vereinfacher

Im Geschwindigkeitswettkampf hatten die analogen Alten wegen ihrer Produktionsbedingungen keine Chance mehr gegen die wagemutigen Jungen. Sie mussten sich anpassen, um nicht alle Digital Natives zu verlieren und damit die Jungen für immer. Auflagenrückgänge kosteten viele als sicher geltende Arbeitsplätze in den Verlagen. Sowohl die der Journalisten als auch die der Manager.

Aber es geht längst nicht mehr um digital ODER analog, sondern um analog UND digital im gemeinsamen Kampf gegen die schrecklichen Vereinfacher aller Art.

Die neuen Medienmächtigen sind nicht menschenfreundlicher als die alten. Amazon-Gründer Jeff Bezos zum Beispiel, wohl der reichste Mann der Welt, hatte sich 2013 mit dem Erwerb der „Washington Post“ für lächerliche 250 Millionen Dollar Renommee gekauft. Er fütterte das alte Geschäftsmodell Print mit den Möglichkeiten des Digitalen und hatte Erfolg. Inzwischen ist die Zahl der Websitebesucher gestiegen und gleichauf mit der der „New York Times“.

Den Redaktionen der „Washington Post“ ist ein „Hub“ genanntes Rechenzentrum angeschlossen, in dem 200 Programmierer arbeiten. Mit ihrer Software analysieren sie täglich mehr als 1400 News auf Verwertbarkeit für den klassischen Journalismus und sind damit inzwischen von der Journalistenfraktion anerkannt als gleichberechtigtes Mitglied der Großfamilie.

„Bild“, „Stern“, „Spiegel“, „Zeit“, „Time“, „Geo“, „New York Times“ wurden erfunden von Journalisten und gefördert von Verlegern, die an Journalismus glaubten. Das hatte nicht immer nur zu tun mit Mut, Moral, Haltung. Sondern auch damit, dass es einfach mehr Sozialprestige versprach, Zeitungen oder Zeitschriften zu verkaufen statt zum Beispiel Nähmaschinen, Socken oder Bier.

Es werde, erklärte der Schweizer Verleger Michael Ringier in einem Interview mit der sich gegen alle Krisen behauptenden „taz“, immer „Branchenfremde geben, weil das Mediengeschäft seinen eigenen Reiz hat. Es hat mit Macht zu tun, oder zumindest glauben das die Leute. Als Verleger oder als Inhaber von Medien kriegen Sie andere Einladungen, als wenn Sie Schraubenzieher herstellen. Und inzwischen wird dermaßen viel Geld verdient, dass jemand sich quasi für ein Taschengeld eine eigene Zeitung leistet wie andere einen Fußballklub.“

Der „Trump-Effekt“ hilft den US-Medien

Junge Journalisten stemmten sich als Erste gegen die vorgebliche Endzeit des Berufs. Zum einen, weil es um ihre Zukunft ging, die wir zumeist schon hinter uns hatten, zum anderen, weil sich die Manager eher auf ihnen eingebläute, naheliegende Lösungen konzentrierten – Kosten runter, Rendite rauf – und an der für ihr Geschäft nun mal unabdingbar wertvollen Software Journalisten sparten.

Gegen die Moll-Gesänge der Alten von guten alten Zeiten setzten die Jungen ein Motto, das aus der Psychiatrie stammen könnte: „Life isn’t about waiting for the storm to pass – it’s about learning to dance in the rain.“ Sie begannen, im Regen zu tanzen.

In den USA reichte der sogenannte Trump-Effekt. „New York Times“, „Washington Post“, CBS, CNN, MSNBC erlebten eine Auferstehung von den Totgesagten. Die „Times“ gewann Hunderttausende Digital-Abonnenten, seit der notorische Lügner ins Weiße Haus einzog. Nach Recherchen der von ihm so verhassten liberalen Medien sind etwa 65 Prozent seiner Behauptungen falsch.

Der britische „Guardian“, dessen digitale Umsätze 2017 erstmalig die Umsätze aus dem Verkauf der gedruckten Auflage und aus Events überstiegen, hat zudem mehr als eine halbe Million „Supporter“, die durch ihre Spende, beginnend bei einem Beitrag von einem Pfund, das Blatt am Leben erhalten. Er ist digital mit seinen zehn Millionen Onlinelesern die drittgrößte Zeitung der Welt.

Zwar schreibt der „Guardian“ noch immer rote Zahlen, hat aber den Verlust deutlich reduziert. Die fetten Jahre, als die Anzeigen nur so strömten, sind endgültig vorbei. Für alle.

Der „Guardian“ war seinem eigenen Selbstverständnis entsprechend selbstverständlich dabei, als im April 2016 unter Führung der „Süddeutschen Zeitung“ die Panama-Papers veröffentlicht wurden, gleichzeitig mit 80 Medienpartnern, die meisten von ihnen Mitglieder im International Consortium for Investigative Journalism (ICIJ), zu dem weltweit mehrere Hundert Journalisten gehören und als grenzüberschreitendes Team recherchieren. Finanziert durch Spenden des Milliardärs George Soros.

Neue Geldquellen der Medien

Die Enthüllung war ein globaler Scoop. Der konnte nur gelingen, weil die Besten der analogen und die Besten der digitalen Medien im Team arbeiteten, nachdem ein Whistleblower die „Süddeutsche Zeitung“ informiert und auf die Spur des schmutzigen Geldes gesetzt hatte.

Vieles hat sich durch das Internet nachhaltig gewandelt. Quelle: Getty Images
Digitalisierung

Vieles hat sich durch das Internet nachhaltig gewandelt.

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Mit eigenen ungewöhnlichen Aktionen erschließt die Redaktion des „Guardian“ neue Geldquellen. Das Angebot, an einem „Guardian Weekend“ teilzunehmen, nutzten 5000 Leser und zahlten pro Kopf umgerechnet 75 Euro. Dafür wurden ihnen nicht nur persönliche Begegnungen mit Redakteuren und Managern geboten, sondern auch Vorträge von Philosophen und Wissenschaftlern, Diskussionen mit Politikern, Auftritte verschiedener Künstler und Sportler, sogar Bootsfahrten auf dem Regent’s Canal, an dem das Verlagshaus liegt.

Die Zeitung öffnete sich als eine Community von Gleichgesinnten wie ein Verein mit Vereinslokal. Ein Modell, das in ganz unterschiedlichen Formen auch in Deutschland funktioniert – bei der „Zeit“, beim Handelsblatt, bei der „FAZ“, der „Süddeutschen“, dem „Tagesspiegel“, der „Welt“ und anderen.

Es braucht Manager, die aus Respekt vor einem Beruf, den schon immer auch viele Wahnsinnige ausüben, mit ihren Marketingideen neue Hardware generieren, um ihre Software zu schützen. Dazu gehören Nebengeschäfte mit Immobilien, Autoanzeigen oder Hundefutter, deren Gewinne wie bei Burda oder Springer die Verluste bei Print ausgleichen. Dazu gehört die Gründung vieler kleiner Beiboote wie bei Gruner + Jahr, weil die großen Dampfer an Fahrt verlieren.

Der Tod ist am Ende nichts anderes als eine endgültige Entschleunigung des Lebens. Sogar Entschleunigung ist ein Überlebensmodell. Sich durch Slow Journalism der Jagd nach Breaking News zu entziehen, bewusst die Letzten zu sein, ist die Blattphilosophie der viermal im Jahr erscheinenden britischen Zeitschrift „Delayed Gratification“.

Der Titel nimmt einen Begriff aus der Psychologie auf: Belohnungsaufschub. Statt online erschlagen zu werden von Eilmeldungen im Minutentakt, erstickt zu werden von Informationen, die bereits Stunden später Makulatur sind, weil die nächste Sau durchs Global Village getrieben wird, erfahren die Leser in diesem Magazin stattdessen in vier, fünf großen Reportagen Wesentliches. Alles andere, was zuvor die anderen groß präsentierten, wird in kleinen Häppchen vermeldet.

Eingepackt in eine der digitalen Welt entliehene, bestechende Infografik, verhalf diese simpel-gute Idee fünf von ihrer alten Zeitung entlassenen Redakteuren zu einem neuen Job. Inzwischen hat ihr Heft, gegründet von Rob Orchard, frei von Anzeigen, eine Auflage von 15.000, kostet 36 Pfund für Abonnenten und ernährt seine Macher.

In Holland begann in Zeiten fallender Auflagen und wegbrechender Erlöse bereits 2006 eine andere Erfolgsgeschichte. Statt die branchenüblichen Klagelieder anzustimmen, gründete der Verlag des „NRC Handelsblad“ für die ans Netz verlorenen jungen Leser ein Reader’s Digest. Das Projekt, „NRC Next“ genannt, fasst in Kurzform zusammen, was in langer Version gedruckt im Blatt erscheint. Ein Wagnis.

Medien sollen verkaufen, nicht verschenken

Andere holländische Tageszeitungen versuchten, ähnlich wie der britische „Evening Standard“, sich vor dem Untergang zu retten, indem sie ihr Produkt kostenlos verteilten. Wie früher, als die Zeitungen noch etwas kosteten, wurde zwar Erfolg oder Misserfolg jeder Ausgabe gemessen, aber planbare Einnahmen nicht mehr durch Vertriebserlöse erzielt, sondern ausschließlich aus dem von der verteilten Auflage abhängigen Anzeigengeschäft. „NRC Next“ im Tabloid-Format dagegen kostet einen Euro.

Die Strategie ging auf, eine journalistische Leistung, produziert von einer kleinen, jungen Redaktion, die auch die Texte der alten Kollegen nutzen darf, nicht zu verschenken, sondern zu verkaufen. Inzwischen hat der aus Not geborene Ableger eine echte Auflage von 90.000 und liefert einen substanziellen Anteil am Gesamtergebnis des Hauses.

Nicht ganz vergleichbar ist das mit dem, was einst der „Rolling Stone“ an seinem Geburtsort San Francisco unternommen hatte, um Einnahmen zu generieren. Die Idee des obersten Journalisten und Blattgründers Jann Wenner war originell verwegen.

Immer um die Mittagszeit kamen junge Menschen in die Fabriketage, wo die Redaktion arbeitete. Die Boten hatten einen großen, aufgeklappten Bauchladen umgeschnallt, auf dem Sandwiches lagen. Darunter lauerte Bückware: Drogen aller Art, außer LSD und Heroin. Anwesend waren, Tag für Tag frisch, der schwarze Afghane, der rote Libanese, der grüne Türke. Der aus Hamburg stammende Praktikant, also ich, blieb bei Sandwiches und kaute staunend.

Die Einkünfte des Sandwich-Dealers verblieben zu zwei Dritteln bei ihm, ein Drittel lieferte er täglich bar ab beim Empfang. Das Geld kam direkt dem Redaktionsbudget zugute. In jeder Ausgabe des „Rolling Stone“ wurde damals ein Artikel durch Drogengeld finanziert. Als Zukunftsmodell gibt es allerdings bessere Ideen.

Non-Profit-Journalismus auf dem Vormarsch

Reiche Amerikaner finanzieren mittlerweile Non-Profit-Redaktionen für investigativen Journalismus wie zum Beispiel ProPublica, deren Recherchen manchmal nicht nur Hunderttausende an Spesen kosten, sondern die zudem ihre Ergebnisse dann etablierten Printmedien kostenlos überlassen, damit möglichst viele Bürger davon erfahren. Sie fördern Journalismus „in the public interest“. Investigativer Journalismus ist ihnen teuer, und er ist ja auch tatsächlich teuer.

In der Demokratie, die bei aller Liebe ein zartes Wesen bleibt, sind, um sie vor denen zu schützen, die ihr ans Leben wollen, Enthüllungen über dunkle Machenschaften unabdingbar. An Recherchen zu sparen kostet langfristig mehr, als diese Einsparungen kurzfristig in den Bilanzen bringen. Weil ohne eigene Recherchen heutzutage jedes Blatt an Eigenart verliert und damit nicht mehr auffällt, sondern untergeht.

In Middlebury in Vermont haben drei Schwestern, alle unter 30, „The Addison County Independent“ vor der drohenden Insolvenz gerettet, und auch die anderen Wochenblätter ihrer Familie übernommen, die bislang ihr Vater leitete.

Ihr Alleinstellungsmerkmal gegen die tägliche Flut von Informationen aus aller Welt im Netz lautete schlicht: zurück zu den Wurzeln. Und das hieß, sich zu beschränken auf die kleine Welt in der Provinz. Dort sind der neue Speiseplan für die Highschool oder das Protokoll der Gemeinderatssitzung oder das Ergebnis der lokalen Sportveranstaltung wesentlicher als eine tiefgründige Analyse der Nahostpolitik.

Hilfreich für stabile Auflagen und Anzeigenaufkommen mit zweistelliger Rendite wurde zudem die Unique Selling Proposition, dass es Todesanzeigen nur in gedruckter Form gibt und nicht auf den Websites des Verlages. Auch eine Art von Leser-Blatt-Bindung – denn die Zielgruppe über 60 klickt nicht, sondern liest, um zu erfahren, wer in ihren Jahrgängen gestorben ist und wie alt diejenigen waren, die der Tod umarmte.

Für eine freie, offene Gesellschaft sind Ethos, Moral und Qualität von Journalismus überlebenswichtig. Im unter uns Journalisten berühmten „Columbia Journalism Review“ liest sich das selbstbewusst so: „Du bist ein Journalist, und du bist nicht Teil des Staates. Deine Aufgabe ist die Aufdeckung und nicht die Geheimhaltung. Du stehst abseits der Macht, um sie zu hinterfragen. Deine Aufgabe ist es, das öffentliche Interesse an deiner Geschichte im Blick zu haben und verantwortungsbewusst zu veröffentlichen, was du für wichtig hältst. Als Journalist darfst du über das, was von öffentlichem Interesse ist, genauso urteilen wie ein Richter.“

Feinde der Demokratie, egal wo auf der Welt, egal in welcher Epoche – und heutzutage gibt es viele in vielen Ländern –, wussten stets, was sie nach einer Machtübernahme zuvorderst tun mussten, um ungestört Angst und Schrecken zu verbreiten: unabhängige Zeitungen und Sender verbieten und mit gleichgeschalteter Lügenpresse das Volk verdummen.

Rückblickend bleibt der Trost, wie oft letztlich das freie, gedruckte Wort siegte. Gegen riesige Armeen von Millionen Wörtern, die überall auf der Welt lauerten, hatten Despoten und Völkerschlächter dann eben doch keine adäquaten Waffen.

Oder, eine Nummer kleiner: Etwas Besseres als den Tod findest du allemal (Bremer Stadtmusikanten).

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